{"id":460186,"date":"2025-09-29T18:57:11","date_gmt":"2025-09-29T18:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460186\/"},"modified":"2025-09-29T18:57:11","modified_gmt":"2025-09-29T18:57:11","slug":"hambach-und-garzweiler-wie-man-mit-rheinwasser-die-braunkohlegruben-fluten-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460186\/","title":{"rendered":"Hambach und Garzweiler: Wie man mit Rheinwasser die Braunkohlegruben fluten will"},"content":{"rendered":"<p>Die Braunkohleabbaugebiete Hambach und Garzweiler sollen in gigantische Seen verwandelt werden \u2013 mit Wasser aus dem Rhein. Der Aufwand ist immens. Und der Plan birgt einige T\u00fccken. Denn eine Aufbereitung des Wassers ist nicht vorgesehen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Drei Dutzend Stufen f\u00fchren hinauf auf eine Plattform aus Beton. Von dort reicht der Blick weit \u00fcber den Tagebau Hambach, die aufgerissene Erde leuchtet in allen Ockert\u00f6nen in der Herbstsonne. So tief ist dieses Loch, dass man auch von der Plattform nicht bis auf seinen Grund sehen kann: Bis zu 411 Meter haben sich die Braunkohlebagger in den Boden gefressen. Jetzt sind die Bagger weg, alles liegt still da wie eine Mondlandschaft. Doch in f\u00fcnf Jahren soll hier ein Spektakel der Extraklasse Besucher anlocken \u2013 aus zwei riesigen Rohren, die unterhalb der Plattform zum Grubenrand gef\u00fchrt werden, soll dann das Wasser in Kaskaden unter gro\u00dfem Get\u00f6se in das Loch st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcllung der Tagebaue Inden, Hambach und Garzweiler; ihre Transformation in eine Seenlandschaft \u2013 das ist nach dem beschlossenen Ausstieg aus dem Braunkohleabbau eine der gro\u00dfen Herausforderungen des Strukturwandels im Rheinischen Revier. Zust\u00e4ndig und verantwortlich daf\u00fcr ist der Energiekonzern RWE, der an der Kohleverstromung jahrzehntelang gut verdient hat. Der kleinste See am Standort Inden soll bereits in 25 bis 30 Jahren fertig sein \u2013 Grundwasser und Zuleitungen aus der nahen Rur reichen dort zur Bef\u00fcllung. Langwieriger gestaltet sich der Vorgang in Garzweiler und Hambach. Wasser aus dem Rhein soll mithelfen, dass diese beiden deutlich gr\u00f6\u00dferen Abbaugebiete volllaufen. Dazu wird zwischen K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf, bei Dormagen-Rheinfeld, eine Entnahmestelle eingerichtet, die Vorarbeiten laufen bereits. <\/p>\n<p>Der Plan sieht vor, das Rheinwasser durch drei 2,20 Meter dicke Rohre zu pumpen, eines zweigt sp\u00e4ter nach Garzweiler ab, die beiden anderen f\u00fchren nach Hambach. Je nach Wasserstand des Rheins flie\u00dfen bis zu 18 Kubikmeter pro Sekunde durch die 45 Kilometer lange Leitung \u2013 ein Schwimmbecken der Olympia-Norm w\u00e4re bei einer solchen Maximalfracht in gut zwei Minuten voll. Bei den Tagebauseen rechnet man mit 40 Jahren.<\/p>\n<p>Was nach einer simplen Rechenaufgabe aussieht, ist in der Umsetzung eine hochkomplexe Angelegenheit. Das Grundwassersystem der ganzen Region muss in Planungen einbezogen werden. Die Stabilit\u00e4t der Grubenkanten darf bei der Flutung nicht untersp\u00fclt werden. Au\u00dferdem gibt es Probleme mit den Verschmutzungen des Rheinwassers. Und Bedenken von Umweltsch\u00fctzern und Anwohnern.<\/p>\n<p>Carina Siepen leitet das Landgasthaus Piwipp in Dormagen-Rheinfeld, ein Lokal, das schon ihre Vorfahren gef\u00fchrt haben \u2013 mit Terrasse und Blick auf den Rhein. Siepen ist 33 Jahre alt. Von der Idee, eine Wasserleitung vom Rhein zum Rheinischen Revier zu bauen, habe sie schon als Kind geh\u00f6rt. Als sich nun abzeichnete, dass das sogenannte Entnahmebauwerk keinen Kilometer s\u00fcdlich vom Haus Piwipp errichtet werden soll, bildeten Siepen und einige Gleichgesinnte eine kleine Widerstandsgruppe. \u201eDie Kommunikation von RWE war anfangs katastrophal\u201c, erz\u00e4hlt sie. Also fragte sie nach. Wie lange wird gebaut? Wo fahren die Lkw? Welche Umweltbelastungen bringt die Anlage mit sich? Vor drei Jahren, sagt Siepen, habe man ihr in der Lokalpolitik noch den R\u00fccken gest\u00e4rkt, auch der B\u00fcrgermeister stellte sich lautstark gegen das Projekt. <\/p>\n<p>Doch er wurde mit der Zeit stiller, eine WELT-AM-SONNTAG-Anfrage an sein B\u00fcro versickert irgendwo in der Pressestelle. Jetzt kommen kritische Fragen nur noch von der kleinen Zentrumspartei. Die Dormagener scheinen sich in ihr Schicksal zu f\u00fcgen. Vielleicht hat nachgeholfen, dass RWE ins Sponsoring der \u00f6rtlichen Vereine eingestiegen ist. 70.000 Euro, so ein Unternehmenssprecher, habe man im vergangenen Jahr an Vereine und gemeinn\u00fctzige Organisationen in Dormagen ausgezahlt.<\/p>\n<p>Dass ausgerechnet das Dormagener Rheinufer f\u00fcr die Wasserentnahme ausgew\u00e4hlt wurde \u2013 das kritisiert auch der Umweltschutzverband BUND. \u201eDieser Standort liegt direkt in der Abwasserfahne der Chemieparks Dormagen und Leverkusen\u201c, schreibt NRW-Gesch\u00e4ftsleiter Dirk Jansen. Die im Rheinwasser enthaltenen \u201eMikroschadstoffe wie die Ewigkeitschemikalien PFAS oder Mikroplastik\u201c w\u00fcrden die durch den Bergbau ohnehin schon belasteten Grundwasser-Vorkommen im Rheinischen Revier zus\u00e4tzlich beeintr\u00e4chtigen. Deshalb sei es dringend erforderlich, so Jansen, solche Stoffe aus dem Rheinwasser herauszufiltern, bevor man es in die Tagebau-Gruben pumpt. Doch das ist von RWE nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Eine differenziertere Sicht der Dinge haben die Spezialisten des Erftverbands, die f\u00fcr die Erforschung und Beobachtung der Gew\u00e4sser in und um den Braunkohleabbau zust\u00e4ndig sind. Die Bef\u00fcllung der Gruben stelle die Wasserwirtschaft zwar vor eine Menge Herausforderungen, sagt Abteilungsleiter Stefan Simon. So gebe es mehrere Wasserwerke, die man aufgrund der dort zu erwartenden hohen Sulfat-Werte schlie\u00dfen m\u00fcsse. Die Trinkwassergewinnung k\u00f6nne aber auf benachbarte Wasserwerke verlagert werden. Dass das Rheinwasser, das in die Tagebauseen Hambach und Garzweiler eingeleitet wird, in die k\u00fcnftig genutzten Trinkwasser-Reservoirs eindringe, k\u00f6nne man ausschlie\u00dfen \u2013 die sogenannte Bruchschollen-Tektonik des Untergrunds habe eine hydraulisch abdichtende Wirkung.  <\/p>\n<p>Und was ist mit der Wasserqualit\u00e4t in den Tagebauseen selbst? M\u00f6glicherweise trete dort eine Art Selbstreinigungseffekt ein, sagen die Experten des Erftverbands. Derzeit werde in Studien untersucht, ob die in den Abbaukratern reichlich vorhandenen Metalle Mangan und Eisen die aus dem Rhein einstr\u00f6menden PFAS-Schadstoffe binden werden. <\/p>\n<p>Dennoch m\u00fcsse der Energiekonzern RWE seine bisherigen Planungen nachbessern, so hei\u00dft in den Stellungnahmen des Erftverbands. Um anschaulich zu machen, welche Probleme auf die Region zukommen, fahren der Grundwasserspezialist Simon und seine Kollegen mit Journalisten von Garzweiler aus nach Nordwesten, in ein kleines Waldst\u00fcck am Rande von Wegberg, zum M\u00fchlenbach, einem Zufluss der Schwalm. In dieser Naturidylle haben sich zwischen Erlen und Birken S\u00fcmpfe gebildet, die vom Grundwasser gespeist werden. In den 80er-Jahren beobachtete man, wie der Pegel in solchen von Torfmoosen und anderen seltenen Spezialisten bewachsenen Feuchtgebieten zu sinken begann. Das Wasser verzog sich nach und nach in die Richtung des rund 15 Kilometer entfernten Tagebaus Garzweiler. Und dort musste man, wie in jedem Bergbau, einstr\u00f6mendes Grundwasser herauspumpen, das sogenannte S\u00fcmpfungswasser.<\/p>\n<p>Das Absinken des Grundwasserspiegels stellt aber nicht nur ein Problem f\u00fcr die \u00d6kologie der Feuchtgebiete um die Fl\u00fcsse Schwalm, Nette und Niers dar. \u201eOhne Gegenma\u00dfnahmen w\u00fcrde dadurch auch die Wasserversorgung erheblich gesch\u00e4digt\u201c, so hei\u00dft es in einem Informationsschreiben des Erftverbands. Denn in Wegberg und Umgebung wird das Trinkwasser f\u00fcr mehrere Hunderttausend Menschen gewonnen \u2013 von M\u00f6nchengladbach bis zur niederl\u00e4ndischen Grenze. Also fing man in den 90er-Jahren damit an, das S\u00fcmpfungswasser aus dem Tagebau Garzweiler wieder den n\u00f6rdlich davon liegenden Grundwasserreservoirs zuzuf\u00fchren. Mit einem Verfahren, das erstaunlich simpel ist: Das S\u00fcmpfungswasser wird dazu in betonierte Sch\u00e4chte, die sogenannten Sickerschlitze, geleitet, die durch eine Kiesschicht im Boden direkt mit dem Grundwasser verbunden sind. Zuvor m\u00fcssen lediglich Eisen und Mangan herausgefiltert werden \u2013 ansonsten hat dieses Wasser aus der Tiefe beste Qualit\u00e4t. So wuchs in den letzten Jahrzehnten ein 160 Kilometer langes Leitungsnetz heran, das ein ausgekl\u00fcgeltes System aus Hunderten von Sickeranlagen versorgt. \u00a0<\/p>\n<p>Solange die Tagebauseen nicht vollst\u00e4ndig mit Wasser bef\u00fcllt seien, so erkl\u00e4rt Stefan Simon, m\u00fcsse man dieses System aufrechterhalten. Doch S\u00fcmpfungswasser wird in der volllaufenden Grube nicht mehr anfallen, also m\u00fcsse ein kleiner Teil des herbeigepumpten Rheinwassers f\u00fcr die Sickeranlagen abgezweigt werden. Rheinwasser, das ungekl\u00e4rt in Grundwasser eingeleitet wird? Eine Vorstellung, die den Verantwortlichen des Erftverbands ganz und gar nicht gef\u00e4llt \u2013 sie fordern wenigstens f\u00fcr diesen Teil des Rheinwassers eine gr\u00fcndliche Aufbereitung mit Ozonierung und Aktivkohlefiltern. RWE hingegen setzt auf das Prinzip Abwarten \u2013 und auf Berechnungen, wonach das Gemisch aus Rheinwasser und bereits vorhandenem Grundwasser die gesetzlichen Grenzwerte einhalten werde.  <\/p>\n<p>Noch sind also eine Menge Fragen ungekl\u00e4rt. Nur das Ziel steht fest: 2070 soll die Seelandschaft fertig sein und die Rheinwasser-Transportleitung geschlossen werden. Und sp\u00e4testens bis zum Jahr 2300 will RWE am ehemaligen Braunkohlerevier ein sich selbsttragendes Gew\u00e4ssersystem hinterlassen. Mit Ewigkeitskosten wie im Ruhrgebiet, so teilt ein Unternehmenssprecher mit, rechne man nicht.<\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Braunkohleabbaugebiete Hambach und Garzweiler sollen in gigantische Seen verwandelt werden \u2013 mit Wasser aus dem Rhein. 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