{"id":473879,"date":"2025-10-05T01:53:14","date_gmt":"2025-10-05T01:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/473879\/"},"modified":"2025-10-05T01:53:14","modified_gmt":"2025-10-05T01:53:14","slug":"die-politiker-in-stuttgart-viele-worte-wenig-inhalt-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/473879\/","title":{"rendered":"\u201eDie Politiker*\u201c in Stuttgart: Viele Worte, wenig Inhalt &#8211; Kultur"},"content":{"rendered":"\n<p>Soll einer eine Rede halten bei einem wichtigen Event, \u00e4tzt ein Kollege, das sei doch der Falsche f\u00fcr den Job. Egal, was Politiker \u2013 gleich welchen Geschlechts \u2013 so tun, sie bekommen immer eins auf die M\u00fctze. Jemand sollte endlich diese \u00f6ffentlichen Reibungsfl\u00e4chen und Klischees in einem literarischen Text verarbeiten, zum Beispiel f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/thema\/Theater\" title=\"Theater\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Theater<\/a>. <\/p>\n<p>Der deutsche Autor Wolfram Lotz scheint dieser Forderung mit seinem St\u00fcck \u201eDie Politiker*\u201c nachgekommen zu sein. Regisseur Jozef Houben hat Lotz\u2019 Sprachunget\u00fcm nun mit Studierenden der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Musik und Darstellende Kunst Stuttgart am <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/thema\/Wilhelma\" title=\"Wilhelma\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wilhelma<\/a>-Theater inszeniert. Ein wahres Textmonster ist Lotz\u2019 St\u00fcck, weil er konsequent Sinn verweigert, den Spielenden daf\u00fcr Stanzen und Satzh\u00fclsen mit der Anfangsformel \u201eDie Politiker\u2026\u201c in den Mund legt, die durch Mimik, Gestik, m\u00fcndliche und musikalische Gestaltung im Kontext des Raumes immer wieder neu mit Bedeutung aufgeladen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor der B\u00fchne begleitet eine dreik\u00f6pfige Band das Tohuwabohu <\/p>\n<p>Auf freier, von vier an Seilz\u00fcgen h\u00e4ngenden Tafeln begrenzter Spielfl\u00e4che tummeln sich acht Akteure. Einer tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Feinripp-Unterhemd zu grauer Jogginghose und blau-wei\u00df-rot l\u00e4ngsgestreiftem Bademantel. Ein anderer steckt in einem schlecht sitzenden grauen Anzug mit blauer Beamtenschirmm\u00fctze und farblich passendem Schlips. Ansonsten wirken die Kost\u00fcme von Kersten Paulsen wie aus dem Fundus eines psychedelischen Science-Fiction-Films der 1960er gepl\u00fcndert. <\/p>\n<p>Vor der B\u00fchne begleitet eine dreik\u00f6pfige Band mit Kontrabass, Schlagzeug und Klavier das Tohuwabohu. Bei einigen Spielterminen \u00fcbersetzen Geb\u00e4rdendolmetscherinnen den Text f\u00fcr Geh\u00f6rlose simultan am B\u00fchnenrand. Es ist also m\u00e4chtig viel los \u2013 nur eine Sache fehlt in den 75 Minuten Spielzeit \u2013 der Inhalt. <\/p>\n<p>Eine gewisse Zeit ist Lotz\u2019 dadaistischer Nonsens lustig anzuh\u00f6ren. \u201eDie Politiker tragen Nikes und wohnen in H\u00e4usern aus Lehm\u201c, lernt man ganz zu Beginn. \u201eDie Politiker schlafen auf dem Bauch und da bin ich auch.\u201c Doch der Text spielt bald keine Rolle mehr und verkommt zum Hintergrundrauschen, weil er nichts Substanzielles sagt \u00fcber die Wirklichkeit. <\/p>\n<p>Man kann jedoch genau das zum Sinn und Zweck von Lotz\u2019 Literatur erkl\u00e4ren; dass die inhaltsleeren Textfl\u00e4chen dazu da sind, dem Publikum die Sinnlosigkeit der Realit\u00e4t vor Augen zu f\u00fchren. Es hei\u00dft, wirkliche gute Mimen brauchten blo\u00df das Telefonbuch zu verlesen, und es sei fesselnd. Die acht Studierenden der Schauspielschule geben ihr Bestes, um die steile These zu belegen. <\/p>\n<p> Wer konventionelle Rollen erwartet, k\u00f6nnte entt\u00e4uscht werden <\/p>\n<p>Auch wenn das St\u00fcck keine individuellen Figuren enth\u00e4lt, gestalten Eva Habenicht, Lotte Henning, Richard Kipp, Mika Pavle Kuruc, Vittoria Mensah, Philip S\u00fcs, Nico Voigtmann und Annalisa Weyel anhand der im bisherigen Studium erlernten Mittel einzelne Charakterk\u00f6pfe. Die Studierenden zeigen die Bandbreite sprachlicher Gestaltungsformen wie das rhythmisch phrasierte, chorische Sprechen, die Betonung von Konsonanten am Ende eines Wortes mit hart abgegrenztem \u201at\u2018 oder gezischtem \u201as\u2018, den Wechsel von Laut und Leise, von Jammern zu Jubilieren. <\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit Bewegung, Rhythmus und teils extrem ausgepr\u00e4gter Mimik entsteht Spiel, unabh\u00e4ngig vom Text, der hier als Lore-Ipsum-Stellvertreter dient, um eben diese Schauspieltechniken anzuwenden. Das hei\u00dft nicht, dass nicht auch immer wieder sch\u00f6ne oder witzige Bilder entstehen, vor allem im Zusammenwirken mit der wirklich guten Band, die, an die jeweilige Situation angepasst, Swingjazz, Lautmalerei und musikalisch organisierten Krach beisteuert. <\/p>\n<p>Wer konventionell gestaltete Rollen im Rahmen einer Handlung erwartet, k\u00f6nnte sich aber auch von diesen Politikern verschaukelt f\u00fchlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Soll einer eine Rede halten bei einem wichtigen Event, \u00e4tzt ein Kollege, das sei doch der Falsche f\u00fcr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":473616,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,80,15151,1441,94,12378],"class_list":{"0":"post-473879","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-kultur","13":"tag-politiker","14":"tag-stuttgart","15":"tag-theater","16":"tag-wilhelma"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115319066366345220","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=473879"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473879\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/473616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=473879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=473879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=473879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}