{"id":482116,"date":"2025-10-08T08:37:13","date_gmt":"2025-10-08T08:37:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482116\/"},"modified":"2025-10-08T08:37:13","modified_gmt":"2025-10-08T08:37:13","slug":"a-house-of-dynamite-von-kathryn-bigelow-im-kino-der-finale-countdown","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482116\/","title":{"rendered":"\u201eA House of Dynamite\u201c von Kathryn Bigelow im Kino: Der finale Countdown"},"content":{"rendered":"<p>Eine Interkontinentalrakete rast auf die USA zu. Es bleiben Minuten f\u00fcr den Gegenschlag. Kathryn Bigelows \u201eA House of Dynamite\u201c ist ein ultrarealistischer Kinothriller. Seine erschreckende Lehre lautet: Das Handbuch f\u00fcr die nukleare Vernichtung ist idiotensicher.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das Ende der Welt ist nah, wie aber kann man davon erz\u00e4hlen? Indem man den Augenblick festh\u00e4lt, der dem Ende vorausgeht, die letzten Minuten einer gedankenlosen, allt\u00e4glichen Routine: ein Kommandant auf der Raketenstation in Alaska, der Beziehungsstress hat und seinen Untergebenen anraunzt, den Arbeitsplatz von Chipskr\u00fcmeln zu s\u00e4ubern. Eine Offizierin im Wei\u00dfen Haus, die die neue Kollegin an der Essensausgabe arrogant herunterputzt. Kinder werden zur Schule gebracht, Partner mit schnellem Kuss verabschiedet, die aktuellen Sportereignisse kommentiert.<\/p>\n<p>Kleine Boshaftigkeiten oder Nettigkeiten \u2013 das Leben halt, das erst dann als kostbar wahrgenommen wird, wenn es vorbei sein soll. Nicht in Jahren oder Jahrzehnten, nicht in Wochen, nicht einmal von heute auf morgen, nein, von jetzt auf gleich. In weniger als 20 Minuten wird eine vom Pazifik aus gestartete Interkontinentalrakete das amerikanische Festland erreichen. Die ersten noch ungl\u00e4ubigen Reaktionen weichen bald der schockhaften Erkenntnis, dass der x-fach ge\u00fcbte Ernstfall tats\u00e4chlich eingetreten ist. Aus den Profis eines hochpr\u00e4zise funktionierenden Apparats werden Menschen, denen binnen Minuten der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht.\u00a0<\/p>\n<p>Schnell steht fest: Die Rakete wird im Gro\u00dfraum Chicago einschlagen, die gesch\u00e4tzte Opferzahl liegt bei fast zehn Millionen Menschen, Folgesch\u00e4den durch Fallout sind abh\u00e4ngig von der Windrichtung. Das Raketenabfangsystem mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 60 Prozent, die letzte Hoffnung, versagt. Der verzweifelte Verteidigungsminister (Jared Harris) tobt: \u201e50 Milliarden f\u00fcr einen M\u00fcnzwurf!\u201c Was nun noch bleibt, ist Beten, Abschiednehmen und die Vorbereitung des Gegenschlags.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/plus170913330\/Detroit-Trailer-Portraet-und-Filmkritik.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/plus170913330\/Detroit-Trailer-Portraet-und-Filmkritik.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kathryn Bigelow<\/a>, die Kino-Spezialistin f\u00fcr H\u00e4rtef\u00e4lle des milit\u00e4risch-politischen Komplexes (\u201eThe Hurt Locker\u201c, \u201eZero Dark Thirty\u201c), hat nun in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68b6cccf8c33b226bcaf01d5\/Neuer-Atomkriegs-Thriller-A-House-of-Dynamite-Warum-Technik-Vertrauen-nicht-ersetzen-kann.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68b6cccf8c33b226bcaf01d5\/Neuer-Atomkriegs-Thriller-A-House-of-Dynamite-Warum-Technik-Vertrauen-nicht-ersetzen-kann.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eA House of Dynamite\u201c<\/a> den Ausbruch des Dritten Weltkriegs als Psychodrama inszeniert. Dreimal l\u00e4uft der Countdown erbarmungslos und mit schicksalhafter Unab\u00e4nderlichkeit herunter, dreimal erz\u00e4hlen Bigelow und Drehbuchautor Noah Oppenheim dieselbe Geschichte aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln. Das Gesamtbild entsteht auf der Monitorwand der Videokonferenz, die milit\u00e4rische und politische Kommandostellen, Geheimdienste, Berater und nat\u00fcrlich POTUS zusammenschaltet, wobei der weltenlaufentscheidende Mann erst aus einem PR-Auftritt bei einem Highschool-Basketballteam herausgeholt werden muss.<\/p>\n<p>Erst im dritten Durchlauf bekommt die Stimme mit schwarzem Monitor ein Gesicht. Idris Elba spielt den US-Pr\u00e4sidenten als einen sympathisch bodenst\u00e4ndigen, \u00fcberlegten, aber von seiner Verantwortung nachvollziehbarerweise \u00fcberforderten Gewissensmenschen. Obama ist klar das Vorbild, was durch seine Telefongespr\u00e4che mit der First Lady verst\u00e4rkt wird, die gerade in Afrika auf einer Safari unterwegs ist.<\/p>\n<p>Stets als Schatten begleitet den Pr\u00e4sidenten der junge Oberstleutnant Reeves (gro\u00dfartig-beflissen: Jonah Hauer-King) mit dem Atomkoffer. Die Generalit\u00e4t wartet auf Befehle. Der Pr\u00e4sident will Rat, doch Reeves h\u00e4lt nur Optionen bereit \u00a0\u2013 \u201eich nenne sie \u201arare\u2018, \u201amedium\u2018 und \u201awell-done\u2018\u201c. Das Handbuch f\u00fcr den Atomkrieg ist idiotensicher.<\/p>\n<p>Der Fokus liegt auf den Absurdit\u00e4ten dieser nuklearen Logik, die jahrzehntelang die Welt vor einem Dritten Weltkrieg bewahrte, sie aber binnen Minuten in Schutt und Sonderm\u00fcll verwandeln k\u00f6nnte. \u201eEs ist Wahnsinn\u201c, erkennt der Pr\u00e4sident, worauf jemand erwidert: \u201eEs ist die Realit\u00e4t.\u201c Bis zum Schluss tappen die Entscheidungstr\u00e4ger im Dunkeln, wer die Rakete abgeschossen hat. War es der verr\u00fcckte Kim? Die Chinesen? Oder die Russen, die es einem der beiden anderen in die Schuhe schieben wollten? <\/p>\n<p>Eine letzte Stimme der Vernunft ist Sicherheitsberater Jake Baerington (Gabriel Basso), der auf deeskalierende Gespr\u00e4che mit Russen und Chinesen dr\u00e4ngt. Doch die als Running Gag durch Verkehrschaos und Sicherheitskontrollen stolpernde Nachwuchskraft ist eine tragikomische Figur. Er fordert vertrauensbildende Ma\u00dfnahmen, stattdessen regiert der Automatismus der Nukleardoktrinen.<\/p>\n<p>Die dreifache Variation des Countdowns ist ein dramaturgisches Meisterst\u00fcck; Schl\u00fcssels\u00e4tze werden ebenso wie vermeintliche Nebenbemerkungen im Videocall wiederholt und zu einem Mosaik aus apokalyptischen Zeichen verdichtet. Die Dringlichkeit der Handlung \u00fcbertr\u00e4gt sich als Eindringlichkeit auf den Zuschauer: Angeh\u00f6rige sollen in letzter Minute gewarnt oder gerettet werden; der Secret Service holt mit vorgehaltener Waffe die zur Evakuierung im Regierungsbunker vorgesehene VIPs ab (und l\u00e4sst die anderen zur\u00fcck). W\u00e4hrend die \u00d6ffentlichkeit noch gar nichts ahnt, sind die Bomber f\u00fcr den atomaren Gegenschlag schon in der Luft.<\/p>\n<p>Wie das alles abliefe, wenn an den Schaltstellen ein Trump oder ein Hegseth sitzen, darf sich der Zuschauer selbst ausmalen. Bigelow geht es nicht um das im Prinzip austauschbare Bodenpersonal, sondern um die suizidale Grundbedingung unseres geopolitischen Systems. Im Ernstfall bleibt auch den besonnensten F\u00fchrern nur ein Sto\u00dfgebet. Wir leben in einem Haus voller Dynamit, und verdr\u00e4ngen erfolgreich, dass es heute, morgen, n\u00e4chstes Jahr explodieren k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Interkontinentalrakete rast auf die USA zu. Es bleiben Minuten f\u00fcr den Gegenschlag. 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