{"id":459842,"date":"2025-09-29T15:51:13","date_gmt":"2025-09-29T15:51:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459842\/"},"modified":"2025-09-29T15:51:13","modified_gmt":"2025-09-29T15:51:13","slug":"vegard-vinge-mit-mama-in-der-peepshow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/459842\/","title":{"rendered":"Vegard Vinge \u2013 Mit Mama in der Peepshow"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img311957\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/311957.jpeg\" alt=\"Irgendwo zwischen Gruselkabinett und Cartoon: Die Bilderwelten des Vegard Vinge\"\/><\/p>\n<p>Irgendwo zwischen Gruselkabinett und Cartoon: Die Bilderwelten des Vegard Vinge<\/p>\n<p>Foto: \u00a9 Julian R\u00f6der<\/p>\n<p>Und sie alle pilgern in Richtung Berlins Rosa-Luxemburg-Platz. Es gibt sie also, auch nach ein paar Jahren Pause, noch: die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger von Zeremonienmeister Vegard Vinge. Es ist Samstagnachmittag, die Sonne scheint kr\u00e4ftig, und w\u00e4hrend sich die halbe Stadt zum Demonstrieren verabredet hat, sind hier einige kunstgierige Voyeure zusammengekommen, um der zweiten Vorstellung von Vinges j\u00fcngstem Spektakel beizuwohnen.<\/p>\n<p>Ein gut aussehender Hipster sitzt auf der Treppe zur Volksb\u00fchne, ein Bier in der einen Hand, ein gelbes Reclam-Heft in der anderen, die Ray-Ban-Sonnenbrille hochgeschoben, um sich mittels Lekt\u00fcre auf das vorzubereiten, was ihn da erwarten mag. \u00bbPeer Gynt\u00ab steht auf dem Einband \u2013 in schwarzer Schrift, auf wei\u00dfem Feld auf gelbem Grund. Er ahnt noch nicht, dass er nach den ersten 30\u2005Seiten auch h\u00e4tte Schluss machen k\u00f6nnen. \u00dcber den ersten Akt von Henrik Ibsens Drama kommt Vinge nach acht Stunden nicht weit hinaus.<\/p>\n<p>Also macht der norwegische K\u00fcnstler da weiter, wo er aufgeh\u00f6rt hat: bei seinem Landsmann Ibsen. Seine Inszenierungen sind allerdings nicht nur eine Abarbeitung an der norwegischen Nationalkultur, sondern eine existenzialistische Selbstbefragung, eine unaufh\u00f6rliche Grenz\u00fcberschreitung, eine gro\u00dfe Party, eine \u00dcberforderung, ein Spiel mit dem Ekel. In den 2000er und 2010er Jahren, also unter der \u00c4gide von Frank Castorf, dem Volksb\u00fchnen-Intendanten mit dem gro\u00dfen Herzen f\u00fcr st\u00f6rrische K\u00fcnstler, hat Vinge, gemeinsam mit der B\u00fchnenbildnerin Ida M\u00fcller und dem Musiker Trond Reinholdtsen, ihre vielst\u00fcndigen Spektakel kreiert, durch die der Regisseur zum ber\u00fchmtesten Eigenurintherapeuten der Welt geworden ist. Diese Art des Theaters hat es geschafft, selten genug, ein Publikum anzuziehen, das sonst nicht die Spielpl\u00e4ne der Berliner B\u00fchnen studiert.<\/p>\n<p>Ein kurzes Comeback feierte Vinge 2017, als er kurzzeitig ein Nationaltheater Reinickendorf, in Kooperation mit dem Haus der Berliner Festspiele, er\u00f6ffnete, wo er sich gewohnt exzessiv Ibsens \u00bbBaumeister Solness\u00ab hingab und mitunter seine Darmt\u00e4tigkeit die Dramaturgie der zw\u00f6lfst\u00fcndigen Auff\u00fchrungen vorgeben lie\u00df. Nach den desastr\u00f6sen Entwicklungen an der Volksb\u00fchne und der endlos scheinenden Suche nach dem richtigen Intendanten f\u00fcr dieses traditionsreiche Haus war Vegard Vinge bereits als st\u00e4ndiger Mitarbeiter unter <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1156858.berliner-volksbuehne-das-ende-des-ego-dings.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ren\u00e9 Pollesch<\/a> im Gespr\u00e4ch, nach dessen Tod sogar als <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1185802.vegard-vinge-und-ida-mueller-berliner-volksbuehne-kunst-und-kacke.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Interimsintendant<\/a>. Aber daraus wurde nichts.<\/p>\n<p>Jetzt bespielt Vinge immerhin die Volksb\u00fchne in zun\u00e4chst sechs achtst\u00fcndigen S\u00e9ancen. Und dieses Mal darf es sogar die Gro\u00dfe B\u00fchne sein, nachdem er sich fr\u00fcher mit dem Prater, der einstigen und k\u00fcnftigen Nebenspielst\u00e4tte der Volksb\u00fchne, zufriedengeben musste. Weitere Vorstellungen in der zweiten H\u00e4lfte der Spielzeit sind bereits geplant.<\/p>\n<p>Um 16\u2005Uhr und keine Minute fr\u00fcher werden die T\u00fcren ge\u00f6ffnet. In den Seitenfoyers finden sich die \u00fcbergro\u00dfen Reproduktionen der Malereien von Vegard Vinge, die zu einer begehbaren Installation angeordnet sind. Mit grobem Strich, expressiv und mit Mut zu Farbe, verspielt wie Comics. Panini-Sammelkarten von Fu\u00dfballgr\u00f6\u00dfen des letzten Jahrtausends sind einige Bilder nachempfunden, die auch schon im Nationaltheater Reinickendorf zu sehen waren. Eine Vielzahl anderer Bilder orientiert sich an ber\u00fchmten Filmplakaten, \u00fcbersetzt in Vinges \u00c4sthetik, stark sexualisiert und mit Verbindung zu den ihn umtreibenden Themen: Tod und Kot.<\/p>\n<p>Betritt man den Zuschauersaal, fliegen einem die Eindr\u00fccke nur so entgegen. Drei Leinw\u00e4nde lassen Anzeichen einer Handlung erahnen. Laut erklingt Bach. Was da gesprochen wird auf und hinter der B\u00fchne, ist kaum zu verstehen. Nur das eine Wort erreicht zielsicher immer wieder das Publikum: Endsieg.<\/p>\n<p>Das (Live-)Leinwandgeschehen und Handlungen auf der B\u00fchne wechseln einander ab. Die grellen Kulissen sind von Hand gemalt. Jeder der zahlreichen Spieler tr\u00e4gt eine wei\u00dfe Maske. Zweidimensionale Requisiten aus Pappe werden durch den Raum getragen. Wie im Cartoon, und mit entsprechender Sound-Begleitung, bewegen sich die Spieler auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Und sobald man sich etwas sortiert und an das gelbe Heft zur\u00fcckgedacht hat, findet man die Spuren auch. Jon Gynt, vom Alkohol zerfressen, liegt im Sterben. Sein Sohn Peer, der L\u00fcgenk\u00f6nig, muss sich von seiner Mutter z\u00fcchtigen lassen. Ob der Junge denn auch immer die Wahrheit gesagt habe? Und bald schon fantasiert der M\u00e4rchenonkel. Der Kampf mit den D\u00e4monen erwartet ihn. Ingrid wird von ihm gefreit und Solveig unsanft bet\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt es auf der B\u00fchne auch zum Unvermeidlichen, das, wof\u00fcr das Vinge-Theater bekannt ist: Es wird gepinkelt, heute allerdings nur vor der Kamera. Der Kunstkacke der Pseudoprovokateure setzt Vinge wahrhaftig seine Kacke entgegen. Die Masturbationsszenen wollen an diesem Abend fast nicht enden (bis das v\u00e4terliche Grabkreuz umkippt). Die Kleidung f\u00e4llt mehr als nur einmal, nur die Masken bleiben an ihrem Platz, und bald wird B\u00fchnensex ohne falsche Z\u00e4rtlichkeit simuliert. Hoch \u00fcber all dem schwebt ein riesiger Phallus.<\/p>\n<p>Sieht so etwa der pubert\u00e4re Abgrund des Regietheaters aus? Nein, so einfach ist es nicht. Dass der Pfad der Erkenntnis nicht selten ein Leidensweg ist \u2013 das gilt auch und besonders f\u00fcr das Theater! \u2013, das sollte mittlerweile bekannt sein. Vinges \u00bbPeer Gynt\u00ab ist nicht allein ein knalliges und krawalliges B\u00fchnenspektakel, sondern eine durchaus substanzielle Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>Auf einem der Vinge\u2019schen Filmplakate im Foyer wird Francis Ford Coppolas \u00bbDer Pate\u00ab beworben. Marlon Brando sieht beherrscht zur Seite. Nach seiner \u00fcbergro\u00dfen Hand greift ein kleiner nackter Mann. Er h\u00e4lt seinen Penis in der Hand und pinkelt sich in den eigenen Mund. Zeitgleich entleert er seinen Darm. Neben dem Filmtitel ist zu lesen: \u00bbBau-Meister Brand &amp; Son\u00ab. Unter dem Nackten, Vegard Vinges bildliches Alter Ego, steht: \u00bbDr.\u2005W.\u2005Reich Perpetuum mobile\u00ab. Das ist die Rezeptur dieses Theaterabends: Ibsen trifft auf Popkultur trifft auf Freud.<\/p>\n<p>Mit Freuds marxistischem Sch\u00fcler Wilhelm Reich im Gep\u00e4ck, mit Sinn f\u00fcr den gro\u00dfen Effekt, in Kenntnis des popkulturellen Kanons zerlegt uns Vinge das norwegische Nationaldrama \u00bbPeer Gynt\u00ab. Er geht auf die Spur der merkw\u00fcrdigen libidin\u00f6sen Verstrickungen von Aase und Peer, von Mutter und Sohn. Er zeigt uns das Motiv des Frauenraubs als das, was es ist: Vergewaltigung, schlimmster Ausdruck patriarchaler Gewalt. Und er pr\u00e4sentiert uns die g\u00fctige, die alles verzeihende Solveig als M\u00e4nnerfantasie.<\/p>\n<p>Dass das \u00fcbergriffige Verhalten von Peer gegen\u00fcber Solveig einer Szene voll marschierender Soldaten weicht, ist so wenig Zufall oder dramaturgische Willk\u00fcr wie der Umstand, dass das Bekenntnis frei nach Friedrich Merz, \u00bbdie st\u00e4rkste Armee Europas\u00ab werden zu wollen, in Rufe nach dem \u00bbtotalen Krieg\u00ab \u00fcbergehen. Der Vorwurf, das Vinge-Theater w\u00e4re nur irres Farb- und Formenspiel, sollte damit auch entkr\u00e4ftet sein. Die Kriegs- und Antikriegsfilme der 70er Jahre begleiten das B\u00fchnengeschehen.<\/p>\n<p>Zwischen allem schwer Dechiffrierbaren und Erratischen in der Inszenierung l\u00e4sst Vinge auch minutenlang die Tonspur von Rainer Werner Fassbinders Filmklassiker \u00bbAngst essen Seele auf\u00ab laufen und mit neuen Bildern zusammengehen. Die unm\u00f6gliche Beziehung zwischen einer deutschen Putzfrau und einem marokkanischen Gastarbeiter im Nachkriegswestdeutschland dient als vorauseilender Kommentar zu der eigent\u00fcmlichen und vor Kolonialismus spr\u00fchenden Beschreibung eines durch Sklaverei in Marokko reich gewordenen Peer Gynt, drei Akte oder 30\u2005Jahre sp\u00e4ter. Diese Art der \u00dcberlagerung von dramatischer Handlung und Slapstick, Kritik und Affirmation, Trash und Kunst spukt einem noch eine ganze Weile im Kopf herum.<\/p>\n<p>Das ist klug und h\u00e4sslich, mitrei\u00dfend und manchmal ekelhaft. Ein Acht-Stunden-Rausch, der allzu schnell vergeht.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">N\u00e4chste Vorstellungen: 1., 3. und 5. Oktober<br \/>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.volksbuehne.berlin\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.volksbuehne.berlin<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Irgendwo zwischen Gruselkabinett und Cartoon: Die Bilderwelten des Vegard Vinge Foto: \u00a9 Julian R\u00f6der Und sie alle pilgern&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":459843,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,92,30,94],"class_list":{"0":"post-459842","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-film","11":"tag-germany","12":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115288387851287903","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/459842","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=459842"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/459842\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/459843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=459842"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=459842"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=459842"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}