{"id":475010,"date":"2025-10-05T13:19:14","date_gmt":"2025-10-05T13:19:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/475010\/"},"modified":"2025-10-05T13:19:14","modified_gmt":"2025-10-05T13:19:14","slug":"kamala-harris-buch-107-days-eine-selbstrechtfertigung-ohne-politische-vision","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/475010\/","title":{"rendered":"Kamala Harris\u2019 Buch \u201e107 Days\u201c &#8211; Eine Selbstrechtfertigung ohne politische Vision"},"content":{"rendered":"<p>Politische Memoiren sind ein eigenes Genre: Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr Journalisten, Staubf\u00e4nger f\u00fcr W\u00e4hler. Sie verkl\u00e4ren Karrieren, rechtfertigen Niederlagen oder dienen als Sprungbrett f\u00fcr das n\u00e4chste politische Comeback. Auch Kamala Harris, die ehemalige Vize-Pr\u00e4sidentin der Vereinigten Staaten von Amerika und gescheiterte Pr\u00e4sidentschaftskandidatin der Demokraten, reiht sich mit \u201e107 Days\u201c in diese Tradition ein. Denn w\u00e4hrend ihre treuesten Anh\u00e4nger noch an der Symbolfigur der \u201eMadam Vice President\u201c festhalten, begegnet der Rest der Bev\u00f6lkerung ihrem Buch mit bemerkenswerter Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Umso ungl\u00fccklicher wirkt es, dass die Demokraten weiterhin \u00fcber Strategie und F\u00fchrung streiten, w\u00e4hrend die Medien einzelne Passagen des Selbstportr\u00e4ts ihrer einstigen Hoffnungstr\u00e4gerin gen\u00fcsslich sezieren. Nach der Lekt\u00fcre der ersten Seiten von \u201e107 Days\u201c \u2013 so viele Tage hatte ihr Wahlkampf gegen Donald Trump gedauert \u2013 stellt sich daher die Frage, wen Harris mit ihren Worten eigentlich noch erreichen will. Jene politisch Desinteressierten, denen sie sich mit lockerem Ton und Auftritten im Sweatshirt anbiedert? Die wenigen Unentschlossenen? Oder doch nur den harten Kern ihrer Fangemeinde?<\/p>\n<p>Offenheit oder Kalk\u00fcl?<\/p>\n<p>Bereits auf den ersten Seiten irritiert Harris\u2019 Tonwahl durch zwei ungew\u00f6hnliche Zitate: ein Bonmot des Softwareentwicklers Alberto Brandolini \u2013 \u201eDie Menge an Energie, die erforderlich ist, um Unsinn zu widerlegen, ist um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer als die, die ben\u00f6tigt wird, um ihn zu produzieren\u201c \u2013 sowie eine Zeile aus Kendrick Lamars Song \u201eDNA\u201c: \u201eI got loyalty, got royalty inside my DNA.\u201c Warum Harris ausgerechnet Brandolinis Zitat und Rap-Lyrics in ihre Autobiografie gepackt hat, erschlie\u00dft sich nicht ganz. Zumal der Leser auch sehr bald gewisse Widerspr\u00fcche erkennt: W\u00e4hrend Harris nach au\u00dfen Loyalit\u00e4t beschw\u00f6rt, wendet sie sich im Buch selbst gegen einstige Weggef\u00e4hrten und wirft ihrem damaligen Pr\u00e4sidenten Joe Biden vor, zu sp\u00e4t aus dem Rennen um die US-Pr\u00e4sidentschaft ausgestiegen zu sein.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/aussenpolitik\/nach-wahlsieg-von-donald-trump-patrick-deneen-jd-vance-postliberal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3_2.png\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Besonders deutlich wird das in einem zentralen Satz: \u201eAs loyal as I am to President Biden, I am more loyal to my country.\u201c Harris inszeniert sich als Patriotin, die \u00fcber pers\u00f6nlicher Treue steht. Gleichzeitig beklagt sie, das Wei\u00dfe Haus habe sie und ihren Mann drei Jahre lang \u201eversteckt\u201c und mit unbedeutenden Aufgaben abgespeist, nur um am Ende auf ihre Loyalit\u00e4t zu pochen. Das wirft nicht nur Fragen zum Verh\u00e4ltnis zwischen dem damaligen Pr\u00e4sidenten und seiner Vize auf, sondern deutet auch auf ein tiefer liegendes Problem innerhalb der Demokratischen Partei hin: W\u00e4hrend nach au\u00dfen Geschlossenheit gepredigt wird, wirkt die Partei innerlich zerrissen und ohne klaren Kurs.<\/p>\n<p>Abrechnung mit den eigenen Reihen<\/p>\n<p>In ihren Notizen erw\u00e4hnt Harris sogar Bill Clinton. Nach Bidens R\u00fccktritt habe er ihr am Telefon gesagt: \u201eOh my God, I\u2019m so relieved. Send me anywhere. Make this your own campaign.\u201c Solche Passagen zeigen, dass Harris\u2019 Buch nicht nur pers\u00f6nliche Rechtfertigung, sondern auch Abrechnung mit der eigenen Partei ist und dass die Demokraten schon vor dem Wahltag tiefer gespalten waren, als sie es einr\u00e4umen wollten. Viele hielten den 81-j\u00e4hrigen Biden l\u00e4ngst f\u00fcr zu alt, doch kaum jemand sprach es offen aus. Harris fragt nun, ob es Gnade oder Fahrl\u00e4ssigkeit war, ihn so lange im Rennen zu lassen \u2013 und reiht sich damit in einen Chor ein, der erst hinterher laut wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr zus\u00e4tzliche Schlagzeilen sorgten zudem die Passagen, in denen Harris m\u00f6gliche Mitstreiter kritisiert: Josh Shapiro sei \u201ezu ehrgeizig\u201c, Mark Kelly \u201ezu unerfahren\u201c, Pete Buttigieg \u201ezu riskant, weil er schwul ist\u201c. Gleichzeitig bleibt Harris im Buch erstaunlich vorsichtig, was den Politico-Kolumnisten Carlos Lozada zu der These bringt, dass dies das Werk einer Politikerin sei, die ihre Ambitionen auf das Wei\u00dfe Haus keineswegs aufgegeben hat. Offenheit wird in \u201e107 Days\u201c entsprechend nur dort inszeniert, wo sie nicht gef\u00e4hrlich ist. Klare Bekenntnisse bleiben hingegen aus.<\/p>\n<p>Kein Plan f\u00fcr morgen<\/p>\n<p>Was an \u201e107 Days\u201c besonders auff\u00e4llt, ist das, was fehlt. W\u00e4hrend klassische politische Memoiren zumindest eine Vision f\u00fcr die Zukunft entwerfen, bleibt Harris in der Vergangenheit stehen. Am Ende schreibt sie, die Demokraten m\u00fcssten einen \u201eBlueprint\u201c entwickeln; sie liefert aber keinen. Damit wiederholt sie die gleichen Fehler wie zuvor: Schon w\u00e4hrend ihrer Amtszeit und insbesondere in der Kampagne ums Wei\u00dfe Haus war ihr vorgeworfen worden, keine klare Vision zu haben. Auch diesmal bleibt es beim Ruf nach einem Plan, ohne dass sie ihn selbst vorlegt. Wer auf eine ernstzunehmende Alternative zu Donald Trump oder gar eine neue Richtung f\u00fcr die Demokraten gehofft hat, wird entsprechend entt\u00e4uscht. Harris wirft Fragen auf, beantwortet sie aber nicht.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/tod-von-charlie-kirk-nachruf-attentat-utah\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Design ohne Titel (13).png\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"Charlie Kirk\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Stattdessen vermischt sie Pers\u00f6nliches mit Politik \u2013 Pancakes f\u00fcr die Gro\u00dfnichten, Hot Dogs f\u00fcr den Secret Service \u2013 und versucht so, N\u00e4he \u00fcber banale Anekdoten zu schaffen. F\u00fcr Leser wirkt das weniger wie ein politisches Programm sondern eher wie der erneute Versuch, sich selbst und ihre Familie ins Bild zu setzen, was gezwungen wirkt und daher kaum \u00fcberzeugt. Gerade darin spiegelt sich auch das gr\u00f6\u00dfere Dilemma der Demokratischen Partei: Statt mit klarer Agenda und authentischer F\u00fchrung aufzuwarten, ruht man sich auf Identit\u00e4tsmerkmalen aus, f\u00e4llt sich gegenseitig in den R\u00fccken und inszeniert sich als modern und \u201ehip\u201c.<\/p>\n<p>Zwischen Kultfigur und Randnotiz<\/p>\n<p>Im Kern l\u00e4uft Harris\u2019 Story auf einen Punkt hinaus: Sie habe nicht verloren, weil sie die W\u00e4hler nicht h\u00e4tte \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, sondern weil sie daf\u00fcr nur 107 Tage Zeit hatte. Weil Harris genau so argumentiert, verfestigt sie allerdings den Eindruck, dass sie auch ein Jahr sp\u00e4ter keine Antworten hat, die \u00fcber den Kalender hinausgehen. Dieses Res\u00fcmee ist auch der US-Presse zu entnehmen. Nach Einsch\u00e4tzung des Guardian enth\u00e4lt \u201e107 Days\u201c zwar Episoden, die Einblicke in den chaotischen Sommer 2024 geben, doch Selbstkritik fehle. \u201eNo closure, no hope\u201c, res\u00fcmierte das Blatt. Die Los Angeles Times kam zu einem \u00e4hnlichen Schluss: Das Buch sei \u201eshort on hope\u201c \u2013 ein R\u00fcckblick ohne Zukunftsvision.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre treuesten Anh\u00e4nger bleibt Harris ein Vorbild: eine Frau, die Barrieren \u00fcberwunden hat, ein Symbol f\u00fcr Diversity und Aufstieg. Doch jenseits dieser Kerngruppe ist das Echo schwach. Laut Politico liegt Harris in den aktuellen Umfragen deutlich hinter Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, wenn es um eine m\u00f6gliche Pr\u00e4sidentschaftskandidatur im Jahr 2028 geht. Der demokratische Mainstream, so scheint es, hat sie bereits abgehakt.<\/p>\n<p>Jubel drinnen, Protest drau\u00dfen<\/p>\n<p>Ihre Buchpremiere in New York zeigte dieses Paradox in Reinform. Im Saal feierten Anh\u00e4nger die ehemalige Vizepr\u00e4sidentin wie einen Popstar, die Stimmung glich einem Klassentreffen mit eigens kreiertem Cocktail namens \u201eMadam VP\u201c. Drau\u00dfen hingegen trommelten Pal\u00e4stina-Aktivisten und warfen Harris Komplizenschaft im Gaza-Krieg vor. Zwischen jubelnden Fans und emp\u00f6rten Demonstranten lag nicht nur eine Stra\u00dfensperre, sondern eine ganze politische Kluft: Harris bleibt f\u00fcr einige Projektionsfl\u00e4che, f\u00fcr viele andere aber nur ein Symbol f\u00fcr verpasste Chancen.<\/p>\n<p>  Lesen Sie auch<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/kultur\/kirk-klar-ruhs-thevessen-hayali-ard-zdf-kritik\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Design ohne Titel (16).png\" width=\"434\" height=\"244\" alt=\"Ruhs, Hayali, Theve\u00dfen\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass Harris auf ihrer Tour nach wie vor versucht, sich den W\u00e4hlern als Mensch zu pr\u00e4sentieren. Sie spricht \u00fcber Ehe, Karriere und Familienleben, gibt Ratschl\u00e4ge wie eine Mentorin und erz\u00e4hlt Anekdoten, die Sympathie wecken sollen. Doch nach Jahren in h\u00f6chsten \u00c4mtern ist sie der amerikanischen \u00d6ffentlichkeit immer noch nicht wirklich vertraut. Harris\u2019 gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che bleibt, dass niemand genau wei\u00df, wof\u00fcr sie steht \u2013 au\u00dfer f\u00fcr das blo\u00dfe \u201eNicht-Trump-Sein\u201c und ihre offensichtlichen Charakteristika, auf die sie sich selbst immer wieder beruft: Frau mit Minderheitenstatus.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte sie sich mehr Zeit nehmen sollen, um das Buch zu schreiben. Dann h\u00e4tte es auch mit dem \u201eBlueprint\u201c und \u00fcberzeugenderen pers\u00f6nlicheren Einblicken klappen k\u00f6nnen. Stattdessen setzt Harris auf Bilder und Begegnungen mit \u201ehippen\u201c Figuren wie NBA-Spielern, Podcastern und Influencern, die N\u00e4he zur j\u00fcngeren, urbanen Kultur suggerieren sollen. Doch genau diese Inszenierungen lassen ihr Buch weniger wie ein politisches Verm\u00e4chtnis wirken, sondern eher wie eine verpasste Gelegenheit, endlich politische Substanz zu liefern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Politische Memoiren sind ein eigenes Genre: Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr Journalisten, Staubf\u00e4nger f\u00fcr W\u00e4hler. 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