{"id":467108,"date":"2025-10-02T10:06:12","date_gmt":"2025-10-02T10:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/467108\/"},"modified":"2025-10-02T10:06:12","modified_gmt":"2025-10-02T10:06:12","slug":"warum-deutsch-mehr-als-altmodisch-grobschlaechtig-und-haesslich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/467108\/","title":{"rendered":"Warum Deutsch mehr als \u201ealtmodisch, grobschl\u00e4chtig und h\u00e4sslich\u201c ist"},"content":{"rendered":"<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Man merkt, dass Roland Kaehlbrandt das Gro\u00dfherzogtum kennt und erlebt, wie hier \u00fcber die Sprachensituation geforscht wird. Denn gleich auf Seite 9 seines neuen Buches zitiert er eine Studie von Fernand Fehlen (\u201eUne enqu\u00eate sur la marche linguistique multilingue en profonde mutation. Luxemburgs Sprachmarkt im Wandel von 2009\u201c), in der zu lesen war, dass Deutsch \u201eals die altmodischste, grobschl\u00e4chtigste und h\u00e4sslichste der vier Sprachen angesehen\u201c wird. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">F\u00fcr den vielsprachigen Sprachwissenschaftler Kaehlbrandt basieren solche Einsch\u00e4tzungen auf falschen Klischees. Freilich haben die Deutschen diese auch befeuert, nicht zuletzt durch Parolen und Befehle, die sie als Besatzer im Zweiten Weltkrieg verbreitet hatten. Heutzutage h\u00f6re man aus Deutschland dagegen Liedzeilen wie diese von Herbert Gr\u00f6nemeyer: \u201eDu hast jeden Raum \u2013 Mit Sonne geflutet\u201c. Dazu schreibt Kaehlbrandt: \u201eKann man ber\u00fchrender das Strahlen beschreiben, das uns erfasst und umf\u00e4ngt, wenn ein geliebter Mensch den Raum betritt? Es ist das Sprachbild \u201amit Sonne geflutet\u2018, eine ungew\u00f6hnliche Metapher, eine Syn\u00e4sthesie, die uns anr\u00fchrt: die \u00dcbertragung eines Bildes vom Wasser auf das Licht. Ein gro\u00dfer sprachlicher Einfall, traurig und sch\u00f6n zugleich.\u201c<\/p>\n<blockquote class=\"Quote_quote__blockquote__ZnzYZ\">\n<p class=\"Quote_quote__paragraph__xf2Om\">Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Der zeitgen\u00f6ssische deutsche Schriftsteller Selim \u00d6zdo\u011fan schildert in einem Kriminalroman, wie seine Helden die H\u00e4rte existentieller Entscheidungen sp\u00fcren: \u201eDie Wahrheit kommt selten serviert auf einem Goldtablett.\u201c, \u201eWer will, der findet Wege. Wer nicht will, der findet Gr\u00fcnde.\u201c oder: \u201eMir war klar, dass der Weg lang gewesen war, ich es aber trotzdem nicht weit gebracht hatte.\u201c <\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Nach Kaehlbrandt macht die deutsche Sprache Abstriche bei der Sch\u00f6nheit, erm\u00f6glicht aber mit den Kombinationsfreiheiten die einfache Sch\u00f6pfung neuer W\u00f6rter. \u201eWenn romanische Sprachen angenehmer im Klang wahrgenommen werden, so sind sie andererseits gedr\u00e4ngt, komplexe Begriffe aufzuspalten: aus Liebeslabyrinth wird im Franz\u00f6sischen \u201ale labyrinthe de l\u2019amour\u2018.\u201c <\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Indes m\u00fcsse die Freiheit der Wortbildung nicht durch einen Mangel an klanglicher Sch\u00f6nheit erkauft werden. Denn die \u201asch\u00f6pferische Sch\u00f6nheit\u2018 kann \u00fcberwiegen und, so Kaehlbrandt, zur klanglichen Sch\u00f6nheit werden. Man denke an Wortsch\u00f6pfungen wie Traumgl\u00fcck, Nebelglanz, Wolkendunst oder Waldesnacht. \u201eSch\u00f6nheit f\u00fcr den Verstand und sch\u00f6ner Klang verschmelzen hier zu einer Einheit\u201c. Schade indes, dass manche W\u00f6rter inzwischen gar nicht mehr verwendet werden, darunter \u201eAbendglanz\u201c. Wir finden den Begriff in der \u201eItalienischen Reise\u201c von Goethe, an einer Stelle, an der sich ein Schiff einem Felsen n\u00e4herte, \u201ew\u00e4hrend \u00fcber das Wasser hin noch ein leichter Abendglanz verbreitet lag\u201c. <\/p>\n<p>Leinenrhythmen, Lichterkettenl\u00f6schen, Perlmuttergeb\u00e4rden<\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Goethe war ein Meister der Wortbildungen. Auch in den Gedichten der luxemburgischen Poetin Chris Lauer (\u201eGut verr\u00e4umte Sternschnuppen\u201c) finden wir neue Sch\u00f6pfungen: Leinenrhythmen, Lichterkettenl\u00f6schen, Perlmuttergeb\u00e4rden, Basilienprallheit. Lauer bringt damit ganz neue Begriffe in die deutsche Sprache ein; zugleich f\u00f6rdern sie die besondere Anmutung ihrer Dichtung. Lauer ist ein gro\u00dfes Talent, das in Deutschland leider noch nicht entsprechend wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/kultur\/chris-lauer-wie-verfasst-man-eigentlich-ein-gedicht\/71548583.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__e_L1I RelatedTeaser_related-teaser--image__OcaQp read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"71548583\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Chris Lauer, wie verfasst man eigentlich ein Gedicht?<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Zur\u00fcck zu Goethe: Er erfand auch Adjektive, etwa: freundfeierlich, wonneschaurig und wellenschimmernd. \u201eAlle drei erz\u00e4hlen f\u00fcr sich allein je eine besondere Geschichte\u201c, schreibt Kaehlbrandt, \u201evon Freundschaft und Gel\u00fcbden, vom Reiz des Schaurigen und vom Schimmern des Lichts auf dem Wasser\u201c. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Stefan Zweig f\u00fchrte neue Verben in die deutsche Sprache ein, und zwar gleich \u00fcber 1.000 St\u00fcck (!), darunter: entgegenblauen, aufrauschen, emporzacken, aufsteigern, wegfl\u00fcchten. Die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts Anne Bohnenkamp-Renken sagt: \u201eSprache kann Bilder in unserem Kopf erzeugen, die nicht direkt aus der empirischen Wahrnehmung stammen. Das ist der Grund, warum Literatur so wichtig ist.\u201c <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/kultur\/poznennoe-luxemburgisch-ist-eine-charmante-aber-auch-verhexte-sprache\/93074430.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__e_L1I RelatedTeaser_related-teaser--image__OcaQp read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"93074430\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Poznenn\u00f6, Luxemburgisch ist eine charmante, aber auch verhexte Sprache<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Variabel ist im Deutschen auch der Satzbau. Man denke an Joseph Roth, der im \u201eRadetzkymarsch\u201c eine n\u00e4chtliche Szene zeichnet: \u201eSilbern im Mondlicht schimmerte die Stra\u00dfe.\u201c Genial! In der Alltagssprache w\u00fcrde man sagen: \u201eDie Stra\u00dfe schimmerte im Mondlicht silbern.\u201c Es sind die beiden Voranstellungen \u2013 regul\u00e4r w\u00e4re nur eine einzige \u2013, die der Szene die Farbe geben, sie ausmalen, gest\u00fctzt durch das sch\u00f6ne Verb \u201eschimmern\u201c. F\u00fcr Kaehlbrandt ist das \u201eeine nur durch Sprache gestaltete Stimmung\u201c. <\/p>\n<p>Von Mundarten bis zum Vulg\u00e4ren<\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Auch Reim und Metrik k\u00f6nnen, klug eingesetzt, die Intensit\u00e4t der Sprachverarbeitung steigern und die Wirkung des Sch\u00f6nen beg\u00fcnstigen. Kaehlbrandt schreibt \u00fcber und zitiert aus modernen Poetry-Slams, \u00fcber die er nicht die Nase r\u00fcmpft, sondern sch\u00e4tzt. Er lobt Julia Engelmann, die von Literaturkritikern gerne links liegen gelassen wird. Engelmann schreibt in einem Gedicht an ihre Eltern: \u201eIhr seid mein Ursprung, mein Vertrauen \/ meine Insel und mein Schatz, mein Mund formt euer Lachen, \/ mein Herz schl\u00e4gt euren Takt.\u201c <\/p>\n<p>Roland Kaehlbrandt: \u201eVon der Sch\u00f6nheit der deutschen Sprache, eine Wiederentdeckung\u201c, M\u00fcnchen 2025, 320 Seiten.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Paragraph_paragraph__LYN3_ Paragraph_paragraph--default-lg-default__MAMO6 articleParagraph\">Kaehlbrandt bereitet all das und noch einiges mehr \u2013 das deutsche Lied, die Fasslichkeit der Wissenschaftssprache, bewegende Reden, die Mundarten, das Vulg\u00e4re \u2013 wunderbar auf; er ist ein Sprachkenner und zugleich Sprachvirtuose. Seine empfehlenswerten B\u00fccher (zuvor: \u201eDeutsch \u2013 eine Liebeserkl\u00e4rung\u201c) sind in einem Stil geschrieben, der sie nicht nur lesbar, sondern sch\u00f6n macht. Im Jahr 2023 war Kaehlbrandt bei der \u201eNacht der Sprachen\u201c in der Abtei Neum\u00fcnster, das volle Haus bejubelte ihn; das neue Buch bietet dem Institut Pierre Werner die Gelegenheit einer Wiederentdeckung. Das w\u00e4re: sch\u00f6n!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/kultur\/richtung22-guillaume-will-doch-nur-weglaufen\/94094560.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__e_L1I RelatedTeaser_related-teaser--image__OcaQp read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"94094560\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Richtung22: \u201eGuillaume will doch nur weglaufen\u201c<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Man merkt, dass Roland Kaehlbrandt das Gro\u00dfherzogtum kennt und erlebt, wie hier \u00fcber die Sprachensituation geforscht wird. 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