{"id":469289,"date":"2025-10-03T06:01:11","date_gmt":"2025-10-03T06:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/469289\/"},"modified":"2025-10-03T06:01:11","modified_gmt":"2025-10-03T06:01:11","slug":"koeln-deutsche-hinter-dem-verdraengungsvorhang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/469289\/","title":{"rendered":"K\u00f6ln | Deutsche hinter dem Verdr\u00e4ngungsvorhang?"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6ln (dpa) &#8211; Amerikaner und Franzosen feiern ihren Nationalfeiertag mitten im Sommer, der Tag der Deutschen Einheit dagegen f\u00e4llt in den Herbst. Die Urlaubstage sind aufgebraucht, die dunkle Jahreszeit steht bevor. Das sind keine idealen Voraussetzungen f\u00fcr ausgelassene Partystimmung.\u00a0<\/p>\n<p>Und dieses Jahr ist die Gef\u00fchlslage der Nation besonders schwierig &#8211; so jedenfalls analysiert es der Psychologe Stephan Gr\u00fcnewald in seinem Buch \u00abWir Krisenakrobaten &#8211; Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft\u00bb, das am Donnerstag (9.10.) erscheint.<\/p>\n<p>Grundlage seines Buchs sind sowohl quantitative Studien des K\u00f6lner Rheingold-Instituts als auch tiefenpsychologische Interviews.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abWir stellen fest, dass seit der Corona-Zeit die Bedeutung der Jahreszeiten zugenommen hat\u00bb, sagt Gr\u00fcnewald der Deutschen Presse-Agentur. \u00abIn der Corona-Zeit war der Sommer immer eine Zeit der Befreiung, in der die Lockdowns aufgehoben wurden und man wieder nach drau\u00dfen konnte. Jetzt, angesichts von Dauerkrisen wie Ukrainekrieg und Wirtschaftsflaute, \u00f6ffnet der Sommer ein Fenster der Selbstvergessenheit. Man f\u00e4hrt in den Urlaub, schiebt die Sorgen weg, verw\u00f6hnt sich.\u00bb Und dann ist pl\u00f6tzlich der Alltag wieder da: \u00abMit dem Herbst haben wir den Einbruch der d\u00fcsteren Probleme und Drohkulissen.\u00bb<\/p>\n<p>Die Krise als Dauerzustand<\/p>\n<p>Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflation, Rezession, marode deutsche Infrastruktur &#8211; die Krise ist zum Dauerzustand geworden. Bei vielen Menschen habe das ein Gef\u00fchl der Ohnmacht erzeugt, konstatiert Gr\u00fcnewald. \u00abDas f\u00fchrt dazu, dass man sich ins private Schneckenhaus zur\u00fcckzieht und zwischen der eigenen Welt und der bedrohlichen Au\u00dfenwelt einen Verdr\u00e4ngungsvorhang spannt. Diese Minimierung des Gesichtskreises f\u00fchrt zu einer Maximierung der pers\u00f6nlichen Zuversicht.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Mehrere Umfragen, unter anderem vom Allensbach-Institut, haben es in den vergangenen Monaten gezeigt: Die pers\u00f6nliche Lage wird als eher positiv eingesch\u00e4tzt, w\u00e4hrend f\u00fcr Staat und Gesellschaft schwarzgesehen wird.\u00a0<\/p>\n<p>Als Reaktion auf die Dauerkrise setzen viele Deutsche auf die Beschw\u00f6rung einer so nicht mehr vorhandenen Normalit\u00e4t. Sie haben sich laut Gr\u00fcnewald in einer Art Nachspielzeit eingerichtet und hoffen, das Alte und Vertraute trotz aller Bedrohung noch eine Zeit lang festhalten zu k\u00f6nnen. Dies erkl\u00e4re etwa den derzeitigen Retro-Trend in Film und Fernsehen: Dort werden Geborgenheitserfahrungen der 70er und 80er Jahre recycelt. Gr\u00fcnewald glaubt: \u00abDer Blick in den R\u00fcckspiegel kaschiert eine diffuse Endzeitstimmung.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Verschanzung in der pers\u00f6nlichen Wagenburg<\/p>\n<p>Damit einhergehend diagnostiziert der Psychologe eine Verschanzung in streng abgegrenzten Meinungs-Silos. \u00abUnsere private Streitkultur ist praktisch zum Erliegen gekommen. Stattdessen &#8211; und das haben wir in vielen Tiefeninterviews geh\u00f6rt &#8211; sortieren die Menschen im Bekanntenkreis all diejenigen aus, die eine andere Meinung haben.\u00bb Das aber sei Gift f\u00fcr die Demokratie.\u00a0<\/p>\n<p>Und Stichwort Tag der Deutschen Einheit: Gr\u00fcnewald sieht die Nation in einer tiefen Verbundenheitskrise. So h\u00e4tten in einer Rheingold-Studie k\u00fcrzlich 89 Prozent der Befragten konstatiert, dass die Gesellschaft entzweit sei &#8211; von Einheit keine Spur.\u00a0<\/p>\n<p>Gr\u00fcnewald beschreibt in seinem Buch, wie sich im Zuge der Corona-Pandemie die Gesellschaft in Maskentr\u00e4ger und Maskenverweigerer, in Team Vorsicht und Corona-Relativierer aufspaltete. Aus der unsichtbaren Bedrohung wurde so ein sichtbarer Gegner \u2013 ein Muster, das sich nun in anderen Bereichen fortsetze.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abHeute spaltet sich die Wirklichkeit je nach Perspektive auf in &#8222;gr\u00fcne Spinner&#8220; und &#8222;radikale Rechte&#8220;, in SUV-Besitzer und Fahrradfahrer, in Ossis und Wessis, in Veganer und Fleischesser, in &#8222;die da oben&#8220; und &#8222;wir da unten&#8220;.\u00bb Polarisierung wirke hier wie ein verzweifelter Ordnungsversuch: \u00abSie schafft Fronten, st\u00e4rkt den inneren Zusammenhalt im eigenen Lager \u2013 und macht die andere Seite zum S\u00fcndenbock.\u00bb<\/p>\n<p>Lachender Dritter ist die AfD<\/p>\n<p>Die zentrale These in Gr\u00fcnewalds Buch ist, dass all dies zu einer \u00abgestauten Bewegungsenergie\u00bb f\u00fchrt. Die Deutschen haben demnach im Prinzip durchaus noch die erforderlichen Kraftreserven, um Probleme anzugehen und zu bew\u00e4ltigen &#8211; aber diese Energie wird nicht freigesetzt.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abDer Dauerzank in der Ampel hat das Gef\u00fchl gen\u00e4hrt, dass die Politik sich im Bruderzwist aufreibt und nicht mehr Herr der Lage ist. Und jetzt wiederholt sich das ansatzweise bei der schwarz-roten Koalition, weil man da den Eindruck hat: Die verhaken sich auch. Lachender Dritter ist die AfD.\u00bb<\/p>\n<p>Bundeskanzler Friedrich Merz und andere Politiker m\u00fcssten der Bev\u00f6lkerung nach \u00dcberzeugung von Gr\u00fcnewald ehrlich sagen, wie dramatisch die Lage etwa bei der Rentenfinanzierung oder der milit\u00e4rischen Verteidigungsf\u00e4higkeit der Bundesrepublik aussieht. Und sie m\u00fcssten ihr dann auch etwas abverlangen.<\/p>\n<p>\u00abDie B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sp\u00fcren unterschwellig, dass sie nicht immer nur Tischlein-deck-dich und Goldesel bekommen k\u00f6nnen, sondern dass irgendwann auch mal der Kn\u00fcppel aus dem Sack raus muss. Das hei\u00dft: Es wird nicht ohne H\u00e4rten abgehen.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Gr\u00fcnewald sieht also eine gro\u00dfe brachliegende Sehnsucht nach gemeinschaftsstiftendem Handeln. Das letzte Mal, dass es gelang, das zu aktivieren, war in seinen Augen die Reduzierung des Energieverbrauchs im ersten Winter des Ukrainekriegs 2022\/23.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abDa gab es ein klares, sinnvolles Ziel, zu dem jeder Einzelne beitragen konnte. Und es ging gerecht zu, weil man wusste: Der Nachbar stellt auch die Heizung niedriger, die Industrie f\u00e4hrt die Produktion runter, und die Regierung k\u00fcmmert sich derweil um LNG-Terminals.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Die Deutschen k\u00f6nnen Solidarit\u00e4t &#8211; das zeigte die Flutkatastrophe<\/p>\n<p>Einfach nur davon zu reden, dass man Deutschland zukunftsfest machen wolle, ist nach \u00dcberzeugung von Gr\u00fcnewald viel zu schwammig, um eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen. \u00abEs muss heruntergebrochen werden auf klare Projekte, mit denen eine Handlungsdirektive verbunden ist. Das ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Aber denken wir an die Flutkatastrophe von 2021: Wenn die Notwendigkeit zu solidarischem Handeln wirklich greifbar wird, dann ist enorme Kraft und Hilfsbereitschaft vorhanden.\u00bb<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcsse man daf\u00fcr erst einmal aus der Komfortzone herauskommen, und das bedeute zwangsl\u00e4ufig auch Widerstand. \u00abAber wenn man dann dabei bleibt, \u00fcberwiegt das befreiende Gef\u00fchl, dass die gestaute Energie freigesetzt wird, und man merkt: Aha, ich bin an einem gro\u00dfen Projekt beteiligt. Und dann ist man nicht nur stolz auf das Land, sondern auch auf sich selbst.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"K\u00f6ln (dpa) &#8211; Amerikaner und Franzosen feiern ihren Nationalfeiertag mitten im Sommer, der Tag der Deutschen Einheit dagegen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":469290,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[29,30,1724,1420,93,1209],"class_list":{"0":"post-469289","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-gesellschaft","11":"tag-koeln","12":"tag-literatur","13":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115308716659300128","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/469289","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=469289"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/469289\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/469290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=469289"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=469289"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=469289"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}