{"id":472632,"date":"2025-10-04T13:24:15","date_gmt":"2025-10-04T13:24:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472632\/"},"modified":"2025-10-04T13:24:15","modified_gmt":"2025-10-04T13:24:15","slug":"hamlet-deutsches-schauspielhaus-hamburg-frank-castorf-laedt-mit-william-shakespeare-und-heiner-mueller-in-den-grusel-themenpark-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472632\/","title":{"rendered":"Hamlet \u2013 Deutsches Schauspielhaus Hamburg \u2013 Frank Castorf l\u00e4dt mit William Shakespeare und Heiner M\u00fcller in den Grusel-Themenpark Europa"},"content":{"rendered":"<p>4. Oktober 2025. Im S\u00fcdwesten der Republik feiern sie an diesem Abend 35 Jahre deutsche Einheit als Festtag Europas. Hoch oben im Norden sieht <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/glossar\/castorf-frank\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Frank Castorf <\/a>zur gleichen Zeit ziemlich schwarz f\u00fcr den Kontinent. Sein Hamburger &#8222;Hamlet&#8220; ist die d\u00fcstere Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft, die sich mit kurzen Unterbrechungen von einer Katastrophensaison zur n\u00e4chsten hangelt. Ein \u00fcberbordendes Fest des Theaters in unsicheren Zeiten.<\/p>\n<p>Ein Berg dunkler Schaumstoffsteine bedeckt den gr\u00f6\u00dften Teil der B\u00fchne. Wie ein kantiges B\u00e4llebad, in das das Ensemble in seinen umwerfend glitzernden Vaudeville-Revuekost\u00fcmen immer wieder eintaucht, sich reinwirft, umkippt. Im Hintergrund links ein Strommast mit \u00dcberwachungskameras, rechts ein weiterer Pfeiler. Dazwischen die R\u00fcckseite eines schon einigerma\u00dfen ramponierten Schriftzugs: EUROPE. Als w\u00fcrden wir uns in einem Themenpark befinden, der seine besten Zeiten hinter sich hat.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Heiner M\u00fcllers Gedankenstr\u00f6me<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Schon Jonathan Kempf, der Hamlet-(Nicht-)Darsteller im Vorspiel dieser Inszenierung, hat nur noch &#8222;die Ruinen von Europa&#8220; im R\u00fccken. Bevor\u2019s losgeht mit Shakespeare, setzt Regisseur Castorf erstmal ausgiebig mit <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/glossar\/mueller-heiner\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Heiner M\u00fcller\u00a0<\/a>den Ton des Abends. Dessen &#8222;Hamletmaschine&#8220; vom Ende der 1970er Jahre ist eine Textcollage, die die Abgr\u00fcnde des weithin bekannten D\u00e4nenprinzen mit den politischen K\u00e4mpfen des 20. Jahrhunderts in Beziehung setzt. Und es ist beileibe nicht der einzige Gedankenstrom Heiner M\u00fcllers, der an diesem Abend zur Auff\u00fchrung kommt.<\/p>\n<p>Wie immer biegt Castorf also auch in dieser Inszenierung in sch\u00f6ner Unregelm\u00e4\u00dfigkeit thematisch mal hierhin und mal dorthin ab, zum franz\u00f6sischen Theater-Berserker Antonin Artaud mit seinen (vor-)zivilisatorischen Grausamkeiten etwa und direkt in die H\u00f6lle mit Dantes G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die. Die Assoziationskurven landen aber zielgenau immer wieder da, wo sie den &#8222;Hamlet&#8220; irgendwann mal verlassen haben. Auch wenn es manchmal etwas dauert.<\/p>\n<p>\u00a0<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Hamlet_10_c_Just_Loomis.jpg\" alt=\"Hamlet 10 c Just Loomis\" width=\"805\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Tragisches Paar im Atomschutzbunker: Paul Behren als Hamlet und Lilith Stangenberg als Ophelia \u00a9 Just Loomis<\/p>\n<p>Dabei gibt es da ja doch auch so einiges zu zeigen \u2013 und das macht Castorf mit gro\u00dfer Liebe zum Detail. Bei ihm ist Shakespeares Hamlet von Beginn an auf Krawall geb\u00fcrstet. &#8222;Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn dick sein ist &#8217;ne Qu\u00e4lerei&#8220;, singt der athletische Paul Behren in der Titelrolle (mit Marius M\u00fcller-Westernhagen) passiv-aggressiv seinen k\u00f6rperlich durchaus umfangreichen Onkel Claudius an, der gerade Hamlets Mutter geheiratet hat. Josef Ostendorf gibt diesen politisch skrupellosen Bruderm\u00f6rder als n\u00f6ligen, schmierig-freundlichen Egozentriker vom Typ Donald Trump. Hamlets unversch\u00e4mten Gesangsangriff t\u00e4nzelt er trippelnd weg, als w\u00e4re nichts geschehen. In der Popwelt des Kapitalismus ist sowieso alles irgendwie relativ. Was z\u00e4hlt, ist einzig der Kampf um &#8222;Ressourcen im Fjord, von denen wir tr\u00e4umen, wir D\u00e4nen&#8220;.<\/p>\n<p>Der liebende Denker Hamlet ist in dieser Welt schon l\u00e4ngst zugrunde gegangen. Sp\u00e4testens mit dem Gedanken an Rache f\u00fcr den Mord an seinem Vater ist er Teil der Gewaltspirale geworden, von deren zerst\u00f6rerischer Kraft europ\u00e4ische Mythen seit Jahrhunderten erz\u00e4hlen und denen schon Schauspielhaus-Intendantin <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/glossar\/beier-karin\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Karin Beier<\/a>\u00a0in ihrem preisgekr\u00f6nten Antiken-Marathon ANTHROPOLIS nachsp\u00fcrt. Castorf schlie\u00dft mit &#8222;Hamlet&#8220; auf seine Art an diese theatrale Vermessung eines Kontinents in Aufruhr an \u2013 und schl\u00e4gt mit Heiner M\u00fcllers Hilfe B\u00f6gen von der Antike bis nach Auschwitz, vom Kommunismus in den Kapitalismus, vom Ersten Weltkrieg bis zur Angst vor einem dritten.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Alle Stasi \u2013 au\u00dfer Mutti<\/p>\n<p>Konsequenterweise hat Aleksandar Deni\u0107 gleich auch noch einen kleinen Atombunker auf die wirkm\u00e4chtig gestaltete B\u00fchne gebaut. Auf den ersten Blick erkennbar ist zun\u00e4chst nur ein runder Betonklotz mit Sichtscharten, die auch als Kletterger\u00fcst dienen. Unter der B\u00fchnenoberfl\u00e4che erschlie\u00dfen Live-Videoprojektionen einen solide ausgestatteten, wei\u00df gekachelten Raum mit Pritschen, Tisch und Abh\u00f6rger\u00e4tschaften f\u00fcr die Total\u00fcberwachung dieses faulen Staates D\u00e4nemark.<\/p>\n<p>Wie soll an diesem Ort des Misstrauens so etwas wie Liebe m\u00f6glich sein? Hamlet und Ophelia kommen sich im Bunkerschutzraum n\u00e4her, er f\u00fcttert sie mit klarer Gem\u00fcsesuppe, legt sich auf sie, aber aus Andeutungen von Z\u00e4rtlichkeit werden schnell rohe Gier, verzweifelte, harte Ber\u00fchrungen auf der Suche nach Sex oder Halt oder beidem \u2013 und nichts davon ist diesem tragischen Paar geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Vor einer historischen Erkl\u00e4rtafel \u00fcber das vermeintlich richtige Verhalten bei einem Atomunfall sinniert Hamlet \u00fcber &#8222;Sein oder Nichtsein&#8220;, w\u00e4hrend Ophelia ihn von hinten umschlingt. Die wunderbar kraftvolle Lilith Stangenberg macht aus dieser klassischen Opferrolle eine starke Frau in hautenger gelber Gummihose, Glitzer-BH und R\u00fcschen-Halskragen. Rasend rei\u00dft sie zusammen mit Hamlet ganze Schubladen eines Karteikartenregisters aus deren Verankerung und kippt den Inhalt auf den Boden. &#8222;Alle Stasi \u2013 au\u00dfer Mutti&#8220;, kommentiert Paul Behren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Hamlet_12_c_Just_Loomis.jpg\" alt=\"Hamlet 12 c Just Loomis\" width=\"805\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Kraftzentrum eines spannungsgeladenen Ensembles: Paul Behren mit Linn Reusse und Alberta von Poelnitz vor den M\u00fcller&#8217;schen &#8222;Ruinen von Europa&#8220; \u00a9 Just Loomis <\/p>\n<p>In einem spannungsgeladenen Ensemble ist Behren das Kraftzentrum der Inszenierung. Ein faszinierender K\u00f6rperspieler, bei dem das notorische Zucken der linken Hand manchmal mehr sagt als tausend Worte. Mit oft gepresstem Drang in der Stimme schmei\u00dft er sich in Hamlets verlorene Seele \u2013 und kann gleichzeitig jeden Moment aus der Rolle heraustreten und ein ironisches Augenzwinkern Richtung Publikum werfen: &#8222;Sagte nicht der gro\u00dfe Kanzler, wenn ich Visionen hab&#8216;, soll ich zum Nervenarzt gehen?&#8220; Mit einem Satz: Paul Behren als Hamlet ist ein Ereignis!<\/p>\n<p>Wie die ganze Inszenierung. Nat\u00fcrlich \u00fcbertreibt es Castorf. Sonst w\u00e4re er ja nicht Castorf. (Auch wenn wir es hier mit einem seiner weniger wilden Abende zu tun haben.) Nat\u00fcrlich sind die sechs Stunden und 15 Minuten, die die Premiere gedauert hat (regul\u00e4r sollten&#8217;s glatte sechs sein) ein ganz sch\u00f6n anstrengender Brocken. Nat\u00fcrlich spielt Castorf dabei mit der Ersch\u00f6pfung der Spieler*innen und des Publikums. Und nat\u00fcrlich braucht man als Regisseur ganz sch\u00f6n viel Chuzpe, um bei so einer Gesamtl\u00e4nge auch noch den vierten und f\u00fcnften Akt seiner Stoffvorlage mehr oder weniger komplett ungespielt wegzulassen.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Lustvoll und lustig<\/p>\n<p>All das ist aber vor allem: konsequent und schl\u00fcssig. Nachdem sich Hamlet einmal der Gewalt ergeben und selbst get\u00f6tet hat, passiert \u2013 trotz Shakespeares H\u00e4ndchen f\u00fcr Action-Szenen \u2013 im Grunde nichts mehr, was man nicht schon tausendfach geh\u00f6rt oder gesehen h\u00e4tte. Mord und Totschlag made in Europe. &#8222;Der Schrecken, der von Shakespeares Spiegelungen ausgeht, ist die Wiederkehr des Gleichen&#8220;, l\u00e4sst Castorf zum Ende hin Heiner M\u00fcller zitieren.<\/p>\n<p>Der Wahnsinn hat also auch an diesem Abend Methode. Und er hat Kraft. Was bei aller pessimistischen Weltsicht bleibt, ist hier der unbedingte Glaube ans Theater als Ort, an dem man trotz der Tragik des Geschehens auch mal \u00fcber sich selbst lachen kann. Ein kluger, lustvoller, nachdenklicher, intensiver und stellenweise auch ganz sch\u00f6n lustiger Trip in den Grusel-Themenpark Europa.<\/p>\n<p class=\"text_besetzung\"><strong>Hamlet<\/strong><br \/>von William Shakespeare, aus dem Englischen von Heiner M\u00fcller (Mitarbeit: Matthias Langhoff), unter Verwendung von Heiner M\u00fcllers &#8222;Hamletmaschine&#8220;<br \/>Regie: Frank Castorf, B\u00fchne: Aleksandar Deni\u0107, Kost\u00fcme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Lothar Baumgarte, Live-Kamera: Andreas Deinert (Videodesign), Severin Renke, Live-Schnitt: Jens Crull, Maryvonne Riedelsheimer, Sounddesign: William Minke, Live-Tonangler: Michael Gentner, Jochen Laube, Live-Cueing: Rebecca Dantas, k\u00fcnstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink, Dramaturgie: Ralf Fiedler.<br \/>Mit: Paul Behren, Daniel Hoevels, Jonathan Kempf, Matti Krause, Josef Ostendorf, Alberta von Poelnitz, Olaf Rausch, Linn Reusse, Angelika Richter, Lilith Stangenberg.<br \/>Dauer: 6 Stunden 15 Minuten, eine Pause<br \/>Premiere am 3. Oktober 2025<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/schauspielhaus.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">www.schauspielhaus.de<\/a><\/p>\n<p>                  Sch\u00f6n, dass Sie diesen Text gelesen haben                <\/p>\n<p>\n                  Unsere Kritiken sind f\u00fcr alle kostenlos. Aber Theaterkritik kostet Geld. Unterst\u00fctzen Sie uns mit Ihrem Beitrag, damit wir weiter f\u00fcr Sie schreiben k\u00f6nnen.                <\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/c8665070996743d59e84756fb947c847.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"4. Oktober 2025. 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