{"id":481372,"date":"2025-10-08T01:41:21","date_gmt":"2025-10-08T01:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481372\/"},"modified":"2025-10-08T01:41:21","modified_gmt":"2025-10-08T01:41:21","slug":"arbeitsbedingungen-arbeit-auf-der-baustelle-wenn-der-chef-die-stunden-aufschreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481372\/","title":{"rendered":"Arbeitsbedingungen \u2013 Arbeit auf der Baustelle: Wenn der Chef die Stunden aufschreibt"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img312330\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312330.jpeg\" alt=\"Je einfacher die Arbeiten, desto gr\u00f6\u00dfer der Anteil der migrantischen Arbeitskr\u00e4fte und desto h\u00e4ufiger die Arbeitsrechtsverst\u00f6\u00dfe.\"\/><\/p>\n<p>Je einfacher die Arbeiten, desto gr\u00f6\u00dfer der Anteil der migrantischen Arbeitskr\u00e4fte und desto h\u00e4ufiger die Arbeitsrechtsverst\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Foto: IMAGO\/serienlicht<\/p>\n<p>Das ehemalige Frauengef\u00e4ngnis in der Lehrter Stra\u00dfe in Moabit ist gerade <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1184041.wirtschaftskriminalitaet-schwarzarbeit-am-humboldt-forum.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1184041.wirtschaftskriminalitaet-schwarzarbeit-am-humboldt-forum.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine Baustelle<\/a>. Die Bauarbeiten im Geb\u00e4udeteil der Hausnummer 61 sind schon recht weit fortgeschritten. Nach Fertigstellung sollen hier einmal K\u00fcnstler*innenateliers einziehen.<\/p>\n<p>Am Dienstagvormittag betritt eine kleine Gruppe die Baustelle. Die Gruppe wird vom <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193813.arbeit-jahre-kampf-gegen-ausbeutung.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193813.arbeit-jahre-kampf-gegen-ausbeutung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berliner Beratungszentrum Migration und Gute Arbeit (Bema)<\/a> koordiniert. Das senatsfinanzierte Projekt ber\u00e4t Migrant*innen in Fragen des Arbeitsrechts. Die Berater*innen der Bema sprechen verschiedene Sprachen.<\/p>\n<p>Auf der Baustelle in der Lehrter Stra\u00dfe sind am Dienstag vor allem deutsche Staatsangeh\u00f6rige eingesetzt. Mit den D\u00e4mmarbeiten unterm Dach sind aber auch zwei Migranten ohne deutschen Pass befasst. Mohammad Ismael, der auch an der Baustellenbegehung teilnimmt, dr\u00fcckt ihnen Flyer in die Hand. Darauf steht: \u00bbKeine Minute umsonst \u2013 Dokumentiere deine Arbeitszeit\u00ab. Am 7. Oktober, dem <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176847.arbeitsbedingungen-reinigungskraefte-in-berlin-putzen-am-rande-des-legalen.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176847.arbeitsbedingungen-reinigungskraefte-in-berlin-putzen-am-rande-des-legalen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">internationalen Tag f\u00fcr menschenw\u00fcrdige Arbeit<\/a>, will die Bema auf die Bedeutung der Arbeitszeiterfassung aufmerksam machen und auf Probleme, die mit <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193715.mehrarbeit-berlin-millionen-unbezahlte-ueberstunden.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193715.mehrarbeit-berlin-millionen-unbezahlte-ueberstunden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcberlangen, falsch oder nicht erfassten Arbeitszeiten<\/a> einhergehen.<\/p>\n<p>Es gebe keine Probleme, sagt ein junger Mann in dunkelgrauem Kapuzenpullover zu Ismael. Der Boden ist \u00fcbers\u00e4t mit Styroporkugeln von dem D\u00e4mmmaterial. Kurz diskutieren der Arbeiter und Ismael, ob die von ihm genannte Sommerarbeitszeit nicht eine halbe Stunde l\u00e4nger sei, als vom Arbeitszeitgesetz vorgesehen. Grunds\u00e4tzlich ist eine Arbeitszeit von bis zu zehn Stunden m\u00f6glich, aber nicht dauerhaft. \u00dcber sechs Monate verteilt darf die Arbeitszeit einen Tagesdurchschnitt von acht Stunden nicht \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Dann kommen der junge Bauarbeiter und Ismael auf den Flyer und die Dokumentation der Arbeitszeit zu sprechen. \u00bbDie Arbeitszeiten werden von meinem Vorgesetzten aufgeschrieben. Wir kriegen dann am Ende des Monats eine Kopie\u00ab, sagt der Arbeiter. Ismael verweist auf den Flyer. Er enth\u00e4lt eine kleine Tabelle zum Ausf\u00fcllen: Datum, Beginn, Ende, Pausen, Arbeitszeit, Arbeitsort. \u00bbIch empfehle dir, deine Arbeitszeiten selbst aufzuschreiben und zu vergleichen, ob das, was dein Vorgesetzter aufgeschrieben hat, stimmt\u00ab, sagt Ismael. Er arbeitet nicht bei der Bema, sondern bei der Beratungsstelle Faire Integration, die sich speziell an Besch\u00e4ftigte richtet, die von au\u00dferhalb der Europ\u00e4ischen Union kommen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>\u00bbHerzlich willkommen in Deutschland, hier gibt es viel Betrug.\u00ab<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nEin migrantischer Bauerarbeiter auf der Baustelle Lehrter Stra\u00dfe 61<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00bbF\u00fcr ausl\u00e4ndische Mitarbeiter, die als niedrig entlohnte Bauhelfer arbeiten, kommt es fast ausnahmslos vor, dass vom Vorgesetzten zum Beispiel acht Stunden Arbeitszeit aufgeschrieben werden, obwohl tats\u00e4chlich zehn Stunden gearbeitet wurden\u00ab, sagt Sergiu Lopat\u00e4. Er kommt urspr\u00fcnglich aus Moldau und ber\u00e4t bei der Bema auf Rum\u00e4nisch und Russisch. Lopat\u00e4 erinnert sich an eine Beratungsanfrage von zwei Bauarbeitern, die mit Reparaturarbeiten an einem Jobcentergeb\u00e4ude befasst waren. Die beiden seien vom Eigent\u00fcmer des Geb\u00e4udes, das vom bezirklichen Jobcenter gemietet wurde, zwei Monate lang beauftragt gewesen und h\u00e4tten am Ende kein Geld bekommen.<\/p>\n<p>\u00bbHerzlich Willkommen in Deutschland, hier gibt es viel Betrug\u00ab, scherzt der andere Bauarbeiter unterm Dach des ehemaligen Frauengef\u00e4ngnisses. Er habe schon f\u00fcr Firmen gearbeitet, die ihn um seine Arbeitszeit betrogen h\u00e4tten. Das sei bei seinem jetzigen Arbeitgeber aber anders, sagt er zu Ismael. Doch auch er verneint die Nachfrage, ob er die von seinem Vorgesetzten dokumentierten Stunden mal \u00fcberpr\u00fcft habe. \u00bbDas ist eine gute Idee\u00ab, sagt er.<\/p>\n<p>Muckefuck: morgens, ungefiltert, links<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312331.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>nd.Muckefuck ist unser Newsletter f\u00fcr Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik \u2013 aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeel\u00e4nge Berlin \u2013 ungefiltert und links. Jetzt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/muckefuck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anmelden<\/a> und immer wissen, worum gestritten werden muss.<\/p>\n<p>Die Liegenschaft in der Lehrter Stra\u00dfe geh\u00f6rt der landeseigenen BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH. Vertreter*innen der Bema loben, dass die BIM selbst an guten Arbeitsbedingungen bei den auf ihren Baustellen t\u00e4tigen Subunternehmen interessiert sei und regelm\u00e4\u00dfige Kontrollen und Aufkl\u00e4rungsbesuche erm\u00f6gliche. Eine \u00e4hnliche Kooperation plant die Bema auch mit der BVG.<\/p>\n<p>Dass in der Lehrter Stra\u00dfe auf den ersten Blick alles innerhalb des gesetzlichen Rahmens abl\u00e4uft, hatte Berater Lopat\u00e4 vorab vermutet. Bei den schweren k\u00f6rperlichen Arbeiten, beim Abriss und beim Rohbau w\u00fcrden mehr migrantische Arbeitskr\u00e4fte eingesetzt als bei spezialisierten T\u00e4tigkeiten kurz vor der Fertigstellung. Vielleicht aber, sagt sein Kollege Ismael, meldet sich im Laufe der kommenden Tage doch noch einer der Arbeiter, auch mit ein paar Ukrainern und Polen konnte die Gruppe sprechen. Das sei sogar nicht ungew\u00f6hnlich, dass die Besch\u00e4ftigten nicht sofort und vor ihren Kollegen \u00fcber ihre Probleme sprechen wollten, sagt Ismael.<\/p>\n<p>Der Europ\u00e4ische Gerichtshof 2019 und daraufhin auch das Bundesarbeitsgericht 2022 urteilten, dass die Arbeitgeber zur Arbeitszeiterfassung verpflichtet sind. Anders als in anderen L\u00e4ndern fehlt in Deutschland aber eine gesetzliche Verankerung, teilt die Bema mit. Daniel Wucherpfennig vom DGB Berlin kritisiert in diesem Zusammenhang die Pl\u00e4ne der Bundesregierung, das Arbeitszeitgesetz zu reformieren. \u00bbWir brauchen mehr Schutz f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten\u00ab, sagt Wucherpfennig. Die Bundesregierung habe aber andere Pl\u00e4ne, dabei h\u00e4tten 2024 immer noch 4,4 Millionen Besch\u00e4ftigte mehr gearbeitet, als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart war. \u00bbUnd\u00ab, sagt Wucherpfennig, \u00bbjede*r F\u00fcnfte von ihnen hat diese Mehrarbeit sogar unbezahlt geleistet\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Je einfacher die Arbeiten, desto gr\u00f6\u00dfer der Anteil der migrantischen Arbeitskr\u00e4fte und desto h\u00e4ufiger die Arbeitsrechtsverst\u00f6\u00dfe. 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