{"id":483040,"date":"2025-10-08T16:56:14","date_gmt":"2025-10-08T16:56:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/483040\/"},"modified":"2025-10-08T16:56:14","modified_gmt":"2025-10-08T16:56:14","slug":"anneliese-weigel-wird-100-ein-leben-zwischen-bombennaechten-und-bingo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/483040\/","title":{"rendered":"Anneliese Weigel wird 100 \u2013 ein Leben zwischen Bombenn\u00e4chten und Bingo"},"content":{"rendered":"<p>100 Jahre, ein Brief, eine Liebe, Krieg und Neubeginn: Anneliese Weigels Geschichte erz\u00e4hlt von Mut, Humor und einem Leben voller Tatkraft.<\/p>\n<p>Wenn Anneliese Weigel lacht, blitzen die Augen hinter der get\u00f6nten Brille, und das Lachen steckt an.<strong> \u201eIch habe einfach immer weitergemacht\u201c<\/strong>, sagt sie \u2013 ein Satz, so schlicht wie ein Lebensrezept. Am Montag feierte sie im Kreis ihrer Familie ihren 100. Geburtstag.<\/p>\n<p>Die geb\u00fcrtige K\u00f6lnerin, Jahrgang 1925, erlebte Bombenn\u00e4chte, Neubeginn und Nachkriegszeit. Sie stand in Tr\u00fcmmern und sah, wie sich Deutschland neu erfand. \u201eWir waren sechs Kinder, wir haben gestritten, gespielt, gelacht \u2013 und \u00fcberlebt.\u201c <strong>Heute lebt sie in Wiesbaden, umgeben von ihren Kindern Herbert und Birgid, vier Enkeln und sieben Urenkeln<\/strong>. Und sie lacht weiter.<\/p>\n<p>Vom Bunker ins Rathaus<\/p>\n<p>Mit 14 besuchte Anneliese noch die Schule \u2013 im Bunker. Wenn die Sirenen heulten, trugen Lehrer und Sch\u00fcler Schulhefte und Kreide in den Hochbunker von K\u00f6ln-Weidenpesch. \u201eDa war Unterricht in der Schleuse, nebenan war ein Laden, und gekocht wurde auch.\u201c <strong>Der Bunker war wie eine kleine Stadt f\u00fcr sich<\/strong>.<\/p>\n<p>Nach der Schule begann sie eine Verwaltungslehre bei der Stadt K\u00f6ln. In zu vielen N\u00e4chten wurde sie zusammen mit zwei anderen jungen M\u00e4dchen beauftragt, das Rathaus zu bewachen. \u201eWir waren 16, allein in diesem riesigen Geb\u00e4ude. Heute undenkbar!\u201c lacht sie. Wenn eine weitere Bombennacht drohte, war es ihre Aufgabe, wichtige Akten und Hebeb\u00fccher zu retten, bevor drau\u00dfen der Himmel brannte. <strong>Bald aber sollte sie in den Reichsarbeitsdienst eingezogen werden<\/strong>. Sie folgte der Empfehlung ihres Vaters und verpflichte sich auf Zeit. Und dort blieb sie dann bis zum Kriegsende.<\/p>\n<p>Eine Liebe im Luftangriff<\/p>\n<p>Als \u201eArbeitsmaid\u201c reiste Anneliese viel und lernte auf Arbeitseins\u00e4tzen viele Gegenden des damaligen Deutschen Reiches kennen. 1944, w\u00e4hrend eines Luftangriffs auf Stuttgart, traf sie im Zug, der nicht in den Bahnhof einfahren durfte, auf den jungen Soldaten Karl-Heinz Weigel. Aus dem vor den Bombern verdunkelten Zug heraus sah man die brennende Stadt, unter den Reisenden machten sich Angst, Wut und Aggression breit.<strong> Der junge Mann versuchte zu vermitteln und zu beruhigen<\/strong>. Man kam ins Gespr\u00e4ch und sich n\u00e4her\u2026 \u201eDurch seine Anwesenheit hat er mir auch Angst genommen!\u201c Man begegnete sich inmitten der Kriegswirren noch gelegentlich, dann wurde Karl-Heinz an die Ostfront verlegt und geriet in sowjetische Gefangenschaft. Aus Donezk, damals Stalino, drangen zun\u00e4chst keine Nachrichten ins zusammengebrochene Deutschland<\/p>\n<p>Anneliese wollte nat\u00fcrlich wissen, ob er \u00fcberlebt hatte. Ein erster Brief, den sie f\u00fcr Karl-Heinz seinen Eltern brachte, f\u00fchrte zur Wendung. <strong>Im Fr\u00fchjahr 1946 machte sie sich mit einem kleinen Zettel, auf dem seine Adresse stand, auf den Weg von K\u00f6ln nach Wiesbaden, teils mit dem Zug, teils mit dem Fahrrad<\/strong>. Aus der britischen Besatzungszone durch die franz\u00f6sische in die amerikanische; aus der v\u00f6llig zerbombten Domstadt ins relativ verschonte Wiesbaden: <strong>Ohne Passierschein f\u00fcr die Grenz\u00fcbertritte ein Abenteuer<\/strong>: \u201eAber ich wollte ihn finden.\u201c<\/p>\n<p>Sie fand ihn. Karl-Heinz, von der Gefangenschaft abgemagert, kahl geschoren, \u00f6ffnete selbst die T\u00fcr. \u201eIch war v\u00f6llig \u00fcberrascht, dass er da stand \u2013 und dass er mich nicht vergessen hatte.\u201c <strong>Seine Mutter bereitete einen einfachen, w\u00e4ssrigen M\u00f6hreneintopf zu, doch f\u00fcr Anneliese bedeutete er viel<\/strong>: \u201eIn der amerikanischen Zone war die Versorgungslage deutlich besser als in K\u00f6ln. Das war nach dem Krieg ein reichhaltiges Essen. Ich habe nie wieder M\u00f6hren gegessen, ohne daran zur\u00fcckzudenken.\u201c<\/p>\n<p>Einige Zeit lebte man noch getrennt, Anneliese mit ihren Geschwistern in einer Notunterkunft im Umland K\u00f6lns. Die Sorgen um Lebensmittel- und Brennstoffbeschaffung pr\u00e4gten den Alltag, doch gelegentlich besuchte man sich. Immer ein Abenteuer im besetzten Land.<\/p>\n<p>Alltag in Wiesbaden<\/p>\n<p>1948 heirateten sie, ein Jahr sp\u00e4ter kam ihr Sohn Herbert zur Welt, sp\u00e4ter die Tochter Birgid. <strong>Und nach der Hochzeit zog das Paar in die Etagenwohnung der Schwiegereltern in der Wiesbadener W\u00f6rthstra\u00dfe<\/strong> \u2013 Wohnraum war knapp und unerschwinglich. \u2013, wo sie mit den Schwiegereltern unter einem Dach lebten. Das beengte Leben brachte Konflikte mit sich. \u201eAls meine Schwiegermutter starb, fing mein Leben an\u201c, sagt Anneliese heute trocken.<\/p>\n<p>Es folgten W\u00e4hrungsreform, Gr\u00fcndung der Bundesrepublik, die Lebensverh\u00e4ltnisse verbesserten sich langsam aber stetig. Karl-Heinz arbeitete bei der Stadtk\u00e4mmerei Wiesbaden, tippte Bescheide, f\u00fchrte Akten und half beim Wiederaufbau der Stadtfinanzen. \u201eEr war gewissenhaft. Korrekt, p\u00fcnktlich, ordentlich.\u201c So stieg er zum Leiter der Haushaltsplanstelle auf. Anneliese k\u00fcmmerte sich wie derzeit noch \u00fcblich um Haushalt, Kinder und Schwiegervater. \u201eIch habe gekocht, geputzt, gen\u00e4ht \u2013 einfach das gemacht, was getan werden musste. Wir hatten am Anfang nicht viel, aber es reichte.\u201c Abends sa\u00dfen sie zusammen im kleinen Wohnzimmer, sie strickte, er las Zeitung. <strong>Anfang der Sechzigerjahre zog man in ein Reihenhaus in er Brunhildenstra\u00dfe<\/strong>, Anneliese wurde noch Krankenschwester im Josephshospital, Karl-Heinz verstarb 1987.<\/p>\n<p>Dann aber f\u00fcllten Enkel das Haus wieder mit Lachen und Stimmen. \u201eIch habe mich nie gelangweilt. Es war Arbeit \u2013 aber sch\u00f6ne Arbeit.\u201c<\/p>\n<p>Aktiv im Seniorenheim<\/p>\n<p>Bis 2023 lebte sie noch im eigenen Haus, wurde gelegentlich als Zeitzeugin in Schulen geladen. Im Haushalt konnte sie mit Hilfen etliches noch selbst erledigen und bewahrte sich ihre Aktivit\u00e4t bis heute ins Seniorenheim. <strong>Sie spielt gerne Bingo \u2013 und gewinnt oft die Schokolade, die sie verschmitzt ihrem Schwiegersohn schenkt<\/strong>. Sie macht mit beim Sitztanz, besucht Kaffeesitzungen und Zeitungskreise, freut sich auf den Besuch von Therapiehunden. \u201eIch mache alles mit, was angeboten wird, es macht Spa\u00df, dabei zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Heute wohnt Anneliese im EVIM-Seniorenzentrum Kostheim und ist dort Sprecherin ihrer Wohngruppe \u2013 eine Art <strong>Vermittlerin zwischen Bewohnern und Leitung<\/strong>. Sie k\u00fcmmere sie sich um die Belange aller, meist sind es Missverst\u00e4ndnisse, wenn es Streit oder Sorgen gibt, erz\u00e4hlt sie ruhig. \u201eIch sage meine Meinung. Immer h\u00f6flich, aber deutlich.\u201c Ich kl\u00e4re das dann. Ich bin ja nicht umsonst 100 geworden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ihr Geheimrezept? \u201eAbends schlafen gehen und morgens wieder aufstehen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Foto \u2013 Anneliese Weigel wir 100. \u00a92025 Volker Watschounek<\/p>\n<p>Weitere Nachrichten aus dem <strong>Stadtteil Kostheim<\/strong> <a href=\"http:\/\/wiesbaden-lebt.de\/tag\/kostheim\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">lesen Sie hier<\/a><\/p>\n<p>80, 90, 100 Jahre \u2013\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.wiesbaden.de\/vv\/produkte\/01\/Gratulationen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wiesbaden gratuliert<\/a><\/strong> ihren B\u00fcrgern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"metis-img-pixel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/75f9014bd63c4249930e86c7a50c473d.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/>\t\t\t\t\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"100 Jahre, ein Brief, eine Liebe, Krieg und Neubeginn: Anneliese Weigels Geschichte erz\u00e4hlt von Mut, Humor und einem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":483041,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1847],"tags":[29875,3364,29,548,663,3934,2701,30,13,2052,52608,14,15,12,4544],"class_list":{"0":"post-483040","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wiesbaden","8":"tag-100-jahre","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europe","14":"tag-geburtstag","15":"tag-germany","16":"tag-headlines","17":"tag-hessen","18":"tag-kostheim","19":"tag-nachrichten","20":"tag-news","21":"tag-schlagzeilen","22":"tag-wiesbaden"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115339604319131765","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483040","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=483040"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483040\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/483041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=483040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=483040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=483040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}