{"id":470634,"date":"2025-10-03T18:31:15","date_gmt":"2025-10-03T18:31:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/470634\/"},"modified":"2025-10-03T18:31:15","modified_gmt":"2025-10-03T18:31:15","slug":"clemens-j-setz-ich-war-trotz-allem-sehr-verlogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/470634\/","title":{"rendered":"Clemens J. Setz: \u201eIch war trotz allem sehr verlogen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer war Clemens J. Setz, bevor er wurde, was er heute ist? Preisgekr\u00f6nter Schriftsteller, einer der wichtigsten unserer Zeit. Mathematiker und Germanist, erfolgreicher \u00dcbersetzer, zuletzt mit dem Georg-B\u00fcchner-Preis 2021 und dem \u00d6sterreichischen Buchpreis 2023 geehrt. Vor 25 Jahren war der 1982 geborene Grazer ein junger, bereits unfassbar belesener Mann, der, wie er sp\u00e4ter diagnostiziert, unbedingt selbst gelesen werden wollte. Kurz vor seinem 18. Geburtstag begann er, sein Leben, seine Ansichten und Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Eine Art Tagebuch, die Setz nun unter dem Titel \u201eDas Buch zum Film\u201c ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Wesentlich darin ist unter anderem die Erinnerung, dass er schon als sehr junger Mann einen ausgepr\u00e4gten Kinderwunsch hatte. Heute ist Setz Vater einer vierj\u00e4hrigen Tochter, der er gerne vorliest. In der Kinderliteratur sei das \u201eganze Spektrum menschlicher Erfahrung gut repr\u00e4sentiert\u201c, sagt er. Bei den Erwachsenen gehe es hingegen \u201eimmer ums Trauma.\u201c Vor allem stehe weniger das Erlebnis Buch als der, der es geschrieben hat, im Vordergrund. Der Autor m\u00fcsse heute ein Vorbild sein. \u201eSo viel Mist br\u00fcllt nach unserem Geld und unserer Aufmerksamkeit, dass man wohl\u00fcberlegt entscheiden muss, wen man unterst\u00fctzt. Konsumenten- und Leserentscheidungen fallen wie mit vorgehaltener Waffe. Wenn man sich f\u00fcr ein Buch entscheidet, muss man sich auch dem Autor, der Autorin verpflichten. Der oder die muss tugendhaft in jeder Hinsicht sein. Wer ein Buch kauft, w\u00e4hlt gleichsam ein politisches Amt.\u201c<\/p>\n<p><strong>KURIER: Kauft man heute also \u201eden neuen Setz\u201c und was drin steht, ist zweitrangig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Clemens J. Setz:<\/strong> So ungef\u00e4hr. Oder man kauft die neue Caroline Wahl.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie schon ein Buch von ihr gelesen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe das neue gekauft, aber noch nicht gelesen. Aber ich finde es wunderbar, dass jemand so viel Aufmerksamkeit mit B\u00fcchern bekommt. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass die Kritiker beinahe die Verpflichtung sp\u00fcren, dagegen zu sein.<\/p>\n<p><strong>Dem KURIER hat ihr letztes Buch ganz gut gefallen.<\/strong><\/p>\n<p>Aber es gibt Diskussionen dar\u00fcber und das ist gut, dadurch wird ihr Schreiben bedeutsamer und \u00fcberzeugt Leute, die das vielleicht vorher nicht interessiert hat.<\/p>\n<p><strong>Und sie ist ein extremes Beispiel daf\u00fcr, dass Autor und Werk nicht zu trennen sind.Was man ja durchaus der KI noch entgegensetzen kann.<\/strong><\/p>\n<p>Sicher, hier kooperieren Werk und Mensch. Das ist f\u00fcr eine so junge Frau vielleicht auch nicht einfach. Kann sein, dass diese Aufmerksamkeit nicht gut f\u00fcr die Seele ist, aber sie wird stark genug sein.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht schafft die KI bald einen idealen Autor? Der auch als Mensch ideal ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es so linear verlaufen wird. Wenn man keinen Unterschied zwischen Mensch und KI mehr macht, ist der Wandel so gro\u00df, dass wir gar nichts mehr sagen k\u00f6nnen. Was hei\u00dft dann \u00fcberhaupt ein Buch lesen? Mit wem redet man denn dann \u00fcberhaupt? Dann \u00e4ndert sich viel an der Welt. Das ist einer von diesen kaum betretbaren Zukunftsr\u00e4umen, den man sich h\u00f6chstens in einem langen Roman vorstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Sie haben schon mit 18 Dostojewski und Proust gelesen. Woher haben Sie das alles gehabt? Wo waren Ihre Inspirationen als junger Mensch?<\/strong><\/p>\n<p>Bis ich 16 war, habe ich gar nicht gelesen und sa\u00df nur vor dem Computer. Dann habe ich davon Migr\u00e4ne bekommen. Ich konnte in keinen Bildschirm mehr schauen. Ich war auf kaltem Entzug und habe etwas gesucht, das mich unterhalten kann, und habe Reclamhefte gefunden. Jazz und Klavierspielen war auch cool. Es war eine R\u00fcckstufung in der Unterhaltungstechnologie. Dann hat das eine immer das n\u00e4chste inspiriert. Ich las Ernst Jandl und fand zu Friederike Mayr\u00f6cker, bei ihr las ich von Proust.<\/p>\n<p><strong>Und Marcel Proust hat Sie mit 20 unterhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Jetzt h\u00f6r ich es als H\u00f6rbuch, gelesen von Peter Mati\u0107, hinrei\u00dfend. Ich nehme es jetzt anders wahr. Mit Anfang zwanzig hat man nicht die Tiefe der Jahre.<\/p>\n<p><strong>Man kann es anders lesen. Ohne Richtig oder Falsch.<\/strong><\/p>\n<p>Als junger Mann hatte ich kein Nervensystem daf\u00fcr. Ab dem dritten Band fand ich, dass die endlosen Unsinn quatschen. Heute sehe ich das anders. Es hat f\u00fcr mich viel mehr existenzielles Aroma.<\/p>\n<p><strong>Auch Proust, der sein Leben schwer asthmakrank im Bett verbrachte, ist ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr ein Werk, das schwer vom Autor zu trennen ist. So was Schwerm\u00fctiges gef\u00e4llt einem doch als junger Mensch, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, mit dieser Reduziertheit konnte ich mich immer identifizieren. Das habe ich jetzt auch gemerkt, als ich die Tagebucheintr\u00e4ge durchgegangen bin. Von manchen Seiten habe ich alles gestrichen, bis nur ein Satz \u00fcbrig blieb. Das, was mich heute noch anspringt.<\/p>\n<p><strong>Wie finden Sie den jungen Clemens? M\u00f6gen Sie ihn?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, und ich sehe, dass viele Fragen, die er brennend ans Leben stellt, mittlerweile beantwortet worden sind.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Sein Schreien nach einem Kind, schon mit 19. Das ist lange gegangen. Meine ganzen Drei\u00dfigerjahre waren von dem Wunsch nach einem Kind gepr\u00e4gt. Ich habe das lange sublimiert in Philosophie und Schmerzmitteln.<\/p>\n<p><strong>Hat Sie etwas erstaunt am Wiederlesen Ihrer Tageb\u00fccher?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wie diszipliniert ich damals schon war. Auch beim Verwalten dunkler Familiengeheimnisse.<\/p>\n<p><strong>Stimmt eigentlich, was in Ihren Tageb\u00fcchern steht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, ich war trotz allem sehr verlogen. Das ist immer noch einer meiner D\u00e4monen.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie vom Schreiben leben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nur phasenweise. Ich mache alles m\u00f6gliche, \u00dcbersetzen, Artikel, Auftragsarbeiten, auch Mathematiknachhilfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer war Clemens J. Setz, bevor er wurde, was er heute ist? 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