{"id":478873,"date":"2025-10-07T02:12:15","date_gmt":"2025-10-07T02:12:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/478873\/"},"modified":"2025-10-07T02:12:15","modified_gmt":"2025-10-07T02:12:15","slug":"reisners-blick-auf-die-front-die-russen-wollen-panik-verbreiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/478873\/","title":{"rendered":"Reisners Blick auf die Front: &#8222;Die Russen wollen Panik verbreiten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Russen skalieren ihre Luftangriffe, zugleich zeigt der ukrainische Schutzschirm immer mehr L\u00f6cher. Was hilft gegen die neu und besser programmierten russischen Raketen? Oberst Markus Reisner zeigt auf, mit welchen Waffen die Ukraine der neuen Bedrohung begegnen kann. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Reisner, bei meinem Kiew-Besuch in der vergangenen Woche sprang f\u00fcnf Mal am Tag die Sirene an. So viel Luftalarm hatte ich zuvor noch nie erlebt.<\/b><\/p>\n<p>Markus Reisner: Fast jeden zweiten Tag starten die Russen inzwischen einen sehr schweren Luftangriff, nicht mehr nur alle 14 Tage wie noch vor Monaten. Und jeden Tag fliegen Drohnen in die Ukraine ein. <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Osterreichischen-.jpeg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im \u00d6sterreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes f\u00fcr Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Milit\u00e4rakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsf\u00fchrung. Jeden Montag bewertet er f\u00fcr ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: privat)<\/p>\n<p><b>Wenn die Sirene heult, hat man derzeit eine Viertelstunde, um Schutz zu suchen. Dann haben die Geschosse Kiew erreicht. Binnen Minuten f\u00fcllen sich Unterf\u00fchrungen und Metro-Stationen. Woher nehmen die Leute das Durchhalteverm\u00f6gen?<\/b><\/p>\n<p>Es ist bewundernswert, wie stoisch die Bev\u00f6lkerung diese Belastung auch im vierten Kriegsjahr noch ertr\u00e4gt. Aus meiner Sicht liegt die Belastungsgrenze der Ukrainer deutlich h\u00f6her als in unseren westlichen L\u00e4ndern. Sie haben sich nat\u00fcrlich langsam daran gew\u00f6hnt, weil der Krieg ja im Osten des Landes schon seit 2014 tobt. Die Ukrainer haben seitdem viel getan, um resilienter zu werden, das Toleranzlevel ist h\u00f6her verglichen mit unseren Gesellschaften: Wenn ein paar Drohnen \u00fcber EU-Hauptst\u00e4dten fliegen, sind gleich alle in h\u00f6chster Aufregung. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Aber ist die Aufregung nicht ganz gesund? Um sich mal klar zu machen, dass Putins Krieg \u00fcber die Ukraine hinausgeht? Und wir schon jetzt Angriffsziel sind?<\/b><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es gut, dass mit diesen Drohnensichtungen jetzt in Europa ernsthaft gefragt wird: Haben wir unseren Luftraum unter Kontrolle? Wer ist in dem Fall \u00fcberhaupt zust\u00e4ndig? Wie ist der Rechtsrahmen? Lie\u00dfe dieser das gezielte St\u00f6ren der Drohne und im schlimmsten Fall einen Abschuss zu? Diese Fragen hat man bislang nur akademisch diskutiert. Jetzt wird das konkret hinterlegt, weil man einfach handeln k\u00f6nnen muss. Weil die Gefahr besteht, dass der Staat ansonsten die Kontrolle verliert. Das ist ja das Entscheidende.<\/p>\n<p><b>Sie meinen, das entscheidende Ziel f\u00fcr den Kreml?<\/b><\/p>\n<p>Ja. Noch aus der Sowjetunion gibt es dieses Muster, wie Moskau damals mit seinen Satellitenstaaten umgegangen ist, wenn ein Land drohte, abtr\u00fcnnig zu werden. Zuerst der Versuch, das Land und seine Bev\u00f6lkerung zu demoralisieren. Als zweites folgte die Destabilisierung des Staates durch Angriffe auf die staatlichen Organe. Darauf folgten bereits \u00dcbergriffe auf das Hoheitsgebiet, die in der Regel eine Krise oder innere Unruhen ausl\u00f6sten. In Phase vier wurde dann die Ordnung wiederhergestellt, indem sowjetische Truppen einmarschierten. In Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei ist das gleich mehrfach so passiert. Das Muster erkennen wir jetzt im Einsatz von Drohnen \u00fcber europ\u00e4ischen St\u00e4dten &#8211; auch die sollen bei uns eine Krise ausl\u00f6sen. Es soll wirken, als seien die Staaten nicht in der Lage, ihr Territorium zu kontrollieren. Aber wir reagieren darauf. Das ist ein gutes Zeichen, wir wachsen mit unseren Herausforderungen und Aufgaben. <\/p>\n<p><b>Ihrer Einsch\u00e4tzung nach ist es aber f\u00fcr Kreml-Chef Wladimir Putin immer noch mehr wert, dass Chaos entsteht, als es ihm schadet, wenn die EU-Staaten die Bedrohung erkennen und sich resilienter aufstellen?<\/b><\/p>\n<p>Derzeit \u00fcberwiegt f\u00fcr Putin auf jeden Fall der Gewinn durch das entstandene Chaos, denn die Russen erreichen damit gleich mehrere Effekte. Zuerst die Blamage f\u00fcr die staatlichen Organe und die Nato. Dann die entstehende Panik, welche zur Frage f\u00fchrt: K\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt unseren eigenen Luftraum sch\u00fctzen? Wo ist unsere Fliegerabwehr? Warum schicken wir so viele Systeme in die Ukraine, anstatt uns selbst damit abzusichern? Damit sind wir beim dritten Effekt: Der Kreml profitiert davon, dass zuk\u00fcnftig vielleicht weniger Fliegerabwehr in die Ukraine geschickt wird, weil wir uns selbst gegen eine m\u00f6gliche strategische Luftkampagne sch\u00fctzen wollen.<\/p>\n<p><b>Geht es dabei in erster Linie um Patriot-Fliegerabwehr?<\/b><\/p>\n<p>Vor allem, w\u00fcrde ich sagen, betrifft es die kostbaren mobilen Radarsysteme. Diese schaffen das Luftlagebild und sind damit ein wichtiger Bestandteil der Fliegerabwehr. Der entscheidende Vorteil ist aber, wie betont, die M\u00f6glichkeit, die Nato und westliche Regierungen als nicht handlungsf\u00e4hig vorzuf\u00fchren. Zudem entsteht nun weiteres Chaos, wenn eigentlich unbeteiligte Drohnenpiloten verhaftet werden, weil sie mit ihren Ger\u00e4ten in der N\u00e4he eines Flugplatzes waren. Unsicherheit, Panik und Angst, genau diese Effekte wollen die Angreifer erreichen. Bis zum Zusammenbruch der Ordnung, wenn schlie\u00dflich Hunderttausende Menschen bei eingestelltem Flugbetrieb auf Flugh\u00e4fen stranden und nicht mehr von A nach B kommen. <\/p>\n<p><b>Fliegerabwehr wird f\u00fcr die Ukraine auch deshalb derzeit immer schwieriger, weil die Abschussrate nach unten geht. Es kommen also mehr russische Geschosse durch den Abwehrschirm als fr\u00fcher. Wie schwerwiegend ist das?<\/b><\/p>\n<p>Die Expertenszene beobachtet das schon l\u00e4nger, auch aufgrund Videos von Angriffen, die zum Teil von Ukrainern gefilmt wurden. Die Regierung in Kiew m\u00f6chte solche Aufnahmen nicht verbreitet sehen, aber sie kommen trotzdem immer wieder in die \u00d6ffentlichkeit. <\/p>\n<p>Hinzu kommen Berichte von Journalisten, die in der Ukraine die Schwierigkeiten beim Abfangen von Raketen und Marschflugk\u00f6rpern wahrnehmen, wie k\u00fcrzlich neuerlich in der Financial Times zu lesen stand. Demnach ist die Abfangquote binnen von zwei Monaten von knapp 40 auf 6 Prozent gefallen, weil die Russen ihre Raketen technisch angepasst haben und diese jetzt ihre Flugbahnen ver\u00e4ndern. <\/p>\n<p><b>K\u00f6nnen die Ukrainer aus der Luft die Abschussrampen in Russland angreifen und so verhindern, dass die Raketen \u00fcberhaupt abgefeuert werden?<\/b><\/p>\n<p>Nehmen wir zum Beispiel eine Boden-Boden-Rakete vom Typ Iskander. Sie ist eine ballistische Rakete, die f\u00fcr Hochwertziele eingesetzt wird. Die Startrampen sind sehr mobil und k\u00f6nnen rasch verlegt werden. Die Ukraine muss also den Standort aufkl\u00e4ren und dann angreifen. Da kommen die USA ins Spiel, denn die stellen ihnen die Zieldaten durch ihre Nachrichtendienstliche Aufkl\u00e4rung zur Verf\u00fcgung. Dar\u00fcber wurde immer wieder berichtet. Aber es geht f\u00fcr die Ukraine auch um die notwendigen weitreichenden Waffensysteme. Darum fordert die Ukraine mehr Unterst\u00fctzung mit weitreichenden Waffensystemen, um solche Luftschl\u00e4ge ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Das w\u00e4re zum Beispiel der Tomahawk-Marschflugk\u00f6rper der USA?<\/b><\/p>\n<p>Tomahawks waren in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem wenn die USA einen Konflikt begonnen haben, immer Teil des Er\u00f6ffnungsschlags, in Afghanistan etwa, wie auch im Irak. Sie w\u00fcrden mit ihrer hohen Reichweite perfekt ins System passen. Zumal seit einigen Wochen sichtbar wird, dass die ukrainische Luftkampagne gegen russische Infrastruktur die Russen sehr unter Druck setzt. Hier werden wirklich messbare Ergebnisse erzielt. Hier kann die Ukraine erfolgreich wirken, im Gegensatz zum Schlachtfeld, wo es fast unm\u00f6glich ist, diesen anbrandenden russischen Angriffen wirklich Herr zu werden. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Dann w\u00e4re Unterst\u00fctzung mit Marschflugk\u00f6rpern f\u00fcr die Ukraine das Gebot der Stunde?<\/b><\/p>\n<p>Mit den laufenden Schl\u00e4gen auf diese russischen Achillesferse braucht es jetzt nat\u00fcrlich alles M\u00f6gliche an Waffensystemen, mit den F\u00e4higkeiten, um diesen Angriffsschwung weiter n\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Neben Tomahawk k\u00f6nnen das auch der Marschflugk\u00f6rper FP-5 Flamingo und die Drohne An-196 Ljuty sein, beide werden in der Produktion von Gro\u00dfbritannien und Deutschland unterst\u00fctzt. Diese Waffen k\u00f6nnen mit einer Reichweite von 1500 bis 2000 Kilometern wirken, die Drohne ist allerdings deutlich langsamer als der Flamingo. Dieser kann Sprengstoff mit hohem Tempo in weit entfernte Ziele bringen, aber ist er auch st\u00f6rresistent genug?<\/p>\n<p><b>Nur dann k\u00f6nnte er die russische Verteidigung \u00fcberwinden, oder?<\/b><\/p>\n<p>Genau, und im Wesentlichen scheint der Flamingo diese F\u00e4higkeit zu haben. Die Kosten von 500.000 Dollar pro St\u00fcck sprechen allerdings nicht daf\u00fcr, dass die Waffe technisch sehr ausgereift ist. Man muss aber erstmal abwarten, ob der Flamingo das leistet, was man ihm zuspricht. Tomahawk und auch der deutsche Taurus hingegen sind in der Lage, ihre Navigation zu wechseln, sie haben mehrere M\u00f6glichkeiten zur Orientierung. Das macht sie tats\u00e4chlich sehr resistent gegen russische St\u00f6rversuche.<\/p>\n<p><b>Strategische Luftangriffe auf Russland w\u00e4ren auch eine M\u00f6glichkeit, die Infrastruktur in der Ukraine zu sch\u00fctzen. Wie wichtig wird das im kommenden Winter?<\/b><\/p>\n<p>Schon im vergangenen Jahr wurde hinter vorgehaltener Hand dar\u00fcber gesprochen, dass die kritische Infrastruktur in der Ukraine sehr angeschlagen ist. 80 Prozent sei zerst\u00f6rt oder besch\u00e4digt, hie\u00df es, auch aus offiziellen ukrainischen Quellen. Darum ist die Sorge gro\u00df, dass trotz der Reparaturarbeiten der letzten Monate, dieser Winter die Ukraine an den Rand des M\u00f6glichen bringen k\u00f6nnte. Man f\u00fcrchtet, die Russen k\u00f6nnten die Ukraine mit ihren Luftangriffen in die Knie zwingen. Darum versucht die Ukraine mit aller Vehemenz gegenzuhalten und braucht daf\u00fcr dringend westliche weitreichende Waffen.<\/p>\n<p>Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Russen skalieren ihre Luftangriffe, zugleich zeigt der ukrainische Schutzschirm immer mehr L\u00f6cher. 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