{"id":469724,"date":"2025-10-03T10:01:19","date_gmt":"2025-10-03T10:01:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/469724\/"},"modified":"2025-10-03T10:01:19","modified_gmt":"2025-10-03T10:01:19","slug":"anders-sein-k20-duesseldorf-zeigt-die-queere-moderne-ddorf-aktuell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/469724\/","title":{"rendered":"Anders sein: K20 D\u00fcsseldorf zeigt die \u201eQueere Moderne\u201c &#8211; Ddorf-Aktuell"},"content":{"rendered":"<p>Bitte nicht mit den Augen rollen! Die \u201eQueere Moderne\u201c in der Kunstsammlung NRW ist keine nervende Demonstration kulturpolitischer Korrektheit. Es ist vielmehr eine Schatzkammer \u2013 voll aufregender Bilder und Geschichten aus einer Zeit, als das Leben als homosexuelle K\u00fcnstler*innen noch keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. Wer in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts den Normen der Gesellschaft nicht entsprach, musste sich oft mit Geheimnissen und Gefahren arrangieren. Umso ber\u00fchrender wirkt die Ausstellung im K20.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151513\" class=\"size-large wp-image-151513\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Odysseus-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151513\" class=\"wp-caption-text\">Odysseus ist nur ein kleines Gespenst im Hintergrund. Nausikaa und ihre Gef\u00e4hrtinnen beachten nur einander auf dem erotischen Monumentalgem\u00e4lde von Ethel Walker: \u201cThe Excursion of Nausicaa\u201d (1920). Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>Wer eine Botschaft hat, braucht viele Worte. Das f\u00fchrt zu einer gewissen Textlastigkeit im Saal. Gleich am Eingang h\u00e4ngt neben Absichtserkl\u00e4rungen eine Tabelle \u00fcber \u201eQueere Netzwerke 1900 bis 1950\u201c. Ein raumhohes bedrucktes Vlies stellt Leitfragen wie \u201eKann man Diskriminierung mit Solidarit\u00e4t begegnen?\u201c oder: \u201eKann man Verb\u00fcndete in der Vergangenheit finden?\u201c Nun: Es f\u00fchlt sich so an. Starke Pers\u00f6nlichkeiten sind zu entdecken. Und dazu klingt die trotzige Stimme der schwarzen S\u00e4ngerin Gertrude \u201eMa\u201c Rainey, die 1925 wegen einer sogenannten Lesbenparty verhaftet wurde und mit einem Blues reagierte: \u201eProve It on Me\u201c, beweist es mir!<\/p>\n<p>Frau mit Stier<\/p>\n<p>Tief ins 19. Jahrhundert f\u00fchrt der Prolog. Die Franz\u00f6sin Rosa Bonheur (1822-1899) war keine unterdr\u00fcckte Seele, sondern eine der erfolgreichsten Tiermalerinnen ihrer Zeit. Sie lebte mit der Erfinderin Nathalie Micas bis zu deren Tod zusammen und verbrachte ihre reifen Jahre mit der jungen amerikanischen Kollegin Anna Klumpke, was sie \u201eeine g\u00f6ttliche Ehe\u201c nannte. Wegen der Motivsuche in Schlachth\u00e4usern hatte Madame Bonheur eine Sondergenehmigung, M\u00e4nnerkleidung zu tragen. Ganz nach ihrem Geschmack. 1908 ver\u00f6ffentlichte Gef\u00e4hrtin Anna eine Art posthumer Autobiografie von Rosa Bonheur mit dem Zitat: \u201eIn Wirklichkeit interessiere ich mich, was m\u00e4nnliche Wesen anbelangt, nur f\u00fcr die Stiere, die ich male.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151512\" class=\"size-large wp-image-151512\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Stier-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151512\" class=\"wp-caption-text\">Energischer Auftritt: die Tiermalerin Rosa Bonheur mit einem Stier auf einem Portr\u00e4t, das Edouard Dubufe 1857 von ihr malte. Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>Wie zum Beweis h\u00e4ngt da ein Portr\u00e4t von 1857, das Rosa Bonheur als energische junge Frau zeigt \u2013 mit einem pr\u00e4chtigen Bullen im Arm. Viel sp\u00e4ter, 1920, bew\u00e4hrte sich die britische Feministin Ethel Walker in der m\u00e4nnerdominierten Kunstwelt. Ihr monumentales expressives Gem\u00e4lde \u201eThe Excursion of Nausicaa\u201c, von der Tate Gallery ausgeliehen, feiert auf subtile Art die Frauenliebe. Es handelt sich um jene Szene aus der Odyssee, als der schiffbr\u00fcchige Held auf seinen Irrfahrten bei den Phaiaken eine Prinzessin namens Nausikaa trifft, die mit ihren Gef\u00e4hrtinnen am Fluss die Kleider w\u00e4scht. Odysseus ist auf diesem Bild nur eine glasige Gestalt im Hintergrund, w\u00e4hrend die nackten M\u00e4dchen einander hingebungsvoll umgarnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151511\" class=\"size-large wp-image-151511\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Quelle-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151511\" class=\"wp-caption-text\">Im Arbeitszimmer von Thomas Mann hing \u201cDie Quelle\u201d von Ludwig von Hofmann (rechts im Bild). Besucher betrachten \u201cThe Critics\u201d von Henry Scott Tuke (1927). Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>Traurige Venus<\/p>\n<p>In der Pariser Boh\u00e8me der 1920er-Jahre war es fast schon schick, queer zu leben. Die amerikanische Literatin und M\u00e4zenin Gertrude Stein (\u201eRose is a rose\u201c) und ihre Freundin Alice B. Toklas f\u00fchrten einen legend\u00e4ren Salon. Wie die Damen, von Kunst umgeben, am Kamin sitzen, zeigt der im Raum schwebende Gro\u00dfdruck eines ber\u00fchmten Fotos von Man Ray aus dem Jahr 1922. Sinnbild der \u201eSapphischen Moderne\u201c, zu der auch Romaine Brooks geh\u00f6rte, die ihre Geliebte, die russische Ausdruckst\u00e4nzerin Ida Rubinstein, 1914 als \u201eTraurige Venus\u201c malte: ein Akt am Fenster in d\u00fcsterer Nacht. 1920 folgte ein symbolistisches Bildnis der extravaganten Marchesa Luisa Casati als sch\u00f6nes bleiches Gespenst in einer Felsengrotte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151509\" class=\"size-large wp-image-151509\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Schoenheit-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151509\" class=\"wp-caption-text\">Variationen der Sch\u00f6nheit: \u201cDie traurige Venus\u201d von Romaine Brooks (links) und \u201cSpanische T\u00e4nzerinnen\u201d von Marie Laurencin (1920). Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Herren mit gleichgeschlechtlichen Neigungen waren h\u00e4ufig zaghafter in ihrem \u00f6ffentlichen Ausdruck, schlie\u00dflich wurden sie kriminalisiert und mussten mit scharfen Bestrafungen wegen \u201eUnzucht\u201c rechnen. Sehr diskret verbarg Ludwig von Hofmann 1913 die Geschlechtsteile der sch\u00f6nen J\u00fcnglinge, die nackt an einer Quelle baden. Der gro\u00dfe Erz\u00e4hler Thomas Mann, der seine homoerotischen Neigungen literarisch verarbeitete (\u201eTod in Venedig\u201c), erwarb das Gem\u00e4lde f\u00fcr sein Arbeitszimmer und nahm es in der Nazi-Zeit sogar mit ins amerikanische Exil.<\/p>\n<p>Schwarzer Narziss<\/p>\n<p>Aus Stockholm kommt ein Bild von Nils Dardel: \u201eDer sterbende Dandy\u201c, elegant gekleidet, betrauert von Freunden, h\u00e4lt noch einen Spiegel in der Hand (1918). Der schwedische Maler war 1910 ins freiz\u00fcgigere Paris gezogen, heiratete aber irgendwann, um Ger\u00fcchten zu begegnen: \u201eIch rette mich, indem ich mich aus meinen Visionen herausmale\u201c, so wird er zitiert. Im Umfeld der Harlem Renaissance in New York arbeitete derweil der schwarze Bildhauer Richmond Barth\u00e9 und k\u00e4mpfte mit Sch\u00f6nheit gegen Homophobie und Rassismus. 1929 schuf er seinen \u201eBlack Narcissus\u201c, einen schwarzen J\u00fcngling in Bronze.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151508\" class=\"size-large wp-image-151508\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Nils-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151508\" class=\"wp-caption-text\">Der schwedische Maler Nils Dardel inszenierte 1918 das Bild \u201cDer sterbende Dandy\u201d (links). Er f\u00fchrte ein Doppelleben als verheirateter Mann. Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>Etwas schwach wirken \u201eQueere Lesarten von Abstraktion\u201c, von den spirituell bewegten Schw\u00fcngen der Niederl\u00e4nderin Jacoba van Heemskerck (1915-20) bis zu den geometrischen Kompositionen, die Marlow Moss um 1954 schuf \u2013 nach Art von Mondrian. Hier und da sind die ber\u00fchmten Meister der klassischen Hetero-Moderne ein deutliches Vorbild. Das wird in der Schau nicht verborgen. Neben die roboterhafte \u201eSchwankende Frau\u201c von Max Ernst (1923) haben die Kuratorinnen die balancierende \u201ePuppe\u201c der Serbin Milena Pavovi\u0107-Barili geh\u00e4ngt (1936). Der Surrealismus lie\u00df die Geschlechterrollen kippen, (alp-)traumhaft. Ren\u00e9 Magritte malte 1928 einen Vergewaltigungsversuch als eine Art Doppelfigur (\u201eLes jours gigantesques\u201c). Die Frau wehrt sich gegen einen m\u00e4nnlichen Schatten und H\u00e4nde, die aus ihr selbst zu kommen scheinen. Der Mensch im Kampf mit dem eigenen schillernden Wesen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151507\" class=\"size-large wp-image-151507\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/QM_Puppe-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\"  \/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-151507\" class=\"wp-caption-text\">Begegnung: Die ber\u00fchmte \u201cSchwankende Frau\u201d von Max Ernst (1923) h\u00e4ngt neben der \u201cPuppe\u201d der Serbin Milena Pavlovi\u0107-Barili. Foto: bik\u00f6<\/p>\n<p>Was, wann und wo?<\/p>\n<p>\u201eQueere Moderne 1900-1950\u201c: bis 15. Februar 2026 in der Kunstsammlung NRW, Haus K20 am Grabbeplatz. Ge\u00f6ffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Tickets kosten 16 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Der reich illustrierte und mit neuen Forschungsergebnissen versehene Katalog hat 300 Seiten, ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet 39,90 Euro. www.kunstsammlung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bitte nicht mit den Augen rollen! 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