{"id":476604,"date":"2025-10-06T04:52:47","date_gmt":"2025-10-06T04:52:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/476604\/"},"modified":"2025-10-06T04:52:47","modified_gmt":"2025-10-06T04:52:47","slug":"evangelische-kirche-wenn-wir-das-in-jerusalem-nicht-tun-wo-sonst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/476604\/","title":{"rendered":"Evangelische Kirche: \u201eWenn wir das in Jerusalem nicht tun \u2013 wo sonst?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Seit Ausbruch des Gaza-Kriegs hat sich auch das Leben der Christen in Israel stark ver\u00e4ndert. Der evangelische Propst in Jerusalem warnt, sich aus Deutschland \u201eleichtfertig zum Richter \u00fcber die Region\u201c zu erheben \u2013 und erkl\u00e4rt, was ihn am Kirchentag entt\u00e4uscht hat.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Deutsche Kirchen sind in Jerusalem durch eine evangelische Gemeinde vertreten, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat. Die zentrale evangelische Kirche ist die Erl\u00f6serkirche in der Altstadt, die 1898 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht wurde. Zus\u00e4tzlich besteht die Dormitio-Abtei seit Anfang des 20. Jahrhunderts als wichtige deutschsprachige katholische Pr\u00e4senz. Bis heute werden in diesen Kirchen deutschsprachige Gottesdienste gefeiert und seelsorgliche sowie soziale Arbeit geleistet. WELT hat den evangelischen Propst (leitendes geistliches Amt eines Kirchenkreises, Anm. d. Red.) Joachim Lenz in Jerusalem zum Gespr\u00e4ch getroffen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Propst Lenz, nach dem letzten Evangelischen Kirchentag wurde von vielen Seiten hart kritisiert,<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article256052934\/Treffen-der-Protestanten-Vielfalt-Nachhaltigkeit-und-Empowerment-fuer-BIPoC-PoC-Kinder-auf-dem-Kirchentag.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article256052934\/Treffen-der-Protestanten-Vielfalt-Nachhaltigkeit-und-Empowerment-fuer-BIPoC-PoC-Kinder-auf-dem-Kirchentag.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> die Kirche verliere sich im Zeitgeist,<\/a> k\u00fcmmere sich um alles \u2013 nur nicht um die wirklich entscheidenden Fragen. Hat Sie das, gerade mit Blick auf Ihre Arbeit in Jerusalem, bewegt?<\/p>\n<p><b>Joachim Lenz:<\/b> Ja, das bewegt mich, und ich habe die Debatten auch aufmerksam verfolgt. In der Diskussion in Deutschland fehlt, dass <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256313190\/westjordanland-tief-sitzender-christenhass-israelische-siedler-greifen-christliches-palaestinenser-dorf-an.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256313190\/westjordanland-tief-sitzender-christenhass-israelische-siedler-greifen-christliches-palaestinenser-dorf-an.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in zentralen Fragen wie dem Nahostkonflikt<\/a> beide Seiten \u00f6ffentlich zu Wort kommen. Solche Podien w\u00e4ren dringend n\u00f6tig. Aber es gibt offenbar kaum noch Menschen, die bereit sind, sich in dieser hoch polarisierten Lage vor Publikum zu \u00e4u\u00dfern. Dass auch der Kirchentag, der einmal gegr\u00fcndet wurde, um schwierige Fragen zu stellen, da nicht weiterkam, hat mich entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie versuchen Sie vor Ort, gegenzusteuern?<\/p>\n<p><b>Lenz:<\/b> Als evangelische Kirche in Jerusalem suchen wir hier bewusst Gespr\u00e4che mit m\u00f6glichst vielen Menschen \u2013 nicht nur \u00fcber sie. Wir hatten zuletzt auch Kirchen leitende Pers\u00f6nlichkeiten zu Gast, die mit beiden Seiten ins Gespr\u00e4ch gekommen sind. Deutschland wird seit dem Terroranschlag (vom 7. Oktober 2023, Anm.) von vielen Pal\u00e4stinensern als nur proisraelisch betrachtet. Dem halte ich entgegen: Die Bundesrepublik hat seitdem 350 Millionen Euro an humanit\u00e4rer Hilfe f\u00fcr Gaza und die Westbank geleistet, zus\u00e4tzlich zu EU-Mitteln. Zugleich stellen sich evangelische Kirchen in Deutschland sehr klar gegen Antisemitismus, der leider massiv zugenommen hat. Unsere Verantwortung liegt auf beiden Seiten: solidarisch mit Leidenden zu sein, ohne politische L\u00f6sungen vorzuschlagen, die uns gar nicht zustehen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> In Deutschland lautet die Kritik oft: Die evangelische Kirche sei zu politisch, sie verliere ihre spirituelle Kraft. Ist da etwas dran?<\/p>\n<p><b>Lenz: <\/b>Diese Wahrnehmung ist verzerrt. Sie trifft regelm\u00e4\u00dfig den Kirchentag, dabei gibt es dort immer hunderte von Gottesdiensten, Gebeten und Andachten \u2013 die sind das Herzst\u00fcck, nicht tagespolitische Reden. Aber \u00f6ffentlich entsteht ein anderer Eindruck. Erst recht lebt die evangelische Kirche insgesamt in Gottesdiensten, Jugendarbeit, Seelsorge, Diakonie, Musik, Gemeinschaftsangeboten \u2013 das ist doch nicht \u201ezu politisch\u201c! Und ja, manchmal wird gesagt, uns fehle Spiritualit\u00e4t. Doch die Begr\u00fcndung, warum wir als Protestanten das Existenzrecht Israels verteidigen und zugleich an der Seite pal\u00e4stinensischer Christen stehen, speist sich aus tiefen theologischen \u00dcberzeugungen. Es geht nicht um Politik im engen Sinn, sondern um die Treue Gottes zu seinem Volk und um die Treue Gottes zu den kleinen Gemeinden, die hier ausharren.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie ver\u00e4ndert der Krieg Ihren Alltag in Jerusalem?<\/p>\n<p><b>Lenz: <\/b>Wir sind in unserer Erl\u00f6serkirche nur eine kleine Gemeinde, manchmal 15, manchmal 40 Menschen. Aber diese Gottesdienste sind unglaublich dicht. Wir sitzen im Stuhlkreis, beten, h\u00f6ren aufeinander \u2013 und erleben Gott sehr konkret. Wir haben zum Beispiel einen Adventsstern im Altarraum h\u00e4ngen, das ganze Jahr \u00fcber. F\u00fcr uns ist er ein Zeichen: Der Friedef\u00fcrst ist angek\u00fcndigt, er ist da. Hoffnung wachhalten \u2013 gerade hier im Heiligen Land \u2013 ist unsere Hauptaufgabe.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Hat sich Ihr eigener Glaube in den Jahren als Propst in Jerusalem ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><b>Lenz: <\/b>Ich habe Theologie studiert, um Pfarrer auf dem Dorf zu werden, und acht Jahre lang war ich das an der Mosel. Sp\u00e4ter war ich Assistent an der Uni, Kirchentagspastor, Missionsdirektor. Heute bin ich hier in Jerusalem. Die Stationen unterscheiden sich sehr, aber die Grundfrage ist die gleiche geblieben: die frohe Botschaft zu verk\u00fcnden. Ob jemand in Not betrunken auf einer deutschen Stra\u00dfe liegt oder ob hier Familien um ihr \u00dcberleben ringen \u2013 das Versprechen gilt: Gott liebt dich. Meine Grundaussagen haben sich nicht ver\u00e4ndert, nur mein Blick auf sie wurde weiter.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wenn Sie nach Deutschland reisen: Was erz\u00e4hlen Sie den Menschen \u00fcber die Lage in Jerusalem?<\/p>\n<p><b>Lenz: <\/b>Das Erste: Wir leben hier als Deutsche sehr privilegiert. Raketen fallen nicht auf Jerusalem, im Notfall g\u00e4be es sogar Evakuierungspl\u00e4ne. Gleichzeitig erz\u00e4hle ich: Israel ist ein traumatisiertes Land. Das erkl\u00e4rt die H\u00e4rten, die nach au\u00dfen oft kaum zu verstehen sind. Und ich erz\u00e4hle von den Pal\u00e4stinensern, die unter Besatzung, Armut und Frust leben. Ich versuche Verst\u00e4ndnis f\u00fcr beide Seiten zu wecken und davor zu warnen, dass man in Deutschland leichtfertig zum Richter \u00fcber die Region wird. Je l\u00e4nger man hier ist, desto komplexer wird alles.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Jerusalem bedeutet \u2013 \u201enichts und alles\u201c, wie es im Hollywoodfilm \u201eK\u00f6nigreich der Himmel\u201c \u00fcber die Kreuzz\u00fcge hei\u00dft. Ist das eine passende Beschreibung?<\/p>\n<p><b>Lenz:<\/b> Ja, absolut. Die Altstadt ist winzig, ein Quadratkilometer, und gleichzeitig b\u00fcndelt sich hier Weltgeschichte. Die Psalmen sagen: \u201eJerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll.\u201c Wenn hier Menschen lernen w\u00fcrden, friedlich zusammenzuleben, g\u00e4be das Hoffnung weit \u00fcber die Grenzen hinaus. Wer, wenn nicht die, die in dieser Stadt Glauben teilen? Und wenn nicht hier, wo sonst?<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was bleibt Ihre pers\u00f6nliche Quintessenz nach fast zwei Jahren Krieg?<\/p>\n<p><b>Lenz:<\/b> Wir als Kirche haben kein Mandat f\u00fcr politische L\u00f6sungen. Unser Mandat lautet: Menschen zu begleiten, ihre Hoffnung zu st\u00e4rken, f\u00fcr den Frieden zu beten. Wenn wir das in Jerusalem nicht tun \u2013 wo sonst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit Ausbruch des Gaza-Kriegs hat sich auch das Leben der Christen in Israel stark ver\u00e4ndert. Der evangelische Propst&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":476605,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3976],"tags":[331,332,6476,2547,25319,13,22122,120801,14,6000,15,575,12,3992,3993,3994,3995,3996,3997],"class_list":{"0":"post-476604","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-vereinigtes-koenigreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-christentum","11":"tag-gaza-streifen","12":"tag-glauben","13":"tag-headlines","14":"tag-israel-politik","15":"tag-kirchentag-ks","16":"tag-nachrichten","17":"tag-nahost","18":"tag-news","19":"tag-religion","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-uk","22":"tag-united-kingdom","23":"tag-united-kingdom-of-great-britain-and-northern-ireland","24":"tag-vereinigtes-koenigreich","25":"tag-vereinigtes-koenigreich-grossbritannien-und-nordirland","26":"tag-vereinigtes-koenigreich-von-grossbritannien-und-nordirland"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115325436261556727","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/476604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=476604"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/476604\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/476605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=476604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=476604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=476604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}