{"id":481626,"date":"2025-10-08T04:02:11","date_gmt":"2025-10-08T04:02:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481626\/"},"modified":"2025-10-08T04:02:11","modified_gmt":"2025-10-08T04:02:11","slug":"bremer-kriminologin-zu-den-ursachen-der-angst-vor-kriminalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/481626\/","title":{"rendered":"Bremer Kriminologin zu den Ursachen der Angst vor Kriminalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Sind Sie abends zu Fu\u00df in Bremen unterwegs, Frau Hasselmann?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Selten, aber mitunter schon. Als Pendlerin aus dem Umland gehe ich manchmal abends zum Bahnhof.<\/p>\n<p>F\u00fchlen Sie sich dabei sicher?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Ja, meistens schon. Aber &#8222;Sicherheit&#8220; oder &#8222;sich unwohl f\u00fchlen&#8220; ist ja sehr subjektiv. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich abends in einer Stra\u00dfenbahn unterwegs war. Weiter hinten gr\u00f6lten und stritten junge M\u00e4nner herum. Diese Lautst\u00e4rke zur Nachtzeit in einer Stra\u00dfenbahn \u2013 ich hatte keine Angst, aber so ein gewisses Unwohlsein kam da schon auf. Ich bin einfach ein paar Sitze weiter nach vorne gegangen. Man entwickelt dann selbst Vermeidungsstrategien.<\/p>\n<p>Es ist viel zu h\u00f6ren und zu lesen vom wachsenden Unsicherheitsgef\u00fchl in der Bev\u00f6lkerung. Dabei sind die Zahlen der Gewalttaten in der Kriminalstatistik eher r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Es gibt tats\u00e4chlich eine Diskrepanz zwischen Sicherheitsgef\u00fchl und der im weitesten Sinne &#8222;objektiven Sicherheitslage&#8220;. Eigentlich zeigt uns die PKS, sprich die Polizeiliche Kriminalstatistik, dass zwar nicht alles im Positiven ist, aber die Fallzahlen bestimmter Deliktsgruppen nicht steigen. Zumindest nicht so, dass sie dem entsprechen, was man so in der \u00d6ffentlichkeit vernimmt. In diesem Zusammenhang kommt auch etwas zum Tragen, das man das Kriminalit\u00e4tsfurcht-Paradox nennt.<\/p>\n<p>Das was bedeutet?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Dabei geht es vereinfacht ausgedr\u00fcckt darum, dass Menschen, bei denen es eher unwahrscheinlich ist, dass sie Opfer von Straf- oder Gewalttaten werden, ein erh\u00f6htes Unsicherheitsempfinden haben. Das betrifft Frauen und \u00e4ltere Menschen. Obwohl gerade diese Personengruppen im Vergleich zu anderen seltener Opfer von Kriminalit\u00e4t werden.<\/p>\n<p>Welche Gruppe ist denn am gef\u00e4hrdetsten?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Statistisch gesehen ist das Risiko, Opfer von Gewalttaten zu werden, bei jungen M\u00e4nnern am h\u00f6chsten.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es ja viele Straftaten. Liegt das Unsicherheitsgef\u00fchl vieler Menschen da nicht doch nahe?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Da muss man etwas differenzieren. Man sagt schnell: &#8222;Der B\u00fcrger f\u00fchlt sich unwohl.&#8220; Aber das ist etwas ganz Individuelles und Subjektives. Begr\u00fcndet vielleicht darauf, dass ich selbst schon mal Opfer von Straftaten geworden bin. Oder weil ich mitbekommen habe, dass jemandem aus meinem Umfeld etwas passiert ist. Das macht etwas mit mir. Und je nachdem, was ich so in meinem Rucksack habe an Erfahrung und Wissen, oder auch, was ich beruflich mache, bewerte ich das. Und so entsteht dann eventuell eine gewisse Furcht oder ein Gef\u00fchl von Unwohlsein.<\/p>\n<p>Die Straftaten sind aber statistisch belegt.<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Statistiken sind mitunter mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Nehmen wir zum Beispiel die sogenannte H\u00e4ufigkeitszahl. Sie gibt an, wie viele Straftaten pro 100.000 Einwohner erfasst wurden. Und sorgte f\u00fcr die \u00dcberschrift: &#8222;Bremen ist die gef\u00e4hrlichste Stadt Deutschlands.&#8220; Die H\u00e4ufigkeitszahl ist am Ende aber einfach nur ein Wert, der von den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik abh\u00e4ngt. Mit all ihren Verzerrungsfaktoren.<\/p>\n<p>Welche sind das?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Zum Beispiel das Anzeigeverhalten der B\u00fcrger, gesetzliche \u00c4nderungen wie die Teillegalisierung von Cannabis oder in Bremen gerade das Abarbeiten der Halde alter F\u00e4lle. Es gibt eine Menge Faktoren, die die Statistiken beeinflussen. Aber ich habe am Ende diese eine Zahl, und aus der wird etwas gemacht. Gerne auch im politischen Raum, was das Ganze befeuert. Das f\u00fchrt zu einfachen Antworten auf komplexe Fragen. In diesem Fall: hohe Fallzahlen, also gef\u00e4hrliche Stadt.<\/p>\n<p>Die vielen Raub\u00fcberf\u00e4lle in Bremen waren aber schon sehr real.<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Gutes Beispiel: Raub\u00fcberf\u00e4lle bereiten den Menschen Sorge, das ist etwas, was ihnen selbst passieren kann. Und nat\u00fcrlich muss man diese Sorge auch ernst nehmen, weil nat\u00fcrlich jede Raubtat eine zu viel ist. Doch der prozentuale Anteil der Raubtaten an der erfassten Gesamtkriminalit\u00e4t betrug zuletzt ganze 1,3 Prozent. Die Zahlen waren zuletzt r\u00fcckl\u00e4ufig, weil die <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/polizei-bremen-q1672788\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polizei Bremen<\/a> mit der Sonderkommission &#8222;Junge R\u00e4uber&#8220; aktiv gegen diese Form der Kriminalit\u00e4t vorgegangen ist.<\/p>\n<p>Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der eigene Medienkonsum?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Das hat mit Bildung und Alter zu tun. Und mit Fragen wie: Welche Medien konsumiere ich? Welche Zeitung lese ich? Lese ich nur Boulevardpresse? Lese ich nur die \u00dcberschriften oder den ganzen Artikel?<\/p>\n<p>Kriminalit\u00e4t ist ein Thema, das immer gut gelesen und geklickt wird.<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Na ja, wenn etwas passiert ist, dann interessiert es die Menschen. Da k\u00f6nnen Medien nicht einfach sagen, dass sie nicht berichten. Sicher sehen wir auch bei renommierten Zeitungen manchmal zu rei\u00dferische \u00dcberschriften. Aber die werden dann in der Regel inhaltlich von den nachfolgenden Artikeln relativiert.<\/p>\n<p>Gilt das auch f\u00fcr die sozialen Medien?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Das kann man so pauschal nicht beantworten. Welche Inhalte sind seri\u00f6s, welche eher nicht? Wird der Nutzer optisch verleitet, nur einen Halbsatz zu lesen, oder taucht er digital ein in die gesamte thematische Breite? Ich muss mich also fragen, was ich konsumiere. Und dann nat\u00fcrlich: Wie bewerte ich das alles?<\/p>\n<p>M\u00fcssten sich also Menschen, die sich unwohl f\u00fchlen, mehr hinterfragen, warum das so ist?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Ja, das w\u00e4re ein Weg. Zu schauen, was ist faktenbasiert? Was ist wirklich dran an einem Thema? Was ist reale Angst und was ist einfach nur in meinem Kopf? Ich glaube aber, dass sich nicht jeder damit auseinandersetzen m\u00f6chte. Viel h\u00e4ngt aber auch davon ab, wie ich generell meine Umwelt wahrnehme und bewerte.<\/p>\n<p>Was ist damit gemeint?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Es gibt auch eine gef\u00fchlte Unordnung \u2013 Leerst\u00e4nde, Graffiti, herumliegender M\u00fcll. Wie bewerte ich das, was macht das mit mir? Nehmen wir die Situation am Hauptbahnhof: Die 25-j\u00e4hrige Studentin der Sozialen Arbeit, die spaziert \u00fcber den Bahnhofsplatz und sieht in erster Linie soziale Probleme, nicht aber den Kriminalit\u00e4tshotspot. Ein Polizist, der sich ganz anderes mit Kriminalit\u00e4t besch\u00e4ftigen muss, sieht das sicher anders. Ebenso die Anlieger, die dort ein Hotel oder ein Restaurant betreiben. Wie ich etwas bewerte, h\u00e4ngt davon ab, was ich wahrnehme, vor allem aber davon, wie ich etwas interpretiere.<\/p>\n<p>Spielt nicht auch die eigene Lebenssituation eine Rolle?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Ja, beispielsweise die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, in denen man lebt. Wem es nicht gut geht, wer Angst um seinen Arbeitsplatz hat, der reagiert m\u00f6glicherweise noch sensibler auf solche Themen. Dazu kommt die Zeit, in der wir leben \u2013 die kriegerischen Auseinandersetzungen, die desolate wirtschaftliche Lage, der Klimawandel und all die vielen anderen Probleme.<\/p>\n<p>Also Verunsicherung auf verschiedenen Ebenen?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Richtig. Es sind eben nicht nur das Lokale in Bremen oder auch der Nachrichtenkonsum. Wenn ich das Gef\u00fchl habe, die ganze Welt bricht auseinander und alles geht den Bach runter, dann wirkt sich das doch wahrscheinlich auf meine Lebenseinstellung aus, auf meine Sicht der Dinge.<\/p>\n<p>Das klingt, als w\u00e4ren da wenig Ansatzhebel f\u00fcr die Politik, um etwas gegen Furcht und Angst zu tun?<\/p>\n<p class=\"Interview_Antwort\">Die Politik kann zuh\u00f6ren und die Menschen ernst nehmen mit ihren Sorgen. Weil Furcht und Angst etwas Individuelles sind und zugleich etwas Gesamtgesellschaftliches.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Ralf Michel.<\/p>\n<p>                Zur Person<\/p>\n<p>Die Kriminologin Petra Hasselmann, 58, ist seit Herbst 2017 Professorin f\u00fcr Kriminalistik an der Hochschule f\u00fcr \u00d6ffentliche Verwaltung in Bremen. Beruflich kommt sie urspr\u00fcnglich aus der Polizei, hat 30 Jahre lang als Polizeibeamtin in Niedersachsen gearbeitet.<\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc82m94cctrz41n01bno4g\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sind Sie abends zu Fu\u00df in Bremen unterwegs, Frau Hasselmann? Selten, aber mitunter schon. 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