{"id":474271,"date":"2025-10-05T06:00:14","date_gmt":"2025-10-05T06:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/474271\/"},"modified":"2025-10-05T06:00:14","modified_gmt":"2025-10-05T06:00:14","slug":"kulturgut-essen-warum-gemeinsame-mahlzeiten-unsere-gesellschaft-bis-heute-praegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/474271\/","title":{"rendered":"Kulturgut Essen: Warum gemeinsame Mahlzeiten unsere Gesellschaft bis heute pr\u00e4gen"},"content":{"rendered":"<p>Gemeinsame Mahlzeiten spielen in der Geschichte der Menschheit eine wichtige Rolle. Uralte Tischsitten pr\u00e4gen unsere Gesellschaft bis heute. Eine Ausstellung in Herne erkl\u00e4rt, warum das so ist \u2013 und warum man sich zu manchen Zeiten vor Gift in Acht nehmen musste.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das Foto ist an Symbolik kaum zu \u00fcberbieten: Wladimir Putin empf\u00e4ngt Bundeskanzler Olaf Scholz. Die beiden sitzen an einem Tisch. Putin am einen Ende der Tafel, Scholz gegen\u00fcber, am anderen Ende \u2013 zwischen ihnen liegt eine Tischplatte von sechs Metern L\u00e4nge, es ist die maximale Distanz, die innerhalb des Raumes m\u00f6glich ist. Das Foto wurde im Februar 2022 aufgenommen, kurz danach startete Putin den Angriff auf die Ukraine.<\/p>\n<p>Auf diesem Foto falle nicht nur der Abstand zwischen den beiden Tischgenossen auf, sagt der Kulturanthropologe und Volkskundler Gunther Hirschfelder. Zu erkennen sei auch, dass nichts auf dieser Tafel stehe \u2013\u00a0keine Speisen, keine Getr\u00e4nke, nicht einmal eine Schale mit Keksen. Die Kunstgeschichte, so Hirschfelder, werde das Bild sp\u00e4ter einmal so interpretieren: \u201eWenn sie gemeinsam gegessen h\u00e4tten, h\u00e4tte es keinen Krieg gegeben.\u201c<\/p>\n<p>Hirschfelder erw\u00e4hnt das Putin-Scholz-Foto in einem einleitenden Interview, das im Katalog zur Ausstellung \u201eMahlzeit! Wie Essen uns verbindet\u201c gewisserma\u00dfen als Vorspeise gereicht wird. Anhand von rund 300 Exponaten, vom Faustkeil bis zur Konservendose, wird in dieser soeben er\u00f6ffneten Schau des LWL-Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie in Herne gezeigt, welche Bedeutung das gemeinsame Essen in allen Kulturen der Welt hat \u2013 und wie uralte Tischsitten und -regeln unsere Gesellschaft bis heute pr\u00e4gen. Das Essen im Dienste der Diplomatie, das Putin seinem Gast Olaf Scholz so demonstrativ verweigerte, ist eines dieser Rituale, die seit Jahrhunderten gepflegt werden.<\/p>\n<p>Ein Arch\u00e4ologiemuseum ist daf\u00fcr pr\u00e4destiniert, die Geschichte des Essens auszubreiten. Denn vor allem sind es Geschirr, Kochger\u00e4te und Speisereste, die in den Abfallgruben unserer Vorfahren die Zeiten \u00fcberdauert haben \u2013 oder in den Gr\u00e4bern der Toten, denen man Speis und Trank f\u00fcr die Reise ins Jenseits mitgeben wollte. Geborgen von den Arch\u00e4ologen, analysiert mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden, lassen solche Funde heute bemerkenswert pr\u00e4zise R\u00fcckschl\u00fcsse darauf zu, was einst auf den Tisch kam. An den Tonscherben aus den R\u00f6merlagern an Rhein und Lippe kleben heute noch die Spuren von Garum, jener streng riechenden Fischsauce, mit denen die Legion\u00e4re des Augustus einst ihr Essen w\u00fcrzten.<\/p>\n<p>Fast noch interessanter ist freilich die Frage: Wie wurde gegessen? Wer teilt mit wem den Tisch und warum? Und damit kommen wir zum Hauptgang der Ausstellung.<\/p>\n<p>Das Totenmahl, das Traueressen, das Essen und Trinken aus Anlass der Bestattung einer verstorbenen Person also, sei das r\u00e4umlich und zeitlich am weitesten verbreitete Ritual der Menschheitsgeschichte, so hei\u00dft es in der Ausstellung. In Mitteleuropa stammen die fr\u00fchesten Nachweise daf\u00fcr aus der eisenzeitlichen Lausitzer Kultur, die zwischen 1300 und 500 v. Chr. verbreitet war. W\u00e4hrend einer Leichenverbrennung, die bis zu acht Stunden dauern konnte, fand ein umfangreiches Mahl in der N\u00e4he des Scheiterhaufens statt. Nach der Verbrennung gab man Speisen und Getr\u00e4nke mit ins Grab. Die Verstorbenen sollten auch im Jenseits gut versorgt sein.<\/p>\n<p>Anthropologen schreiben dem Leichenschmaus aber noch eine andere Funktion zu: Die Lebenden treffen sich nach dem Tod eines Angeh\u00f6rigen zum gemeinsamen Mahl, um einander zu signalisieren, dass die Gemeinschaft weiterhin funktions- und \u00fcberlebensf\u00e4hig ist, obwohl einer der ihren pl\u00f6tzlich fehlt.<\/p>\n<p>Auch wenn Menschen neue Gemeinschaften bilden oder Verbindungen eingehen, entwickeln sie dieses Bed\u00fcrfnis nach Tafelrunden, bei denen Zusammenhalt beschworen und besiegelt wird. So erkl\u00e4ren sich die vielen Br\u00e4uche, die sich weltweit bei Hochzeitsmahlen beobachten lassen. Aus M\u00f6nchengladbach stammt eine sogenannte Doppelscheuer, die um das Jahr 1600 gefertigt wurde \u2013 dabei handelt es sich um zwei identische, kostbare Trinkpokale, die mit ihren \u00d6ffnungen aufeinandergestellt wurden. Damit reichte man dem Brautpaar den rituellen Hochzeitstrunk. Rund 200 Jahre sp\u00e4ter erf\u00fcllten im westf\u00e4lischen Soest bemalte Hochzeitsflaschen einen \u00e4hnlichen Zweck, wer daraus trank, verleibte sich gewisserma\u00dfen den Schwur ein, der darauf geschrieben stand: \u201eIch bin getreu in allen Sachen, ich werd es bey meinem Schetzgen auch gut machen, vivat mein Liebgen.\u201c<\/p>\n<p>Warum ausgerechnet das Essen eine solche kulturbildende Kraft entwickelte \u2013 mit dieser Frage besch\u00e4ftigt sich die Soziologin Eva Barl\u00f6sius. Die Mahlzeit, so sagt sie in einem Interview zur Ausstellung, sei \u201eeine der ersten sozialen Situationen\u201c im Leben eines Menschen. \u201eEs ist auch die erste soziale Situation, die wir als Menschen erfahren, wenn wir gestillt werden.\u201c Daraus leitet Barl\u00f6sius die These ab, \u201edass sich fast alle wichtigen sozialen Formen, die wir Menschen geschaffen haben, mit dem Essen entstanden sind.\u201c Aber Achtung: Mahlzeiten dienten zwar dazu, um zusammenzufinden und Zugeh\u00f6rigkeit auszudr\u00fccken, sagt sie. Aber andererseits, und damit kommen wir gewisserma\u00dfen zum Katzentisch neben der Festtafel, w\u00fcrden sie auch dazu benutzt, um Hierarchien herzustellen und Menschen auszugrenzen. Essen ist immer auch Statussymbol. Und Sitzordnungen sind eben auch Rangordnungen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nes Beispiel hierf\u00fcr: die Paradetafelordnung des K\u00f6lner Kurf\u00fcrsten aus der Zeit um 1700, eine kostbare Handschrift, in der penibel genau skizziert wurde, wer wo zu sitzen hat. Die Inhaber von Hof\u00e4mtern, die Leibgarde, der Vorschneider und der Vorkoster \u2013 alle haben einen festen Platz im streng choreografierten Tafelzeremoniell. Doch man muss nicht in die Vergangenheit blicken, um zu erkennen: Das Ritual wird oft zur Qual. Kinder, die bei Tisch stillhalten m\u00fcssen und Benimmregeln zu befolgen haben, k\u00f6nnen ein Lied davon singen. \u00a0<\/p>\n<p>Das gemeinsame Mahl kann also durchaus widerspr\u00fcchliche Eigenschaften haben: Es kann zwanglos oder zwanghaft sein, verbindend oder ausgrenzend. Es soll denen, die daran teilnehmen, Geborgenheit vermitteln \u2013 und doch stellt es mitunter Gefahr f\u00fcr Leib und Leben dar. Damit kommen wir quasi zum Dessert.<\/p>\n<p>Das Gastrecht ist eine Konvention, die in vielen Kulturen der Weltgeschichte von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist. Wer als Gast zu Tisch gebeten wird, steht unter dem Schutz des Gastgebers. Allerdings wurde das blinde Vertrauen in dieses ungeschriebene Gesetz immer wieder ausgenutzt, um dem arglosen Gast Schaden zuzuf\u00fcgen oder ihn zu t\u00f6ten. F\u00fcr das fr\u00fche Mittelalter sind einige solcher t\u00f6dlichen Zwischenf\u00e4lle beim Gastmahl belegt. So wie dieser aus dem Jahr 493: Nachdem Odoaker, K\u00f6nig von Italien, sich mit seinem bisherigen Kontrahenten Theoderich darauf geeinigt hat, gemeinsam zu regieren, l\u00e4dt Theoderich seinen Mitregenten Odoaker zum Festmahl. Der \u00fcberlebt den Abend nicht. Theoderich ist nun Alleinherrscher.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass die Machthaber des Mittelalters und der Neuzeit stets auf der Hut sind. Gastrecht hin oder her. Das Zeremoniell des Vorkostens vor dem Mahl am Hof bekommt einen hohen Stellenwert. Und es werden Ger\u00e4tschaften erfunden, von denen man sich Schutz vor giftigen Substanzen erhofft. Bis ins 17. Jahrhundert ist der Glaube verbreitet, dass Drachenzungen, Einh\u00f6rner oder Gew\u00f6lle aus Tierm\u00e4gen, sogenannte Bezoare, ihre Farbe ver\u00e4ndern w\u00fcrden oder zu schwitzen anfingen, wenn sich Gift in ihrer N\u00e4he befindet. Der Natternbaum, ein Schmuckst\u00fcck, das mit versteinerten Haiz\u00e4hnen beh\u00e4ngt war und zum Besitz des Kurf\u00fcrsten August von Sachsen (1526\u20131586) geh\u00f6rte, ist ein solches Alarmger\u00e4t. Ob es je Gefahr angezeigt hat? Man wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Olaf Scholz musste bei seinem Besuch bei Putin jedenfalls nicht auf derlei Hokuspokus zur\u00fcckgreifen \u2013 es wurde ja kein Essen serviert.<\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gemeinsame Mahlzeiten spielen in der Geschichte der Menschheit eine wichtige Rolle. 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