{"id":481236,"date":"2025-10-08T00:26:17","date_gmt":"2025-10-08T00:26:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481236\/"},"modified":"2025-10-08T00:26:17","modified_gmt":"2025-10-08T00:26:17","slug":"almaty-museum-of-arts-privates-museum-in-kasachstans-hauptstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481236\/","title":{"rendered":"Almaty Museum of Arts: Privates Museum in Kasachstans Hauptstadt"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seit vorvergangener Woche kann eine Wissensl\u00fccke glanzvoll gef\u00fcllt werden \u2013 es gibt eine kasachische Moderne, und ja: sie ist relevant. Der kasachische En\u00adtrepreneur und passionierte Sammler Nurlan Smagulov hat sich f\u00fcr 120 Millionen Dollar ein Museum errichtet. Das frisch er\u00f6ffnete Almaty Museum of Arts in der alten Hauptstadt <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Kasachstan\" data-rtr-id=\"193e3572c56e25ca3f0f3c63db9ae750660e3ced\" data-rtr-score=\"136.58770883054893\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/kasachstan\" title=\"Kasachstan\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kasachstans<\/a> ist das erste Museum f\u00fcr moderne Kunst in dem bodenschatzreichen, aber k\u00fcnstlerarmen Land \u2013 die Gesamtzahl zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstler in Almaty wird auf vierzig gesch\u00e4tzt, etwa doppelt so viel arbeiten in Berlin in einem einzigen Atelierhaus wie den \u201eGerichtsh\u00f6fen\u201c im Wedding. Die blanken Museumsdaten allein verraten allerdings noch nicht viel \u00fcber die Sch\u00e4tze im Innern des neuen Hauses: 10.000 Quadratmeter Fl\u00e4che f\u00fcr mehr als 700 Werke der Sammlung von Smagulov aus Kasachstan, aber auch Zentralasien insgesamt \u2013 China und Kirgisistan liegen unweit von Almaty.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Stadt, hinter der im S\u00fcden sogleich eine Kette m\u00e4chtiger Zweitausender aufragt, ist wie alte chinesische St\u00e4dte auf einem Raster aufgebaut, wobei bergan (Almatyer sprechen hier nur von \u201eoben\u201c) mit der besseren Luft auch die gehobeneren Bezirke der Stadt liegen. An einer solchen bergparallelen Avenue befindet sich das Museum. Im Schnittpunkt vertikal \u201enach unten\u201c in den Kessel und horizontal am Fu\u00df des Berges entlang f\u00fchrender Boulevards schneiden sich im dekonstruktivistisch aufgesplitterten Museumsneubau \u2013 au\u00dfen mit deutschem Kalkstein, Aluminium und Cortenstahl verkleidet \u2013 ebenfalls zwei Traversen, die von einer ca\u00adnyonartigen, glas\u00fcberkuppelten Passage in der Mitte verbunden werden.<\/p>\n<p>Anspielungen auf die zerkl\u00fcfteten Landschaften<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Den \u00e4u\u00dferen Fixpunkt f\u00fcr alle vom Berg oder von unten Richtung Museum Fahrenden aber bildet schon von Weitem die zw\u00f6lf Meter hohe Skulptur \u201eNades\u201c des Bildhauers Jaume Plensa. Der 1955 in Barcelona Geborene verzauberte erst k\u00fcrzlich zu den Salzburger Festspielen die Musikstadt mit seinem Skulpturenwald \u201eSecret Garden\u201c, nun eben die Kasachen. Das marmorwei\u00dfe M\u00e4dchen von Almaty mit seinen abstrahierten Gesichtsz\u00fcgen und zwei auf traditionelle Weise geflochtenen Z\u00f6pfen wurde seit der Enth\u00fcllung durch Plensa von den Einheimischen schnell als eine der ihren eingemeindet, weil die Haartracht einer kasachischen \u00e4hnelt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wenn auch die gro\u00dfe \u201eWind Sculpture\u201c aus flatternden Stoffen von Yinka Shonibare am Haupteingang rasch von den Einheimischen akzeptiert wurde, liegt dies an der Farbenfreude und dem wilden Mix aus Mustern; falsch ist eine solche Aneignung des Verschnitts aus afrikanischen und asiatischen Mustern nicht, handeln die Werke des britisch-nigerianischen K\u00fcnstlers doch h\u00e4ufig von kolonialen Austauschprozessen zwischen den Kontinenten Asien und Afrika wie der Adaption in Niederl\u00e4ndisch-Indonesien produzierter Export-Baumwollstoffe in Nigeria, die dort quasi als einheimische Textilien gelten. Bedeutung und fatale Auswirkungen der Baumwolle in Kasachstan werden im Museum noch \u00f6fter in Kunst gespiegelt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Innern ist dem Londoner Architekturb\u00fcro Chapman Taylor ein so nicht zu erwartender Wurf gelungen: Wie in einer Shopping Mall verbindet eine gro\u00dfz\u00fcgig breite Avenue in der Mitte beide Geb\u00e4udebl\u00f6cke, und tats\u00e4chlich sind die Londoner Architekten nicht nur in Deutschland mit sorgf\u00e4ltiger als \u00fcblich gestalteten Einkaufszentren und B\u00fcrogeb\u00e4uden hervorgetreten. Der rechte Fl\u00fcgel besitzt im Parterre einen gro\u00dfen Ausstellungssaal und oben einen Raum f\u00fcr Veranstaltungen sowie eine Galerie mit vier S\u00e4len, die jeweils exzeptionellen internationalen K\u00fcnstlern der Gegenwart gewidmet sind.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die warm-beigen Kalksteinw\u00e4nde werden an den Ein- und Durchg\u00e4ngen von rostrotem Cortenstahl gerahmt, was nicht nur einen reizvollen Farbkontrast schafft, sondern auch dem Farbspiel der kasachischen Steppen mit ihrem oxidierten r\u00f6tlichen Gestein und der Sandfarbe mancher D\u00fcnen dort entspricht. Die Anspielungen auf die zerkl\u00fcfteten Landschaften Kasachstans setzen sich in den tiefen und asymmetrisch dekonstruktivistischen Fenstereinschnitten auf den Seiten fort, die abermals wie Canyons wirken.<\/p>\n<p>Kreuzungspunkt der Kulturen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Verquicken von Globalem und Lokalem in der Architektur erscheint auch in der Gliederung der R\u00e4ume. Fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig pari pari sind die S\u00e4le einesteils f\u00fcr die Spitzen der internationalen K\u00fcnstlerwelt reserviert, andernteils f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfen der kasachischen Kunst.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das beginnt mit einem balkonartig verglasten Emporengeschoss, von dem aus man Sicht auf die letzte von <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Richard Serra\" data-rtr-id=\"8f03d5e1265b32e26bb249b41d44d2aaf2a706d1\" data-rtr-score=\"79.21381440404323\" data-rtr-etype=\"person\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/richard-serra\" title=\"Richard Serra\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Richard Serra<\/a> vor seinem Tod noch selbst neu arrangierte Arbeit \u201eJunction\u201c hat. Vier hausgro\u00dfe, sph\u00e4risch gew\u00f6lbte Cortenstahl-Fl\u00fcgel biegen sich so in den Raum, dass sie von oben betrachtet eine Kreuzung f\u00fcr Riesen bilden. Man kann noch so viele Serras in seinem Leben gesehen haben \u2013 wenn 155 Tonnen Stahl auf gleicherma\u00dfen elegant-poetische wie schwerelos wirkende Weise gebogen werden und man hindurchl\u00e4uft, n\u00f6tigt einem das jedes Mal wieder von Neuem Ehrfurcht ab.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Zumal die Arbeit nicht nur zwanglos die W\u00fcstenfarben Kasachstans aufnimmt, sondern das Land an der Seidenstra\u00dfe als Kreuzungspunkt der Kulturen zu spiegeln vermag \u2013 \u00e4hneln doch Serras gigantische Zeichen im Raum den ebenso monumentalen buddhistischen Weltkulturerbe-Petroglyphen von Tamgaly Tas nur 120 Kilometer von Almaty entfernt, die vor Hunderten von Jahren an einer Handels- und Missionsstation von Buddhisten in die pittoreske Felslandschaft am Ufer des Ili eingraviert wurden.<\/p>\n<p>Ein F\u00fcnkchen Hoffnung aus der Asche<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Vor Bill Violas sechsteiliger Videoinstallation \u201eStations\u201c brechen heute noch viele Menschen in Tr\u00e4nen aus, handeln die Filme doch in seiner unnachahmlichen Weise von nichts Geringerem als den sechs Lebensaltern zwischen Geburt und Tod, gespiegelt in sechs Granitplatten vor den hochrechteckigen Projektionen zwischen dunklem See des Wissens und Grabplatte. Kopf\u00fcber st\u00fcrzen die Menschenkinder Violas in Wasser \u2013 als Knabe ertrank er beinahe und hatte dabei ein Nahtoderlebnis \u2013, gehen unter und werden wiedergeboren, etwas, was auch im altkasachischen Tengri-Glauben und Sufi angelegt ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Dieses eine Mal lie\u00df Viola sich nicht von Renaissancekunst inspirieren, vielmehr war ihm Zurbar\u00e1n als Meister barocker Intensit\u00e4t Vorbild f\u00fcr die Kopf\u00fcbermenschen: Dessen Gem\u00e4lde \u201eDie Erscheinung des Petrus vor dem heiligen Petrus Nolascus\u201c von 1629 bildet mit seinem ebenfalls pechschwarzen Fond und dem kopf\u00fcber gekreuzigten Petrus die Blaupause f\u00fcr Violas visuelles Philosophieren \u00fcber den Tod und das Weiterleben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Anselm Kiefer\" data-rtr-id=\"44a28efbe10606612cee43b2a0ad84810d857dc5\" data-rtr-score=\"45.20216201038888\" data-rtr-etype=\"person\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/anselm-kiefer\" title=\"Anselm Kiefer\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Anselm Kiefers<\/a> gigantische Installation \u201eQuesti scritti, quando verranno bruciati, daranno finalmente un po\u2019 di luce (Diese Schriften, wenn sie verbrannt werden, werden schlie\u00dflich etwas Licht bringen)\u201c, Herzst\u00fcck seiner blei\u00fcbergossenen Leinw\u00e4nde im Dogenpalast der sensationellen Biennale-Parallelausstellung 2022, hat Relevanz f\u00fcr Almaty: Wie Kiefer palimpsestartig aus der Asche verbrannter B\u00fccher dennoch ein F\u00fcnkchen Hoffnung sprie\u00dfen l\u00e4sst, so bauten die Kasachen die 2022 im Qantar-Aufstand \u2013 dem sogenannten \u201eblutigen Januar\u201c \u2013 niedergebrannten H\u00e4user wieder auf, ohne dabei irgendetwas zu vergessen.<\/p>\n<p>Wohltueder Blick von au\u00dfen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Jedes der vier Kabinettst\u00fccke im Innern ist somit subtil auf seine Eignung f\u00fcr den \u201eOst-Westlichen Divan\u201c dieses Museums hin ausgew\u00e4hlt, und dies trifft selbst auf Yayoi Kusamas Spiegelkabinett \u201eLove is calling\u201c zu, das zwar schon von 2013 stammt und so oder \u00e4hnlich mittlerweile in jedem gro\u00dfen Museum der Welt zu finden ist, jedoch bei den Kasachen besonders gut ankommt. Die verspielt quietschbunten und gepunkteten Formen ber\u00fchren offenbar etwas in dem Land, in dem Stalin im Zweiten Weltkrieg auch zahlreiche (Nord-)Koreaner ansiedelte und wo sich viele Chinesen tummeln.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">So eindrucksvoll die vier Kabinette der Giganten auch sind, nimmt man daf\u00fcr sicher nicht den weiten Weg nach Kasachstan auf sich, da man Serra und Kiefer auch im Guggenheim Bilbao sehen k\u00f6nnte \u2013 als Bau wie als Sammlung ohnehin ein gro\u00dfes Vorbild f\u00fcr Smagulow. Hingegen will man etwas erfahren, das nicht so leicht nachschlagbar ist wie westliche Kunst, etwas \u00fcber die staatsferne, parallel zur offiziell entstandenen Kunst dieses Landes n\u00e4mlich. Das tats\u00e4chlich Einzigartige ist im Almaty Museum die permanente Ausstellung zur kasachischen Kunst im gro\u00dfen Saal des Erdgeschosses im rechten Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Besorgt von der lettischen Kuratorin Inga L\u0101ce, bietet sie einen \u00dcberblick zu Kunst in Kasachstan von den sp\u00e4ten Zwanzigerjahren bis heute aus Sicht einer im sp\u00e4ten Sozialismus sozialisierten Baltin. L\u0101ces Blick von halb au\u00dfen \u2013 zwar Ex-Ostblock, doch nicht in landesinterne H\u00e4ndel verstrickt \u2013 ist wohltuend. In nur vier thematischen Kapiteln wird eine Quintessenz kasachischer Kunst durch schlaglichtartige Beleuchtung der herausragenden K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten und ihrer jeweiligen Einfl\u00fcsse und Gruppen herauskristallisiert.<\/p>\n<p>Die Zeiten des gro\u00dfen Hungers<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Viele der Bilder wirken wie Echos auf Verluste von Innerem durch \u00e4u\u00dfere Katastrophen. Stark zu sp\u00fcren ist etwa der Verlust der nomadischen Lebensweise (die Jurte als gebautes Abbild des Tengri-Kosmos erscheint wiederholt wehm\u00fctig) und vieler Traditionen in Musik und Poesie durch Lenins und Stalins Zwangskollektivierung, ganz konkret das Schrumpfen des Aralsees durch Kolchosen-Baumwollbew\u00e4sserung, Verseuchungen des Landes durch rabiaten Abbau der immensen Uranvorkommen und um den Weltraumbahnhof Baikonur herum.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Vieles davon wird in farbstark aperspektivischen Kompositionen festgehalten, die durch ihren Mix aus persischer Miniaturmalerei, westlicher Moderne \u2013 wie den Muralismo Diego Rivieras, der 1927 Moskau besuchte \u2013 sowie autochthoner Traditionen bestechen. Selbst die kasachischen Konstruktivisten der Zwanziger unterscheiden sich schon in der Farbigkeit erheblich von ihren russischen Kollegen: Nicht die gewohnte Trias aus Rot, Schwarz und Wei\u00df dominiert hier, sondern Buntfarben wie bei Alexander Nikolaevich Volkovs \u201eRhythmical Composition\u201c aus dem Jahr 1920, die vor Sonnengelb nur so birst und eher Macke \u00e4hnelt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Unter dem Titel \u201eQonaqtar\u201c vereint die Kuratorin Bilder zum Thema \u201e(Ver)Sammeln und G\u00e4ste\u201c. So nehmen etwa Serenjab Baldanos unbetitelte und verzerrte Knautschgesichter aus seiner Serie \u201eMe and My Masks\u201c von 1991 direkten Bezug auf die Bedeutung von Musik und Tanz, verk\u00f6rpert durch kasachisch-chinesische Masken. Eine lebensgro\u00dfe Skulptur ist restlos aus Musikinstrumenten wie der Dombra-Schalenhalslaute gebildet. Subkutan tauchen aber auch immer wieder die Zeiten des gro\u00dfen Hungers auf. Noch in Qisamedin Maktums \u201eJute (Hunger)\u201c von 1973 mit einem verhungerten Kamel wird indirekt auf die schreckliche Hungersnot in den fr\u00fchen Drei\u00dfigerjahren angespielt, die wie Stalins Holodomor in der Ukraine fast der H\u00e4lfte der kasachischen Bev\u00f6lkerung das Leben kostete.<\/p>\n<p>Geschichtliche Wechself\u00e4lle des Landes<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die \u201ehellere\u201c Seite der existenziellen Bedeutung von Essen findet sich jedoch ebenfalls. Das f\u00fcr Kasachen grundlegende Gebot bedingungsloser Gastfreundschaft, die in unwirtlichen W\u00fcsteneien \u00fcberlebenswichtige \u201eDostyk\u201c, kondensiert auf zahlreichen Bildern mit gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten gewisserma\u00dfen in \u00d6l. Ein interessanter Nebeneffekt ist dabei, dass viele dieser Gastm\u00e4hler, wie Aisha Galymbayevas \u201eShepherd\u2019s Feast\u201c von 1965 oder Salikhitdin Aitbayevs \u201eOn Virgin Soil. Lunch\u00adtime\u201c, ebenfalls aus den Sechzigern, wie Leonardos Abendmahl aufgebaut sind.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Verbl\u00fcffend bleibt, wie sich die Kernthemen dieser Kunst auch im \u0152uvre ihrer wohl wichtigsten Vertreterin Almagul Menlibayeva wiederfinden. Der auch in Europa bekannten, weil seit Jahren in Berlin lebenden K\u00fcnstlerin ist im gegen\u00fcberliegenden Museumsfl\u00fcgel eine Sonderausstellung gewidmet, die mehr als hundert Werke von den Achtzigern bis heute umfasst. Seit den Neunzigern sammelt der gleichaltrige Smagulow ihre Bilder und verfolgt ihr Werk, und es war vor der Er\u00f6ffnung des Hauses anr\u00fchrend zu sehen, wie beide, milliardenschwerer Medici Kasachstans und K\u00fcnstlerin, die in den Achtzigerjahren aus blanker Not und mangels Leinwand buchst\u00e4blich auf allem malen musste, vom alten Karton bis zur Plastikfolie, vertraut die chronologisch geh\u00e4ngte Galerie ihres Lebens abliefen, um sich anhand der Bilder \u00fcber die gemeinsam durchgestandene Vergangenheit zu vergewissern.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Almaguls Werk greift von dem Projekt \u201eStalins Seidenstra\u00dfe\u201c bis zum politisch korrupten Regime und dem im zumindest nominell islamischen Staat eher verp\u00f6nten Sex furchtlos alle Brands\u00e4tze auf. In einem Video l\u00e4uft sie im wei\u00dfen Brautkleid, als Verlassene \u201eunbemannt\u201c, durch Almaty und wird schon bald w\u00fcst beschimpft. Wie auf \u201eLittle Gods from My Mother\u2019s Dress\u201c von 1995 geht es bei ihr immer wieder um Ur-Stoffe, die sch\u00fctzen wie auch verraten k\u00f6nnen. Auch die dem Land todbringende Baumwolle kehrt in ihrem eindr\u00fccklichsten Film, \u201eTransoxiana Dreams\u201c, wieder: Der wegen des \u201eWei\u00dfen Goldes\u201c bald ausged\u00f6rrte Aralsee mit seiner auf dem Trockenen vor sich hin rostenden Armada von Fischerbooten wird zur surreal tarkowskihaften Kulisse f\u00fcr nur mit Fuchsfellen und milit\u00e4rischen Schirmm\u00fctzen bekleidete Kasachinnen, die hier allegorisch in Schwarz-Wei\u00df die geschichtlichen Wechself\u00e4lle des Landes tanzen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es sind derartige Mischformen aus Westlichem (Performance, Film noir!) und kasachisch Eigenem, die den Weg nach Almaty in ein neues und doppelt einzigartiges Museum lohnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit vorvergangener Woche kann eine Wissensl\u00fccke glanzvoll gef\u00fcllt werden \u2013 es gibt eine kasachische Moderne, und ja: sie&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":481237,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-481236","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115335711004707752","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=481236"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481236\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/481237"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=481236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=481236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=481236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}