{"id":479645,"date":"2025-10-07T09:33:11","date_gmt":"2025-10-07T09:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/479645\/"},"modified":"2025-10-07T09:33:11","modified_gmt":"2025-10-07T09:33:11","slug":"hamlet-in-hamburg-im-ruecken-die-ruinen-europas-am-ende-die-chinesische-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/479645\/","title":{"rendered":"\u201eHamlet\u201c in Hamburg: Im R\u00fccken die Ruinen Europas, am Ende die chinesische Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Frank Castorf inszeniert \u201eHamlet\u201c in Hamburg. Klar, dass dabei in sechs Stunden nicht nur Shakespeare-Text zu h\u00f6ren ist, sondern auch Heiner M\u00fcller. Es l\u00e4uft wieder mal alles hinaus auf die Frage: Wer ist Fortinbras, der am Ende, wenn alle tot sind, das Land beherrscht?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Europa sieht man an diesem Abend nur in Spiegelschrift, wie im R\u00fcckspiegel verschwindend. Kein Blick von au\u00dfen, sondern die Innenansicht einer Kernschmelze. Am hinteren B\u00fchnenrand blickt man zwar in die Wolken, doch leidet man hier \u2013 im Atombunker verschanzt \u2013 am Verlust von Gestaltungsspielraum und historischer Perspektive. Au\u00dfer untergehen geht hier nichts mehr. Etwas ist faul im Staatengebilde Europa. Und am Horizont ziehen schon der Dritte Weltkrieg und ein neues Zeitalter auf. Abschied vom Abendland? Willkommen bei Frank Castorfs Endspielspektakel <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/schauspielhaus.de\/stuecke\/hamlet\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/schauspielhaus.de\/stuecke\/hamlet&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eHamlet\u201c am Deutschen Schauspielhaus Hamburg<\/a>! Eine Spielzeiter\u00f6ffnung, die noch d\u00fcsterer ist als der Herbstanfang.<\/p>\n<p>Der Grundton des ausufernden Abends wird mit Heiner M\u00fcllers \u201eHamletmaschine\u201c gesetzt, auch die \u00dcbersetzung des Shakespeare-Dramas kommt vom 1995 verstorbenen DDR-Dichter. Jonathan Kempf stapft nach vorn, durch eine H\u00fcgellandschaft aus Styroporkohlest\u00fcckchen, in denen sp\u00e4ter der Hofstaat von Helsing\u00f8r wie der im B\u00e4llebad gro\u00dfer Einrichtungskaufh\u00e4user abgestellte Nachwuchs tollt. \u201eIch war Hamlet. Ich stand an der K\u00fcste und sprach mit der Brandung BLABLA, im R\u00fccken die Ruinen von Europa. Die Glocken l\u00e4uteten das Staatsbegr\u00e4bnis ein\u201c, verk\u00fcndet der einsame Rufer am B\u00fchnenrand. Man ahnt, dass heute nicht nur Europa, sondern auch ein Drama \u00fcber die Intellektuellen und die Macht begraben werden soll.<\/p>\n<p>Bevor es mit Shakespeares ber\u00fchmtem \u201eWer ist da?\u201c losgeht, wirft der 1951 in Ost-Berlin geborene Regisseur Castorf, langj\u00e4hriger Intendant der Berliner Osttheatertrutzburg Volksb\u00fchne, noch einige Brocken mehr M\u00fcller auf die B\u00fchne. Hamlet, dieser gro\u00dfe Mythos der Neuzeit, geht versch\u00fctt unter Unmengen von Kommentar, wie das Gr\u00fcn unter den \u00dcberresten des fossilen Zeitalters, der Kohlenstoffbefreiungsfront. <\/p>\n<p>Wer bei der Metatextschaufelei nicht hinterherkommt, kann immerhin in Ausz\u00fcgen im Programmheft mitlesen. Da kommen \u201eDie Befreiung des Prometheus\u201c oder \u201eHerakles 2 oder Die Hydra\u201c, sp\u00e4ter noch \u201eShakespeare: Eine Differenz\u201c: Texte, die eine erstarrte Welt ohne Hoffnung zeigen, wo Befreite auf ihre Befreier einhacken oder Helden im Kampf die Orientierung verlieren.<\/p>\n<p>\u201eSein oder Nichtsein\u201c hei\u00dft es im Keller des Atombunkers, eine Menschheitsfrage in Zeiten von Aufr\u00fcstung, Krieg und nuklearer Drohungen. Paul Behren als Hamlet ist ein energischer junger Mann, ganz klar und kalt in seiner Wut, erf\u00fcllt vom moralischen Rigorismus der Jugend. Und auch ein durch den Riss der Reflexion verhinderter, \u201evon des Gedankens Bl\u00e4sse angekr\u00e4nkelter\u201c Tatmensch. Ein Riss, durch den zugleich das Licht der Utopie und des zaudernden Zweifels f\u00e4llt. Der Ekel treibt ihn an, vorm h\u00f6fischen Getue und dem Zirkus der Macht. Er will es anders tun und kann es doch nicht. <\/p>\n<p>Die Gegenwart bietet diesem Hamlet weder Halt noch Zukunft, weswegen er von Geistern heimgesucht wird, die am Ende die Portr\u00e4ts von Lenin und Stalin tragen. Hamlet als Urbild des Traums oder Albtraums der Intellektuellen, die sich mit der revolution\u00e4ren Gewalt die Erl\u00f6sung von ihrer seelischen Zerrissenheit erwarten?<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur Trag\u00f6die dazu, dass gerade Claudius zu Hamlets Antagonisten wird \u2013 ein auf den Onkel verschobener Aufstand gegen den Vater, der einen immer wieder wundert. Denn dieser, von Josef Ostendorf so wundervoll gespielte Herrscher ist kein brutaler Bluts\u00e4ufer, sondern ein sanfter Tyrann von fast gem\u00fctlicher Liberalit\u00e4t. Als Hamlet ihn mit einem Spottlied \u00fcber Dicke zu provozieren versucht, l\u00e4chelt er das milde weg. \u201eHast du das in Wittenberg gelernt?\u201c, fragt Claudius am\u00fcsiert. Doch Hamlet traut dem Schein nicht, er ist \u00fcberzeugt, dass auch dieser so freiheitlich wirkende Souver\u00e4n Blut an seinen H\u00e4nden hat und mit der Heirat seiner verwitweten Mutter dem Sittenverfall T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet. Er will ihn unbedingt entlarven.<\/p>\n<p>Bis man beim Hauptman\u00f6ver zur Entlarvung der Herrschaft, dem \u201eMausefalle\u201c genannten St\u00fcck im St\u00fcck, angekommen ist, dauert es allerdings ein paar Stunden \u2013 die Gesamtdauer der Premiere liegt bei knapp \u00fcber sechs Stunden, mit einer Pause. Die Spannung steigt: Welches Theater l\u00e4sst die Masken fallen? Noch mal Heiner M\u00fcller (\u201eMauser\u201c-Falle)? Oder Bertolt Brecht? Weit gefehlt: Antonin Artauds \u201eTheater der Grausamkeit\u201c! Das h\u00e4tte man allerdings seit Castorfs \u201eGalileo Galilei\u201c am Berliner Ensemble ahnen k\u00f6nnen, wo er Brecht gegen Artaud in den Ring schickte, mit klarem Punktsieg f\u00fcr den nietzscheanischen Franzosen (wenn auch kein K.O.). Oder ist Artaud mit seinen Fantasien vom Theater als \u201eSprengstoff\u201c, das den \u201eKriegszustand\u201c in einem wachh\u00e4lt, nur eine weitere Hamlet-Maske, der n\u00e4chste unerbittliche Alleszerst\u00f6rer und Rebell gegen den Schein?<\/p>\n<p>Castorfs peinliches Selbstbegr\u00e4bnis<\/p>\n<p>Mit Artaud bringt Castorf auch eine ungew\u00f6hnliche These zum Faschismus auf die B\u00fchne, die sich abgewandelt auch bei Georges Bataille in \u201eDie psychologische Struktur des Faschismus\u201c findet:  Im Theater der Grausamkeit m\u00fcssen die Konflikte, die in einem schlummern, offen ausgetragen werden. Wo das ausbleibt, wird die B\u00fchne den Schmierenschauspielern des Grausamen wie Hitler \u00fcberlassen. Was Castorf bei seinem mit Geschichtsphilosophie, Gesellschafts- und Kunsttheorie \u00fcberladenden Abend jedoch vernachl\u00e4ssigt, ist die Geschichte von Ophelia, obwohl mit Lilith Stangenberg eine gro\u00dfartige Schauspielerin auf der B\u00fchne steht. Und dass statt der Totengr\u00e4berszene nur m\u00fcde Castorf-Witzeleien geboten werden, wirkt eher wie ein peinliches Selbstbegr\u00e4bnis.<\/p>\n<p>So wabert und m\u00e4andert die D\u00fcsternis Stunde um Stunde \u00fcber die atmosph\u00e4rische B\u00fchne von Aleksandar Deni\u0107, unterlegt von William Minkes au\u00dfergew\u00f6hnlicher Musikauswahl, bis hin zu Captain Beefhearts \u201eDachau-Blues\u201c. Es wirkt insgesamt mal mehr, oft weniger inszeniert. Dass an diesem Abend alles nach und nach im Dunkel versinkt, muss man mit Blick auf die fantastischen Kost\u00fcme von Adriana Braga Peretzki jedoch mehr als nur einschr\u00e4nken. Peretzki steckt das Ensemble \u2013 neben Kempf, Behren, Ostendorf und Stangenberg noch Daniel Hoevels, Matti Krause, Alberta von Poelnitz, Linn Reusse und Angelika Richter \u2013 in alles, was gl\u00e4nzt, glitzert oder anderweitig die Bezeichnung extravagant verdient: ein hell leuchtender Kontrapunkt.<\/p>\n<p>Was am Ende bleibt, ist noch die Fortinbras-Frage, die seit Julius Bab und sp\u00e4testens Carl Schmitt als das eigentliche Geschehen im Hintergrund gilt, w\u00e4hrend Hamlet im Vordergrund Wahnsinn spielt und den Staat zerr\u00fcttet. Fortinbras, als junger Norwegerprinz die Spiegelgestalt zum D\u00e4nenprinzen, r\u00fcckt p\u00fcnktlich zu Hamlets Abtritt mit seiner Armee an, die er zuvor gegen Polen gef\u00fchrt hat \u2013 und unterwirft das nun wehrlose K\u00f6nigreich, es folgen Jahrzehnte der Fremdherrschaft. <\/p>\n<p>Als Heiner M\u00fcller \u201eHamlet \/ Hamletmaschine\u201c in den letzten Tagen der DDR, w\u00e4hrend die Leute in Massen auf die Stra\u00dfe gingen, in Ost-Berlin auf die B\u00fchne brachte, sah er zwei M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Fortinbras: Stalin oder die Deutsche Bank. Und heute? Xi Jinping oder Google? In Castorfs Fassung der linken Intellektuellentrag\u00f6die klingt das, was der Vorbote der neuen Zeit spricht, wie Chinesisch. Wird das die Zukunft Europas nach dem selbstverschuldeten Niedergang sein? Und pl\u00f6tzlich traut dieser \u201eHamlet\u201c doch noch den Blick \u00fcber den R\u00fcckspiegel hinaus. Da ist der Theaterabend aber auch schon vorbei \u2013 oder endlich.<\/p>\n<p>\u201eHamlet\u201c in der Regie von Frank Castorf l\u00e4uft am Deutschen Schauspielhaus Hamburg <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frank Castorf inszeniert \u201eHamlet\u201c in Hamburg. 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