{"id":473284,"date":"2025-10-04T19:40:11","date_gmt":"2025-10-04T19:40:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/473284\/"},"modified":"2025-10-04T19:40:11","modified_gmt":"2025-10-04T19:40:11","slug":"wenn-die-qualifikation-fuer-fluechtlinge-zur-huerde-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/473284\/","title":{"rendered":"Wenn die Qualifikation f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge zur H\u00fcrde wird"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Februar 2023 ist Rostyslaw Kowaljow in einen Bus gestiegen. Er wollte raus aus seiner Stadt, die Nacht f\u00fcr Nacht unter russischem Beschuss stand. Die Fahrt f\u00fchrte ihn von Odessa nach Deutschland. Ein Jahr nach dem Gro\u00dfangriff war er noch geblieben, um seinen Schulabschluss zu machen. Seine Eltern wollten das so. Dann musste es aber schnell gehen. Nach seinem 18. Geburtstag h\u00e4tte er die Ukraine wegen des Kriegsrechts nicht mehr verlassen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seit zweieinhalb Jahren lebt der mittlerweile Zwanzigj\u00e4hrige nun in Erfurt. Dort ist er anfangs bei Freunden seiner Eltern untergekommen. Im Oktober wird er sein Informatikstudium in Jena beginnen. Der Weg dahin war nicht leicht. Bei seiner Ankunft in Erfurt konnte Kowaljow kein Wort Deutsch. Er besuchte Deutschkurse, doch f\u00fcr mehr als Sprachniveau B\u200a1 erhielt er vom deutschen Staat keine F\u00f6rderung. Um sein Studium beginnen zu d\u00fcrfen, braucht er aber Niveau C\u200a1. Ein privater Kurs? F\u00fcr ihn unbezahlbar. Seine Arbeit an der Supermarktkasse reicht gerade zum Leben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Mit wenig Geld und viel Disziplin bereitete Kowaljow sich auf die C\u200a1-Pr\u00fcfung vor. Kein Lehrer half ihm, es gab keine Mitsch\u00fcler, mit denen er lernen konnte. Er hatte nur ein Deutschbuch, mit dem er Abend f\u00fcr Abend lernte. Dazu Onlinebekanntschaften, mit denen er Deutsch sprach. Im zweiten Anlauf bestand er die Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Sie will eine Ausbildung machen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bei Diana Chelidze hat es zwei Jahre gedauert, bis sie \u00fcberhaupt einen Deutschkurs besuchen konnte. Das lag nicht an ihr. Das Jobcenter verwies auf das <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"BAMF\" data-rtr-id=\"7f29d9f380fba16d16d2d02e93192e1cd88612d7\" data-rtr-score=\"42.74306757848569\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/bamf\" title=\"BAMF\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge<\/a> (BAMF), das mit einer Antwort sehr lange auf sich warten lie\u00df. Die Entscheidung, wer welchen Sprachkurs bezahlt bekommt, liegt beim Jobcenter im jeweiligen Ort, die Sprachkurse selbst werden aber vom BAMF konzipiert und auch finanziert. Was genau schiefgelaufen ist, wei\u00df Chelidze selbst nicht. Aber immerhin: Seit diesem Sommer besucht sie an f\u00fcnf Tagen in der Woche den A\u200a2-Kurs in Frankfurt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nebenbei arbeitet Chelidze als K\u00fcchenhilfe in Restaurants. Egal, ob zuerst in einem kleinen Dorf in Osthessen oder heute in Frankfurt: Sie arbeitet vor allem mit anderen Ausl\u00e4ndern zusammen. Afghanen, Pakistaner, Syrer, aber auch eine Menge Ukrainer. \u201eDeutsch lernt man da eher nicht\u201c, meint sie, \u201eh\u00f6chstens Ausl\u00e4nderdeutsch.\u201c Deswegen ist sie auch so gl\u00fccklich \u00fcber den Kurs, weil sie jetzt endlich richtig Deutsch lernen kann, wie sie sagt. Sie m\u00f6chte n\u00e4mlich nicht f\u00fcr immer in der Gastronomie bleiben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Chelidzes Traum ist ein anderer. Sie w\u00fcrde gerne eine Ausbildung machen, vielleicht als Krankenschwester oder in einer Bank. So ganz sicher ist sie sich noch nicht. Was genau sie arbeiten wird, ist ihr auch nicht so wichtig. Es sollte nur Spa\u00df machen und besser sein als die Arbeitszeiten und das Geld in der Gastronomie. Sie ist erst 22 und kann sich noch ein wenig ausprobieren.<\/p>\n<p>Hochqualifizierte haben es schwerer<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Olha Myrzalo steht an einem anderen Punkt im Leben. Mit 53 Jahren blickt sie schon auf Jahrzehnte an Arbeitserfahrung zur\u00fcck. Als junge Frau studierte sie Journalismus in den USA, kam dann zur\u00fcck in die Ukraine und arbeitete in der amerikanischen Botschaft in Kiew.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Krieg ver\u00e4nderte alles. Zusammen mit ihrem Kind kam sie nach Frankfurt. Als die Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Krieges zerstoben, traf sie dem Kind zuliebe eine Entscheidung. Obwohl ihr damaliger Arbeitgeber, die amerikanische Entwicklungshilfeagentur USAID, ihre Leute ein Jahr nach dem Gro\u00dfangriff nach Kiew zur\u00fcckbeorderte, blieb sie in Deutschland. Damit war auch klar, dass sie sich beruflich neu orientieren musste.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Myrzalo w\u00fcrde gerne ihren Qualifikationen entsprechend arbeiten. In Kiew verantwortete sie die ukrainische \u00d6ffentlichkeitsarbeit von USAID. In Deutschland hat das <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Arbeitsamt\" data-rtr-id=\"2e912ca0454b3b6daac4c953aafae5ea5393f881\" data-rtr-score=\"36.5734649122807\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/thema\/arbeitsamt\" title=\"Arbeitsamt\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jobcenter<\/a> ihr eine Arbeit als Rezeptionistin in einem Hotel vorgeschlagen. \u201eNicht dass das keine gute Arbeit ist\u201c, sagt sie, \u201eaber ich denke, ich k\u00f6nnte Deutschland n\u00fctzlicher sein in einer Arbeit, die meinen F\u00e4higkeiten entspricht.\u201c Sie findet, dass in der derzeitigen Diskussion \u00fcber die Ukrainer hier Frauen wie sie untergehen.<\/p>\n<p>Viele arbeiten als Reinigungskr\u00e4fte und K\u00fcchenhilfen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u00c4hnlich sieht es das Institut f\u00fcr Arbeits- und Berufsforschung der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit (IAB). In einem Bericht von diesem Jahr ist die Rede von \u201eungenutzten Potentialen\u201c bei den Ukrainern, und das besonders bei den Frauen. Unter denen, die schon eine Arbeit gefunden haben, \u00fcben 57 Prozent T\u00e4tigkeiten aus, die unterhalb des Niveaus ihres letzten Jobs im Heimatland liegt. Am h\u00e4ufigsten arbeiten Fl\u00fcchtlinge als Reinigungskr\u00e4fte \u2013 gefolgt von K\u00fcchenhilfen. Auch das IAB h\u00e4lt fest, dass bei Hochqualifizierten die Integration l\u00e4nger dauert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das kann Myrzalo aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen. In Berufen, die sie reizen, werden Sprachkenntnisse mindestens auf dem Niveau C 1 erwartet, wenn nicht sogar C 2. Ein solcher Kurs wird \u2013 wie im Fall des angehenden Informatikstudenten Kowaljow \u2013 nicht gef\u00f6rdert. Der Integrationskurs, den alle machen m\u00fcssen, endet mit B\u200a1, dar\u00fcber hinaus gibt es eine F\u00f6rderung nur noch f\u00fcr bestimmte Berufsgruppen. Welche das sind, h\u00e4ngt vom Ermessen des jeweiligen Jobcenters ab. Myrzalo w\u00fcnscht sich da von den deutschen Beh\u00f6rden ein bisschen mehr Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Um schnell m\u00f6glichst gutes Deutsch zu lernen, helfen Gespr\u00e4che mit Tiefgang. Daf\u00fcr m\u00fcsste man hier Freunde finden. Diana Chelidze und Rostyslaw Kowaljow berichten, das sei schwierig. Au\u00dferhalb der Arbeit gebe es wenig Kontakt mit Deutschen. Bei der Arbeit seien es meistens andere Ausl\u00e4nder, mit denen man zusammenarbeite.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Kowaljow nimmt aber auch die eigene Community in die Pflicht. \u201eEinige nutzen die M\u00f6glichkeiten nicht so gut, wie sie k\u00f6nnten\u201c, sagt er \u00fcber ein paar seiner ukra\u00adinischen Freunde hier. Die eine H\u00e4lfte w\u00fcrde \u201enichts machen\u201c und h\u00e4tte auch in drei Jahren immer noch kein Deutsch gelernt. Die andere H\u00e4lfte hingegen arbeite oder mache eine Ausbildung.<\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigungsquote niedrig<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es geht auch das Ger\u00fccht um, dass man als Ukrainer in die Heimat zur\u00fcckkehren, aber trotzdem noch B\u00fcrgergeld beziehen k\u00f6nnte. Die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit will das auf Anfrage so nicht best\u00e4tigen. Ein systematischer Leistungsmissbrauch von Ukrainern sei nicht bekannt. Jede Person, die Leistungen von Jobcentern beziehe, m\u00fcsse erreichbar sein. Wenn eine Person l\u00e4ngere Zeit, h\u00f6chstens drei Wochen im Kalenderjahr, nicht erreichbar sei, also nicht auf Aufforderung oder Schreiben des Jobcenters reagiere, w\u00fcrden die Leistungen aufgehoben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nirgends sonst in Europa ist der Anteil ukrainischer Fl\u00fcchtlinge, die arbeiten, so gering wie in Deutschland. In Polen und in der Tschechischen Repu\u00adblik ist die Lage anders. Dort arbeitet die Mehrheit von ihnen. Die Sprache ist f\u00fcr Ukrainer leichter zu lernen, und es gibt keine mit dem B\u00fcrgergeld vergleichbaren Leistungen. Auch in Deutschland gab es zuletzt aber Fortschritte. Im Juni lag die Besch\u00e4ftigungsquote bei ukrainischen <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Fl\u00fcchtlinge\" data-rtr-id=\"4dd49ae10f17468059dd276404b10b6085707732\" data-rtr-score=\"69.91684941520468\" data-rtr-etype=\"keyword\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/fluechtlinge\" title=\"Fl\u00fcchtlinge\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fl\u00fcchtlingen<\/a> bei 35 Prozent. Ein Jahr zuvor arbeiteten nur 28 Prozent von ihnen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Trotz aller Schwierigkeiten ist eines klar: Die meisten der gut 1,3 Millionen ukrainischen Fl\u00fcchtlinge hier d\u00fcrften so bald nicht in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Ein Frieden ist nicht in Sicht. Und selbst wenn der Krieg eines Tages vorbei sein sollte, d\u00fcrften sich gerade viele junge Menschen, die sich in Deutschland etwas aufgebaut haben, die Frage stellen, ob sie nun schon wieder neu anfangen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Februar 2023 ist Rostyslaw Kowaljow in einen Bus gestiegen. 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