{"id":472757,"date":"2025-10-04T14:33:12","date_gmt":"2025-10-04T14:33:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472757\/"},"modified":"2025-10-04T14:33:12","modified_gmt":"2025-10-04T14:33:12","slug":"staubfrau-am-theater-in-leipzig-feiert-stueck-ueber-gewalt-gegen-frauen-premiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/472757\/","title":{"rendered":"&#8222;Staubfrau&#8220;: Am Theater in Leipzig feiert St\u00fcck \u00fcber Gewalt gegen Frauen Premiere"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\n<a name=\"gewalt\">Es ist ein poetischer Text<\/a>, den Maria Milisavljevi\u0107 geschrieben hat, obwohl es um harten Stoff geht: Gewalt gegen Frauen, auch Femizide. Am Samstag feierte &#8222;Staubfrau&#8220; am Schauspiel Leipzig Premiere. Das St\u00fcck, das bei den M\u00fclheimer Theatertagen 2025 mit dem Dramatikerpreis und dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, erz\u00e4hlt von weiblicher Gewalt-Erfahrungen \u00fcber drei Generationen hinweg.\n<\/p>\n<p><a name=\"frauen\">St\u00fcck \u00fcber Gewalt gegen Frauen<\/a>: Drei Generationen und ein Chor von Stimmen<\/p>\n<p class=\"text\">\nVirtuos mischt Milisavljevi\u0107 darin mehrere Ebenen. Im Fokus steht zun\u00e4chst eine namenlose Frau, Mitte 30, Mutter von schulpflichtigen Kindern, die halbtags arbeitet und sich um die Familie k\u00fcmmert. Von ihrem Ehemann zunehmend unter Druck gesetzt, psychisch und physisch, will sie ihn verlassen. Am Abend, als die Kinder schon schlafen, wird sie ihrem Mann sagen, dass sie geht \u2013 und er wird sie deswegen umbringen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSie bleibt nicht allein auf der B\u00fchne: Zwei weitere Frauen, die ihre Mutter und Gro\u00dfmutter sein k\u00f6nnten, erz\u00e4hlen eigene Geschichten zu Erfahrungen mit m\u00e4nnlicher Gewalt. Von Selbstmord-Absichten ist die Rede. Von einer Freundin aus Kindheitstagen, die von einem Onkel missbraucht wurde, was damals offenkundig als so normal empfunden wurde, dass es keine weitere Beachtung fand. Mit Mutter und Gro\u00dfmutter kommt die Zeit ins Spiel, Familienbiografien, Erfahrungen \u00fcber Generationen hinweg. Zwischen den drei Frauen entspinnt sich so ein Abschiedstrialog, der wirkt wie ein Monolog innerer Stimmen. Eine Art Selbstvergewisserung vor der folgenreichen Entscheidung, einen gewaltt\u00e4tigen Mann zu verlassen.\n<\/p>\n<p>Der Mann bleibt Stimme \u2013 und Bedrohung<\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Mann kommt in diesem Setting nur als &#8222;knarzige Stimme&#8220; auf die B\u00fchne. Und zwar immer dann, wenn eine der drei Frauen zum Mikrofon greift. Vernehmen lassen sich dann meistens kurze S\u00e4tze; Vorw\u00fcrfe an die Frau; Beleidigungen: Sie sei eine Psychopathin, schizophren. Eine \u00fcbliche Strategie, solche Dinge abzutun.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAm Ende des St\u00fccks kommt eine weitere Ebene dazu. Da werden wie auf einem Zeitstrahl, der aus der Gegenwart in die Vergangenheit zielt, F\u00e4lle von Femiziden aufgez\u00e4hlt. Dabei wird jeweils ein genaues Datum genannt, ein genauer Ort des Todes, und dann hei\u00dft es: &#8222;Ich wurde 43 Jahre alt&#8220;, &#8222;Ich wurde 56 Jahre alt&#8230;&#8220; Diese vielen &#8222;Ichs&#8220; stehen f\u00fcr Frauen, die Opfer m\u00e4nnlicher Gewalt wurden. Sie verschmelzen nach und nach zu einer zentralen Figur: der namenlosen Frau, die im Laufe des St\u00fccks schlie\u00dflich einen Namen erh\u00e4lt \u2013 Ophelia, angelehnt an Shakespeares tragische Figur im &#8222;Hamlet&#8220;, die ins Wasser geht.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSo steigt die Frau auf der B\u00fchne in ein gro\u00dfes Aquarium, das Metapher ist f\u00fcr einen Fluss. Zuvor hat sie sich ein zartes durchscheinendes Kleid mit aufgestickten Blumen \u00fcbergezogen, was an das ber\u00fchmte Bild &#8222;Ophelia&#8220; von John Everett Millais erinnert. Wie aufgebahrt wirkt das Opfer hier in dieser eindruckvollsten und poetischsten Szene des Abends, fast heilig. Gefilmt wird sie mit einer Videokamera, die in dieser Inszenierung fast permanent im Einsatz ist und Details in Gro\u00dfaufnahmen projiziert.\n<\/p>\n<p>Opfer und T\u00e4ter sezieren auf einer B\u00fchne zwischen Kochstudio und Labor<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Inszenierung von Kamila Pol\u00edvkov\u00e1 nutzt den gesamten Raum der B\u00fchne: Ein langer, schwarz furnierter Tresen mit Edelstahlarbeitsplatte zieht sich \u00fcber die ganze Breite, was wirkt wie eine Mischung aus edlem Kochstudio und Labor. Darauf breiten die drei Schauspielerinnen den ganzen Familienalltag aus: Alltagsgegenst\u00e4nde und am Ende, auf Playmobil-Gr\u00f6\u00dfe geschrumpft, auch das Mehrfamilienhaus der namenlosen Frau, in dem vielleicht schon ihre Ahninnen lebten. Die Tat selbst, der Femizid wird als ein wilder Tanz beschrieben, als &#8222;Pas de deux&#8220; mit Begriffen aus der Welt des Balletts. Teil des B\u00fchnenbilds ist das Aquarium, das auch Metapher ist f\u00fcr den langen Strom der Gewalt. Darin werden die Tatwerkzeuge, die Kleider der Opfer, ja die Opfer selbst entsorgt. Diese Raumidee zwischen Kochshow und Selbsterforschungslabor geht gut auf.\n<\/p>\n<p><a name=\"starke\">Starke Darstellerinnen, sehenswerte Inszenierung<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nBei der Premiere brauchen die drei Schauspielerinnen etwas Zeit, um in ihre Rollen zu finden. Irene Kugler spielt die Gro\u00dfmutter, Katja Gaudard die Mutter und Pauline Bittner die namenlose Frau, die im Laufe des St\u00fccks zur Ophelia wird \u2013 auch in Anspielung auf Heiner M\u00fcllers &#8222;Hamletmaschine&#8220;, ein Schl\u00fcsseltext des 20. Jahrhunderts, in dem sich Ophelia mit einem radikalen Entschluss gegen die zerst\u00f6rerische patriarchale Welt stellt: keine Krieger mehr zu geb\u00e4ren, um die Menschheit aussterben zu lassen.<\/p>\n<p>Katja Gaudard zeigt als Mutter viel Wut und Zynismus \u2013 eine k\u00e4mpferische Energie, die Irene Kugler als Gro\u00dfmutter nicht mehr aufbringen kann. Sie hat mit der M\u00e4nnerwelt abgeschlossen und strahlt Ruhe aus. Klar und reflektiert positioniert sich die j\u00fcngste Figur. Pauline Bittner spricht einen zentralen Satz, der ihre Haltung zusammenfasst: &#8222;Ich habe eine Stimme in mir, eine Mischung aus Unterbewusstsein, Bauch und Verstand. Ich nenne sie schlichtweg mein schlaues Ich.&#8220; Am Premierenabend spielen sich alle drei frei, ihre Figuren wirken stimmig und \u00fcberzeugend \u2013 Chapeaux!\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nUnterm Strich ist diese Inszenierung unbedingt sehenswert, sie scheint sich einzureihen in aktuelle k\u00fcnstlerische Auseinandersetzungen mit patriarchaler Gewalt und generations\u00fcbergreifenden Traumata \u2013 wie im gro\u00dfen Kinoerfolg des Herbstes, Mascha Schilinskis &#8222;In die Sonne schauen&#8220; oder wie in &#8222;Prima Facie&#8220;, einem gro\u00dfartigen Soloabend mit Henriette H\u00f6lzel am Staatsschauspiel Dresden, die \u00e4hnliche Themen behandeln. Warum diese H\u00e4ufung in Kino und im Theater? Sind das auch noch Nachwirkungen von Corona, wo Autorinnen im Lockdown, zur\u00fcckgeworfen auf sich selbst, Zeit hatten, eigene Familiengeschichten grundlegend und neu zu erkunden, die \u00fcber viele Generationen einfach nur so weitergetragen wurden? Jetzt bietet die Leipziger Inszenierung einen neuen Raum, um sie neu zu betrachten.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nQuelle: MDR KULTUR (Stefan Petraschewsky, Theaterredakteur), Redaktionelle Bearbeitung: ks<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein poetischer Text, den Maria Milisavljevi\u0107 geschrieben hat, obwohl es um harten Stoff geht: Gewalt gegen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":472758,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,25626,3236,30,1000,66,71,81,6003,859,120206,94],"class_list":{"0":"post-472757","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-femizide","11":"tag-frauen","12":"tag-germany","13":"tag-gewalt","14":"tag-kulturnachrichten","15":"tag-leipzig","16":"tag-mdr","17":"tag-premiere","18":"tag-sachsen","19":"tag-staubfrau","20":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115316392342488909","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/472757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=472757"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/472757\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/472758"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=472757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=472757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=472757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}