{"id":482087,"date":"2025-10-08T08:22:11","date_gmt":"2025-10-08T08:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482087\/"},"modified":"2025-10-08T08:22:11","modified_gmt":"2025-10-08T08:22:11","slug":"100-jahre-hochschule-fuer-philosophie-muenchen-warum-kritisches-denken-in-zeiten-von-ki-unverzichtbar-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482087\/","title":{"rendered":"100 Jahre Hochschule f\u00fcr Philosophie M\u00fcnchen: Warum kritisches Denken in Zeiten von KI unverzichtbar ist"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;100 Jahre denken lernen&#8220; &#8211; diesen Slogan hat sich die Hochschule f\u00fcr Philosophie (HFPH) in M\u00fcnchen zum 100. Geburtstag verpasst, den sie am 10. Oktober mit einem Festakt feiert. 1925 vom Jesuitenorden gegr\u00fcndet, ist sie noch heute die einzige Hochschule im deutschsprachigen Raum, die sich ausschlie\u00dflich der Philosophie widmet. Welchen Beitrag die zur modernen Gesellschaft leisten kann, erkl\u00e4rt der Wirtschaftsethiker und HFPH-Pr\u00e4sident Johannes Wallacher.<\/p>\n<p><strong>Herr Wallacher, viele Menschen halten Philosophie f\u00fcr eine verstaubte Wissenschaft, die sich mit unl\u00f6sbaren Fragen herumschl\u00e4gt. Was kann die Philosophie der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts bieten?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Sie ist heute aktueller denn je, denn sie behandelt die Grundfragen der menschlichen Existenz. Zentrale Aussagen der Aufkl\u00e4rung, zum Beispiel &#8222;sapere aude &#8211; bediene dich deines eigenen Verstandes&#8220;, oder &#8222;cogito ergo sum &#8211; ich denke also bin ich&#8220;, sind Leits\u00e4tze, die uns Menschen heute helfen, Antworten auf beispielsweise die Herausforderung des Themas &#8222;K\u00fcnstliche Intelligenz&#8220; zu geben. Kritisches Denken ist jetzt und in Zukunft wichtiger denn je.<\/p>\n<p><strong>Welche Fragen stehen heute in der Philosophie und bei Ihnen an der Hochschule im Zentrum?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Das ganze Spektrum der alten Fragen: Die Frage nach dem Menschen, nach einem gerechten Zusammenleben in der Gesellschaft, nach der Hoffnung in einer Zeit der gro\u00dfen Verunsicherung. Und nat\u00fcrlich die Gottesfrage, denn die Frage nach dem Menschen ist untrennbar verkn\u00fcpft mit der Frage nach der Transzendenz, der Unverf\u00fcgbarkeit. Den intellektuellen Zugang zu dieser Frage wollen wir offenhalten. Dabei geht es keineswegs um Mission. Stattdessen fordern wir Menschen dazu heraus, bei der Frage nach Gott, nach dem Grenz\u00fcberschreitenden, Stellung zu beziehen &#8211; wie immer auch ihre Antwort ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Es gibt heute deutlich weniger jesuitische Professoren an der Hochschule, Sie selbst sind der erste Pr\u00e4sident, der nicht Jesuit ist. Verliert die Hochschule etwas, wenn diese Tradition abnimmt?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Man kann das als Abbau, aber auch als Zuwachs sehen. Es ist ein gro\u00dfer Gewinn, dass heute auch Frauen als Professorinnen an der Hochschule f\u00fcr Philosophie t\u00e4tig sind sowie Menschen mit anderen Lebens- und Erfahrungshintergr\u00fcnden. In den USA gibt es weiterhin 28 Universit\u00e4ten, die vom Jesuitenorden getragen werden. Dort sind teilweise \u00fcberhaupt keine Jesuiten mehr in der Lehre t\u00e4tig. Aber sie sind dennoch von einem jesuitischen Geist getragen. Die Bildungstradition des Ordens will Menschen umfassend bef\u00e4higen, kritisch zu denken, ihre Urteilskraft zu st\u00e4rken, sich als Pers\u00f6nlichkeit zu entwickeln. Dieser Tradition f\u00fchlen sich alle Lehrenden von Jesuiten-Hochschulen verpflichtet.<\/p>\n<p><strong>Philosophie und Theologie liegen nah beieinander, an staatlichen Hochschulen werden sie h\u00e4ufig gemeinsam an einem Lehrstuhl unterrichtet. Geht Philosophie ohne Theologie?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Es ist eher andersherum: Theologie geht nicht ohne Philosophie! Nat\u00fcrlich gibt es zwischen beiden F\u00e4chern enge Verbindungen. Aber Philosophie ist eine Wissenschaft, die nicht von vornherein glaubt, sondern alles erstmal hinterfragt. Das ist auch f\u00fcr die Theologie wichtig! Wir sehen gerade in der Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Bewegungen &#8211; die es nicht nur in anderen Religionen gibt &#8211; wie wichtig ein rationaler und kritischer Blick auf Fragen des Glaubens und der Dogmatik sind. Ohne gute Philosophie gibt es keine gute Theologie. Zugleich ist die Philosophie nicht nur f\u00fcr die Theologie relevant, sondern f\u00fcr viele anderen Wissenschaften. Ein Drittel unserer Studierenden hat ein anderes Hauptfach: Medizin, Informatik, Ingenieurswissenschaften, Jura. Weil wir nach unserem Selbstverst\u00e4ndnis Philosophie f\u00fcr die Gesellschaft machen, ist dieser interdisziplin\u00e4re Austausch f\u00fcr uns genauso wichtig.<\/p>\n<p><strong>In den letzten zwei Jahren hat sich an der HFPH viel getan: Sie sind Mitgr\u00fcnder des Centers for Responsible AI Technologies und der Bayerischen Wissenschaftsallianz f\u00fcr Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung, kurz FoKS. Was k\u00f6nnen diese Allianzen bewegen?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Wichtig ist, dass die Wissenschaften bei gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nur am Ende eine Art Tusch spielen, sondern die Prozesse von Anfang an begleiten. Am Center for Responsible AI Technologies untersuchen wir im interdisziplin\u00e4ren Austausch mit Datenanalytikern und Programmierern: Wie wird KI konstruiert? Welche Daten gehen ein? Welche Erkenntnisinteressen sind damit verbunden? So k\u00f6nnen philosophisch-ethische Fragen in der Konstruktion von Algorithmen mitbedacht werden. Das gleiche gilt f\u00fcr breite Fragen der Friedens-, Sicherheits- und Verteidigungsforschung, wo wir heute schwere ethische Erw\u00e4gungen treffen m\u00fcssen. Es ist wichtig, von Anfang an Philosophinnen und Ethiker dabei zu haben.<\/p>\n<p><strong>Beim Thema KI haben viele Menschen aber den Eindruck, dass sich diese Technik so schnell entwickelt, dass f\u00fcr ethische Fragen sowieso der Zug abgefahren ist.<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Das Zugbild ist immer schwierig, denn es unterstellt, dass wir nur die M\u00f6glichkeit haben, aufzuspringen oder ein Stoppschild hinzuhalten. F\u00fcr uns geht es um die gr\u00f6\u00dferen Perspektiven: Wie erkl\u00e4ren wir den Menschen, was diese Technologie ist und was nicht? Welche Anwendungen empfehlen wir, welche nicht? Es gibt derzeit eine gro\u00dfe Debatte dar\u00fcber, was KI in Krisen leisten kann. Sollten wir sie in der psychotherapeutischen Begleitung nutzen? Einerseits kann das niedrigschwellig helfen, weil wir momentan einen Mangel an psychologischen Fachkr\u00e4ften haben. Andererseits muss immer klar sein, dass die Interaktion mit einem Chatbot etwas anderes ist als das Gespr\u00e4ch mit einem menschlichen Therapeuten. Welche Entscheidung also sollen wir treffen? Zutiefst jesuitisch ist die Haltung: Vermeide die Extreme! Wir m\u00fcssen nicht um jeden Preis auf einen Zug aufspringen, um mithalten zu k\u00f6nnen. Manchmal muss man eine Pause zur Reflexion einlegen, um dann besser, werteorientierter zu sein. Wettbewerbsf\u00e4hig werden wir bei der KI nur, wenn Menschen Vertrauen in die Technik haben. Und dieses Vertrauen bekommen wir nicht mit der Zugmetapher und mehr Tempo allein.<\/p>\n<p><strong>Wo ist der Mensch der KI denn immer noch voraus?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: KI ist immer r\u00fcckw\u00e4rtsorientiert, weil sie nur die Daten der Vergangenheit in die Zukunft projiziert. Der Mensch ist aber zukunftsoffen, und er wird in der Zukunft auch mit unerwarteten und nicht vorhersehbaren Erfahrungen umgehen m\u00fcssen. Da braucht es menschliches Denkverm\u00f6gen, Urteilskraft, und vor allem Entscheidungsf\u00e4higkeit bei der Gesamtabw\u00e4gung: Hilft mir das Ganze? Wir merken, dass sehr viele Informatiker und Data-Scientists sehr interessiert sind, diesen vertieften Zugang der Philosophie aufzunehmen, weil sie dann in ihrer Disziplin besser und verantwortungsvoller werden.<\/p>\n<p><strong>Also haben die Experten aus Technik und Politik offene Ohren f\u00fcr philosophische Erw\u00e4gungen?<\/strong><\/p>\n<p>Wallacher: Eine der gro\u00dfen Errungenschaften der letzten Jahre ist die strukturierte Zusammenarbeit mit der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Alle Studierenden der TU k\u00f6nnen bei uns Philosophieveranstaltungen h\u00f6ren &#8211; und sie kommen auch, um diesen weiten Blick aufzunehmen. Als sehr spezialisierte Hochschule sind wir gefragt, wenn es um solche Tiefenbohrungen geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;100 Jahre denken lernen&#8220; &#8211; diesen Slogan hat sich die Hochschule f\u00fcr Philosophie (HFPH) in M\u00fcnchen zum 100.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":482088,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[3274,772,29,9485,30,5508,1268,14,15,575,9486],"class_list":{"0":"post-482087","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-deutschland","11":"tag-evangelisch","12":"tag-germany","13":"tag-journalismus","14":"tag-muenchen","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-religion","18":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115337582908890171","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/482087","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=482087"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/482087\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/482088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=482087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=482087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=482087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}