{"id":484406,"date":"2025-10-09T05:20:17","date_gmt":"2025-10-09T05:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/484406\/"},"modified":"2025-10-09T05:20:17","modified_gmt":"2025-10-09T05:20:17","slug":"russische-offensive-und-flucht-was-passiert-in-kupjansk-dw-09-10-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/484406\/","title":{"rendered":"Russische Offensive und Flucht &#8211; Was passiert in Kupjansk? \u2013 DW \u2013 09.10.2025"},"content":{"rendered":"<p>Seit Ende September ist Kupjansk gesperrt, man kommt weder in die Stadt hinein noch aus ihr heraus. Dort befinden ich inzwischen russische Soldaten, die das <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ukraine-krieg\/t-60978725\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ukrainische Milit\u00e4r<\/a> zu vertreiben versucht. Auch Helfer, die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ukraine-dobropillja-donbass-front-krieg-russland-reportage-v-1\/a-73772390\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Menschen in Sicherheit bringen k\u00f6nnten<\/a>, k\u00f6nnen die Stadt nicht mehr betreten. Die ver\u00e4ngstigten Einwohner fliehen auf eigene Faust.<\/p>\n<p>Das hat auch die 75-j\u00e4hrige Walentyna getan, die am n\u00f6rdlichen Stadtrand von Kupjansk lebte. Mit Hilfe eines anderen Einwohners der Stadt erreichte sie das westlich gelegene Dorf Schewtschenkowe und wurde von Freiwilligen weiter nach Charkiw gebracht. Hier, in einem Transitzentrum f\u00fcr Vertriebene, trafen wir die Frau.<\/p>\n<p>Walentyna sagt, sie habe sich zur <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/wie-zivilisten-aus-der-ostukraine-evakuiert-werden\/a-73113910\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Flucht entschlossen<\/a>, nachdem zwei russische Soldaten in ihren Garten gekommen seien und nach ihren Kameraden in der Stadt gesucht h\u00e4tten. Einer von ihnen habe sie mit einer Granate bedroht. &#8222;Man sah, dass er sehr betrunken war, dieser Russe. Dann fragte er, wo die ukrainischen Soldaten seien. Ich sagte: &#8218;Bei uns sind weder die Eurigen noch die Unsrigen. Hier leben nur Alte'&#8220;, erinnert sich die Frau.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"74230251\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/74230251_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Walentyna tr\u00e4gt einen warmen Pullover mit Kapuze \u00fcber dem Kopf und sitzt an einem Tisch\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Walentyna beschloss, Kupjansk zu verlassen, als russische Soldaten in ihrem Hof standenBild: Hanna Sokolova-Stekh\/DW<\/p>\n<p>Seit vier Monaten funktionierten in der Stadt weder Kommunikationsmittel, noch die Strom-, Wasser- und Gasversorgung, erz\u00e4hlt Walentyna. Auch alle Gesch\u00e4fte seien geschlossen. &#8222;Der Beschuss ist schrecklich. Alles ist zerst\u00f6rt. Alles ist schwarz und niedergebrannt&#8220;, sagt sie,\u00a0&#8222;und die <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/drohnen\/t-18141053\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Drohnen fliegen<\/a>\u2026 Wenn sie jemanden entdecken, verharren sie erst an Ort und Stelle, bis sie sich dann auf jemanden herabst\u00fcrzen. Viele Menschen sterben.&#8220;<\/p>\n<p>Nun wird Walentyna von Freiwilligen in eine kostenlose Unterkunft gebracht, in der mehrere hundert Binnenvertriebene leben. Doch die Seniorin vermisst ihr Zuhause schon jetzt. &#8222;Leute wie wir halten am eigenen Haus, Hof und Garten fest. Die Ernte dieses Jahr war gut. Ich habe alles in den Keller gebracht und verschlossen, wie es sein muss. Aber wird es auch heil bleiben? Das ist die Frage&#8220;, sagt sie traurig.<\/p>\n<p>Hilfe von Sozialarbeitern<\/p>\n<p>Seit September ist die Zahl der Evakuierungsantr\u00e4ge aus dem Bezirk Kupjansk gestiegen &#8211; t\u00e4glich gehen in dem &#8222;Koordinationszentrum f\u00fcr Humanit\u00e4re Hilfe&#8220;, das f\u00fcr die Abwicklung zust\u00e4ndig ist, mehr als hundert Anfragen ein, berichtet Einsatzleiter Bohdan Jachno. &#8222;Viele Menschen warten leider bis zur letzten Minute.\u00a0Die Zahl der Antr\u00e4ge, die wir nicht bearbeiten k\u00f6nnen, steigt t\u00e4glich. Und wenn Menschen versuchen, sich auf eigene Faust auf den Weg zu machen, k\u00f6nnen sie von Drohnen angegriffen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Nach Angaben des UNHCR gibt es derzeit etwa 3,8 Millionen Binnenvertriebene in der Ukraine, die ukrainischen Beh\u00f6rden sprechen von 4,6 Millionen. Das sind Ukrainer, die seit 2014 &#8211; nach der Annexion der Krim und dem Beginn der Kampfhandlungen im Osten des Landes &#8211; vor der russischen Aggression in sicherere Regionen der Ukraine gefl\u00fcchtet sind. Derzeit handelt es sich zumeist um Rentner, die sich keine Mietwohnung leisten k\u00f6nnen und in Wohnheimen unterkommen. Damit sind ihre Probleme aber noch nicht gel\u00f6st, denn ohne Unterst\u00fctzung f\u00e4llt es ihnen schwer, ihren Alltag zu organisieren, Formalit\u00e4ten zu erledigen oder ein Krankenhaus aufzusuchen.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"74230227\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/74230227_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Zwei m\u00e4nnliche Binnenvertriebene sitzen bei der Anmeldung im Transitzentrum an einem Tisch, dessen Mitarbeiter Daten in Computer eingeben\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Binnenvertriebene melden sich beim Transitzentrum in CharkiwBild: Hanna Sokolova-Stekh\/DW<\/p>\n<p>Der Staat kann einen Sozialarbeiter stellen, die Person muss jedoch nachweisen, dass sie alleinstehend ist und entsprechende Dokumente vorlegen. &#8222;Es besteht ein sehr gro\u00dfer Bedarf, den der Staat nicht abdecken kann. Der Staat befindet sich im Kriegszustand&#8220;, erl\u00e4utert Elvira Seidowa-Bohoslowska, Projektleiterin bei der Organisation &#8222;Koordinationszentrum f\u00fcr Humanit\u00e4re Hilfe&#8220; zur Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>In mehreren Wohnheimen k\u00fcmmern sich Sozialarbeiter\u00a0um die Schw\u00e4chsten. Das wird von der internationalen humanit\u00e4ren Organisation &#8222;Hilfe zur Selbsthilfe&#8220; finanziert,\u00a0&#8222;damit sich diese Menschen umsorgt und geliebt f\u00fchlen&#8220;, wie Seidowa-Bohoslowska betont. &#8222;Sozialarbeiter helfen ihnen, Traumata zu \u00fcberwinden. Und das ist wichtig.&#8220;<\/p>\n<p>Ukraine: Leben mit der Gefahr in den befreiten Gebieten<video id=\"video-74218083\" controls=\"\" playsinline=\"\" preload=\"none\" poster=\"data:image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAAAEAAAABCAQAAAC1HAwCAAAAC0lEQVR42mNkYAAAAAYAAjCB0C8AAAAASUVORK5CYII=\" data-id=\"74218083\" data-posterurl=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73966427_605.webp\" data-duration=\"03:58\"><\/p>\n<p class=\"vjs-no-js\">To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that <a href=\"https:\/\/videojs.com\/html5-video-support\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">supports HTML5 video<\/a><\/p>\n<p><\/video><\/p>\n<p>Es ist d\u00fcster im Charkiwer Wohnheim. Auf den Balkonen trocknet W\u00e4sche und aus der K\u00fcche duftet es nach gekochtem Fleisch: Sozialarbeiterin Wiktorija kocht Borschtsch-Suppe f\u00fcr einen schwer verletzten Mann aus der Region Charkiw.\u00a0Seit dem Morgen hatte sie viel zu tun: sie ging einkaufen und wusch W\u00e4sche. Wiktorija liebt ihren Job. &#8222;Ich wei\u00df, dass diese Menschen niemanden haben, der ihnen hilft&#8220;, sagt sie. Doch das Betreuungsprojekt kann nicht das gesamte Wohnheim abdecken. Zwei Sozialarbeiterinnen k\u00fcmmern sich nur um zehn alte Frauen.<\/p>\n<p>&#8222;Stra\u00dfe des Lebens&#8220; in Kupjansk<\/p>\n<p>Wenn Wiktorija frei hat, hilft sie gelegentlich anderen Bewohnern des Wohnheims. Sie besucht auch den 88-j\u00e4hrigen Mykola, um sich Geschichten aus seinem Leben anzuh\u00f6ren. Der Mann sieht und h\u00f6rt schlecht. Und er genie\u00dft ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"74230177\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/74230177_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Mykola aus Welyka Schapkiwka sitzt auf einem Bett in einem Schlafsaal eines Wohnheims\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Mykola aus Welyka Schapkiwka ist in einem Wohnheim untergekommenBild: Hanna Sokolova-Stekh\/DW<\/p>\n<p>Mykola lebte im Dorf Welyka Schapkiwka n\u00f6rdlich von Kupjansk. Er ging immer zu Fu\u00df in die Stadt, um seinen 65-j\u00e4hrigen Sohn zu besuchen. &#8222;Pl\u00f6tzlich verfolgte mich eine Drohne. Ich breitete die Arme aus und sagte: &#8222;Schie\u00df doch los!&#8220;\u00a0Doch sie kreiste, zerst\u00f6rte ein Haus und einen Bauernhof. Ich blieb verschont&#8220;, erinnert er sich.<\/p>\n<p>Im August wurde er in Tschuhujiw in ein Krankenhaus eingeliefert, da es in Kupjansk keines mehr gab. Nach seiner Entlassung war es zu gef\u00e4hrlich, ihn wieder nach Hause zu bringen. Freiwillige brachten\u00a0Mykola nach Charkiw in ein Wohnheim. &#8222;Sie haben mir erst nicht die Wahrheit gesagt. Nein, ich bin ihnen nicht b\u00f6se, sie wollten nur das Beste&#8220;, sagt er.\u00a0Aber Mykola hielt es nicht aus und fuhr vor zwei Wochen mit dem Bus in den Bezirk Kupjansk und ging zu Fu\u00df in sein Dorf, um Kleidung zu holen. &#8222;Ich packte die Tasche voll &#8211; zwei Jacken, Hemden, Hosen. So viel ich konnte. Und einen Rucksack&#8220;, erz\u00e4hlt er.\u00a0Unterwegs verhedderte er sich in einem Stacheldraht und verletzte sich.<\/p>\n<p>Nun lebt Mykola allein in einem Zimmer und h\u00e4lt das zweite Bett f\u00fcr seinen Sohn frei, der noch in Kupjansk ist. Seit einem Monat hat er keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt und m\u00f6chte deshalb unbedingt wieder nach Kupjansk laufen.\u00a0&#8222;Jetzt stehen da sechs Meter hohe Pfosten und Anti-Drohnen-Netze sind \u00fcber die Stra\u00dfe gespannt. Man nennt sie &#8218;Stra\u00dfe des Lebens&#8216;. Dort muss man entlang, es gibt keinen anderen Weg&#8220;, sagt Mykola. Doch Wiktorija verbietet es ihm. &#8222;Ich will dorthin. Und w\u00fcrde ich get\u00f6tet, dann soll es so sein&#8220;, sagt Mykola und k\u00e4mpft mit Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit Ende September ist Kupjansk gesperrt, man kommt weder in die Stadt hinein noch aus ihr heraus. 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