{"id":460760,"date":"2025-09-30T00:08:10","date_gmt":"2025-09-30T00:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460760\/"},"modified":"2025-09-30T00:08:10","modified_gmt":"2025-09-30T00:08:10","slug":"ki-einsatz-bei-pandemien-rettung-oder-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/460760\/","title":{"rendered":"KI-Einsatz bei Pandemien: Rettung oder Risiko?"},"content":{"rendered":"<p>Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Viren weltweit ausbreiten k\u00f6nnen \u2013 und wie entscheidend schnelle, verl\u00e4ssliche Systeme f\u00fcr den Schutz der Bev\u00f6lkerung sind. Genau hier setzt die Forschung von Al Ozonoff an. Der Epidemiologe und Associate Professor an der Harvard Medical School arbeitet am Boston Children\u2019s Hospital zum Beispiel an dezentralen Fr\u00fchwarnsystemen f\u00fcr Epidemien.<\/p>\n<p>Bei einer Konferenz \u00fcber \u201eComplex Systems\u201c an der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften (\u00d6AW) in Wien wird Ozonoff auch dar\u00fcber sprechen, wie K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) einerseits helfen kann, Krankheitsausbr\u00fcche fr\u00fchzeitig zu erkennen und warum sie andererseits Risiken mit sich bringt. Ozonoff arbeitet mit seinen Kolleg:innen auch eng mit afrikanischen Forschungsinstituten wie dem Institute for Genomics and Global Health (IGH) in Nigeria zusammen, um Kapazit\u00e4ten vor Ort aufzubauen, gro\u00dfe Ebola-Ausbr\u00fcche zu verhindern und globale Gesundheit zu st\u00e4rken. Im Interview gibt Al Ozonoff vorab Einblicke in seine Arbeit.<\/p>\n<p>Fr\u00fchwarnsystem f\u00fcr Pandemien<\/p>\n<p><strong>Herr Ozonoff, Sie forschen zu dezentralen Fr\u00fchwarnsystemen f\u00fcr Epidemien. Was genau steckt dahinter?<\/strong><br \/><strong>Al Ozonoff<\/strong>: Mein Forschungsgebiet ist die \u00dcberwachung von Krankheitsausbr\u00fcchen in der menschlichen Bev\u00f6lkerung. Diese Aufgabe ist sehr komplex geworden \u2013 durch die vielen Interaktionen zwischen Menschen, zwischen Menschen und Tieren, aber auch mit Viren und Bakterien. Was wir aus der Forschung deshalb vorschlagen, ist ein lokaler Ansatz: herauszufinden, wer in einer Region an welchen Krankheiten erkrankt ist und wie sich diese ausbreiten. Die \u00dcberwachung kann aufgrund der Komplexit\u00e4t nicht auf globaler oder nationaler Ebene gel\u00f6st werden, sondern am besten lokal. Die Herausforderung ist dann, viele solcher lokalen Systeme miteinander zu vernetzen \u2013 sodass ein widerstandsf\u00e4higes globales System entsteht, das uns vor gro\u00dfen Krankheitsausbr\u00fcchen sch\u00fctzt.<\/p>\n<blockquote class=\"big-quote\">\n<p>KI kann eingesetzt werden, um sehr schnell einen neuen PCR-Test zu entwickeln.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Wie weit ist man damit?<\/strong><br \/><strong>Ozonoff<\/strong>:\u00a0 Das ist noch viel Arbeit, aber die gute Nachricht ist: Technologie macht es einfacher. Interessant ist, welche technologischen Fortschritte in den n\u00e4chsten f\u00fcnf, zehn, 25 Jahren helfen k\u00f6nnen. Die Forschung hat schon gezeigt, dass diese Methode ein m\u00f6glicher Trend f\u00fcr die Zukunft ist. Ich bin zuversichtlich, dass dezentrale \u00dcberwachung die Richtung ist, in die wir gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz als Fluch und Segen<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten auch mit K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI). Wie funktioniert das?<\/strong><br \/><strong>Ozonoff<\/strong>: KI ist ein sehr breites Feld, und viele Forschungsgruppen entwickeln spannende Anwendungen f\u00fcr Epidemien. Wir konzentrieren uns auf ein paar ganz konkrete F\u00e4lle, die besonders vielversprechend sind \u2013 vor allem im Bereich Diagnostik, weil das wichtig f\u00fcr die lokale \u00dcberwachung von Krankheiten ist. Diagnostik bedeutet: herauszufinden, wer krank ist und an welcher Krankheit er oder sie leidet. Die gro\u00dfe Herausforderung dabei ist \u2013 wie wir w\u00e4hrend der COVID-Pandemie gelernt haben \u2013, dass bei einem neuen Erreger, einem neuen Virus oder auch einem bereits bekannten Virus, das sich weiterentwickelt oder mutiert ist, die g\u00e4ngigen Tests oft nicht verf\u00fcgbar oder nicht zuverl\u00e4ssig sind. Ein PCR-Test zum Beispiel basiert auf der genetischen Sequenz des Virus. Wenn sich diese ver\u00e4ndert, kann der Test ungenau oder sogar nutzlos werden. KI kann eingesetzt werden, um sehr schnell einen neuen PCR-Test zu entwickeln, ein anderes diagnostisches Verfahren zu entwerfen oder bestehende Tests anzupassen. Normalerweise dauert die Entwicklung solcher Tests recht lange. Wir sind \u00fcberzeugt, dass wir mithilfe von KI den Prozess stark beschleunigen k\u00f6nnen \u2013 von der Entwicklung \u00fcber die Optimierung und Validierung bis hin zur Verf\u00fcgbarkeit des Tests. Unser Ziel ist es, das innerhalb von etwa zwei Wochen zu schaffen. Denn wie wir 2019 bei SARS-CoV-2 gesehen haben: Am Beginn einer Epidemie herrscht enorme Unsicherheit, und Tage, ja sogar Stunden, k\u00f6nnen den Unterschied machen und Leben retten. Deshalb sind wir \u00fcberzeugt, dass KI hier einen echten Unterschied machen und unsere F\u00e4higkeit und Schnelligkeit verbessern wird, auf k\u00fcnftige Ausbr\u00fcche zu reagieren.<\/p>\n<blockquote class=\"big-quote\">\n<p>Dieselbe KI, die einen Diagnosetest entwickelt, um ein Virus nachzuweisen, k\u00f6nnte auch genutzt werden, um ein Virus zu entwerfen, das sich jedem Test entzieht.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Gleichzeitig warnen Sie davor, dass KI auch missbraucht werden k\u00f6nnte. Wie gro\u00df ist dieses Risiko?<\/strong><br \/><strong>Ozonoff<\/strong>: Das ist eine reale Sorge. Jede Technologie, die Gutes bewirken kann, kann die Welt auch schlechter machen. Auf der Skala von \u201esehr besorgt\u201c bis \u201eweniger besorgt\u201c: Ich will die Risiken keineswegs kleinreden, aber bisher habe ich noch nichts gesehen, was mich davon abgehalten h\u00e4tte, die Anwendungen weiterzuverfolgen, die wir f\u00fcr besonders vielversprechend halten. Aber klar: Dieselbe KI, die einen Diagnosetest entwickelt, um ein Virus nachzuweisen, k\u00f6nnte auch genutzt werden, um ein Virus zu entwerfen, das sich jedem Test entzieht. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir international diskutieren \u2013 mit Regierungen, Beh\u00f6rden, Wissenschaft. Manche f\u00fcrchten, dass zu viele Regeln Innovation bremsen, andere, dass zu wenige Regeln gef\u00e4hrlich sind. Es braucht jedenfalls ein gemeinsames Nachdenken.<\/p>\n<p>Pandemie-Vorsorge: Detect, Connect, Empower<\/p>\n<p><strong>Was sind die gr\u00f6\u00dften Baustellen, um die n\u00e4chste Pandemie m\u00f6glichst zu verhindern?<\/strong><br \/><strong>Ozonoff<\/strong>: Vorneweg: Pandemien zu verhindern und auf Pandemien zu reagieren \u2013 das ist unglaublich komplex. Wir haben drei Schwerpunkte: detect, connect, empower. Das sind f\u00fcr uns die drei zentralen Bereiche, in denen wir Verbesserungen erreichen wollen \u2013 auch wenn es nat\u00fcrlich noch viel mehr gibt. Detect bedeutet: Diagnosetests verf\u00fcgbar machen. Connect bedeutet: unsere Datensysteme verbessern, ihre Vernetzung und Zug\u00e4nglichkeit \u2013 vor allem, wenn es um Gesundheitsdaten geht. Und empower meint: Kapazit\u00e4ten aufbauen, sowohl Infrastruktur als auch menschliche Ressourcen \u2013 Ausbildung, Training, ein gut geschulter \u00f6ffentlicher Gesundheitssektor. Dazu geh\u00f6ren auch funktionierende Einrichtungen: kleine Gesundheitsstationen im l\u00e4ndlichen Raum auf ein gutes Niveau bringen, gro\u00dfe st\u00e4dtische Krankenh\u00e4user oder Labors so ausstatten, dass sie mehr leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Also gibt es viel zu tun\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ozonoff<\/strong>: Ja, aber all das ist machbar. In den letzten 20 Jahren hat es etwa einen enormen Schub in der wissenschaftlichen Ausbildung gegeben. Nehmen wir Afrika als Beispiel: Es gibt inzwischen eine ganze Generation afrikanischer Wissenschaftler:innen, die ihre gesamte Karriere in Afrika verbracht haben, auf dem Kontinent forschen und ihre eigenen Studierenden ausbilden. Ich sehe da einen gro\u00dfen Wandel: Diese Forscher:innen bauen inzwischen ihre eigenen Labors auf, schaffen Kapazit\u00e4ten, \u00fcbernehmen Positionen in den Gesundheitsministerien und werden zu wichtigen Entscheidungstr\u00e4ger:innen. In unseren Partnerschaften in Nigeria oder in Sierra Leone versuchen wir stets zu unterst\u00fctzen. Es geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Arbeiten meiner gesamten Laufbahn mit den Kolleg:innen in Westafrika zusammenzuarbeiten, etwa mit dem Institute for Genomics and Global Health (IGH). Schlussendlich muss man sagen: Es ist ein Prozess. Und die gro\u00dfe Frage ist immer: Was passiert, wenn die n\u00e4chste Pandemie kommt? Derzeit gibt es etwa einen sehr ernsten Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo, bei dem \u00fcber 30 Menschen gestorben sind. Selbst wenn dieser Ausbruch einged\u00e4mmt wird, m\u00fcssen wir uns bewusst machen: Ebola und andere h\u00e4morrhagische Fieber sind endemisch, sie treten immer wieder auf. Und es ist unvermeidlich, dass wir erneut einen gro\u00dfen Ausbruch erleben werden \u2013 wie 2014 und 2015, als 11.000 Menschen starben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Viren weltweit ausbreiten k\u00f6nnen \u2013 und wie entscheidend schnelle, verl\u00e4ssliche Systeme&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":460761,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[137],"tags":[29,597,30,141,232],"class_list":{"0":"post-460760","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesundheit","8":"tag-deutschland","9":"tag-forschung","10":"tag-germany","11":"tag-gesundheit","12":"tag-health"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115290341960152017","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/460760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=460760"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/460760\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/460761"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=460760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=460760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=460760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}