{"id":465274,"date":"2025-10-01T17:20:21","date_gmt":"2025-10-01T17:20:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/465274\/"},"modified":"2025-10-01T17:20:21","modified_gmt":"2025-10-01T17:20:21","slug":"was-der-tagesspiegel-am-1-oktober-1946-schrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/465274\/","title":{"rendered":"Was der Tagesspiegel am 1. Oktober 1946 schrieb"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBPlp tspBPlq\">Als vor mehr als zehn Monaten die Verhandlungen in N\u00fcrnberg begannen, griff die Verteidigung sofort die rechtliche Grundlage der Anklage an. Es lag f\u00fcr sie um so n\u00e4her, als dies in der Tat die schw\u00e4chste Stelle in der Organisation des Welttribunals ist, &#8211; freilich in ganz anderer Hinsicht, als es die Erkl\u00e4rung der Verteidiger erkennen lassen wollte. Nicht etwa, weil hier Einzelpersonen f\u00fcr Staatshandlungen zur Rechenschaft gezogen wurden, nicht etwa, weil dieses Proze\u00dfverfahren sich auf ein &#8222;nach der Tat geschaffenes&#8220; Strafrecht st\u00fctzte, sondern weil der ganze Vorgang von der Festnahme der Verantwortlichen bis zu ihrer Aburteilung &#8222;ohne Beispiel in der Welt Geschichte&#8220; ist &#8211; darum liegt f\u00fcr viele darin etwas so Unbegreifliches, so Unvorstellbares, da\u00df sich Anhaltspunkte wenn nicht f\u00fcr eine Opposition, so doch f\u00fcr Anzweifelungen und Einw\u00e4nde ergaben, die gelegentlich in einer ganzen Reihe von L\u00e4ndern laut geworden sind und ebenso viele Widerlegungen gefunden haben. Man darf dabei zun\u00e4chst davon absehen, da\u00df der Vorwurf, hier werde \u00fcber Taten zu Gericht gesessen, die zur Zeit ihrer Begehung nicht mit Strafe bedroht gewesen seien, mindestens auf jene Anklagepunkte nicht zutrifft, in denen ganz gew\u00f6hnliche und gemeine Verbrechen nachgewiesen werden konnten. Man darf davon absehen, weil der Teil der Anklage, der sich mit anderem, n\u00e4mlich dem Verbrechen gegen den Frieden, befa\u00dft, der wesentlichere ist. Er hat n\u00e4mlich nichts mehr mit Jurisprudenz zu tun, sondern ist ein Element der Menschheitsgeschichte. Man h\u00e4tte sich vor prinzipiellen Einw\u00e4nden bewahren k\u00f6nnen, indem man diesen Punkt nicht in die Anklage einbezog. Da\u00df es nicht geschah, ist nicht deshalb von Bedeutung, weil das N\u00fcrnberger Gericht sonst ein reines Kriminalgericht geworden w\u00e4re, sondern weil etwas mehr auf dem Spiele steht als eine Anklage, die zur Verurteilung ausreicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/themen\/erik-reger?icid=single-topic_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zum 80. Jahrestag der ersten Tagesspiegel-Ausgabe Hier lesen Sie Artikel von Erik Reger sowie Texte \u00fcber den Zeitungsgr\u00fcnder und vieles mehr aus dem Tagesspiegel in der Nachkriegszeit <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPlp\">Die Verteidiger haben am 21. November 1945 darauf hingewiesen, da\u00df vor diesem Proze\u00df niemals daran gedacht worden sei, &#8222;Staatsm\u00e4nner, Generale und Wirtschaftsf\u00fchrer wegen Anwendung von Gewalt anzuklagen, geschweige denn sie vor einen internationalen Strafgerichtshof zu stellen&#8220;. Damit haben sie zugegeben, obwohl sie von &#8222;Juristen und Staaten&#8220; sprechen, da\u00df in erster. Linie die Weltgeschichte und nicht die Geschichte der Rechtsprechung involviert ist. Um so erstaunlicher ist\u00a0es, da\u00df sie dann fortfuhren: &#8222;Soweit es sich um Verbrechen gegen den Frieden handelt, hat daher der gegenw\u00e4rtige Proze\u00df keine gesetzliche Basis im internationalen Recht.&#8220; Logisch w\u00e4re es zu sagen: &#8222;Gerade deshalb kommt es nicht darauf an, ob der gegenw\u00e4rtige Proze\u00df auf einem bereits angewandten Strafgesetz beruht.&#8220; Denn das, was im gottlob kurzen Zeitalter des Nationalsozialismus geschehen ist, ist so revolution\u00e4r gegen\u00fcber dem baren sittlichen Empfinden, auf das sich alles menschliche Zusammenleben gr\u00fcndet, ist so vermessen gegen\u00fcber jeder Art von Gesetz, ist so umst\u00fcrzlerisch gegen\u00fcber allen Prinzipien, durch die im unerm\u00fcdlichen Ringen der gr\u00f6\u00dften und verehrtesten Geister die Menschheit fortgeschritten ist, ist eine solche Versuchung Gottes, so ungeheuerlich in seiner moralischen Verderbnis und eine solche Zur\u00fcckwerfung auf die barbarischste Urstufe, da\u00df es notwendig auch alle Anschauungen revolutionieren mu\u00dfte, die bisher im Hinblick auf S\u00fchne G\u00fcltigkeit hatten. Dieser Klimax des Frevels verbietet \u00fcberhaupt jede Frage nach Gesetzesartikeln. Hitler und die Seinen waren es, die die Menschheit in einen Ausnahmezustand versetzt haben. Es w\u00e4re ein Schlag gegen die Gerechtigkeit und das Rechtsgef\u00fchl selbst, wenn anders als aus diesem Ausnahmezustand heraus mit ihnen verfahren w\u00fcrde.<\/p>\n<p> Mehr zu den N\u00fcrnberger Prozessen aus dem Tagesspiegel-Archiv <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/nurnberg-6612667.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Peter de Mendelssohn 1945 im Tagesspiegel \u201eN\u00fcrnberg\u201c <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/sunde-und-schuld-kommentar-im-tagesspiegel-1946-zum-nurnberger-prozess-13950148.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eS\u00fcnde und Schuld\u201c Kommentar im Tagesspiegel 1946 zum N\u00fcrnberger Prozess <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/die-wand-aus-watte-fragen-der-verantwortlichkeit-im-nurnberger-prozess-13372297.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Wand aus Watte Fragen der Verantwortlichkeit im N\u00fcrnberger Proze\u00df <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/der-geist-von-nurnberg-tagesspiegel-grunder-erik-reger-uber-den-hauptkriegsverbrecher-prozess-13193560.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer Geist von N\u00fcrnberg\u201c Tagesspiegel-Gr\u00fcnder Erik Reger \u00fcber den Hauptkriegsverbrecher-Prozess <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/befehl-wird-als-entschuldigung-nicht-anerkannt-5231167.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Urteile im N\u00fcrnberger Prozess 1946 &#8222;Befehl wird als Entschuldigung nicht anerkannt&#8220; <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPlp\">Vielleicht w\u00e4re, h\u00e4tten schon Napoleon und seine Marsch\u00e4lle vor einem Welttribunal gestanden, das heutige nicht n\u00f6tig gewesen. Aber es mu\u00dfte eben erst zu einer, derartigen, \u00dcberdimensionierung des Unrechtes kommen, ehe die Weltgeschichte reif war, zu dem entscheidenden Gegenschlag auszuholen, sich \u00fcber alles hinwegzusetzen und ein Exempel zu statuieren. Auch jetzt waren ihre Vollstrecker, die Richter von N\u00fcrnberg, die ihr Amt nur formell von der Machtvollkommenheit der Sieger haben, weit davon entfernt, die Willk\u00fcr walten zu lassen, die bei den Angeklagten die Regel war. Eine sp\u00e4tere Generation wird ermessen, wie bedeutsam es war, da\u00df der N\u00fcrnberger Gerichtshof fast ein Jahr auf diesen Proze\u00df verwandte, und wie sehr er diese Zeit nicht vergeudet, sondern gen\u00fctzt hat. Eine sp\u00e4tere Generation wird sich auch bewu\u00dft werden, einen wie gro\u00dfen Dienst die so viele Zeitgenossen befremdende Methodik des Prozesses dem tieferen Rechtsgedanken geleistet hat, der jenseits aller juristischen Maximen liegt und sie an Zukunftstr\u00e4chtigkeit ebensosehr \u00fcbertrifft, wie sie hinter dem Verst\u00e4ndnis und der W\u00fcrdigung dieser f\u00fcr die Weltgeschichte einzigartigen Stunde zur\u00fcckbleiben. In wenigen Stunden wird man wissen, welches Schicksal die einzelnen Angeklagten erwartet. Man wird sich daf\u00fcr interessieren, aber dieses Interesse ist ein Bed\u00fcrfnis der Gegenwart. Die Schuldigen zum Tode verurteilen hei\u00dft dem Bewu\u00dftsein Gen\u00fcge tun, da\u00df sie niemals h\u00e4tten leben d\u00fcrfen. In die Ferne Wirken wird allein die Begr\u00fcndung, die dem Urteil gegeben wird. Von\u00a0ihr h\u00e4ngt es ab, ob der Ausnahmezustand all dieser Jahre der letzte war. Durch sie wird bestimmt, ob das unter diesem Ausnahmezustand geschaffene Recht f\u00fcr fernere Geschlechter bindend sein kann. Mit ihr beantwortet sich die Frage, ob die Menschheit nun wieder zu ihren alten unverbr\u00fcchlichen, in langer Lehrzeit wohlerwogenen und wohlbegr\u00fcndeten Grunds\u00e4tzen der Rechtsprechung zur\u00fcckkehren darf.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/?icid=single-topic_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mehr Geschichte lesen Sie hier auf Tagesspiegel.de <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPlp\">Aber dies ist nur die eine Seite des Stadiums der Liquidation, in das wir eingetreten sind. Wir haben gesehen, in welchem Ma\u00dfe die ganze Welt nicht allein passiv, sondern auch aktiv davon ber\u00fchrt wird, wenn ein Land sich dem Totalitarismus bis zur letzten, viehischsten Konsequenz verschreibt. Je mehr irgendwo von einem \u00fcbergeordneten Willen einem Teile der menschlichen Gesellschaft Gesetze auferlegt werden, die den Bestand der gesamten Gesellschaft gef\u00e4hrden, desto mehr werden die Gesetze dort, wo man daran festh\u00e4lt, da\u00df sie sich aus eigener Kraft innerhalb der Gesellschaft entwickeln m\u00fcssen, in ihrem Kern sich dem Fremdk\u00f6rper angleichen, der alles zu vergewaltigen droht. So entstanden selbst In L\u00e4ndern, in\u00a0denen die Freiheit eine ebensolche Lebensbedingung war wie das t\u00e4gliche Brot, auf manchen Gebieten Zwangssysteme, die nun genau so systematisch wieder abgebaut werden m\u00fcssen, wie sie aufgebaut wurden. Die Systematik jedoch steht nicht nur im Zusammenhang mit der Behutsamkeit, die angesichts der noch prek\u00e4ren Weltlage, haupts\u00e4chlich in wirtschaftlichem, aber auch in politischem Betracht geboten ist; ihre Schwierigkeiten resultieren au\u00dferdem aus der Verflechtung der Zwangssysteme mit der von ihnen gezeugten B\u00fcrokratie, die das Feld nicht kampflos r\u00e4umen m\u00f6chte, und ferner aus dem Massendenken, das die Zwangssysteme derma\u00dfen gef\u00f6rdert haben, da\u00df sogar klarere K\u00f6pfet davon infiziert sind. Eine weitere Gefahr bildet die Neigung, alle Probleme einer Untersuchung vom Oekonomischen her zu unterwerfen. Die geltenden Werte der Freiheit und Humanit\u00e4t lassen sich weder durch die sozialistische Auffassung noch durch den wirtschaftlichen Liberalismus allein verb\u00fcrgen. Wenn man mit allem Nachdruck auf der Wiederherstellung der vollen Handels- und Gewerbefreiheit, auf der Achtung des Eigentumsrechtes und der Abschaffung der Staatswirtschaft genau so wie auf der Beseitigung privater Trusts und Kartelle besteht, so geschieht es nicht zu einem wirtschaftspolitischen Selbstzweck. Es geschieht aus der Erkenntnis, da\u00df durch die entgegenstehenden Zwangssysteme Menschlichkeit und Menschenw\u00fcrde insofern bedroht sind, als sie infolge ihrer Machtanh\u00e4ufung zum Mi\u00dfbrauch der Macht geradezu herausfordern. Diejenigen, die Hitler zur Strecke brachten, konnten es nicht, ohne gewisse totale Methoden zu \u00fcbernehmen. Nach Lage der Dinge war es unab\u00e4nderlich. Was aber, verhindert werden kann, ist das Abgleiten in die atmosph\u00e4rische H\u00fclle des Totalitarismus. Dies wiederum w\u00e4re unab\u00e4nderlich, falls irgendwo eine Kriegsma\u00dfnahme freiwillig auch nur einen Tag l\u00e4nger beibehalten w\u00fcrde, als es die Systematik der Liquidation erfordert. Es w\u00e4re widersinnig und w\u00fcrde sich furchtbar r\u00e4chen, wenn der Wille zur Freiheit ebenfalls nur eine unter dem intensiven und nahen Druck der Hitlerbarbarei zustande gekommene Ausnahmeerscheinung gewesen w\u00e4re. Denn eines darf man auch in diesem mechanistischen Jahrhundert nicht vergessen: der Mensch ist von Hause aus ein privates und kein \u00f6ffentliches Wesen. Ihn zum blo\u00dfen Werkzeug einer Ideologie erniedrigen hei\u00dft\u00a0ihn selber in Frage stellen, hei\u00dft den Sinn der Kultur verkehren, hei\u00dft statt des inneren Zwanges zur Verantwortung die feindlichen Instinkte der Unverantwortlichkeit f\u00f6rdern. Die Wirtschaftstheorien, an so hervorragender Stelle sie heute im politischen Tagesstreit stehen, sind unter vielen ein sinnf\u00e4lliger Ausdruck f\u00fcr den Charakter der gr\u00f6\u00dferen Auseinandersetzung zwischen Sklaverei und Pers\u00f6nlichkeitsbegriff\u00a0sinnf\u00e4llig \u00fcberhaupt nur darum, weil sie an dem heute sichtbarsten Beispiel die Gegens\u00e4tze zwischen Er\u00f6rterung und Geschrei, Erziehung und Beeinflussung, Aufkl\u00e4rung und Befehl zu zeigen und damit zur Entscheidung aufzurufen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p> 80 Jahre Tagesspiegel <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/meinungsfreiheit-uben-mit-dem-tagesspiegel-die-schule-der-demokratie-nach-der-diktatur-13926460.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meinungsfreiheit \u00fcben mit dem Tagesspiegel Die Schule der Demokratie nach der Diktatur <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/ein-stuck-glanz-fabriziert-als-die-grosse-filmkritikerin-auf-reisen-ging-14260457.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eEin St\u00fcck Glanz fabriziert\u201c Als Filmkritikerin Karena Niehoff f\u00fcr den Tagesspiegel auf Reisen ging <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/wie-schnell-konnen-sie-drucken--morgen-wie-der-tagesspiegel-vor-80-jahren-in-berlin-entstand-13639612.html?icid=topic-list_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eWie schnell k\u00f6nnen Sie drucken?\u201c \u2013 \u201eMorgen\u201c Wie der Tagesspiegel vor 80 Jahren in Berlin entstand <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBPlp\">Wie man in Deutschland denjenigen, die h\u00e4misch bemerken, wir h\u00e4tten jetzt doch nicht etwa demokratische Zust\u00e4nde, gelassen erwidern mu\u00df, da\u00df das niemand behaupten oder in einem okkupierten Lande auch nur erwarten d\u00fcrfte, da\u00df aber jetzt Schritt f\u00fcr Schritt die Voraussetzungen einer k\u00fcnftigen demokratischen Verfassung und Verwaltung wachsen sollen, so lautet die Antwort auf die ungeduldige Frage der Welt, wo denn jetzt allenthalben die verhei\u00dfene Freiheit bleibe: auch zwischen Unfreiheit und Freiheit schiebt sich naturgem\u00e4\u00df das Stadium der Liquidation. Der Uebergang kann gar nicht von au\u00dfen, er kann einzig von innen vollzogen werden. Das Ende der Gewaltakte bedeutet erst die M\u00f6glichkeit der Freiheit, und ob sie Wirklichkeit wird, richtet sich danach, wieviel eigener Freiheitswillen in der Welt sich bildet. &#8222;Der Mensch&#8220;, sagte Jakob Burckhardt, &#8222;sobald er aus der Barbarei auftaucht, verlangt neben dem Staatswesen und der \u00d6ffentlichkeit noch ein besonderes Dasein, ein ungest\u00f6rtes Heim und einen unabh\u00e4ngigen Kreis von Gedanken und Gef\u00fchlen.&#8220;\u00a0Das ist das, was wir oben schon andeuteten. Vieles von dieser Forderung erscheint anderthalb Jahre nach dem Kriege noch als Utopie. Die Forderung jedoch ist unabdingbar, und nicht nur der Staatsmann, sondern jeder einzelne von uns sollte bei allem, was er denkt, plant und unternimmt, wie weiland Wilhelm Raabe den Fu\u00df auf der Gasse und den Blick in den Sternen haben, er sollte die Beschr\u00e4nktheiten der Stunde ebenso ber\u00fccksichtigen wie das Verlangen, da\u00df die Schranken zu einer anderen Stunde fallen m\u00fcssen, sollte im Rahmen der heutigen Bedingungen hartn\u00e4ckig dem Morgen zusteuern wollen, das andere Bedingungen kennt, und nichts tun, wof\u00fcr er sich in sp\u00e4teren Tagen nicht zu rechtfertigen w\u00fc\u00dfte, ja, er sollte, was er tut, so tun, da\u00df ihm dann das denkbar geringste Ma\u00df an Rechenschaftsbericht auferlegt werden kann. Es scheint, da\u00df hier manche Ursache heutiger Fehlschl\u00fcsse liegt. Die K\u00f6lner Parteikonferenz der SPD w\u00e4re, h\u00e4tte sie sich alle Zusammenh\u00e4nge klargemacht, vielleicht zu einem anderen Ergebnis gekommen als zu der Drohung, ihre Mitglieder aus verantwortlichen Posten zur\u00fcckzuziehen, falls sich die Politik der Besetzungsm\u00e4chte nicht \u00e4ndere. Die Politik der Besetzungsm\u00e4chte mag richtig oder falsch sein &#8211; die Politik der Parteien ist es ebenso. Das verschulden ganz einfach die Umst\u00e4nde, unter denen nach geschichtlichen Perspektiven die Hitlersche Konkursmasse liquidiert werden mu\u00df. Die &#8222;demokratische Kontrolle&#8220; der Zweizonenverwaltung, also die Entsendung von Vertretern der Parteien in die Fachaussch\u00fcsse nach der bei den bisherigen Wahlen bewiesenen St\u00e4rke, ist einer der K\u00f6lner Punkte, die definieren sollen, was unter einer &#8222;\u00c4nderung der Politik der Besetzungsm\u00e4chte&#8220; zu verstehen sei. Uns scheint hier das Pferd beim Schwanze aufgez\u00e4umt zu sein. Bei der wirtschaftlichen Vereinigung der amerikanischen und britischen Zonen handelt es sich vor allem darum, m\u00f6glichst rasch, gr\u00fcndlich und praktisch &#8211; nicht blo\u00df propagandistisch &#8211; der weiteren Verelendung entgegenzuwirken. Wenn daf\u00fcr von allen Parteien die besten M\u00e4nner pr\u00e4sentiert werden k\u00f6nnen, so wird man eines weiteren Vorzuges teilhaftig; wo nicht, mu\u00df man sich damit begn\u00fcgen, da\u00df es die besten sind. Damit f\u00e4llen wir kein Urteil \u00fcber die jetzige Besetzung der Zweizonen\u00e4mter und die Zusammensetzung der Exekutive; soweit wir sehen, hat die Sozialdemokratie auch nicht \u00f6ffentlich bekanntgegeben, wen sie als Anw\u00e4rter zu benennen ged\u00e4chte. Wir stellen daher hier nur das Prinzip fest. Wir sind dazu um so mehr berechtigt, als wir wiederholt dargelegt haben aus welchen Gr\u00fcnden das Parteileben vorl\u00e4ufig v\u00f6llig irreal ist.<\/p>\n<p class=\"tspBPlp\">Wahrscheinlich w\u00fcrde eine deutsche Gesamtregierung unter der gleichen Irrealit\u00e4t leiden, wenn sie, worauf im gro\u00dfen und ganzen das Begehren der Parteien zielt, jetzt schon gebildet w\u00fcrde. Der Vorschlag von Byrnes<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoffnungsrede\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\"> <\/a>kommt uns, ebenfalls unter dem Gesichtspunkte der Liquidation, weit realer vor, weil er den \u00dcbergangscharakter wahrt und der Vorbereitung, nicht dem Endg\u00fcltigen, dienen will. Je langsamer die Dinge sich in dieser Beziehung entwickeln, desto besser. Wenn wir nach \u00d6sterreich blicken, so erhalten wir eigentlich f\u00fcr eine Beschleunigung recht wenig Ermutigung. Es gewinnt mehr und mehr den Anschein, als trieben die Verh\u00e4ltnisse dort in einer Richtung, die an das Deutschland von 1920 erinnert; die Innsbrucker Demonstration gegen den Au\u00dfenminister Gruber gibt zu denken. Eine parlamentarisch verantwortliche deutsche Gesamtregierung sollte nicht fr\u00fcher ins Auge gefa\u00dft werden, als bis das Stadium einer Liquidation, die besser unter der vollen Autorit\u00e4t der Okkupationsm\u00e4chte erfolgt, einigerma\u00dfen \u00fcberwunden ist. F\u00fcr sie w\u00e4re ein folgenschweres Odium, was f\u00fcr die Okkupationsm\u00e4chte keines ist. Da\u00df aber jeder einzelne Schritt klug in die Bahn gelenkt wird, auf der eine klar konzipierte sp\u00e4tere Konstitution sich bewegen kann, ist andererseits unerl\u00e4\u00dflich. Im allgemeinen spricht das meiste von dem, was gegenw\u00e4rtig vorgeht, daf\u00fcr und nicht dagegen, da\u00df es so ist. Eines allerdings mu\u00df man wissen: keine Verfassung ist f\u00fcr Deutschland brauchbar, die nicht das Recht des B\u00fcrgers vor das Recht des Staates setzt. Keine Verfassung ist brauchbar, die nicht den B\u00fcrger gegen jeden staatlichen Eingriff in seine private Sph\u00e4re sch\u00fctzt. Keine Verfassung ist brauchbar, die nicht die private Sph\u00e4re (freie Wahl des Arbeitsplatzes, Eigentum, Gewerbefreiheit, Kindererziehung und so fort) genau bestimmt. Keine Verfassung ist brauchbar, die nicht die B\u00fcrgerrechte unantastbar macht und etwas \u00c4hnliches enth\u00e4lt wie die amerikanische Verfassung nach dem Zusatz von 1789: &#8222;Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einf\u00fchrung einer Religion oder die Beschr\u00e4nkung der freien Aus\u00fcbung einer solchen betrifft; auch keines, das die Rede- und Pre\u00dffreiheit oder das Recht des Volkes verk\u00fcrzen w\u00fcrde, friedliche Versammlungen abzuhalten oder bei der Regierung behufs Abstellung von Mi\u00dfst\u00e4nden vorstellig zu werden.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/der-tagesspiegel-grunder-vor-seiner-berliner-zeit-die-industrie-adenauer-die-nazis-und-die-rituelle-wahrheit-10740451.html?icid=single-topic_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zum Todestag des Tagesspiegel-Gr\u00fcnders Erik Reger \u201eNicht immer konnten wir seinen eigenwilligen Wegen folgen\u201c <\/a><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/erikreger1.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-2759587\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspBJlh\"\/> Erik Reger (1893 &#8211; 1954). Am 27. September 1945 gr\u00fcndete der Schriftsteller und Journalist mit Walther Karsch und Edwin Redslob den Tagesspiegel. Als Chefredakteur war er der geistige Kopf der Zeitung, die die freiheitlich-demokratische Pressekultur West-Berlins pr\u00e4gte. F\u00fcr seinen Roman \u201eUnion der festen Hand\u201c, in dem er die Kooperation der deutschen Industrie mit den Nazis beschreibt, hatte Erik Reger 1931 den Kleist-Preis erhalten. <\/p>\n<p class=\"tspA2ju\"> \u00a9 Tsp-Archiv <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/mechanik-der-sprachindustrie-8592367.html?icid=single-topic_3364279___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspB1mf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mechanik der Sprachindustrie Erik Regers \u201eUnion der festen Hand\u201c neu erschienen <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als vor mehr als zehn Monaten die Verhandlungen in N\u00fcrnberg begannen, griff die Verteidigung sofort die rechtliche Grundlage&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":465275,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1837],"tags":[5791,772,3364,29,37391,30,57,3783,2657,103983],"class_list":{"0":"post-465274","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nuernberg","8":"tag-adolf-hitler","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-erik-reger","13":"tag-germany","14":"tag-nationalsozialismus","15":"tag-nuernberg","16":"tag-zweiter-weltkrieg","17":"tag-zweiter-weltkrieg-und-kriegsende"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115300062035781193","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/465274","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=465274"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/465274\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/465275"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=465274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=465274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=465274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}