{"id":485431,"date":"2025-10-09T14:47:11","date_gmt":"2025-10-09T14:47:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/485431\/"},"modified":"2025-10-09T14:47:11","modified_gmt":"2025-10-09T14:47:11","slug":"ukraine-krieg-ein-netz-zwischen-stadt-und-himmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/485431\/","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg: Ein Netz zwischen Stadt und Himmel"},"content":{"rendered":"<p>Im ukrainischen Cherson attackieren russische Truppen die verbliebenen Bewohner mit t\u00f6dlichen Drohnen. In der Frontstadt reagiert man erfinderisch auf den Terror.<\/p>\n<p>Die schwarzen Netze ziehen sich \u00fcber die Kulyka Stra\u00dfe, eine Allee im Herzen der Stadt. Erstes Herbstlaub hat sich darin verfangen. Die Netze haben eine \u00fcberlebenswichtige Aufgabe: Sie sollen vor Angriffen von Kamikaze-<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.drohnenkrieg-in-der-ukraine-die-engel-des-todes.ebbc9f52-1f6d-41af-820d-e24c6224911f.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Drohnen<\/a> sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Blickt Galina nach oben, verschwinden die Schn\u00fcre im Gegenlicht der Sonne. Die Lehrerin macht sich Sorgen, wie es weitergeht in ihrem Cherson mit all den russischen Drohnen-Angriffen und dem Artillerie-Beschuss. Netze sind im Bereich des Bahnhofs gespannt. Oder sie ziehen sich kilometerlang l\u00e4ngs der Schnellstra\u00dfe, die Cherson mit Mykolajiw verbindet. \u201eStra\u00dfe des Todes\u201c wird sie mittlerweile genannt. Weil es dort zahlreiche Drohnen-Angriffe auf zivile Autos und ihre Insassen gab. Manchmal rasen Kranken-, Milit\u00e4r- und Polizeiwagen \u00fcber die Fahrbahn mit Antennen auf dem Dach. St\u00f6rsender, die die Radiowellen der Drohnensteuerung unterbrechen sollen. <\/p>\n<p>Die Einwohnerzahl sank von 300\u200a000 auf 50\u200a000 <\/p>\n<p>Seitdem die Netze h\u00e4ngen, scheint sich die Situation verbessert zu haben. Dennoch werden die Fahrerinnen und Fahrer angehalten, nach M\u00f6glichkeit mindestens 140 Stundenkilometer zu fahren. Nur so sind die Fahrzeuge schneller als die russischen Drohnen. Auf den Verkehr muss niemand achten. Die Stra\u00dfe wirkt wie ausgestorben. In voller Fahrt huscht am Fahrbahnrand ein ausgebrannter Kleinwagen vorbei, schwarze Stellen auf dem Asphalt erinnern an die Hitze, als dort Autos in Flammen aufgingen. Und verbogene Leitplanken. Am Stadtrand steht noch ein abgebrannter Lkw-Anh\u00e4nger als Folge eines Drohnen-Einschlags. Dann kommt der Checkpoint, ebenfalls mit Netzen gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>\u201eWir haben f\u00fcr unsere Sicherheit einiges lernen m\u00fcssen\u201c, sagt Galina einige Kilometer entfernt bei ihrem Spaziergang durch die Innenstadt. Sie deutet auf die geparkten Autos. Allesamt unter B\u00e4umen abgestellt, eines sogar unter einem Tarnnetz in einem kleinen Park. \u201eDas Auto muss man immer so abstellen, dass es von einem russischen Drohnen-Piloten von oben nicht entdeckt werden kann\u201c, erkl\u00e4rt die 61-J\u00e4hrige. <\/p>\n<p>Stellpl\u00e4tze unter B\u00e4umen lassen sich in einer ausgebluteten Stadt leicht finden. Das Gros der Bewohner hat Cherson in Richtung sicherer Gebiete verlassen. Heute leben allenfalls noch 50\u200a000 Menschen in einer Stadt, die vor der Invasion fast 300\u200a000 Einwohnerinnen und Einwohner z\u00e4hlte. Zudem vermeiden viele wegen der Drohnengefahr jede unn\u00f6tige Fahrt. Es gibt weitere Tipps zum \u00dcberleben: Nahe der Hauswand oder unter B\u00e4umen laufen und so kein Ziel abgeben. Bei Alarm in den Keller oder zumindest in den Hausflur, wo keine Fenstersplitter nach einer Druckwelle wie scharfe Messer durch die Luft zischen. Gerade das Herbstlaub bringt jetzt eine neue Gefahr. Russische Quadrokopter-Drohnen haben in mehreren Stadtvierteln auch POM-Minen abgeworfen. Das sind Mini-Bomben in Schmetterlingsform, die auch in Streubomben oder eben als Landminen Verwendung finden. Vom Herbstlaub bedeckt, werden die olivgr\u00fcnen Sprengs\u00e4tze schnell zur unsichtbaren, t\u00f6dlichen Gefahr.<\/p>\n<p>Zum Arzt im gepanzertem Fahrzeug <\/p>\n<p> Also gilt es auch f\u00fcr Galina die Augen offenzuhalten. Das Tosen der Artillerie ist f\u00fcr sie l\u00e4ngst zum Alltagsger\u00e4usch geworden. Galina blickt nicht einmal auf, wenn es in der Ferne kracht. Aber das Sirren einer Drohne, bedeutet sofort Unterschlupf suchen. Am besten in einem der Betonbunker, die sich oft an Bushaltestellen oder wichtigen Pl\u00e4tzen befinden. H\u00f6rt man eine Drohne, z\u00e4hlen bereits Sekunden. <\/p>\n<p> Anfang August griff eine russische Kampfdrohne einen Linienbus in einem Vorort an: Zwei Tote, 16 Verletzte. Immer wieder kommt es zu Vorf\u00e4llen, in denen russische Drohnen einzelne Zivilisten oder zivile Autos jagen. \u201eJe n\u00e4her man dem Fluss Dnipro kommt, desto gef\u00e4hrlicher wird es, von einer Drohne angegriffen zu werden\u201c, erkl\u00e4rt die Lehrerin. Galina k\u00f6nnte schon im Ruhestand sein. Sie entschloss sich, weiter als Lehrerin zu arbeiten. Ihr Unterricht findet online statt, alle <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.ukraine-krieg-in-der-unterirdischen-schule-von-charkiw.45dd24d6-dd1f-4d8a-adb5-46628a819d61.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Schulen<\/a> der Stadt sind aus Sicherheitsgr\u00fcnden geschlossen.<\/p>\n<p>Hinter Galina f\u00e4hrt gerade ein gepanzerter VW-Bus vorbei. Der ausrangierte himmelblaue Geldtransporter ist eine Spende aus Deutschland. Jenya und Mykola fahren damit \u00e4ltere und verletzte Menschen zum Arzt oder ins Krankenhaus. Der Transporter ist mit einer kleinen Antennenanlage ausgestattet, die Drohnen ortet. \u201eDas kann unser Leben retten\u201c, macht Jenya klar. Er berichtet, wie eine Drohne ihn bei einem Transport verfolgte. \u201eDas Ortungsger\u00e4t warnte. Ich habe mit dem Wagen noch rechtzeitig ein Ausweichman\u00f6ver gemacht, die Drohnen schlug daneben ein. Der Schaden war gro\u00df, aber niemand wurde verletzt\u201c, erinnert er sich.<\/p>\n<p> Angriff auf die Zivilbev\u00f6lkerung von Cherson <\/p>\n<p>Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch informiert in einem umfassenden Bericht \u00fcber den Einsatz russischer Drohnen gegen die Zivilbev\u00f6lkerung von Cherson. Darin wird der gezielte Angriff auf die Gas-, Wasser- und Stromversorgung, auf Gesundheitseinrichtungen bis hin zu Rettungsteams belegt. \u201e Ihr Einsatz ist Teil von Russlands gro\u00df angelegtem Angriff auf die Zivilbev\u00f6lkerung von Cherson. Hauptzweck ist die Verbreitung von Terror unter der Zivilbev\u00f6lkerung\u201c, hei\u00dft es in dem Bericht weiter.<\/p>\n<p>Die meisten von Galinas <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.umerziehung-statt-ukrainisch-gibt-s-agrartechnologie.2759b226-4d28-40ff-8d30-0715acb440a5.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler <\/a>sind deshalb nicht mehr in der Stadt. \u201eSie sind \u00fcber die Ukraine, Europa und die ganze Welt verteilt\u201c, erkl\u00e4rt die Lehrerin und z\u00e4hlt die L\u00e4nder auf: Deutschland, Polen und Norwegen. Die Kinder, deren Familien nach Kanada und in die USA geflohen sind, sehen sich meist ihre Unterrichtsstunden als aufgezeichnete Clips an. \u201eEs gibt da ja eine gro\u00dfe Zeitdifferenz zur Ukraine.\u201c Galina unterrichtet Elf- bis Zw\u00f6lfj\u00e4hrige, die nach dem Schulunterricht zum Beispiel in Deutschland am Nachmittag Galinas Stunden online verfolgen. \u201eDas ist wichtig f\u00fcr ihre ukrainischen Zeugnisse. Sicherlich, F\u00e4cher wie Mathe k\u00f6nnen sie auch im Ausland lernen. Ukrainische Geschichte aber zum Beispiel nicht\u201c, macht die 61-J\u00e4hrige klar.<\/p>\n<p> \u201eWir hatten keine Zeit mehr zu fliehen\u201c <\/p>\n<p> \u201eIch wurde noch in der Sowjetunion in Odesa zur Geschichtslehrerin ausgebildet. Es hat mich noch Jahre gekostet, bis ich verstanden habe, welche Halbwahrheiten uns eingetrichtert wurden\u201c, erkl\u00e4rt sie. \u201eW\u00e4hrend der Besatzung hatte ich mir die Geschichtsb\u00fccher angeschaut, die die russischen Besatzer an den Schulen von Cherson eingef\u00fchrt hatten. Sie waren noch vor der Invasion gedruckt. Darin wurde Geschichte verbogen, um Gebietsanspr\u00fcche in der Ukraine zu stellen\u201c, so die P\u00e4dagogin. Stalin, der Mann, der in der Ukraine Millionen Menschen w\u00e4hrend des Holodomors verhungern lie\u00df, werde wieder zum gro\u00dfen Staatenf\u00fchrer umgedichtet. \u201eDiese L\u00fcgen d\u00fcrfen nicht mehr fruchten. Deswegen mache ich als Lehrerin weiter\u201c, erkl\u00e4rt sie. <\/p>\n<p>Cherson stand mehr als ein halbes Jahr unter russischer Besatzung. Der russische Geheimdienst errichtete mehrere Foltergef\u00e4ngnisse. Viele Gefangenen \u00fcberlebten die Torturen nicht. \u201eWir hatten keine Zeit mehr zu fliehen. Mein Mann hatte einen schweren Schlaganfall und dann sind da noch vier Katzen\u201c, erz\u00e4hlt Galina. W\u00e4hrend der Besatzung vermied sie es m\u00f6glichst, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Einem Bekannten, er war pensionierter Grenzsch\u00fctzer, schlugen und misshandelten die russischen Soldaten in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit. \u201eObwohl er ihnen nichts verraten konnte, selbst wenn er gewollt h\u00e4tte. Er ist ein einfacher Pension\u00e4r.\u201c Die Lehrerin sch\u00fcttelt den Kopf. <\/p>\n<p>Der Weg zum Platz der Freiheit f\u00fchrt an einem H\u00e4userblock aus der Stalinzeit vorbei. Eine Gleitbombe hat hier den Mittelteil des Hauses zum Einsturz gebracht. Ein halbes Badezimmer ist im zweiten Stock zu sehen. Das Waschbecken h\u00e4ngt noch an der Wand und gegen\u00fcber ein gerahmtes Familienbild, wo vermutlich das Wohnzimmer war.<\/p>\n<p> \u201eFreiheit hat leider einen hohen Preis\u201c <\/p>\n<p>Am Platz angekommen sagt Galina: \u201eHier haben wir unsere Befreiung im November 2022 gefeiert. Die Menschen standen zusammen, sangen, schwangen ukrainische Fahnen. Manche weinten vor Freude.\u201c<\/p>\n<p>An einer L\u00e4ngsseite grenzt ein mittlerweile zerbombtes Verwaltungsgeb\u00e4ude den Platz ein. Davor reckt sich ein Denkmal in den Herbsthimmel. Auf dem Granit sind die Portr\u00e4ts der Gefallenen der Stadt angebracht. Davor wehen kleine Fahnen im Wind. Jede von ihnen erz\u00e4hlt von einem verlorenen Menschenleben. \u201eFreiheit hat leider einen hohen Preis\u201c, sagt Galina zum Abschied.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im ukrainischen Cherson attackieren russische Truppen die verbliebenen Bewohner mit t\u00f6dlichen Drohnen. 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