{"id":470467,"date":"2025-10-03T16:57:10","date_gmt":"2025-10-03T16:57:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/470467\/"},"modified":"2025-10-03T16:57:10","modified_gmt":"2025-10-03T16:57:10","slug":"liebe-kunst-und-geheimnisse-im-museum-ludwig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/470467\/","title":{"rendered":"Liebe, Kunst und Geheimnisse im Museum Ludwig"},"content":{"rendered":"<p class=\"initial richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eIch koche, und Merce macht den Abwasch.\u201c Das war die Antwort des Komponisten John Cage auf die w\u00e4hrend einer Podiumsdiskussion gestellte Frage nach der Art seiner pers\u00f6nlichen Beziehung zu dem Choreografen Merce Cunningham. Einer der ganz seltenen Hinweise auf die jahrzehntelange Verbindung dieser beiden Galionsfiguren der Moderne. Als Cage 1992, drei Jahre sp\u00e4ter, starb, w\u00fcnschte Cunningham, im offiziellen Nachruf sollten keinerlei Hinweise darauf fallen, dass er der hinterbliebene Lebenspartner sei. Erst als Cunningham selbst 2009 starb, war in der New York Times zu lesen: \u201eViele Jahre wussten nur wenige, dass die Beziehung zwischen Cage und Cunningham sexueller Natur war.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Im Jahr 1944, als sich die beiden K\u00fcnstler bereits seit sechs Jahren kannten, verl\u00e4sst der 1912 geborene Komponist seine Frau und wird zum Partner des 1919 geborenen Cunningham. Beide unterrichten am renommierten, sehr modernen und experimentellen Black Mountain College in North Carolina und treffen dort 1952 auf die j\u00fcngeren Studenten Robert Rauschenberg und Cy Twombly. Rauschenberg ist geschieden, beide sind seit 1951 ein Paar. Zwischen den vier K\u00fcnstlern entwickelt sich eine enge Verbindung, und insbesondere zwischen Cage, Cunningham und Rauschenberg entsteht eine faszinierende k\u00fcnstlerische Partnerschaft und kreative N\u00e4he. Als Beleg daf\u00fcr stellt das K\u00f6lner Museum Ludwig an den Beginn seiner fulminanten Schau \u201eF\u00fcnf Freunde\u201c Cages Partitur zu seinem epochalen Werk \u00fcber die Stille \u2013 Titel: 4\u201833\u2018\u2018 \u2013, Cunninghams choreografische Notizen zur \u201eSuite for Five\u201c, Rauschenbergs \u201eWhite Painting\u201c und nahezu leere Bl\u00e4tter mit nerv\u00f6sen Bleistiftspuren von Twombly in einen Dialog.<\/p>\n<p>Das Quintett wird gesprengt      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Jasper Johns\u2019 \u201eLarge White Numbers\u201c kommen hinzu. 1954 hatte er das Freundesquartett erweitert \u2013 und schlie\u00dflich auch gesprengt. Denn Johns wandte sich bald Rauschenberg zu. Twombly wiederum, der sich durch die sich intensivierende Beziehung zwischen seinem Ex und Johns an den Rand der F\u00fcnfergruppe gedr\u00e4ngt f\u00fchlte, zog 1957 nach Rom, heiratete 1959 Tatiana Franchetti und wurde wenig sp\u00e4ter Vater.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Warum wir uns mit dem Liebesleben des Quintetts befassen und nicht ausschlie\u00dflich mit den Werken \u2013 wie es Hunderte Ausstellungen \u00fcber die einzelnen Protagonisten zuvor getan haben? Yilmaz Dziewior, Direktor des K\u00f6lner Museums Ludwig und Mitinitiator dieser K\u00f6ln-M\u00fcnchner Ausstellung, erkl\u00e4rt dies mit der neuen \u201equeeren Lesart\u201c der Kunstgeschichte. Hier wird die Geschichte der f\u00fcnf Freunde neu geschrieben: Dziewior verweist auf mehr oder weniger deutliche Anspielungen und Codes in den Arbeiten, die verklausuliert die jeweiligen Liebesbeziehungen und das sexuelle Begehren thematisieren. Rauschenbergs an der Wand h\u00e4ngendes Bett von 1955 aus dem MoMA, ein Combine aus Malerei, Steppdecke und Laken, ist ein besonders klarer Hinweis. In der Ausstellung wird sichtbar, dass Zuneigung mitunter Motor k\u00fcnstlerischer Kreativit\u00e4t war. Das passt zu folgendem Zitat: \u201eJasper und ich tauschten buchst\u00e4blich Ideen aus. Er sagte: \u201aIch habe eine fantastische Idee f\u00fcr dich\u2018, und dann musste ich eine f\u00fcr ihn finden.\u201c Solcherlei gegenseitige Inspirationen gibt es Dutzende in der mit 180 Werken \u2013 Malerei, Zeichnung und Objektkunst, Fotos, Video- und Soundmaterial \u2013 reich best\u00fcckten Schau. Noch tiefer als die Ausstellung dringt der brillante Katalog in die biederen, bedr\u00fcckenden 1950er Jahre ein. Das Liebesleben des Quintetts spielte sich in dieser Zeit weitgehend unter dem Radar der \u00d6ffentlichkeit ab. Im von dem ultrakonservativen Senator Joseph McCarthy befeuerten politischen Klima der 1950er Jahre wurden Kommunisten wie Homosexuelle gleicherma\u00dfen als Bedrohung der nationalen Sicherheit betrachtet.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">W\u00e4hrenddessen starten die einzelnen Mitglieder des Quintetts durch: Der Choreograf re\u00fcssiert mit seiner Merce Cunningham Dance Company, deren musikalischer Leiter Cage wird, der seinerseits seinen Radius nach Europa ausdehnt. Cy Twombly entwickelt seine \u201eKritzeleien\u201c auf schmutzigem Wei\u00df, die an Zeichnungen und Malereien auf H\u00e4userw\u00e4nden und in Pissoirs erinnern. Kollege Donald Judd urteilte nach einem Besuch in der Leo Castelli Gallery in New York bissig: \u201eEs gibt ein paar Kleckse und ein paar Spritzer und hier und dort einen Bleistiftstrich.\u201c Rauschenberg und Johns hatten Castelli animiert, eine Galerie in seinem Wohnzimmer zu er\u00f6ffnen, die bald zum Epizentrum der New Yorker Szene und des internationalen Kunsthandels wurde. Rauschenberg zeigte dort seine \u201eCombines\u201c, Johns seine Flaggen und Zielscheiben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">All das entfaltet die Ausstellung mit herrlichen Werken. Sie kann aus dem Vollen sch\u00f6pfen: F\u00fcr das Projekt haben das M\u00fcnchner Museum Brandhorst \u2013 mit der weltweit gr\u00f6\u00dften Sammlung von Twombly-Arbeiten \u2013 und das K\u00f6lner Museum Ludwig \u2013 mit den umfangreichsten Best\u00e4nden von Rauschenberg und Johns \u2013 ihre Kr\u00e4fte geb\u00fcndelt.<\/p>\n<p>Die Durchl\u00e4ssigkeit der Kunst      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Breit dokumentiert werden neben den vielen Momenten, in denen einzelne der f\u00fcnf Protagonisten aufeinander reagierten, auch die kollektiven Produktionen: Johns und Rauschenberg haben wiederholt Kost\u00fcme und B\u00fchnenbilder f\u00fcr Cunninghams Choreografien entworfen. Was ist Kunstobjekt, was B\u00fchnenrequisit, wo endet der kreative Alltag und wo beginnt die Kunst?<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Diese Durchl\u00e4ssigkeit der Kunst thematisiert Dziewior gleich im Entree: Zu sehen sind die B\u00fchnenelemente zu Merce Cunninghams St\u00fcck \u201eWalkaround Time\u201c (1968), deren Motive Rauschenberg direkt aus einem Schl\u00fcsselwerk des 20. Jahrhunderts entlehnte: dem \u201eGro\u00dfen Glas\u201c von Marcel Duchamp. Der erfuhr mehr Zuneigung als die Hetero-Machos des Abstrakten Expressionismus, Jackson Pollock und Willem de Kooning, denen Rauschenberg mit seinem ironischen Werk Odalisk eine Spitze versetzte. Und was hielten die F\u00fcnf Freunde von Andy Warhol? Der war ihnen schlicht zu tuntig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eIch koche, und Merce macht den Abwasch.\u201c Das war die Antwort des Komponisten John Cage auf die w\u00e4hrend&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":470468,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[29,30,1420,1209],"class_list":{"0":"post-470467","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-koeln","11":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115311296372284223","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/470467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=470467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/470467\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/470468"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=470467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=470467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=470467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}