{"id":468509,"date":"2025-10-02T22:44:11","date_gmt":"2025-10-02T22:44:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/468509\/"},"modified":"2025-10-02T22:44:11","modified_gmt":"2025-10-02T22:44:11","slug":"europa-labour-parteitag-starmers-dilemma-ipg-journal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/468509\/","title":{"rendered":"Europa: Labour-Parteitag: Starmers Dilemma | IPG Journal"},"content":{"rendered":"<p>Keir Starmer versteht es, die Weltpolitik nach London zu holen. Sei es Europas Zukunft, der Krieg in der Ukraine oder der geschickte Einsatz des K\u00f6nigshauses, um den selbsternannten Monarchen aus Washington zu bes\u00e4nftigen: Auf dem au\u00dfenpolitischen Parkett macht dem britischen Premier kaum jemand etwas vor, wie inzwischen selbst Kritiker einr\u00e4umen. Innenpolitisch jedoch stand der Labour-Chef zuletzt erstaunlich schwach da. Sein erstes Regierungsjahr, gepr\u00e4gt von handwerklichen Fehlern und einer f\u00fcr viele Beobachter unglaublichen Ignoranz gegen\u00fcber den eigenen W\u00e4hlergruppen, quittierten die Briten mit miserablen Zustimmungswerten. Vor dem Parteitag in Liverpool rieben sich viele Genossen die Augen: Wie konnte man den Vertrauensvorschuss eines fulminanten Wahlsiegs und das politische Gewicht einer absoluten Mehrheit im Unterhaus derart verspielen?<\/p>\n<p>Ein Kommunikationsvakuum in der Downing Street nutzte Starmers gr\u00f6\u00dfter Widersacher, der Brexit-Veteran und Reform UK-Chef Nigel Farage, wochenlang m\u00fchelos aus. So stiegen nicht nur seine eigenen Beliebtheitswerte, sondern es verst\u00e4rkte sich auch der Eindruck, die britische Gesellschaft neige zu seinen Positionen in Fragen von Asyl, Migration und Integration. Farages Agitation f\u00fcr eine gnadenlose \u201eRe-Migrationspolitik\u201c und sein nationalistischer Aufruf in den sozialen Medien, die englische Flagge gegen vermeintliche Feinde zu verteidigen, fielen auf fruchtbaren Boden. Dieser war von ehemaligen Tory-Gr\u00f6\u00dfen wie Priti Patel oder Suella Braverman jahrelang vorbereitetet worden.<\/p>\n<p>Die Grenzen dessen, was \u00fcber Gefl\u00fcchtete und andere Minderheiten \u00f6ffentlich gesagt werden konnte, hatten sich bereits unter den konservativen Regierungen weit ins rechtspopulistische Lager verschoben. Doch auch unter den Sozialdemokraten wirbt inzwischen eine Gruppe von Abgeordneten unter dem Banner von Blue Labour\u00a0f\u00fcr die \u00dcbernahme des kompromisslosen d\u00e4nischen Migrationskurses. Linke Parteikritiker wiederum sammelten sich kurz vor Beginn des Jahrestreffens unter einem neuen Dach namens Mainstream. In einer Art Palastrevolution forderten sie offen den bei vielen Mitgliedern beliebten B\u00fcrgermeister von Manchester, Andy Burnham.<\/p>\n<p>Unter Druck geraten, legten Starmers Spin-Doktoren wie aus dem Tiefschlaf erwacht ein nahezu perfektes Drehbuch f\u00fcr den Parteitag vor. Mit gleich drei Regierungschefs \u2013 dem Australier Anthony Albanese, dem Kanadier Mark Carney und der D\u00e4nin Mette Frederiksen \u2013 pr\u00e4sentierten sie die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der globalen progressiven Elite als eine Art Vorgruppe im Herzen von Westminster, noch bevor der Parteitag \u00fcberhaupt er\u00f6ffnet war. Das Signal war eindeutig und die Auswahl nicht von ungef\u00e4hr: Alle drei hatten sich zuletzt mit einer erfolgreichen Wahlkampagne gegen verschiedene Rechtsauslegerparteien durchgesetzt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Vor allem das Programm der d\u00e4nischen Sozialdemokraten galt den Labour-Strategen zuletzt als Nonplusultra im Kampf gegen die Extremisten.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vor allem das Programm der d\u00e4nischen Sozialdemokraten galt den Labour-Strategen zuletzt als Nonplusultra im Kampf gegen die Extremisten. Von Albanese und Carney hingegen wollte man lernen, wie sich mit einer zukunftsgerichteten, positiven Erz\u00e4hlung W\u00e4hlergruppen zur\u00fcckgewinnen lassen. Ausger\u00fcstet mit diesem geistigen Proviant verlie\u00df der Labour-Tross unter dem Motto \u201eWith a litte help of my friends\u201c die Hauptstadt Richtung Norden, um in der Stadt der Beatles die Reihen zu schlie\u00dfen und sich der britischen \u00d6ffentlichkeit als die bessere Alternative zu Reform UK zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>\u201eErinnert sich noch jemand an die Tories?\u201c, rief Starmer in den Konferenzsaal und l\u00f6ste gro\u00dfe Schadenfreude aus. Niemand glaubt mehr ernsthaft daran, dass es die Konservativen sein werden, mit denen man es in den 2026 bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen zu tun haben werde.<\/p>\n<p>Es folgte Starmers Versuch, seiner Partei wieder eine Art Programmatik zu geben, obwohl er, wie Weggef\u00e4hrten berichten, \u201eVisionen hasst\u201c. Die in Liverpool gesetzten Impulse blieben jedoch nicht ohne Widerspruch. Mit f\u00fcr ihn ungewohnt aggressiver Rhetorik griff Starmer einerseits direkt Nigel Farage an und nannte ihn einen gesellschaftlichen Spalter. Andererseits lief er damit Gefahr, das Kind mit dem Bade auszusch\u00fctten und die Reform UK-W\u00e4hler gleich mit zu beschimpfen.<\/p>\n<p>Dem Handbuch von Albanese und Carney entlehnt, setzte der Premier unter dem Parteitagsmotto \u201eRenew Britain\u201c bewusst auf eine positive Erz\u00e4hlung: gesellschaftliches Engagement, die helfende Hand des Nachbarn, die einigende Kraft des Fu\u00dfballs. Zugleich betonte er, Gro\u00dfbritannien sei nicht broken, also \u201ekaputt\u201c, wie Farage gern behaupte, sondern habe enormes Potenzial. Inkonsistent wirkte jedoch die anschlie\u00dfende Liste all dessen, was an Infrastruktur in den kommenden Jahren unter gro\u00dfen Anstrengungen und schmerzhaften finanziellen Einschnitten repariert werden m\u00fcsse \u2013 ein Widerspruch, den politische Kommentatoren sofort als Schw\u00e4che ausmachten.<\/p>\n<p>Starmer steckt in einem Dilemma: F\u00fchrt er die Partei zu weit nach rechts, wandern seine W\u00e4hler zu Reform ab, weil sie lieber das Original w\u00e4hlen. Kr\u00e4nkt er hingegen die Befindlichkeiten seiner akademisch-urbanen Anh\u00e4ngerschaft, wenden sie sich Liberaldemokraten, Gr\u00fcnen oder gar dem exkommunizierten Labour-Chef Corbyn zu. Dieses vorsichtige Austarieren der politischen Waage bleibt f\u00fcr den Juristen Starmer die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung. Nach einer stringenten Strategie wirkt das bislang nicht, eher nach blo\u00dfem Taktieren.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Starmer steckt in einem Dilemma: F\u00fchrt er die Partei zu weit nach rechts, wandern seine W\u00e4hler zu Reform ab.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Denn w\u00e4hrend seine Innenministerin Shabana Mahmoud aus dem Lager von Blue Labour in einer Rede vor dem staunenden Plenum sehr ambitionierte Versch\u00e4rfungen des Aufenthaltsrechts ausrief, die zwar den Gerechtigkeitssinn der Briten bes\u00e4nftigen sollen, einer gerichtlichen \u00dcberpr\u00fcfung aber erst noch standhalten m\u00fcssen, lie\u00df Starmer anderen Kabinettsmitgliedern in Interviews freien Lauf, um das Herz der Partei zur\u00fcckzuerobern. Ed Miliband durfte weiter die Klimaziele beschw\u00f6ren, Rachel Reeves k\u00fcndigte eine von vielen sehns\u00fcchtig erhoffte Erh\u00f6hung der Kinderfreibetr\u00e4ge an, Wes Streeting k\u00e4mpfte laut h\u00f6rbar f\u00fcr die Rechte von LGBTQI-Personen und Starmer selbst schlie\u00dflich f\u00fcr die Einhaltung der Normen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs.<\/p>\n<p>Allen Unkenrufen zum Trotz, so Starmer, seien die Briten keine rassistische, herzlose Gesellschaft. Im Plenum lie\u00df er kleine Plastikf\u00e4hnchen verteilen und beschwor \u201ebritische Werte\u201c: Mitgef\u00fchl, Anstand und Toleranz. R\u00fcckendeckung erhielt er von einer Umfrage unter mehr als 45 300 Menschen, die \u00fcber 80 Problemfelder abfragte. Demnach bereitet den B\u00fcrgern zwar vor allem die unkontrollierte Migration Sorgen, doch ebenso weit oben auf der Priorit\u00e4tenliste stehen die hohen Lebenshaltungskosten, die Energiepreise und die Wohnungsnot.<\/p>\n<p>Diese konkreten Probleme will Labour in den verbleibenden vier Jahren der Legislatur weiter angehen. Doch \u201eDeliverism\u201c, das blo\u00dfe Abarbeiten von To-do-Listen, wird breite, emotional aufgew\u00fchlte W\u00e4hlerschichten kaum bes\u00e4nftigen. Was den Menschen bislang fehlt, ist ein Bild davon, in welchem Land sie k\u00fcnftig leben sollen. Hier griff Starmer erneut auf seine Vorbilder im Commonwealth zur\u00fcck und beschwor einen \u201eprogressiven Patriotismus\u201c. Der m\u00fcsse als Vision gen\u00fcgen, denn einen \u201eStarmerism\u201c werde es mit ihm nicht geben.<\/p>\n<p>Der Labour-Tross ist zur\u00fcck in London, und Starmer sitzt wieder fester im Sattel. Der gemeinsame Feind schwei\u00dft die Partei zusammen. Endlich, so ein EU-freundlicher Delegierter, nenne Starmer Ross und Reiter und mache Farage f\u00fcr die Folgen des Brexits verantwortlich. Endlich, so andere Stimmen, habe die Partei wieder zu ihrer Seele gefunden und den offenen Rassismus klar benannt. Nach viel Kritik an seinem \u201ePolitb\u00fcro\u201c, das ihn angeblich zu sehr abgeschirmt habe, k\u00f6nne \u201eKeir wieder Keir\u201c sein.<\/p>\n<p>Eines hat Starmer deutlich gemacht: Bei den n\u00e4chsten Wahlen wird die Entscheidung zwischen ihm und Nigel Farage fallen. Diese bewusst gew\u00e4hlte Dichotomie zeigt Wirkung. In einer aktuellen Umfrage sprachen sich 45 Prozent f\u00fcr Starmer aus, nur 33 Prozent f\u00fcr Farage. Noch h\u00f6her (bei\u00a071 Prozent) liegt der Wert unter jenen W\u00e4hlern, die 2024 Labour gew\u00e4hlt hatten, der Partei zuletzt aber den R\u00fccken kehrten. Am h\u00f6chsten f\u00e4llt die Zustimmung bei denjenigen aus, die zwischenzeitlich zu Gr\u00fcnen oder Liberaldemokraten gewechselt waren: 95 Prozent.<\/p>\n<p>Im Mai 2026 stehen in Schottland und Wales Regionalwahlen an \u2013 ein entscheidender Stimmungstest f\u00fcr die Labour-Regierung. Schneidet Starmers Partei dort schlecht ab, k\u00f6nnte das seinen politischen Handlungsspielraum erheblich einschr\u00e4nken und Zweifel wecken, ob er sein Programm zur Erneuerung Gro\u00dfbritanniens bis zum Ende der Legislatur wirklich durchsetzen kann. Seine Zukunft wird also nicht auf der Weltb\u00fchne entschieden. Auf dem innenpolitischen Parkett hat er dennoch sp\u00fcrbar an Souver\u00e4nit\u00e4t gewonnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Keir Starmer versteht es, die Weltpolitik nach London zu holen. 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