{"id":465678,"date":"2025-10-01T20:59:10","date_gmt":"2025-10-01T20:59:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/465678\/"},"modified":"2025-10-01T20:59:10","modified_gmt":"2025-10-01T20:59:10","slug":"schimpansen-mama-jane-goodall-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/465678\/","title":{"rendered":"\u00abSchimpansen-Mama\u00bb Jane Goodall ist tot"},"content":{"rendered":"<p>London (dpa) &#8211; Die Schimpansin Wounda kann es gar nicht erwarten, aus ihrem Verschlag herauszukommen. Als die Tierpfleger den Schieber \u00f6ffnen, schwingt sich die von einer schweren Krankheit genesene Affendame auf den K\u00e4fig und von dort an den Hals einer \u00e4lteren Dame. Kurz vor ihrer Auswilderung in die Freiheit nimmt Wounda ihre Retterin, Jane Goodall, in den Arm. Wie kaum eine andere steht die auf Film gebannte Szene f\u00fcr das Lebenswerk der Forscherin. Nun ist die \u00abSchimpansen-Mama\u00bb aus Gro\u00dfbritannien, die so viel f\u00fcr das Wohl der Menschenaffen getan hat, im Alter von 91 Jahren gestorben.<\/p>\n<p>Ihre au\u00dfergew\u00f6hnliche Beziehung zu den Menschenaffen beginnt bereits, als Goodall noch eine junge Frau ist. Als 26-J\u00e4hrige reist sie 1960 zur Erforschung einer Gruppe von Schimpansen in den heutigen Gombe-Nationalpark in Tansania. Bald schon soll sie die Sicht der Menschheit auf deren n\u00e4chsten Verwandten f\u00fcr immer ver\u00e4ndern: Als Erste erkennt Goodall bei den Affen Wesensz\u00fcge und Verhaltensweisen, die vom Menschen bekannt sind &#8211; gute wie schlechte.<\/p>\n<p>\u00abZum Gl\u00fcck war ich nicht an der Universit\u00e4t\u00bb<\/p>\n<p>\u00abDamals in den fr\u00fchen 60er-Jahren glaubten viele Wissenschaftler, dass nur Menschen einen Verstand haben, dass nur Menschen in der Lage sind, rational zu denken\u00bb, sagt sie in dem Dokumentarfilm \u00abJane\u00bb, in dem viele Aufnahmen aus der fr\u00fchen Zeit ihrer Forschung zu sehen sind. \u00abZum Gl\u00fcck war ich nicht an der Universit\u00e4t und wusste diese Dinge nicht\u00bb, f\u00fcgt sie hinzu.<\/p>\n<p>Goodall\u00a0hat ihre Position dem britisch-kenianischen Anthropologen Louis Leakey zu verdanken. Ihre Familie hat nicht das Geld, um ihr ein Studium zu finanzieren. Trotzdem will sie\u00a0ihren Kindheitstraum von einem Leben in Afrika unter wilden Tieren unbedingt wahr machen. Sie verdingt sich als Sekret\u00e4rin und Kellnerin, bevor sie zu einer ersten Reise nach Afrika aufbricht, bei der sie Leakey kennenlernt.\u00a0<\/p>\n<p>Bald wird sie Teil der Schimpansen-Gemeinschaft<\/p>\n<p>Leakey, der sich von ihren Kenntnissen und ihrer Begeisterung beeindruckt zeigte, beauftragt sie damit, eine Gruppe Schimpansen an den Ufern des Tanganijka-Sees im Norden des heutigen Tansania zu erforschen. Es ist gerade ihre Unvoreingenommenheit, in der Leakey eine St\u00e4rke sieht. Er sendet zwei weitere Frauen aus: Die 1985 in Ruanda ermordete US-Amerikanerin Dian Fossey, die Gorillas erforscht, und die in Kanada aufgewachsene Birute Galdikas, die sich auf Borneo den Orang-Utans widmet. Zusammen werden sie manchmal als die \u00abTrimaten\u00bb bezeichnet.\u00a0<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst von ihrer Mutter begleitet, trotzt\u00a0Goodall\u00a0monatelang jeder Witterung und allerlei Gefahren wie Giftschlangen, um in die N\u00e4he ihrer Forschungsobjekte zu gelangen &#8211; zun\u00e4chst vergeblich. Die Schimpansen laufen davon. Doch nach und nach gew\u00f6hnen sich die Tiere an den Anblick des \u00abfremden wei\u00dfen Menschenaffen\u00bb, wie sie sich selbst gerne nennt. Bald wird sie Teil ihrer Gemeinschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Sie gibt den Schimpansen Namen statt Nummern<\/p>\n<p>Die Methode der \u00abteilnehmenden Beobachtung\u00bb erweist sich als erfolgreicher als alles andere, was zuvor versucht worden war. Sie beinhaltet jedoch auch das F\u00fcttern mit Bananen und eine Interaktion mit den Tieren, die zu Kritik f\u00fchrt. Beispielsweise gilt es als unwissenschaftlich, den Schimpansen Namen statt Nummern zu geben.\u00a0Goodall\u00a0l\u00e4sst sich davon nicht beirren. Ihr bester Freund wird David Greybeard, ein gutm\u00fctiges m\u00e4nnliches Tier mit wei\u00df-grauem Haar am Kinn, das als erstes wagt, in ihre N\u00e4he zu kommen. Greybeard \u00f6ffnet ihr die T\u00fcr zur Erforschung der Gruppe.<\/p>\n<p>Sie beobachtet Greybeard, wie er mit einem St\u00f6ckchen in einem Termitenbau stochert und damit die Insekten f\u00e4ngt. Er pr\u00e4pariert sogar Zweige daf\u00fcr, indem er die Bl\u00e4tter abstreift. Als sie Leakey von dieser Beobachtung berichtet, telegrafiert er zur\u00fcck: \u00abJetzt m\u00fcssen wir entweder den Menschen neu definieren. Werkzeug neu definieren. Oder wir m\u00fcssen Schimpansen als Menschen anerkennen.\u00bb Bis dahin galt die Verwendung von Werkzeugen als wichtigste Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch hatte keine Ahnung von der Brutalit\u00e4t\u00bb<\/p>\n<p>Goodall\u00a0beobachtet auch z\u00e4rtliches Verhalten, Umarmungen, Ber\u00fchrungen und Trauer in Gombe. Eine verheerende Polio-Epidemie unter den Affen und sp\u00e4ter t\u00f6dliche Auseinandersetzungen zwischen den Tieren bringen jedoch Ern\u00fcchterung in die beinahe paradiesisch anmutende Welt. \u00abIch dachte, sie w\u00e4ren wie wir, aber netter als wir\u00bb, sagt\u00a0Goodall\u00a0r\u00fcckblickend und f\u00fcgt hinzu: \u00abIch hatte keine Ahnung von der Brutalit\u00e4t, die sie an den Tag legen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p>Als Inspiration f\u00fcr ihren bereits als Kind gehegten Wunsch, in der Wildnis unter Tieren zu leben, nennt sie oft die Kinderbuchreihen Doctor Dolittle und Tarzan. Scherzend sagt sie oft, sie sei entt\u00e4uscht gewesen, weil Tarzan die falsche Jane geheiratet habe. Sie selbst heiratet den niederl\u00e4ndischen Tierfilmer und Fotografen Hugo van Lawick, dessen Aufnahmen erheblich zu ihrem Ruhm beitragen. Die Ehe zerbricht nach zehn Jahren. Sp\u00e4ter heiratet sie den Direktor der tansanischen Nationalparks Derek Bryceson, der aber schon 1980 stirbt.<\/p>\n<p>Als sie erkennt, dass Schimpansen-Populationen \u00fcberall schrumpfen und ihren Lebensraum zunehmend verlieren, wendet sich Goodall dem Arten- und Umweltschutz zu. \u00abWir m\u00fcssen W\u00e4lder erhalten, die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden stoppen\u00bb, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur einmal im Interview. Mit dem Jane\u00a0Goodall\u00a0Institute baut sie ein weltweites Netz auf, mit dem sie f\u00fcr ein Umdenken wirbt. Mit Sch\u00fclern startete sie in Tansania die Aktion \u00abRoots &amp; Shoots\u00bb (Wurzeln und Spr\u00f6sslinge). Heute existieren Gruppen in zahlreichen L\u00e4ndern, die sich mit Projekten f\u00fcr eine bessere Welt engagieren.<\/p>\n<p>Auch im hohen Alter reist sie unerm\u00fcdlich um die Welt, um Menschen mit Vortr\u00e4gen und Begegnungen wachzur\u00fctteln. Als sie stirbt, ist sie gerade auf einer Vortragsreise im US-Bundesstaat Kalifornien unterwegs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"London (dpa) &#8211; Die Schimpansin Wounda kann es gar nicht erwarten, aus ihrem Verschlag herauszukommen. 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