{"id":460453,"date":"2025-09-29T21:24:13","date_gmt":"2025-09-29T21:24:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460453\/"},"modified":"2025-09-29T21:24:13","modified_gmt":"2025-09-29T21:24:13","slug":"gaza-tagebuch-bis-zum-einbruch-der-nacht-auf-dem-buergersteig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460453\/","title":{"rendered":"Gaza-Tagebuch: Bis zum Einbruch der Nacht auf dem B\u00fcrgersteig"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">W ir glauben immer, wir h\u00e4tten noch Zeit \u2013 doch so schnell rinnt sie uns davon. Als ich die Nachbarn Mitte September \u201eYalla, beeilt euch!\u201c rufen h\u00f6re, ist mir nicht bewusst, dass mit ihrem Ruf schon wieder ein Zeitabschnitt verstrichen ist. Der Vermieter des Hochhauses in Gaza-Stadt, in dem wir eine Wohnung gemietet hatten, war vom israelischen Milit\u00e4r angerufen worden. Und musste uns auffordern, das Geb\u00e4ude zu verlassen, bevor es bombardiert wurde. Zehn Minuten. Das war die gesamte Zeit, die uns der israelische Soldat zum Verschwinden gab.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Die Verwirrung war gro\u00df, die Minuten verstrichen. Was sollte ich mitnehmen? Nichts z\u00e4hlte mehr au\u00dfer das \u00dcberleben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Jeder von uns J\u00fcngeren trug ein Kind: Vier Kinder, vier junge Menschen. Meine Mutter und mein Vater an unserer Seite. Ich hielt die kleine Tochter meines Bruders, Rima, in meinen Armen, w\u00e4hrend ich die zitternde Hand meiner Mutter umklammerte. Bereits zweimal in diesem Krieg hat sie kleine Schlaganf\u00e4lle erlitten \u2013 aufgrund des Schocks. Mein Vater trug in der einen Hand eine Tasche mit offiziellen Dokumenten und in der anderen sein Telefon. Er versuchte verzweifelt, einen Freund oder Verwandten zu erreichen, bei dem wir unterkommen k\u00f6nnten \u2013 selbst wenn es nur in einem Zelt w\u00e4re. Aber wie so oft gab es keinen Empfang.<\/p>\n<p>      Wie in einem Buch von Ghassan Kanafani<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/!p5062\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/tzrecherchefond-GrafikLupe-beta3-1.png\" loading=\"lazy\" height=\"484\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Recherchefonds Ausland e.V.<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">Dieser Artikel wurde m\u00f6glich durch die finanzielle Unterst\u00fctzung des Recherchefonds Ausland e.V. Sie k\u00f6nnen den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft f\u00f6rdern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">\n              <strong><br \/>\n                <a href=\"https:\/\/taz.de\/!p5062\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">\u27a1 Erfahren Sie hier mehr dazu<\/a><br \/>\n              <\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Wir sa\u00dfen auf der Stra\u00dfe im Schatten eines anderen Wohnturms \u2013 der genauso gut das n\u00e4chste Ziel sein k\u00f6nnte. Die Ersch\u00f6pfung zwang uns, einen Moment zu verweilen. Alle wussten, dass die Luftangriffe n\u00e4her r\u00fcckten. Unsere Augen waren auf den Turm gerichtet. Die Augen der anderen mit Mitleid darin auf uns. Wir hatten versucht, ein Taxi in den S\u00fcden zu buchen. Entgegen der Abmachung kam es nicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Die Sonne brannte hinunter, versengte die Haut und auch unsere Herzen. Ich dachte an das Buch \u201eM\u00e4nner in der Sonne\u201c <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/ghassan-kanafani-palaestina-100.html\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">des pal\u00e4stinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani.<\/a> Darin erz\u00e4hlt er die Nakba anhand von drei M\u00e4nnern. In meinem Kopf verbanden sich die F\u00e4den der Geschichte miteinander: Der Kreis wiederholt sich. Seit mehr als siebzig Jahren sind wir gefangen in dieser Situation, gefangen durch die Besatzung und uns selbst. Im Buch sind es drei M\u00e4nner, in der Realit\u00e4t heute ein ganzes Volk.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Die Stunden an der Stra\u00dfe vergingen langsam. Als das Ziel \u2013 der Wohnturm \u2013 endlich zerst\u00f6rt war, legten sich Rauch, Staub und Schreie. Wir blieben bis zum Einbruch der Nacht auf dem B\u00fcrgersteig zur\u00fcck. Dann machten wir uns auf den Weg zum Lager meiner Tante. Staub bedeckte unsere Gesichter und Kleidung, M\u00fcdigkeit umh\u00fcllte uns. Als wir ankamen, brachen wir zusammen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Meine Tante fragte: \u201eWas ist passiert?\u201c Alle Augen richteten sich auf uns, sie warteten auf eine Antwort. Niemand sprach. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Schlie\u00dflich fl\u00fcsterte ich: \u201eNichts.\u201c In meinem Kopf schrie ich, erlebte alles noch einmal. Doch au\u00dfer \u201eNichts\u201c kam nichts aus meinem Mund.<\/p>\n<p>      Die Morgend\u00e4mmerung scheint orange in das Zelt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Wir ruhten uns aus, klopften den Staub ab und sa\u00dfen zusammen, w\u00e4hrend mein Vater dann doch alles bis ins kleinste Detail erz\u00e4hlte. Wir lagen nebeneinander im Zelt, eng aneinander gedr\u00e4ngt wie Sardinen. Ich starrte an die Zeltdecke. Mit dem Gesicht im Schmutz, nur mit einem zerfetzten Tuch bedeckt, sp\u00fcrte ich die Erde \u2013 ihre K\u00e4lte, ihren Geruch, ihre K\u00f6rnigkeit an meinen Handfl\u00e4chen. Ich versuchte erst, sie abzusch\u00fctteln, aber sie klebte sich hartn\u00e4ckig an mich. Also gab ich auf. Der Schlaf kam leicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Trotz der K\u00e4lte der Nacht schlief ich bis zum Morgen. Die Morgend\u00e4mmerung schlich sich in unser Zelt, ihr Licht war orange und sanft. Das Zwitschern der Spatzen in der Luft streifte mein Ohr. Ich sah mich um \u2013 alle anderen waren schon wach. Meine Tante neckte mich: \u201eNa, Sawsan, du hast wohl gut geschlafen letzte Nacht!\u201c Ich streckte mich, g\u00e4hnte und antwortete: \u201eDas Lager ist tats\u00e4chlich komfortabel.\u201c Alle lachten. Meine Tante sch\u00fcttelte den Kopf: \u201eDu musst getr\u00e4umt haben. Der Beschuss h\u00f6rte erst im Morgengrauen auf\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Ich lachte auch, verwirrt \u00fcber mich selbst. Und glaubte wieder daran, dass es noch mehr Zeit geben m\u00f6ge. Dass mehr Leben auf mich wartete. Mehr Morgen, der uns nach langen N\u00e4chten der Angst beruhigen w\u00fcrde. Und trotz all dem, was auch ein neuer Morgen wieder bringen k\u00f6nnte. Inzwischen sind wir im S\u00fcden angekommen. Wie viel Zeit bleibt uns diesmal?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">\n        Sawsan Al-Ajouri hat an der Islamischen Universit\u00e4t Gaza Englische Literatur studiert, ihr Lieblingsautor ist T.S. Eliot. Sie schreibt seit acht Jahren Gedichte; noch ist ihr Erstlingswerk unver\u00f6ffentlicht.\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">\n        Internationale Jour\u00adna\u00adlis\u00adt*in\u00adnen k\u00f6nnen seit dem Beginn des Krieges nicht in den Gazastreifen reisen und von dort berichten. Im \u201eGaza-Tagebuch\u201c holen wir Stimmen von vor Ort ein.\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">\n        Aus dem Englischen Lisa Schneider\n      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"W ir glauben immer, wir h\u00e4tten noch Zeit \u2013 doch so schnell rinnt sie uns davon. 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