{"id":459139,"date":"2025-09-29T09:25:13","date_gmt":"2025-09-29T09:25:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459139\/"},"modified":"2025-09-29T09:25:13","modified_gmt":"2025-09-29T09:25:13","slug":"tilman-kuban-fuers-klima-nichts-erreicht-aber-industriearbeiter-in-deutschland-werden-auf-die-strasse-gesetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459139\/","title":{"rendered":"Tilman Kuban: \u201eF\u00fcrs Klima nichts erreicht, aber Industriearbeiter in Deutschland werden auf die Stra\u00dfe gesetzt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der CDU-Europapolitiker Tilman Kuban r\u00fcttelt am deutschen Ziel von 100 Prozent Klimaneutralit\u00e4t bis zum Jahr 2045. Es gehe darum, Industrie und Arbeitspl\u00e4tze hierzulande vor Abbau und Abwanderung zu bewahren. Und damit auch um die Demokratie.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Tilman Kuban, 38, ist Sprecher der Arbeitsgruppe Angelegenheiten der Europ\u00e4ischen Union in der Unionsfraktion. Der CDU-Politiker war bis 2022 Bundesvorsitzender der Jungen Union.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Herr Kuban, Kanzler Friedrich Merz (CDU) sagt, Klimaschutz bedrohe die industrielle Basis, und fordert \u201eIdeologiefreiheit\u201c. In der EU gelang bislang keine Einigung auf ambitionierte Ziele f\u00fcr die Klimakonferenz in Brasilien. Erleben wir die verbl\u00fcmte Absage an die Klimaneutralit\u00e4tsziele 2045 f\u00fcr Deutschland und 2050 f\u00fcr die EU?<\/p>\n<p><b>Tilman Kuban: <\/b>Als die Klimaziele vereinbart wurden, hatten wir eine andere Weltlage. Wir sparten bei unserer Sicherheit, vertrauten auf g\u00fcnstiges Gas aus Russland und hatten boomende chinesische und amerikanische M\u00e4rkte. In dieser Gemengelage konnten gerade die Gro\u00dfunternehmen die Transformation selbst finanzieren. All das ist Geschichte und wird auch nicht zur\u00fcckkehren. <\/p>\n<p>Es gibt jetzt drei M\u00f6glichkeiten: Wir ziehen die Ziele knallhart durch und riskieren eine Deindustrialisierung. Wir finanzieren alles \u00fcber weitere staatliche Schulden und schaffen franz\u00f6sische Haushaltsverh\u00e4ltnisse. Oder wir passen die Ziele der neuen Realit\u00e4t an, werden klimafreundlicher, aber bleiben dabei Industrieland. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr Letzteres.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was schlagen Sie vor statt 2045?<\/p>\n<p><b>Kuban: <\/b>Wir sind jetzt bei einer Emissionsreduktion von etwa 50 Prozent und haben viel getan f\u00fcr den Klimaschutz. Wenn wir bis 2045 80 Prozent scha\ufb00en, w\u00e4re das gro\u00dfartig. Erst dann sollten wir neu diskutieren, wie wir mit den restlichen 20 Prozent verfahren und zu welchen Kosten. Die Kernfrage ist doch, ob wirklich die Welt untergeht, nur weil in Deutschland noch ein paar Kohle\u00f6fen laufen, um Stahl zu produzieren, oder weil hier noch ein paar Verbrenner auf der Stra\u00dfe fahren und m\u00f6glicherweise noch nicht jedes Haus vollst\u00e4ndig ged\u00e4mmt ist. Es gilt das Pareto-Prinzip: Die ersten 80 Prozent eines Vorhabens sind gut zu erreichen, die letzten 20 Prozent sind wahnsinnig teuer. Deswegen sage ich: Es ist ausreichend, wenn wir 2045 zu 80 Prozent klimaneutral sind und daf\u00fcr Wohlstand und Demokratie erhalten haben \u2013 das ist im globalen Vergleich immer noch sehr ambitioniert.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was wollen Sie konkret abr\u00e4umen?<\/p>\n<p><b>Kuban: <\/b>Die Politik muss davon abr\u00fccken, die Wirtschaft zur kompromisslosen Emissionsvermeidung zu zwingen, koste es, was es wolle. Die kostenfreien Zertifikate in der Industrie m\u00fcssen bleiben, und statt eines Verbrenner-Verbots sollte man als Ziel festschreiben, 80 Prozent der Flotten zu dekarbonisieren \u2013 gerade gro\u00dfe und schwere Fahrzeuge kommen dann erst sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Braucht die Industrie nicht den Druck harter CO\u2082-Ziele, um vor Wettbewerbern wie China gr\u00fcne Innovationskraft zu entfalten, sodass in einer sp\u00e4teren, CO\u2082-neutralen Welt Deutschland die gr\u00fcnen Leittechnologien verkauft statt zu importieren?<\/p>\n<p><b>Kuban:<\/b> Es geschieht doch das Gegenteil. Produktion wird aus Deutschland abgezogen, der Stahl wird dreckiger als vorher im Ausland produziert, und dann werden die fertigen Produkte importiert. F\u00fcr das Klima ist nichts erreicht, aber Industriearbeiter in Deutschland werden auf die Stra\u00dfe gesetzt, finden keinen so gut bezahlten Job mehr und laufen dann aus Frust in die Arme der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus255920698\/Trump-Orban-Co-Die-grosse-Chance-fuer-einen-prowestlichen-Rechtspopulismus.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus255920698\/Trump-Orban-Co-Die-grosse-Chance-fuer-einen-prowestlichen-Rechtspopulismus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rechtspopulisten<\/a>. Abgesehen von den Wohlstandseinbu\u00dfen ist diese Politik eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wollen Sie lieber dreckigen Stahl in Deutschland produzieren, anstatt ihn mit Z\u00f6llen drau\u00dfen zu halten und hier den Umbau-Pfad weiter zu beschreiten?<\/p>\n<p><b>Kuban:<\/b> Es gibt Stahlprodukte, die gut mit Elektro\u00f6fen produziert werden k\u00f6nnen. Aber man muss dar\u00fcber nachdenken, bestimmte Produkte von den Klimazielen auszunehmen. Es gibt kein Industrieland der Welt ohne eigene Stahl-Produktion. Mit der Abwanderung ins Ausland gef\u00e4hrden wir auch unsere Resilienz: Denn ohne Stahl werden wir aus eigener Kraft weder Windkraftanlagen noch Panzer bauen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Aus Ihrer Analyse \u2013 weggebrochenes russisches Gas, US-Z\u00f6lle, Autokrise, Notwendigkeit der Resilienz \u2013 kann man auch ableiten: Gerade deshalb m\u00fcssen wir den gr\u00fcnen Umbau forcieren, damit Deutschland schnell unabh\u00e4ngig von Energieimporten wird, schnell neue Gesch\u00e4ftsfelder erschlie\u00dft, von gr\u00fcner Industrietechnologie bis hin zu E-Autos.<\/p>\n<p><b>Kuban:<\/b> Unser Ziel bleibt es, unabh\u00e4ngig von Energieimporten zu werden und das Land m\u00f6glichst rasch zu elektrifizieren. Aber ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir die Transformation auf einen l\u00e4ngeren Zeitraum strecken m\u00fcssen, weil sich die Rahmenbedingungen so fundamental ver\u00e4ndert haben. Ich bin sicher: Irgendwann wird der Gro\u00dfteil der Autos elektrisch fahren. Nur, wenn allein im letzten Jahr 50.000 Jobs in der Autoindustrie verloren gegangen sind, dann brauchen wir jetzt weniger Vorgaben und mehr Zeit. <\/p>\n<p>Die Strategie von Toyota beispielsweise lautet: ein Drittel Verbrenner, ein Drittel Hybrid, ein Drittel batterieelektrische Fahrzeuge. Und in Europa will man den Verbrenner komplett verbannen, obwohl es daf\u00fcr noch einen Markt gibt. Die Konsequenz ist, dass VW ein Nutzfahrzeuge-Werk in der T\u00fcrkei baut, um dort den Crafter \u2013 auch als Verbrenner \u2013 zu bauen. Ist das im Sinne des Facharbeiters in Wolfsburg oder Hannover? Oder im Sinne des Klimaschutzes?<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Ihr Koalitionspartner wird das nicht mitmachen; Umweltminister <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article68b1de945d3e123a945afd7d\/carsten-schneider-umverteilung-von-hinten-nach-vorn-bundesumweltminister-bestaetigt-haartransplantation.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article68b1de945d3e123a945afd7d\/carsten-schneider-umverteilung-von-hinten-nach-vorn-bundesumweltminister-bestaetigt-haartransplantation.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Carsten Schneider (SPD)<\/a> hat gerade in der Koalition der Hoch-Ambitionierten das 1,5-Grad-Ziel bekr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><b>Kuban: <\/b>Viele Arbeiter sehen das anders, und f\u00fcr die will die SPD schlie\u00dflich Politik machen. Au\u00dferdem m\u00fcssen wir alle uns der Realit\u00e4t in Europa stellen. Was ich von meinen Kollegen aus Frankreich, Polen, Italien oder aus osteurop\u00e4ischen Staaten h\u00f6re, ist da sehr eindeutig: Auch das EU-Klimaziel 2050 wird unter heftigen Druck geraten. Es w\u00e4re ratsam, wenn Deutschland hier die Augen \u00f6ffnen und sich nicht isolieren w\u00fcrde, sondern wir in Europa an einem Strang ziehen. 80 Prozent Klimaschutz mit Wohlstand und Demokratie sind besser als 100 Prozent mit leeren Werkshallen.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/jan-alexander-casper\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/jan-alexander-casper\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Jan Alexander Casper<\/b><\/a><b> berichtet f\u00fcr WELT \u00fcber die Gr\u00fcnen und gesellschaftspolitische Themen.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der CDU-Europapolitiker Tilman Kuban r\u00fcttelt am deutschen Ziel von 100 Prozent Klimaneutralit\u00e4t bis zum Jahr 2045. 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