{"id":462829,"date":"2025-09-30T18:58:11","date_gmt":"2025-09-30T18:58:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/462829\/"},"modified":"2025-09-30T18:58:11","modified_gmt":"2025-09-30T18:58:11","slug":"neue-romane-ueber-mutterschaft-die-ueberforderung-ist-total","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/462829\/","title":{"rendered":"Neue Romane \u00fcber Mutterschaft: Die \u00dcberforderung ist total"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Es gibt diesen Moment: Ein Baby liegt auf einer Decke, irgendwo im Gras, in einem irischen Wald. Die Mutter ist davongelaufen, einfach so. F\u00fcr einen Augenblick wirkt es, als sei dieses Verlassen ein Akt der Erl\u00f6sung \u2013 f\u00fcr das Kind. Und f\u00fcr die Mutter. Was wie ein Albtraum klingt, er\u00f6ffnet Claire Kilroys Roman \u201eKinderspiel\u201c. Der Beginn einer literarischen Spirale ins Innenleben einer jungen Mutter, die mit der Wucht ihrer Gef\u00fchle ringt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Gef\u00fchle, die in den letzten Jahren viele Motherhood-Romane ins Zentrum r\u00fcckten. Kein Wunder. Die Geburt eines Kinds und das Muttersein sind existenzielle Erlebnisse. Was im Leben ist \u00e4hnlich g\u00f6ttlich und zugleich monstr\u00f6s?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Das Gleiche gilt f\u00fcr die bewusste Entscheidung gegen ein Kind \u2013 oder die schmerzhafte Unm\u00f6glichkeit, eines zu bekommen. Hinzu kommt ein gesellschaftliches Mutterbild, das wenig Platz l\u00e4sst f\u00fcr Zweifel, Hadern und Unsicherheiten, die unweigerlich dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Erst seit wenigen Jahrzehnten nimmt die Literatur Mutterschaft ernst \u2013 und zwei aktuelle Romane beweisen, dass das Thema noch lange nicht ersch\u00f6pft ist: \u201eAchte Woche\u201c von Antonia Baum und \u201eKinderspiel\u201c der irischen Autorin \u00adKilroy. Beide beleuchten die Ambivalenz der Mutterschaft auf v\u00f6llig unterschiedliche Weise \u2013 der eine n\u00fcchtern-analytisch, der andere mit sprachlicher Wucht.<\/p>\n<p>Die Romane<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\"><strong>Claire Kilroy:<\/strong> \u201eKinderspiel\u201c. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 288 Seiten, 23 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\"><strong>Antonia Baum:<\/strong> \u201eAchte Woche\u201c. claassen Verlag, Berlin 2025. 128 Seiten, 21 Euro<\/p>\n<p>      Jede Wahl ist endg\u00fcltig<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">In Antonia Baums \u201eAchte Woche\u201c geht es nicht um das Baby, das da ist, sondern um das, das kommt. Oder nicht kommt. Die Protagonistin Laura ist schwanger. Schon wieder. Einmal hat sie abgetrieben, einmal ein Kind bekommen. Nun steht sie erneut vor der Entscheidung \u2013 und wei\u00df: Es gibt keine richtige. Jede Wahl ist endg\u00fcltig, jede birgt das Risiko tiefer Unzufriedenheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Laura arbeitet in einer Frauenarztpraxis, die auch Abtreibungen durchf\u00fchrt. Die Pa\u00adral\u00adlele zwischen ihrer eigenen Entscheidung und denen der anonymen Frauen, die t\u00e4glich durch die Praxisflure gehen, weitet den Blick f\u00fcr andere Leben, andere Schicksale.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Baum erz\u00e4hlt in knappen Szenen und S\u00e4tzen, die oft mehr andeuten als aussprechen. Ihre Figuren reden selten viel, aber was sie sagen, hallt nach. Etwa wenn Laura sich selbst beschreibt, ersch\u00f6pft, stinkend, wie \u201eangesp\u00fclte Algen in der Sonne\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Der Roman springt zwischen Gegenwart und Erinnerung, zwischen Lauras Alltag als Arzthelferin und ihrer Familiengeschichte. Er wechselt von n\u00fcchterner Beobachtung zu existenzieller Reflexion, erz\u00e4hlt aus Lauras Perspektive.<\/p>\n<p>      Kleine soziologische Studien<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Baums Roman erinnert an <a href=\"https:\/\/taz.de\/Sheila-Hetis-Buch-Mutterschaft\/!5587169\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sheila Hetis Roman \u201eMutterschaft\u201c<\/a>, in dem die Protagonistin keine Mutter ist, aber sich unabl\u00e4ssig die Frage stellt, ob sie es werden soll \u2013 eine Frage, die f\u00fcr sie immer mehr zur philosophischen, pers\u00f6nlichen und gesellschaftlichen Zumutung wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Doch wo Heti essayistisch bleibt, schreibt Baum narrativer. Ihre Beschreibung der Pa\u00adtien\u00adtinnen \u00e4hneln kleinen soziologischen Studien. Da ist die 16-j\u00e4hrige Maha mit wei\u00dfer Daunenjacke, hellbraun umrandeten Lippen und von Wimpern\u00adextensions umkr\u00e4nzten Augen. Oder Amelia, unter deren Arm Mutterpass, Versichertenkarte und ein Buch klemmt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Claire Kilroy w\u00e4hlt einen anderen Zugriff: W\u00e4hrend Baum mit distanzierter Pr\u00e4zision erz\u00e4hlt, sucht Kilroy die emotionale Unmittelbarkeit. Ihre Ich\u00aderz\u00e4hlerin Soldier spricht in einem atemlosen Monolog zu ihrem Sohn Sailor. Soldier will ihrem Sohn alles sagen, alles erkl\u00e4ren \u2013 auch das Unertr\u00e4gliche.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Es ist, als rede sie gegen das Verstummen an, als k\u00e4mpfe sie mit der Sprache, um nicht in den Abgrund zu st\u00fcrzen, der sich zwischen Windeln wechseln, stillen und Ehekonflikten auftut. \u201eEin Gutenachtkuss von jemandem, der f\u00fcr dich t\u00f6ten w\u00fcrde, andere, sich selbst, von einer, die sich schon get\u00f6tet hat.\u201c<\/p>\n<p>      Rauschhafter Text<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">Kilroys Roman ist ein Rausch. Er schwankt zwischen poetischer Z\u00e4rtlichkeit und apokalyptischem Furor. Zwischen Autofahrten zur Schwiegermutter, Einkaufsdramen im M\u00f6belhaus und einer fieberhaften Nacht am Meer entfaltet sich die fragile Innenwelt einer Mutter, die sich nicht mehr erkennt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Es sind diese Widerspr\u00fcche, die den Text so kraftvoll machen: Die Liebe zum Kind ist bedingungslos \u2013 und genau das macht sie zerst\u00f6rerisch. Soldier will stark sein, retten, sich aufopfern \u2013 und tr\u00e4umt zugleich davon, alles hinter sich zu lassen. In einer Szene geht sie so weit ins Watt, auf der Suche nach dem Gef\u00fchl ihrer Jugend, dass sie beinahe ertrinkt \u2013 mit ihrem Sohn im Arm.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"18\">Man liest diesen Text und denkt an <a href=\"https:\/\/taz.de\/Mutterschaft-zum-Gruseln\/!5963744\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rachel Yoders \u201eNightbitch\u201c<\/a>, in dem eine Mutter sich in einen Hund verwandelt, weil es keine andere Sprache f\u00fcr ihre neue Existenz gibt. Oder an Rachel Cusks \u201eA Life\u2019s Work\u201c, diesen schonungslosen Essayroman, der Mutterschaft als Kontrollverlust und kulturelle Leerstelle beschreibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"19\">Auch Kilroy l\u00e4sst ihre Figur durchdrehen, heulen, sich in einen Wolf verwandeln, der nachts ziellos durch die Stra\u00dfen streift. Die \u00dcberforderung ist total. Und doch blitzt durch die Dunkelheit ein Abgrund an Liebe, der alles zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"20\">Beide Romane eint der Mut zur Ambivalenz. Sie entwerfen keine Heldinnen, keine Opfer, keine Vorbilder. Sondern Frauen, die hassen und lieben, geb\u00e4ren und fliehen wollen. Die sich aufreiben an einer Gesellschaft, die Mutterschaft als nat\u00fcrlich, intuitiv, selbstlos imaginiert \u2013 und dabei systematisch entwertet. Beide zeigen, was Literatur kann: Komplexit\u00e4t aushalten, ohne sie aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>      Eindimensionale M\u00e4nner<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"22\">Schade nur, dass beide Romane ihren M\u00e4nnerfiguren diese Komplexit\u00e4t nicht zugestehen. Kilroy differenziert hier noch eher. Auch Soldiers Ehemann knallt sich lieber vor den Fernseher und glotzt Fu\u00dfball, statt seiner Ehefrau beim Versorgen des gemeinsamen Kinds zu helfen. Doch klingt immer wieder durch, dass sie ihm gar nicht zutraut, den gemeinsamen Sohn richtig zu versorgen. Auch die N\u00e4he zwischen den beiden ist nicht g\u00e4nzlich erloschen. Es bleibt ein Rest von Intimit\u00e4t, eine Ahnung von Verbundenheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"23\">In \u201eAchte Woche\u201c hingegen geraten die M\u00e4nner nur noch zum Klischee. Lauras Vater, ein von seiner Karriere besessener Jurist, mokiert sich \u00fcber dicke Frauen, die er als \u201eTonnen\u201c bezeichnet, und verteidigt einen mutma\u00dflichen Vergewaltiger. Ihr Ex-Freund Aram fliegt am Tag der Abtreibung nach Singapur zur Bitcoinkonferenz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"24\">Raum f\u00fcr \u00dcberraschungen oder Komplexit\u00e4t wird den M\u00e4nnern in beiden Romanen nicht wirklich zugestanden. Das mag eine bewusste Umkehrung jahrhundertelanger Klischees weiblicher Figuren sein. Im Vergleich zur psychologischen Genauigkeit, mit der die Frauenfiguren gezeichnet werden, liest es sich dann aber doch eher als Leerstelle.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"25\">Zugleich ist auff\u00e4llig, dass die literarische Reflexion \u00fcber Mutterschaft fast ausschlie\u00dflich aus einem bestimmten Milieu stammt: wei\u00df, urban, Mittelschicht. Wer darf zweifeln, wer darf hadern \u2013 und wessen Erfahrungen bleiben unsichtbar? Auch das steht als stiller Subtext in diesen B\u00fcchern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt diesen Moment: Ein Baby liegt auf einer Decke, irgendwo im Gras, in einem irischen Wald. 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