{"id":461971,"date":"2025-09-30T11:22:11","date_gmt":"2025-09-30T11:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/461971\/"},"modified":"2025-09-30T11:22:11","modified_gmt":"2025-09-30T11:22:11","slug":"berlin-stirbt-die-schwulenszene-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/461971\/","title":{"rendered":"Berlin | Stirbt die Schwulenszene aus?"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Online flirten, Inflation und neue Anfeindungen setzen der schwulen Ausgehkultur zu. Kneipen- und Clubsterben gibt es nicht nur im Mainstream: Hierzulande k\u00e4mpfen auch Bars und Betriebe, die sich an M\u00e4nner richten, die auf M\u00e4nner stehen, ums \u00dcberleben. In Berlin etwa meldete k\u00fcrzlich Deutschlands \u00e4ltester queerer Club Insolvenz an: das \u00abSchwuZ\u00bb (der Name leitet sich von \u00abSchwulenzentrum\u00bb ab). Was ist da blo\u00df los?<\/p>\n<p>\u00abNicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt\u00bb &#8211; vor bald 55 Jahren erschien das legend\u00e4re Filmdrama von Rosa von Praunheim (heute 82), das als Ausl\u00f6ser der Nachkriegs-Schwulenbewegung gilt.\u00a0<\/p>\n<p>Die Emanzipationsbewegung m\u00fcndete in vielen Organisationen und speziellen Bars und Clubs wie dem \u00abSchwuZ\u00bb (ab 1977). Oft waren das anfangs dennoch uneinsehbare Lokale mit Klingel. Erst allm\u00e4hlich wurden sie zu offeneren Orten.\u00a0<\/p>\n<p>Diese Szene hat heutzutage &#8211; wie in anderen L\u00e4ndern auch &#8211; mit einigen Problemen zu k\u00e4mpfen. F\u00fcr die USA schrieb der Soziologe Greggor Mattson das Buch \u00abWho Needs Gay Bars?\u00bb (auf Deutsch also: Wer braucht Schwulenbars?). Daf\u00fcr besuchte er in den USA Dutzende Locations und f\u00fchrte Gespr\u00e4che, auch in der sogenannten Provinz.\u00a0<\/p>\n<p>Machen Dating-Apps Bars zum Flirten obsolet?<\/p>\n<p>Seine Fragen: Haben die zunehmende Akzeptanz von LGBTQ+-Personen in der breiten \u00d6ffentlichkeit sowie Dating-Apps wie Grindr und Tinder wom\u00f6glich spezielle Schwulen-Orte \u00fcberfl\u00fcssig gemacht? Verdr\u00e4ngt die Gentrifizierung in Gro\u00dfst\u00e4dten queere Bars aus den Vierteln, die sie einst hip machten?<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig in Deutschland ist, dass sich gro\u00dfe Homo-Szenen mit einer Menge Lokalit\u00e4ten fast nur noch in K\u00f6ln und Berlin befinden. In Frankfurt, Stuttgart, M\u00fcnchen und erst recht in kleineren Metropolen verschwanden in den letzten Jahren zahlreiche Lokale, als w\u00e4ren sie mit einer Vorreitergeneration, die ab einem bestimmten Alter weniger ausging, einfach untergegangen.<\/p>\n<p>Teils hat der Umgang mit der Szene 2025 auch etwas Voyeuristisches oder Museales. In M\u00fcnchen wird das auf die Spitze getrieben: Die \u00abDeutsche Eiche\u00bb (ein Hotel mit Restaurant und Herren-Badehaus, in dem einst Freddie Mercury und Rainer Werner Fassbinder verkehrten) bietet vormittags F\u00fchrungen an. Sie geben \u00abBlick hinter die Kulissen, vor allem in die weltber\u00fchmte Sauna\u00bb.<\/p>\n<p>Jahrzehntealte Clubs schlossen zuletzt reihenweise<\/p>\n<p>In Berlin wurde der urspr\u00fcnglich schwule und legend\u00e4r verruchte Club \u00abBerghain\u00bb in den letzten Jahren zum Touristen-Hotspot und zur \u00abSchaffe ich es hinein?\u00bb-Challenge.\u00a0<\/p>\n<p>In der Hauptstadt sorgten in den vergangenen Monaten au\u00dferdem Schlie\u00dfungen f\u00fcr Aufsehen: Clubs wie \u00abDie Busche\u00bb (gegr\u00fcndet 1985 in Ost-Berlin an der Buschallee in Wei\u00dfensee) und das \u00abConnection\u00bb in Sch\u00f6neberg (einst das Travestie-Cabaret \u00abChez Romy Haag\u00bb) machten dicht, auch die Cruising-Bar \u00abMutschmann`s\u00bb oder das Kaffeehaus \u00abBerio\u00bb.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr eine Nachfrage bei der \u00abSiegess\u00e4ule\u00bb in Berlin. Das seit 1984 erscheinende Stadtmagazin, dessen Anf\u00e4nge im \u00abSchwuZ\u00bb zu verorten sind, hie\u00df anfangs \u00abMonatsblatt f\u00fcr Schwule\u00bb und firmiert heute als \u00abqueer\u00bb.<\/p>\n<p>Kulturredakteur Kevin Clarke sagt: \u00abIch finde die Ver\u00e4nderungen in der LGBTIQ-Szene schon massiv, teils auch be\u00e4ngstigend. Viele aus nostalgischer Sicht liebgewonnene Orte werden &#8222;weggewischt&#8220;. Aber es entsteht auch viel Neues.\u00bb Die Umw\u00e4lzungen seien eine Chance f\u00fcr diejenigen, die sie zu nutzen w\u00fcssten, statt nur Altem nachzuweinen. So habe im traditionellen Schwulenkiez in Berlin-Sch\u00f6neberg das eine Caf\u00e9 zwar zu gemacht, daf\u00fcr ein anderes soeben seine Fl\u00e4che verdreifacht, trotz vielbeschworener Mietenexplosionen.<\/p>\n<p>Die Community ist vielf\u00e4ltiger und verteilt sich mehr<\/p>\n<p>Es gebe in der Szene Bingoabende, Dragqueen-Events, Naked-Sex-Partys, Fetisch-, Yoga-, Kuschel-Treffen oder sonstige Workshops. Gerade Orte zur \u00abunmittelbaren Kontaktaufnahme\u00bb (wie die Sauna \u00abBoiler\u00bb oft mit Schlange von auffallend vielen jungen M\u00e4nnern) boomten trotz Dating-Apps, meint Clarke, \u00abweil es halt nach wie vor toll ist, Leute &#8222;in the flesh&#8220; zu sehen und ansprechen zu k\u00f6nnen\u00bb.<\/p>\n<p>Clarke meint: \u00abDie Vielzahl der Menschen, die zum CSD auf der Stra\u00dfe ist, die geht ja im restlichen Jahr auch irgendwo hin. Vielleicht nicht mehr ins &#8222;SchwuZ&#8220;, aber nur zu Hause sitzen die auch nicht. Sie mixen ihre Aktivit\u00e4ten nur anders.\u00bb Und: \u00abWei\u00dfe Schwule\u00bb seien nicht mehr der Mittelpunkt der Szene. \u00abDie Community zerteilt sich mehr. Das ist nicht nur negativ. Auch Familie bedeutet ja f\u00fcr jeden und jede etwas Anderes.\u00bb<\/p>\n<p>Gerade J\u00fcngere suchen warme Orte statt kalter Keller-\u00c4sthetik<\/p>\n<p>Statt Underground-Atmosph\u00e4re oder einem k\u00fchlen Riesen-Club in einer dunklen Ecke von Neuk\u00f6lln (wohin das \u00abSchwuZ\u00bb 2013 zog) suchten vor allem j\u00fcngere Queers oftmals ein Sicherheits- und Geborgenheitsgef\u00fchl, meint Clarke, echte Schutzr\u00e4ume, soziale W\u00e4rme.\u00a0<\/p>\n<p>Das sei umso wichtiger, wenn man vermehrt feindliche Worte von religi\u00f6sen Fanatikern oder rechten Stimmungsmachern gegen die eigene Lebensart wahrnehme, die l\u00e4ngst \u00fcberwunden schienen.\u00a0<\/p>\n<p>Das gelte aber auch f\u00fcr manche extrem linke Stimmungsmache gegen Gruppen wie schwule Cis-M\u00e4nner, die als Vertreter des Patriarchats abgekanzelt w\u00fcrden und sich dann oft woanders hinverziehen. \u00abBeschimpfungen sind einfach nie eine gute Basis f\u00fcr eine Community und ein freundschaftliches Miteinander.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Die Debatte um das m\u00f6gliche Ende der traditionellen Schwulenszene steht somit exemplarisch f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Frage: Wann werden kulturelle Einrichtungen zu Institutionen, die um jeden Preis bewahrt werden m\u00fcssen und wann ist es an der Zeit, neue Formate und neue Bed\u00fcrfnisse anzuerkennen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Online flirten, Inflation und neue Anfeindungen setzen der schwulen Ausgehkultur zu. 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