{"id":471457,"date":"2025-10-04T02:15:39","date_gmt":"2025-10-04T02:15:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/471457\/"},"modified":"2025-10-04T02:15:39","modified_gmt":"2025-10-04T02:15:39","slug":"gebeine-von-roma-feierlich-beigesetzt-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/471457\/","title":{"rendered":"Gebeine von Roma feierlich beigesetzt \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Die historische Aufarbeitung an der Universit\u00e4t Leipzig schreitet voran: Am Mittwoch, dem 1. Oktober, wurden erstmalig in Deutschland drei Gebeine von Roma beigesetzt, die vor rund 150 Jahren f\u00fcr rassistische Forschungszwecke gesammelt wurden. Die feierliche Gedenkveranstaltung initiierte und geleitete der Romano Sumnal \u2013 Verband der Roma und Sinti in Sachsen e.V. mit Unterst\u00fctzung durch das Institut f\u00fcr Anatomie der Universit\u00e4t Leipzig. Die w\u00fcrdevolle Beisetzung fand dann auf dem S\u00fcdfriedhof in Leipzig statt.<\/p>\n<p>Das Institut f\u00fcr Anatomie beherbergt eine Sch\u00e4delsammlung, deren Ursprung im ausgehenden 19. Jahrhundert liegt und damals von verschiedenen Naturwissenschaftlern zusammengestellt wurde. Von den anf\u00e4nglich 1.500 Sch\u00e4deln befinden sich aufgrund der Zerst\u00f6rungen und Verluste durch die beiden Weltkriege noch rund 1.200 Sch\u00e4del im Institut. Viele stammen aus kolonialen Kontexten. Dar\u00fcber hinaus ergab eine Recherche, dass sich unter ihnen drei Gebeine von Roma befanden.<\/p>\n<p>\u201eDie Beschaffung der Gebeine, ihre Weitergabe und ihre Ausnutzung, insbesondere f\u00fcr ideologisch getriebene und verf\u00e4lschte Forschung, kann nicht als unbedacht oder naiv abgetan werden\u201c, sagt Prof. Dr. Jens-Karl Eilers in Vertretung des Rektorats der Universit\u00e4t Leipzig. Der Prorektor weist in seiner Rede auf die positiven Entwicklungen hin: \u201eEin ganz besonderes Zeichen, dass sich Dinge zum Besseren wenden, ist die Arbeit am Institut f\u00fcr Anatomie der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Dr. Martin Gericke, der die Provenienzforschung am Institut f\u00fcr Anatomie leitet, erg\u00e4nzt: \u201eEs ist f\u00fcr uns von gro\u00dfer Bedeutung, die Gebeine an ihre Herkunftsgesellschaften zur\u00fcckzugeben. Im besten Falle kann es uns gelingen, im Hier und Jetzt etwas an dem Leid zu lindern, das vor langer Zeit begangen wurde.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/368A0588b-Musiker-web-68dd1fbd47239.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-635343 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/368A0588b-Musiker-web-68dd1fbd47239.jpg\" alt=\"Musiker der Roma und Sinti Gemeinschaft begleiteten die Gedenk- und Beisetzungsfeier mit eigens daf\u00fcr komponierten St\u00fccken. Foto: Swen Reichhold\/Universit\u00e4t Leipzig\" width=\"2250\" height=\"1498\"  \/><\/a>Musiker der Roma und Sinti Gemeinschaft begleiteten die Gedenk- und Beisetzungsfeier mit eigens daf\u00fcr komponierten St\u00fccken. Foto: Swen Reichhold\/Universit\u00e4t Leipzig<br \/>\nDie Geschichte der Gebeine<\/p>\n<p>Der Naturwissenschaftler Emil Schmidt (1804-1876) hatte die Sch\u00e4del zu seinen Lebzeiten vom niederl\u00e4ndischen Mediziner Jan van der Hoeven (1801-1868) gekauft. Wie sie jedoch zu van der Hoevens gelangten, l\u00e4sst sich nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist jedoch, dass die Gebeine \u00fcber Generationen hinweg in verschiedenen Instituten aufbewahrt wurden. Im historischen Katalog von Emil Schmidt sind die drei Sch\u00e4del in einem Kapitel unter dem \u201eZ\u201c-Wort aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Neben Abmessungen und Beschreibungen anatomischer Merkmale ist dort zu lesen, dass es sich bei den Verstorbenen um drei erwachsene M\u00e4nner handelt: Bei der ersten Person ist Gro\u00dfwardein, das heutige Oradea, Rum\u00e4nien, als Herkunft angegeben. Die Gebeine der zweiten circa 75 Jahre alten Person wurden im Jahr 1865 in einem Krankenhaus in Bukarest, Rum\u00e4nien, entwendet. \u00dcber die Herkunft der dritten Person ist nur bekannt, dass ihre Gebeine durch die Pl\u00fcnderung eines Roma-Grabes angeeignet wurden.<\/p>\n<p>Mit diesen wenigen vorhandenen Informationen war eine Ahnenforschung unm\u00f6glich. Schlussendlich verst\u00e4ndigten sich die Wissenschaftler\/-innen mit dem Verband der Roma und Sinti darauf, die Gebeine in Leipzig zu bestatten. An die Verstorbenen erinnert jetzt ein k\u00fcnstlerisch gestalteter Gedenkstein auf dem Areal der denkmalgesch\u00fctzten Grabst\u00e4tte der Leipziger Sinti-Familie Franz. \u201eDie Gedenkfeier und Beisetzung sind ein wichtiger Teil unserer Bestrebungen, den Verstorbenen eine angemessene letzte Ruhest\u00e4tte zu erm\u00f6glichen\u201c, betont Prof. Dr. Martin Gericke.<\/p>\n<p>\u201eDiese Beisetzung ist ein historischer Moment\u201c, erkl\u00e4rt Gjulner Sejdi, Vorsitzender von Romano Sumnal -Roma und Sinti in Sachsen. \u201eZum ersten Mal werden in Deutschland Gebeine von Roma, die in wissenschaftlichen Sammlungen missbraucht wurden, \u00f6ffentlich bestattet. Damit \u00fcbernimmt Leipzig Verantwortung und macht einen oft \u00fcbersehenen Teil der Geschichte sichtbar.\u201c<\/p>\n<p>Zugleich betonen die Wissenschaftler:innen und der Verband die Notwendigkeit, die Provenienzforschung weiterzuf\u00fchren \u2013 auch wenn diese sehr aufw\u00e4ndig ist und nicht zwangsl\u00e4ufig zum Ziel f\u00fchrt. \u201eNur durch die Aufarbeitung der Herkunftsgeschichten kann Verantwortung \u00fcbernommen und historisches Unrecht aufgearbeitet werden\u201c, sagt Gericke.<\/p>\n<p>An der Gedenkveranstaltung nahmen neben den Vertreter\/-innen der Universit\u00e4t Leipzig und des Romano Sumnal auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, der Beauftragte der Bundesregierung gegen Antiziganismus und f\u00fcr das Leben der Sinti und Roma, die Botschafterin Rum\u00e4niens sowie Vertretungen der Stadt Leipzig und s\u00e4chsischen Staatsregierung teil.<\/p>\n<p>Die Provenienzforschung am Institut f\u00fcr Anatomie<\/p>\n<p>Das langfristige Ziel der <a href=\"http:\/\/www.uniklinikum-leipzig.de\/einrichtungen\/anatomie\/forschung\/forschungsarbeiten\/provenienzforschung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Provenienzforschung<\/a> am<a href=\"http:\/\/www.uniklinikum-leipzig.de\/einrichtungen\/anatomie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Institut f\u00fcr Anatomie der Universit\u00e4t Leipzig<\/a> ist, die Sch\u00e4delsammlung vollst\u00e4ndig aufzul\u00f6sen. Daf\u00fcr startete im Jahr 2024 eine umfangreiche Recherche der s\u00fcdamerikanischen und afrikanischen Sch\u00e4del der Sammlung, welche letztendlich zur Repatriierung \u2013 durch das Auffinden von Ansprechpersonen in den einzelnen Herkunftsl\u00e4ndern \u2013 f\u00fchren soll.<\/p>\n<p>Das Projekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste f\u00fcr zwei Jahre gef\u00f6rdert.<a href=\"http:\/\/www.uni-leipzig.de\/newsdetail\/artikel\/zeremonielle-bestattung-von-19-totenschaedeln-in-new-orleans-usa-2025-06-06\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Erst im Juni 2025 wurden 19 menschliche \u00dcberreste der Sammlung in New Orleans, USA, \u00fcbergeben.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die historische Aufarbeitung an der Universit\u00e4t Leipzig schreitet voran: Am Mittwoch, dem 1. 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