{"id":472561,"date":"2025-10-04T12:45:16","date_gmt":"2025-10-04T12:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472561\/"},"modified":"2025-10-04T12:45:16","modified_gmt":"2025-10-04T12:45:16","slug":"ukraine-besucher-unter-beschuss-bei-luftalarm-bleiben-noch-15-minuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472561\/","title":{"rendered":"Ukraine-Besucher unter Beschuss: Bei Luftalarm bleiben noch 15 Minuten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Gruppe von Deutschen zu Besuch in Kiew: eine Stadt unter Beschuss, sechsmal Luftalarm am Tag. Die Route der Drohnen m\u00fcssen auch sie st\u00e4ndig verfolgen. \u00dcber eine Stadt, die standh\u00e4lt, und das, was ihr im nahenden Winter droht. <\/strong><\/p>\n<p>Der Ton der Sirene dringt durch die Luft. Eine sp\u00e4rlich beleuchtete Seitenstra\u00dfe in Kiews Innenstadt, h\u00fcbsche Altbauten und Kopfsteinpflaster. Pl\u00f6tzlich aber beherrscht dieser schnarrende, ausgedehnte Ton alles. Er schwillt an, sinkt ab, schwillt wieder an. Die Gruppe, die eben noch plaudernd durch den Nieselregen lief, bleibt stehen. F\u00fcnf Handys springen an, senden denselben Ton, lauter, aggressiver: Luftalarm. F\u00fcnffach beschw\u00f6rt eine Stimme aus den Telefonen, sofort den n\u00e4chsten Schutzraum aufzusuchen, die Bedrohung nicht zu ignorieren. &#8222;Deine Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung macht dich verletzlich.&#8220;<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/5978728956209252777.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Die russischen Drohnen kommen meist aus dem Norden. Flakscheinwerfer suchen den Himmel ab.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/5978728956209252777.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Die russischen Drohnen kommen meist aus dem Norden. Flakscheinwerfer suchen den Himmel ab.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: privat)<\/p>\n<p>Kiew ist nicht Frontn\u00e4he. Was auch immer die Russen T\u00f6dliches in den Himmel schicken, es wird eine Weile unterwegs sein, um die Hauptstadt zu erreichen. Meldet die Luftwaffe hier Alarm, bleibt den Menschen in etwa eine Viertelstunde, um den Schutzraum aufzusuchen. Wenig Zeit, wenn man Kinder wecken, anziehen und zur n\u00e4chsten Metrostation laufen muss. Viel Zeit im Vergleich zu Charkiw, weiter \u00f6stlich gelegen: Dort k\u00f6nnen die ersten Geschosse nach 45 Sekunden Sirene einschlagen. <\/p>\n<p>Jede Nacht im Luftschutzkeller? Geht nicht.<\/p>\n<p>Es ist nicht der erste Alarm in Kiew an diesem Tag. Rechnet man alle seit Beginn der russischen Vollinvasion zusammen, so haben die Hauptst\u00e4dter in diesem Krieg anderthalb Monate im Luftschutzkeller gesessen. Wie sehr Russlands Luftattacken das ganze Land zerm\u00fcrben? Anderthalb Monate im Luftschutzkeller k\u00f6nnen eine Antwort auf diese Frage geben. <\/p>\n<p>Schickt Putins Armee Kampf-Drohnen gegen Kiew, dann erreichen sie von Norden aus die Stadt. Dann f\u00e4rbt sich der Himmel dort orange vom Licht der suchenden Flakscheinwerfer. <\/p>\n<p>Drei Drohnen sind es diesmal, und der Luftschutzkeller im Hotel ist bald erreicht. Ein aus russischer Sicht v\u00f6llig nebens\u00e4chlicher Angriff, kosteng\u00fcnstig, ohne Aufwand. Aber Sirene und Hunderttausende Warn-Apps springen an. Mit einem Schlag sind in der 3,6-Millionen-Metropole alle wach, die f\u00fcr ihr eigenes \u00dcberleben, vielleicht auch noch f\u00fcr die Sicherheit von Partnern und Kindern, Verantwortung tragen. <\/p>\n<p>Lie\u00dfe sich das durchhalten? Jede Nacht bei Alarm im Keller Schutz zu suchen, in die Tiefgarage oder gar bis zur U-Bahn-Station zu laufen? Klares Nein. K\u00f6rperlich auf Dauer nicht zu stemmen. Abw\u00e4gen ist also ein Muss. Viele Kiewer nutzen die Hinweise von Milit\u00e4rbloggern. Via Telegram verbreiten diese in Windeseile und detailliert, aus welcher Richtung die russischen Waffen einfliegen, sp\u00e4ter dann, \u00fcber welchen Stadtteilen sie kreisen. Scheint die Gefahr entfernt genug, verzichten viele auf den Schutz unter Tage. <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-04-112128.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Die t\u00f6dlichen Luftwaffen erreichen Kiew auch in dieser Nacht aus dem Norden\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-04-112128.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Die t\u00f6dlichen Luftwaffen erreichen Kiew auch in dieser Nacht aus dem Norden<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Ukrainische Luftwaffe, Screenshot)<\/p>\n<p>&#8222;300 Menschenleben haben die Luftangriffe auf Kiew gekostet&#8220;, seit im Februar 2022 Russland seine Vollinvasion begann. &#8222;30 der Toten waren Kinder.&#8220; So bilanziert Vitali Klitschko die vergangenen dreieinhalb Jahre. Kiews B\u00fcrgermeister will ein paar Botschaften loswerden, wenn deutscher Besuch ins Rathaus kommt. Die Gr\u00fcnen-Vorsitzende Franziska Brantner ist mit dem Nachtzug aus Polen angereist und trifft den Ex-Boxstar in seinem B\u00fcro. <\/p>\n<p>1800 Mal heulte die Sirene in den vergangenen 12 Monaten durch die Stadt, laut Klitschko. Macht im Durchschnitt f\u00fcnf Mal Alarm in 24 Stunden. Wie das den Tag zerrei\u00dft, sp\u00fcrt die Delegation um die Politikerin gerade selbst. <\/p>\n<p>Schl\u00e4gt die Warn-App an, heult die Sirene, dann m\u00fcssen auch die Deutschen ab diesem Moment die Flugroute der russischen Waffen in den Blick nehmen. Ein erfahrener Kollege verfolgt die Milit\u00e4r-Kan\u00e4le und bringt die Gruppe immer wieder auf den neuesten Stand. <\/p>\n<p>Wo ist der n\u00e4chste Schutzraum?<\/p>\n<p>Sind es &#8222;nur&#8220; Drohnen oder schicken die Russen Marschflugk\u00f6rper und ballistische Raketen hinterher? Die w\u00e4ren f\u00fcr die Flugabwehr die weitaus gr\u00f6\u00dfere Herausforderung. Erlaubt also die momentane Gefahrenlage eine Fahrt durch die Stadt zum n\u00e4chsten Termin? Kann der Gespr\u00e4chspartner \u00fcberhaupt zum Treffpunkt kommen? Falls sich die Lage versch\u00e4rft: Wo w\u00e4re entlang der Strecke der n\u00e4chste Schutzraum? \u0423\u041a\u0420\u0418\u0422\u0422\u042f \u2013 so schreiben die Kiewer das englische Shelter in Kyrillisch auf die Schilder, die an vielen H\u00e4userecken den Weg zum n\u00e4chsten Schutzkeller weisen. <\/p>\n<p>Russland skaliert seine Luftangriffe auf das zivile Leben, das l\u00e4sst sich in Kiew hautnah erfahren, und es l\u00e4sst sich auch statistisch belegen. Schaffte die Kreml-Armee im Juni noch maximal 500 Attacken in einer Nacht, so meldet der ukrainische Generalstab in manchen N\u00e4chten nun bis zu 800. Mit dem Ausbau der eigenen Produktion f\u00fcr Kampfdrohnen sch\u00f6pfen die Russen aus dem Vollen. <\/p>\n<\/p>\n<p>Alle paar Tage setzen sie eine Armada an t\u00f6dlichen Flugk\u00f6rpern frei. Im Schwarm, um die ukrainische Fliegerabwehr zu \u00fcberfordern. Gelingt das, dann dringen parallel dazu schlagkr\u00e4ftige Raketen durch den Schutzschirm. Eine H\u00e4userruine nahe des Zentrums zeugt davon, wie im Sommer eine ballistische Rakete senkrecht die neun Geschosse eines Wohnblocks durchschlug, bis hinunter in den Keller. Dort hatten die Bewohner Schutz gesucht. 23 starben. <\/p>\n<p>Was ein russischer Treffer bedeutet, wird derzeit an vielen Orten sichtbar. Eine Drohne knallte in ein Mehrfamilienhaus, erst am letzten Wochenende: Zwar sind alle geborstenen Fenster schon mit Spanplatten verrammelt, viele Tr\u00fcmmer wegger\u00e4umt. Das schwarze Loch jedoch wird noch lange in der Fassade klaffen und die Fotos, Blumen und Kuscheltiere an der Hauswand aufgereiht zeugen vom Alter des M\u00e4dchens, das hier vor sieben Tagen zu Tode kam: Olexandra, zw\u00f6lf Jahre. <\/p>\n<p>Auf dem Handy-Video: ein Tr\u00fcmmerhaufen<\/p>\n<p>Noch halten die Kiewer stand. Caf\u00e9s und Bars scheinen gut besucht und die Zeit bis zur n\u00e4chtlichen Ausgangssperre wird gemeinsam genutzt. Eine junge Mutter berichtet, der geplante Umzug ihrer Familie finde leider nicht statt, weil das neue Haus, fast fertig renoviert, letzten Sonntag unter einer Drohne zusammenbrach. <\/p>\n<p>&#8222;Wir wohnten dort noch nicht, weil der Tischler mit der K\u00fcche nicht vorankam&#8220;, erz\u00e4hlt sie. &#8222;W\u00e4re er schneller gewesen, dann w\u00e4ren wir jetzt vermutlich tot.&#8220; Sie zeigt das Handy-Video, das ihr Mann auf Instagram gepostet hat: ein Tr\u00fcmmerhaufen, wo vor einer Woche noch das Haus stand. <\/p>\n<p>Trotzdem geht die junge Frau zur Arbeit. Weitermachen, standhalten, das ist die Maxime. Doch wird diese Haltung, die der russischen Zerst\u00f6rungswut trotzt, auch den kommenden Winter \u00fcberstehen? <\/p>\n<p>Licht ging schon oft aus. Werden bald die ersten erfrieren? <\/p>\n<p>&#8222;Die Hauptbedrohung f\u00fcr die n\u00e4chsten Monate kommt aus der Luft&#8220;, best\u00e4tigt Franziska Brantner nach 48 Stunden und vielen Gespr\u00e4chen in Kiew. &#8222;Die russische Strategie richtet sich jetzt auch stark darauf aus, die Gasinfrastruktur lahmzulegen. Die hatte man bislang noch nicht so im Visier. Darum ging in Kiew schon oft das Licht aus, aber die Menschen mussten nicht erfrieren.&#8220;<\/p>\n<p>Die gr\u00fcne Energieexpertin bef\u00fcrchtet, dass dieser Winter anders wird &#8211; und Fachleute vor Ort teilen die Sorge. Denn f\u00fcr die Ukraine ist Gas die Heizquelle schlechthin. &#8222;Die russische Seite wei\u00df genau, wo zum Beispiel die entscheidenden Verdichterstationen stehen. Sie hat das Netz zu Zeiten der Sowjetunion selbst geplant.&#8220; <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-04-112018.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Die russischen Luftschl\u00e4ge einer Nacht - Kiew kommt dabei noch gut weg\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-04-112018.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Die russischen Luftschl\u00e4ge einer Nacht &#8211; Kiew kommt dabei noch gut weg<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Ukrainische Luftwaffe, Screenshot)<\/p>\n<p>Zu den Attacken auf die Gasversorgung kommen Angriffe auf das Stromnetz. Die gab es auch in den vergangenen Wintern und meist konnte man die Sch\u00e4den gut \u00fcberbr\u00fccken. &#8222;Inzwischen gehen die Russen jedoch viel gezielter und massiver vor. So dass im Zweifel das ganze Netz zusammenbricht und &#8211; wie diese Woche &#8211; 300.000 Menschen ohne Strom sind.&#8220; Wenn dann auch die Option wegf\u00e4llt, das Trinkwasser frostfrei zu halten, drohen bei Temperaturen unter Null massenweise Leitungen zu platzen. <\/p>\n<p>Vitali Klitschko wei\u00df, was die Stadt in diesem Winter erwartet. \u00d6ffentlich anmerken l\u00e4sst er sich das nicht. &#8222;Kiew ist gut vorbereitet&#8220;, sagt er f\u00fcr die deutschen Journalisten, &#8222;auch auf schlimme Szenarien&#8220;. Brantner hat allerdings auch den ukrainischen Au\u00dfenminister getroffen. Andrij Sybiha klingt anders als Klitschko, auch \u00f6ffentlich. Er fordert sofortige Energiehilfe, das Land brauche konkret auch &#8222;zus\u00e4tzliche Energiemengen&#8220;, um den vierten Kriegswinter zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Denn die Russen haben auch die Waffen verbessert, mit denen sie die Infrastruktur attackieren. Die &#8222;Financial Times&#8220; berichtet von neuer Software f\u00fcr bestimmte Typen von Kinschaal und Iskander. Sie l\u00e4sst die Raketen demnach Man\u00f6ver fliegen, die Abwehrsysteme in die Irre f\u00fchren. <\/p>\n<p>So k\u00f6nnte der Kreml in diesem Winter das schaffen, was ihm im Vergangenen noch nicht gelang: eine Fl\u00fcchtlingsbewegung Richtung Westen in Gang zu setzen, wenn die Gefahr droht, dass vor allem die Schw\u00e4chsten &#8211; Kinder, Kranke, Alte &#8211; einen frostigen Winter ohne Heizung nicht \u00fcberstehen. Brantner forderte schon vor ihrer Reise mehr Hilfe aus Deutschland f\u00fcr die Ukraine. 48 Stunden Kiew lassen diese Forderung vehementer werden: Finanzielle Hilfe, Luftverteidigung, aber auch mehr Zusammenarbeit mit deutschen Energieversorgern, die den Ukrainern nicht nur im ersten Kriegswinter vielfach zur Seite standen. <\/p>\n<p>Als die Gruppe um die Gr\u00fcnen-Chefin kurz vor Mitternacht den Zug Richtung Polen besteigt, hat die Alarm-App gerade Entwarnung gegeben. Der sechste russische Luftschlag des Tages ist abgewehrt, der Zug kann ohne Gefahr die Hauptstadt verlassen. 300 Drohnen, 17 Marschflugk\u00f6rper und acht ballistische Raketen wird die Bilanz dieser ukrainischen Nacht sein. Und ein leises Aufatmen, als der Zug mit den deutschen Kiew-Besuchern am Morgen die Grenze nach Polen passiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Gruppe von Deutschen zu Besuch in Kiew: eine Stadt unter Beschuss, sechsmal Luftalarm am Tag. 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