{"id":462638,"date":"2025-09-30T17:15:14","date_gmt":"2025-09-30T17:15:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/462638\/"},"modified":"2025-09-30T17:15:14","modified_gmt":"2025-09-30T17:15:14","slug":"friedliche-revolution-oder-doch-wieder-nur-verbrannte-erde-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/462638\/","title":{"rendered":"Friedliche Revolution \u2013 oder doch wieder nur verbrannte Erde? \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag, dem 3. Oktober 2025, dem Tag der Deutschen Einheit, blicken wir zur\u00fcck auf 35 Jahre vereintes Deutschland in der europ\u00e4ischen Gemeinschaft. Doch vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 stand die Friedliche Revolution im Oktober 1989. Mit den Friedensgebeten und Demonstrationen vor, am und nach dem 09. Oktober 1989 in Dresden, Plauen und Leipzig befreite sich die Bev\u00f6lkerung von der SED-Diktatur und dem System von Bevormundung und Dem\u00fctigung.<\/p>\n<p>Insofern sind die Tage im Oktober dazu angetan, \u00fcber die anhaltende Bedeutung der Friedlichen Revolution, des Aufbruchs zur Demokratie und des vereinten Deutschlands, eingebettet in die Europ\u00e4ische Union, nachzudenken. Noch wichtiger ist aber, dass sich das vereinte Deutschland auch heute versteht als ein Land im Aufbruch. Ein Land, das dieser Welt eine neue Geschichte erz\u00e4hlen kann: wie sich ohne Gewalt und Blutvergie\u00dfen eine Revolution vollziehen und Demokratie, Freiheit, Menschenrechte errungen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund sollte es jeder im R\u00fcckblick mehr als erschrecken, dass sich schon wenige Monate nach der Friedlichen Revolution 1990 auf dem Balkan neue kriegerische Auseinandersetzungen abzeichneten und Anfang 1991 der zweite Golfkrieg vom Zaun gebrochen wurde \u2013 so, als ob den Menschen ganz schnell die Hoffnung auf gewaltfreie Ver\u00e4nderungsprozesse genommen und das Diktat milit\u00e4rischer Interventionspolitik schnell wieder eingetrichtert werden sollte.<\/p>\n<p>Niemand sollte der \u201eIllusion\u201c (die aber eine erfahrene Wirklichkeit war!) aufsitzen, dass friedliche Ver\u00e4nderungsprozesse abseits von gegenseitigen milit\u00e4rischen Bedrohungspotentialen und ohne kriegerische Gewalt m\u00f6glich sind. Parallel dazu war 1991 die damalige Bundesregierung der \u00dcberzeugung, dass die deutsche Einheit \u201eaus der Portokasse\u201c bezahlt werden k\u00f6nne, w\u00e4hrend gleichzeitig 17 Milliarden DM f\u00fcr den zweiten Golfkrieg locker gemacht wurden.<\/p>\n<p>An dieser friedenspolitischen Schieflage hat sich in 35 Jahren bis heute leider wenig ge\u00e4ndert \u2013 und dies, obwohl alle Kriege und milit\u00e4rischen Interventionen nichts anderes als verbrannte Erde und unendliches menschliches Leid hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Von daher gesehen ist es eine ziemlich absurde Anma\u00dfung, 35 Jahre nach der Friedlichen Revolution und im vollen Wissen um die verheerenden Auswirkungen der in dieser Zeit gef\u00fchrten Kriege jetzt eine unbegrenzte Aufr\u00fcstungspolitik in Gang zu setzen (mit einer v\u00f6llig willk\u00fcrlich festgelegten Prozentzahl Anteil am Bruttosozialprodukt, n\u00e4mlich F\u00fcnf, und einer nach oben unbegrenzten Ausgabesumme).<\/p>\n<p>Diese sind Ausdruck der gleichen Schieflage, wie 1991 entstanden ist: Dringend notwendige Investitionen im Bildungsbereich und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen werden zugunsten der Ausgaben f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke zur\u00fcck- bzw. eingestellt.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren zu der absurden Situation gef\u00fchrt, dass sich rechtsnationalistische Bewegungen wie die AfD als \u201eFriedenspartei\u201c aufspielen und damit bei W\u00e4hler\/-innen punkten k\u00f6nnen \u2013 ganz zu schweigen von der h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Situation, dass den Rechtsnationalisten, sollten sie jemals an die Schalthebel der Macht kommen, dann ein riesiger Milit\u00e4rapparat zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Wenn man dann noch bedenkt (Donald Trump macht es derzeit vor), wie Rechtsnationalisten nach innen wie nach au\u00dfen mit dem Milit\u00e4r z\u00fcndeln, kann einem nur angst und bange werden.<\/p>\n<p>Darum ist es h\u00f6chste Zeit, dass wir 35 Jahre nach 1990 den neuerlichen Aufbruch zur Demokratie mit einer Politik verbinden, die nichtmilit\u00e4rischen Konfliktl\u00f6sungen den Vorrang gibt und an die Erfahrungen mit dem KSZE-Prozess der 70er\/80er Jahre und der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland und Osteuropa ankn\u00fcpft. Wir haben allen Grund, einen solchen Politikwechsel und eine europ\u00e4ische Friedenspolitik sehr selbstbewusst anzumahnen.<\/p>\n<p>Denn nicht die auf Minimierung von kriegerischer Gewalt setzende Politik ist eine Illusion, sondern die Vorstellung, mit milit\u00e4rischer Intervention Frieden herstellen zu k\u00f6nnen. Dabei sollte alarmierend genug sein, dass sich derzeit immer mehr M\u00e4chte dieser zerst\u00f6rerischen Strategie bedienen: Russland, China, USA, Israel und die vielen Zellen privatisierter milit\u00e4rischer Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent. Doch diese Politik hinterl\u00e4sst \u2013 wie der verheerende Afghanistan-Krieg gezeigt hat \u2013 nichts als verbrannte Erde im Innern wie nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Wollen wir als Europa und nach den Erfahrungen der Friedlichen Revolution uns weiter auf dieser Ebene bewegen bzw. auf sie ziehen lassen? Es ist h\u00f6chste Zeit, hier umzusteuern und an die Traditionen anzukn\u00fcpfen, die friedliches Zusammenleben verhei\u00dfen. Der 3. und 9. Oktober 2025 sind Anlass genug, die Weichen neu zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Christian Wolff,<\/strong>\u00a0geboren am 14. November 1949 in D\u00fcsseldorf, war 1992\u20132014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langj\u00e4hriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater f\u00fcr Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors:\u00a0<a href=\"https:\/\/wolff-christian.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wolff-christian.de\/<\/a>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Freitag, dem 3. 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