{"id":479950,"date":"2025-10-07T12:23:15","date_gmt":"2025-10-07T12:23:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/479950\/"},"modified":"2025-10-07T12:23:15","modified_gmt":"2025-10-07T12:23:15","slug":"drei-experten-ueber-literatur-mit-diesem-buch-kriegt-man-jeden-jungen-zum-lesen-schwoert-elke-heidenreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/479950\/","title":{"rendered":"Drei Experten \u00fcber Literatur: Mit diesem Buch kriegt man jeden Jungen zum Lesen \u2013 schw\u00f6rt Elke Heidenreich"},"content":{"rendered":"<p>Warum man Bestseller verrei\u00dfen darf und muss. Warum wir die Literatur nicht TikTok \u00fcberlassen d\u00fcrfen. Und wieso Frauen die besseren Leser sind. Denis Scheck, Michael Kr\u00fcger und Elke Heidenreich verraten ihre Lese-Geheimnisse.<\/p>\n<p>Sind Frauen die besseren Leser?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf jeden Fall sind sie die Mehrheit Leser! Jeder Autor wei\u00df es, wenn er zur Lesung auf die B\u00fchne geht und in den Saal blickt: Frauen! Ab und zu ein Mann, aber selten ein einzelner, denn es sind die M\u00e4nner, die hinterher beim Signieren sagen: \u201eDas war meine erste Lesung, meine Frau hat mich gezwungen, aber es war doch wirklich interessant.\u201c Und M\u00fctter erz\u00e4hlen mir immer wieder: ja, meine Tochter liest, aber mein Sohn nicht. (Dann empfehle ich immer \u201eRocket Boys\u201c von Homer Hickam, damit kriegen sie jeden Stoffel ans Lesen!) Aber warum ist das so? Weil uns die M\u00fctter sch\u00f6n fr\u00fch M\u00e4rchen vorlesen, w\u00e4hrend die V\u00e4ter mit den Jungs basteln oder Eisenbahn spielen. Weil wir Frauen an der Fiktion n\u00e4her dran sind als an der Wirklichkeit, als Flucht und Trost, wir suchen in Geschichten Vergn\u00fcgen, Fantasie, Unterhaltung. M\u00e4nner suchen Sinnvolles, Zweck, greifen zum Sachbuch. Ja, wir sind die besseren Leser, die Dichter wissen das. Ich kann mir bei jeder Frau den Griff zum Buch vorstellen, bei \u2013 nur mal zum Beispiel- Trump, Orban, Putin kann ich es eher nicht.<\/p>\n<p>\nElke Heidenreich, Jahrgang 1943, lebt als Schriftstellerin in K\u00f6ln. F\u00fcr die \u201eLiterarische Welt\u201c schrieb sie \u201eHeidenreichs B\u00fccherschau\u201c, im Fernsehen wurde sie u.\u00a0a. durch ihre ZDF-Sendung \u201eLesen!\u201c und den Schweizer \u201eLiteraturclub\u201c bekannt. Zuletzt erschien \u201eAltern\u201c (Hanser Berlin).<\/p>\n<p>Warum brauchen Bestseller Kritik, Denis Scheck?<\/p>\n<p>\nWenn wir das Feld der Literatur nicht TikTok-Teenies \u00fcberlassen wollen, die ihre B\u00fccher passend zur Tapetenfarbe aussuchen, d\u00fcrfen wir uns als Literaturkritiker nicht zu schade sein, uns gelegentlich auch mit jenen B\u00fcchern zu befassen, die in Deutschland am meisten gekauft und vermutlich auch gelesen werden. Ohne energisch vorangetragene intellektuelle Abbrucharbeiten west alles ewig vor sich hin und kehrt am Ende machtvoll wieder. Zum Beispiel der Lore-Roman in Gestalt von Romantasy. Gelegentlich ist schon die literaturkritische Blutgr\u00e4tsche erforderlich, um den Unterschied zwischen Sebastian Fitzek und Daniel Kehlmann, Melanie Pignitter und Annie Ernaux oder zwischen Eckhart von Hirschhausen und Yuval Noah Harari zu markieren.  Im Moment ist er ja ein bisschen aus der Mode, weil sich so viele gern aufs hohe Ross der Moral setzen, statt sich mit \u00e4sthetischen Fragen zu befassen, aber mir bereitet Arno Schmidt immer noch gro\u00dfes Vergn\u00fcgen mit seinen galligen Spr\u00fcchen, etwa: \u201eDichter: erh\u00e4ltst Du den Beifall des Volkes, so frage Dich: was habe ich schlecht gemacht?! Erh\u00e4lt ihn auch Dein zweites Buch, so wirf die Feder fort\u2026\u201c.  Allerdings hat Schmidt auch geschrieben: \u201eEin Rezensent kommt mir manchmal vor wie der Mann, der eine Wolke beobachtet und ihr \u00fcbelnimmt, dass sie nicht die Gestalt des Kamels angenommen hat, das er jeden Tag im Spiegel sieht.\u201c<\/p>\n<p>\nDenis Scheck, 1964 in Stuttgart geboren, moderiert seit 20 Jahren die TV-Sendung \u201eDruckfrisch\u201c. F\u00fcr die \u201eLiterarische Welt\u201c hat er in 100 Folgen \u201eSchecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur\u201c publiziert (auch als Buch bei Piper). Soeben hat er (mit Eva Gritzmann) \u201eKafkas Kochbuch\u201c bei Klett-Cotta herausgegeben.<\/p>\n<p>Ist Europas Literatur gen\u00fcgend vernetzt, Michael Kr\u00fcger?<\/p>\n<p>\nKennt sich jemand aus in moderner portugiesischer Literatur? Oder was gerade in Lettland geschrieben wird? Hat jemand eine Ahnung davon, ob in Litauen mehr als 22 Bahnen geschwommen werden? Ich wei\u00df nicht, ob irgendetwas den dramatischen Zerfall der europ\u00e4ischen Idee verhindern oder auch nur aufhalten kann, die europ\u00e4ische Literatur kann es nicht mehr \u2013 denn keiner will sie mehr lesen. H\u00e4tten zehn Prozent der modernen jungen sch\u00f6nen Menschen, die j\u00e4hrlich Party feiern auf Ibiza, die gro\u00dfartigen B\u00fccher des ibizenkischen Schriftstellers Vicente Valero gelesen, h\u00e4tte sein deutscher Verleger, Heinrich Berenberg, seinen Verlag nicht schlie\u00dfen m\u00fcssen. Die eine Million deutscher Touristen, die j\u00e4hrlich nach Griechenland f\u00e4hrt, hat weder die \u201eIlias\u201c noch die Romane von Kazantzakis oder ein Gedicht der Nobelpreistr\u00e4ger Seferis oder Elytis oder des in aller Welt ger\u00fchmten Poeten Konstantinos Kavafis oder irgendeinen zeitgen\u00f6ssischen griechischen Schriftsteller gelesen, weil die Ferien genutzt werden, um endlich den neuen Roman der schottischen Schriftstellerin und Biochemikerin Leigh Rivers zu studieren, der sogar von seri\u00f6sen Buchhandlungen folgenderma\u00dfen angek\u00fcndigt wird: \u201eMalachi Vize hatte immer nur einen Wunsch im Leben. Eine tiefe Besessenheit, die er nie ablegen konnte. Seine Pflegeschwester Olivia. Zum ersten Mal hat sie ihn der ganzen Welt vorgezogen, und er hat vor, sie f\u00fcr immer in seinem festen Griff \u2026\u201c. Die drei Punkte deuten an, dass es schiefgehen muss mit der Pflegeschwester, so wie es bedenklich schiefl\u00e4uft mit der Pflege im Allgemeinen. Es ist diese Art von saurem Kitsch, die heute europaweit die Literatur nicht ersetzt, aber verdr\u00e4ngt hat \u2013 und wahrscheinlich daf\u00fcr sorgt, dass der Buchhandel \u00fcberhaupt noch existiert. Die russische Literatur wird, wie nach der Revolution, in Deutschland geschrieben; die afghanische und persische Dichtung wird bei Wallstein in G\u00f6ttingen und bei vielen anderen kleinen Verlagen verlegt. Man lese einmal den Band der in Berlin lebenden afghanischen Dichterin Mariam Meetra \u201eIch habe den Zorn des Windes gesehen\u201c (Wallstein), dann begreift man etwas von den Menschen, von denen hier (fast) nur noch als Abschiebeware gesprochen wird. Und wenn es in den USA mit der Ent-Demokratisierung so weitergeht, werden ja bald auch die amerikanischen Schriftsteller nach Deutschland kommen. Nein, nicht die Autoren der Pflegeschwester-Romane, sondern die wirklichen Schriftsteller, die alle an dem gro\u00dfen amerikanischen Roman mitgeschrieben haben.<\/p>\n<p>\nMichael Kr\u00fcger, 1943 geboren, ist Schriftsteller und war bis 2013 Leiter der Hanser Verlags. Seit den Siebzigerjahren hat er mehrere Gedichtb\u00e4nde und Erz\u00e4hlungen ver\u00f6ffentlicht, er arbeitet als \u00dcbersetzer und ist in verschiedenen Akademien aktiv. Soeben ist der zweite Teil seiner Erinnerungen erschienen, \u201eUnter Dichtern\u201c (Suhrkamp).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum man Bestseller verrei\u00dfen darf und muss. Warum wir die Literatur nicht TikTok \u00fcberlassen d\u00fcrfen. 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