{"id":476277,"date":"2025-10-06T01:30:42","date_gmt":"2025-10-06T01:30:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/476277\/"},"modified":"2025-10-06T01:30:42","modified_gmt":"2025-10-06T01:30:42","slug":"roman-geschichte-des-klangs-soundtrack-aus-wiese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/476277\/","title":{"rendered":"Roman \u201eGeschichte des Klangs\u201c: Soundtrack aus Wiese"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Ben Shattucks \u201eGeschichte des Klangs\u201c ist ein sch\u00f6nes, leises Buch. Es ist au\u00dferdem ein kurzes Buch, denn in bester amerikanischer Tradition entspinnt sich diese Erz\u00e4hlung auf nur 100 Seiten und umspannt dabei trotzdem mehr als 60 Jahre, ein ganzes Leben. Es ist die Geschichte einer im Strudel der Zeit verklingenden Liebe, erz\u00e4hlt vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre, eine Liebe, die es aufgrund eines Schicksalsschlags nur einen Sommer lang gibt \u2013 und die einen der Protagonisten doch bis ans Ende seines Lebens verfolgt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Lionel und David, zwei Musikstudenten, lernen sich kurz vor Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg kennen und lieben. David ist Syn\u00e4sthetiker und musikalisches Wunderkind und erh\u00e4lt den Auftrag, Neu-England zu bereisen, um Folksongs mit einem Phonographen auf Wachszylinder aufzunehmen und so f\u00fcr die Zukunft zu konservieren. Gemeinsam bereisen Lionel und er die endlosen W\u00e4lder und Wiesen Massachusetts und Maines auf der Suche nach Folkballaden und Ungest\u00f6rtheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">\u201eMein Gro\u00dfvater hat mal gesagt, dass Gl\u00fcck keine Geschichte ist\u201c, bemerkt Lionel beim sp\u00e4teren Schreiben \u00fcber diesen Sommer und ein bisschen krankt auch der erste Teil von Shattucks Novelle daran. Verd\u00e4chtig harmonisch geht es in dieser queeren Liebesgeschichte zu, gro\u00dfe Konflikte sind rar, auch die folkloristischen Feldstudien spielen nur eine Nebenrolle. Denn um was es hier geht, wird erst im zweiten Teil der Geschichte klar.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Viele Jahre sp\u00e4ter, in den 1980er Jahren, schaut Annie, eine Biologin, eine abendliche Talkshow. Ein Musikwissenschaftler stellt sein neues Buch zur Geschichte der amerikanischen Folkballade vor. Es braucht nicht viel kombinatorisches Geschick, um zu erkennen, dass es sich hierbei um Lionel handelt, der inzwischen als Folklorist Karriere gemacht hat. Annie und ihr Mann haben k\u00fcrzlich ein neues Haus bezogen und genau: Auf dem Dachboden findet Annie die vergessenen Wachsrollen und alles f\u00fcgt sich schicksalhaft zusammen.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Ben Shattuck:<\/strong> \u201eDie Geschichte des Klangs\u201c. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, M\u00fcnchen 2025. 104 Seiten, 20 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Die Wachsrollen funktionieren als eine Art tschechowsche Waffe oder novellenartiges Leitmotiv, ein Totem der Erinnerung: Diese Geschichte handelt von der vorbeieilenden Zeit, der Beliebigkeit des Lebens, der stets der menschliche Wunsch nach kausaler Ordnung und Bew\u00e4ltigung von Kontingenz entgegensteht. Es geht um die Zeit als Wunde, die nichts zu heilen vermag, sondern einen immer wieder mit all den Leben konfrontiert, die man nicht gelebt hat. Die Wachsrollen erinnern Lionel an den Sommer mit David, gleichzeitig fungieren sie als gro\u00dfes Memento mori, das \u00fcber die Unver\u00e4nderlichkeit der Natur und unbelebter Objekte zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p>      Wenig Dissonanzen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Ein wenig ideal liest sich das schon, denn in Ben Shattucks \u201eGeschichte des Klangs\u201c gibt es wenig Dissonanzen. Man merkt, diese S\u00e4tze gingen durch die Politur des Iowa Writers Workshops, dessen Absolvent Shattuck ist: Hier wurde gefeilt und begradigt, geleimt und gelackt. Shattuck, dessen erstes Buch sich mit den Wanderungen von Henry David Thoreau durch Neu-England besch\u00e4ftigt, hat mit \u201eGeschichte des Klangs\u201c ein Werk vorgelegt, das selbst in der Tradition der Transzendentalisten steht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Doch anders als seine transzendentalen Vorreiter findet Shattuck in der Natur keine Manifestation des G\u00f6ttlichen, sondern die Gestalt des Menschen an sich. Wie ein Soundtrack liegen die W\u00e4lder und Wiesen, zahlreichen Pflanzen und Tiere unter der Geschichte, machen Stimmungen, Beziehungen und Subtexte deutlich. Alles ist durchdrungen von einer tiefen Traurigkeit. Denn dem Fortschreiten der Zeit sind wir ultimativ ausgeliefert und nichts \u2013 nicht einmal das Festhalten von Stimmen und Klang \u2013 vermag daran etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Die amerikanische Originalausgabe enth\u00e4lt \u00fcbrigens noch zehn weitere Kurzgeschichten und es ist einigerma\u00dfen schade, dass sie offenbar <a href=\"https:\/\/taz.de\/Short-Stories-in-Deutschland\/!6075461\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Eigenheiten des deutschen Buchmarkts<\/a> zum Opfer gefallen sind. Die deutsche Ausgabe beschr\u00e4nkt sich auf die erste und letzte Geschichte, die im Original Anfang und Ende des Erz\u00e4hlbandes bilden. Was verloren geht, ist die spannende Form, mit der Shattuck diese Geschichten nach einer im 18. Jahrhundert beliebten \u201eHook and Chain\u201c-Dramaturgie angeordnet hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Nach dem Schema A BB CC DD A bilden jeweils zwei Geschichten ein Bedeutungspaar und werden wiederum von einem Paar eingeschlossen. Manchmal sind es wiederkehrende Figuren, doch meist sind es Orte oder Gegenst\u00e4nde, die wiederkehren und ein dichtes Netz umspannen, das im Original \u00fcber 400 Jahre einschlie\u00dft und virtuos zwischen historischen und zeitgen\u00f6ssischen Settings wechselt.<\/p>\n<p>      Gegenw\u00e4rtiges, im Gewand des Historischen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Auch wenn die beiden ausgew\u00e4hlten Storys in der deutschen Ausgabe von \u201eGeschichte des Klangs\u201c diese Dramaturgie selbst verdichtet erhalten, so versteht man Shattuck kaum, wenn man nur diese beiden Geschichten liest. Shattucks Storys sind zwar historisch verortet, es geht aber stets um universelle, zeitlose Themen, oftmals von existenzieller Natur.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Es geht um Gegenw\u00e4rtiges, das nur im Gewand des Historischen daherkommt. Es ist zu hoffen, dass die im Februar 2026 hierzulande in die Kinos kommende Verfilmung <a href=\"https:\/\/taz.de\/Frau-im-Dunkeln-auf-Netflix\/!5822103\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">(mit Literaturverfilmungsdarling Paul Mescal)<\/a> sich eher dem Transzendentalen des Stoffes widmet, anstatt ein \u201eBroke\u00adback Mountain f\u00fcr die Generation Z\u201c abzugeben, wie an anderer Stelle schon kritisch bemerkt wurde.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Schon die Entscheidung des Verlags, <a href=\"https:\/\/taz.de\/KI-generierte-Einbaende\/!6101559\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ein mit KI generiertes und einigerma\u00dfen kitschiges Foto f\u00fcr das Buchcover auszuw\u00e4hlen,<\/a> l\u00e4sst Ungutes erwarten \u2013 dabei stammt das Drehbuch von Shattuck selbst. Als Verfechter von k\u00fcnstlicher Intelligenz kann man sich den Autor derweil kaum vorstellen. Neben der T\u00e4tigkeit als Autor und Kurator betreibt Shattuck mit seinem Bruder n\u00e4mlich seit einigen Jahren den \u00e4ltesten General Store ganz Massachusetts im beschaulichen Dartmouth \u2013 durchgehend ge\u00f6ffnet seit 1793 und inzwischen um Buchhandlung und Kunstcaf\u00e9 erweitert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Viele von Shattucks Charakteren sind K\u00fcnstler*innen, Schrift\u00adstel\u00adle\u00adr*in\u00adnen oder sind zumindest auf eine k\u00fcnstlerhafte Weise der normativen Welt entr\u00fcckt. Es geht auch um die Unvereinbarkeit von Kunst und Leben, finanzielle Schwierigkeiten, die k\u00fcnstlerische Produktion unm\u00f6glich machen. Das kitschige, dahergepromptete Cover verkennt dies alles und man hat es \u2013 wie bei den Buchumschl\u00e4gen von Elena Ferrantes Neapelromanen \u2013 mit einem Etikettenschwindel zu tun, der Werk und Au\u00adto\u00adr*in nicht gerecht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ben Shattucks \u201eGeschichte des Klangs\u201c ist ein sch\u00f6nes, leises Buch. 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