{"id":482705,"date":"2025-10-08T14:00:13","date_gmt":"2025-10-08T14:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482705\/"},"modified":"2025-10-08T14:00:13","modified_gmt":"2025-10-08T14:00:13","slug":"neuverfilmung-das-momo-paradox-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/482705\/","title":{"rendered":"Neuverfilmung: Das \u201eMomo\u201c-Paradox &#8211; WELT"},"content":{"rendered":"<p>Christian Ditter hat Michael Endes \u201eMomo\u201c neu verfilmt. Und das moralisch-philosophische M\u00e4rchen vom M\u00e4dchen, das gegen die grauen Herren k\u00e4mpft, die Menschen ihre Zeit stehlen, in eine dystopische Gegenwartswelt geholt. An Momos Botschaft scheitert der Film. Aus einem einfachen Grund.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das M\u00e4dchen, das kleinen deutschen Boomern wie mir nachhaltig die Herzen und Hirne auf links verdrehte, wohnte von 1973 an in den Katakomben eines kleinen Amphitheaters am Rande einer gro\u00dfen offensichtlich italienischen Stadt. Wer m\u00fchselig und beladen war, kam zu ihr. Sie sa\u00df da und machte eigentlich nichts und alles, was es braucht um eine Gemeinschaft zu bilden und Freundschaften zu stiften und Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Momo \u2013 dunkle Locken, schwarze Augen, schwarze F\u00fc\u00dfe. Bis dann die Kapitalisten kamen und alles ver\u00e4nderten. Graue Herren, die wahrscheinlich rochen wie all meine guten Onkels. Mit dicken Zigarren, gerollt aus den Bl\u00e4ttern der Stundenblume. Deren Gesch\u00e4ftsmodell war es, die Menschen davon zu \u00fcberzeugen, ihre Zeit in der Zeitsparkasse anzulegen f\u00fcr sp\u00e4ter. Weswegen sie keine Zeit f\u00fcr nichts mehr hatten. Schon gar nicht f\u00fcr so etwas \u00dcberfl\u00fcssiges wie Gemeinschaft, Freundschaft. <\/p>\n<p>Michael Ende hatte sieben Jahre an der Geschichte von Momo get\u00fcftelt. War w\u00e4hrenddessen nach Italien geflohen, vor der deutschen Kritik, die ihm das M\u00e4rchenhafte, das Parabelhafte, das angeblich Unpolitische an dem vorwarfen, was er schrieb. Ein Eskapist sei er. Die Kritiker mochten dann auch Momo nicht. Und auch nicht den Film von Johannes Schaaf, der gut zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter in die Kinos kam und in dem Ende, der Literaturfilmskeptiker, der selbst mal Filmkritiker war, neben <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/prominente\/article68b16ae8adc6ba5d53cb080a\/Mario-Adorf-spricht-ueber-den-Tod-Ich-dachte-Das-langt-jetzt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/prominente\/article68b16ae8adc6ba5d53cb080a\/Mario-Adorf-spricht-ueber-den-Tod-Ich-dachte-Das-langt-jetzt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Mario Adorf<\/a> und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus222525068\/Armin-Mueller-Stahl-Der-letzte-Grenzgaenger.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus222525068\/Armin-Mueller-Stahl-Der-letzte-Grenzgaenger.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Armin Mueller-Stahl<\/a> als Sidekick auftrat. <\/p>\n<p>Eine \u201eganz und gar unabgr\u00fcndige, treudeutsche Hausbackenheit\u201c sei ihm eigen. Seine Bilder wollten, hie\u00df es, nach Schafsk\u00e4se riechen und nach Chianti. Und Momo mittendrin sei nicht viel mehr als ein \u201eAllegoriechen\u201c. <\/p>\n<p>Die absichtlich unsaubere Geschichte von Momo, in deren Erz\u00e4hlung Ende M\u00e4rchen und Politik und Moral und Zeitphilosophie verwirbelte, hat das alles \u00fcberlebt. In 53 Sprachen, in 13 Millionen Exemplaren. Die Boomer haben es ihren Kindern vorgelesen und die den ihren. <\/p>\n<p>Und weil die Boomer m\u00f6glicherweise inzwischen ganz oben in der Filmindustrie angekommen sind und alles neu auf die Leinwand bringen, was sie mal an der Bettkante geh\u00f6rt und im Dreiprogrammefernsehen ihrer Eltern gesehen haben, sitzt Momo jetzt im gar nicht kleinen Amphitheater des kroatischen Pula und h\u00f6rt zu.<\/p>\n<p>Viel Zeit hat sie nicht in Christian Ditters neuer Adaption. Vielleicht hat bei Rat Pack, der Filmproduktion, die schon f\u00fcr \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c verantwortlich war und f\u00fcr Ditters \u201eWickie auf gro\u00dfer Fahrt\u201c, einer der grauen Damen und Herren die Herrschaft \u00fcber die angepeilte Spieldauer \u00fcbernommen. Aber zu dem Verdacht vielleicht sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Der Filmindustrie hat Michael Ende mal vorgeworfen, von ihr w\u00fcrde \u2013 weil sich die armen M\u00e4rchen nicht wehren k\u00f6nnen \u2013, deren \u201eGehalt verhunzt und ihre Poesie in supermarktgem\u00e4\u00dfe Konfektionsware verwandelt\u201c. So weit w\u00fcrde man angesichts von Ditters Momo f\u00fcr das 21. Jahrhundert nicht gehen. Obwohl von Poesie gar keine und von M\u00e4rchenhaftigkeit nicht sehr viel die Rede sein kann in dem Anderthalbst\u00fcnder. Der jagt wie jenes ultramoderne deutsche Elektromobil, f\u00fcr das er zwischendurch mal kurz Werbung machen darf, an s\u00e4mtlichen, sorgf\u00e4ltig und aufw\u00e4ndig modernisierten Stationen des Momoschen Kreuzwegs zur Erl\u00f6sung der Menschheit vom B\u00f6sen des Selbstoptimierungswahns und der radikalen Zeit\u00f6konomie entlang.<\/p>\n<p>Musik macht jetzt Tokio Hotel<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Momo. Die ist immer noch eine Botschafterin des analogen Zeitalters. Sie besitzt einen Schallplattenspieler. (Angelo Branduardi, das zur Entwarnung f\u00fcr alle, die sich noch an Johannes Schaafs Italien erinnern k\u00f6nnen, kommt nicht mehr vor. Musik, das zur Warnung f\u00fcr alle Boomer, macht jetzt unter anderem Tokio Hotel). Die Welt, in der sie lebt, ist eine unsaubere Mischung aus dem Italien der F\u00fcnfziger und der Gegenwart. Nichts riecht hier mehr nach Schafsk\u00e4se und Chianti und die \u201etreudeutsche Hausbackenheit\u201c (von der schon in Schaafs Film keine Rede sein konnte) ist Momos Geschichte auch v\u00f6llig abhandengekommen. <\/p>\n<p>Die Uhren ticken, noch bevor der Vorspann \u00fcberhaupt richtig gestartet ist. Man st\u00fcrzt in die Handlung. Figuren wurden aus Gr\u00fcnden der Zeit\u00f6konomie zusammengef\u00fchrt. Beziehungen auf den neuesten Stand gebracht. Gigi Fremdenf\u00fchrer wurde zu Gino, Sohn einer migrantischen alleinerziehenden Fast-Food-Budenbesitzerin, der mit einem Tuktuk Pizzen ausf\u00e4hrt, wenn er nicht gerade Geschichten erz\u00e4hlt. <\/p>\n<p>Wo Momo bei Johannes Schaaf minutenlang Zeit des Zuh\u00f6rens hatte, einen Kanarienvogel von seiner Stummheit zu heilen, braucht sie jetzt f\u00fcr die Wunderheilung nur vor dem K\u00e4fig zu stehen, schon tiriliert er lauthals los. Es ist viel Behauptung in diesem Film. <\/p>\n<p>Die Zeitsparkasse ist bei Ditter eine Parabel auf Zuckerbergs Meta. Die Grey Corporation entfremdet ihre Kunden mittels Greycelets von ihrer Welt. Sie zeigen ihnen an, wann sie Zeit, die sie sich vielleicht besser f\u00fcr sp\u00e4ter aufsparen sollten, wenn sie sich perfekt optimiert haben, verschwenden. Grey-Linsen locken Greys Kunden aus ihrer Gegenwart in virtuelle Realit\u00e4ten. Und weil die Kinder deswegen keinen mehr haben, der sich um sie k\u00fcmmert, werden sie von einer Armee schicker grauer Greydealer, die \u2013 wie schon angedeutet \u2013 alle denkbaren Geschlechter vertreten \u2013 mit \u201eBibbi Bots\u201c versorgt, den perfekten Roboterbuddys. <\/p>\n<p>Die grauen Damen und Herren inhalieren die Zeit, die ihnen von Grey gegeben ist, nat\u00fcrlich nicht mehr mittels Zigarren. Sie dampfen Stundenblumenbl\u00e4tter in Vaporizern, was sie in ein Heer von Asthmakranken verwandelt. Die ganze Dystopie von Momo 2.0 kulminiert in Gino, der aus dem Amphitheater aufsteigt zu einem Social-Media-Gott mit 150 Millionen Followern, dem aber nichts mehr einf\u00e4llt, was dar\u00fcber hinausgeht, was ihm sein zielgruppengerecht agierender Writers Room \u00fcber Kopfh\u00f6rer vorspricht. <\/p>\n<p>Je l\u00e4nger, desto mehr kommt Ditters \u201eMomo\u201c die Farbe abhanden. Der Brutalismus der Stahlstadt \u00fcbernimmt die extrem schick und teuer aussehende \u00c4sthetik wie das Nichts Phant\u00e1sien in Endes \u201eUnendlicher Geschichte\u201c (die m\u00fcsste man auch neu verfilmen; obwohl: besser nicht). <\/p>\n<p>Meister Hora h\u00e4tte gegen sie keine Chance. Er h\u00fctet in seinem geradezu auenl\u00e4ndischen Haus die Halle des Stundenbaumes (die aussieht wie der Raum gewordene Traum eines jeden Anthroposophen) und damit die Zeit, die uns Menschen bleibt. Keine Chance h\u00e4tte er vor allem, weil Martin Freeman ihn als leicht verhuschten Tr\u00e4umer gibt, der sich, als es um Leben und Tod geht, zum ersten Nickerchen seines Lebens hinlegt.<\/p>\n<p>Er bleibt ein Allegoriechen. Wie \u2013 von der computeranimierten Schildkr\u00f6te Cassiopeia vielleicht abgesehen \u2013 alle anderen Bewohner dieser Nahzukunftwelt. Sie sind prominent besetzt \u2013 Kim Bodnia ist, was Mario Adorf war, Beppo Stra\u00dfenkehrer, Claes Bang ist der oberste Graue. Alexa Goodall gibt sich als Momo alle M\u00fche, Schwerelosigkeit und Ruhe in ihre zunehmend stahlschwere und hektische Geschichte zu bringen.  Es wird einem trotzdem so kalt im Kino, als s\u00e4\u00dfen  lauter graue Herren um einen herum. Weil Ditter \u2013 wir deuteten es an \u2013 halt selbst einer ist. Er hat den Figuren geraubt, was f\u00fcr sie das Wichtigste ist, was sie und uns am Leben h\u00e4lt \u2013 Zeit.<\/p>\n<p>Immerhin muss niemand Sorgen haben, dass Herz und Hirn einer kommenden Generation davon auf links gedreht werden. Passt also ganz gut in diese Zeit, diese Momo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Christian Ditter hat Michael Endes \u201eMomo\u201c neu verfilmt. 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