{"id":485973,"date":"2025-10-09T19:36:19","date_gmt":"2025-10-09T19:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/485973\/"},"modified":"2025-10-09T19:36:19","modified_gmt":"2025-10-09T19:36:19","slug":"schmerzensfrau-und-erloeserin-albertina-modern-zeigt-marina-abramovic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/485973\/","title":{"rendered":"Schmerzensfrau und Erl\u00f6serin: Albertina modern zeigt Marina Abramovi\u0107"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine jener Ausstellungen, an die man sich lange erinnern wird: Eine spektakul\u00e4re, brillant inszenierte Pr\u00e4sentation, die nicht nur Filme, Fotos und Objekte, sondern auch real in den S\u00e4len agierende, teils nackte Menschen inkludiert.<\/p>\n<p>Mit ihrer Direktheit ist die schlicht \u201eMarina Abramovi\u0107\u201c betitelte Ausstellung in der Albertina Modern einem Stationentheater eigentlich n\u00e4her als einem Museum. Und sie er\u00f6ffnet damit auch Neuland f\u00fcr die Albertina, wie der Chef der Institution, Ralph Gleis, bekr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Dabei ist eigentlich nichts von dem, was die zuvor in London, Amsterdam und Z\u00fcrich gezeigte Ausstellung pr\u00e4sentiert, wirklich neu: Der Gro\u00dfteil der Arbeiten sind Klassiker der Performancekunst, die Abramovi\u0107, 1946 in Belgrad geboren, wie keine andere Person gepr\u00e4gt, ausgelotet und popularisiert hat.<\/p>\n<p>    Ausloten<\/p>\n<p>Die Tochter zweier Tito-Partisanen ging stets an die Substanz: 1973 verletzte sie sich mit Messern, die sie immer schneller in die Abst\u00e4nde zwischen ihren Fingern stach. Fotos dieser Performance erregten die Aufmerksamkeit der Galeristin Ursula Krinzinger, in deren Innsbrucker Galerie Abramovi\u0107 1975 das St\u00fcck \u201eLips of Thomas\u201c auff\u00fchrte. Bei diesem ritzte sie sich einen f\u00fcnfzackigen Stern auf den Bauch und legte sich auf ein Kreuz aus Eisbl\u00f6cken, w\u00e4hrend von oben ein Heizstrahler auf die Wunde brannte. Es war nicht das erste Mal, dass Abramovi\u0107 ihre Aktionen bis zur Bewusstlosigkeit und dar\u00fcber hinaus ausf\u00fchrte.<\/p>\n<p>    Dulden<\/p>\n<p>Derlei Radikalit\u00e4t entstand freilich nie im luftleeren Raum: Dass sich politische Repression im kommunistischen Regime gegen den eigenen K\u00f6rper wendete und dort symbolisch Protestwirkung entfaltete, ist aus Abramovi\u0107\u2019 Werken deutlich herauszulesen. Ebenso begegnet man immer wieder einer christlich grundierten Opfer-Idee: Wer den Schmerz der Welt auf sich nimmt, geht aus dem Prozess transformiert \u2013 erl\u00f6st gar \u2013 hervor. Leid wird durch das best\u00e4ndige Ertragen zu St\u00e4rke umgeformt. Die Performance \u201eBalkan Baroque\u201c, bei der Abramovi\u0107 auf der Venedig-Biennale 1997 die Gr\u00e4uel des Balkankrieges verarbeitete und 1.500 Rinderknochen schrubbte, schien die politischen und asketischen Str\u00e4nge zu verbinden.<\/p>\n<p>    Verwandeln<\/p>\n<p>Das archaische Symbolrepertoire ist aber wohl nur ein Grund, warum Abramovi\u0107s Werke im Jahr 2025 weiterhin solche Wirkung entfalten: Denn die K\u00fcnstlerin ist auch eine Meisterin der Transformation, wenn es darum geht, ihre Ideen f\u00fcr neue Kontexte aufzubereiten. Die Kuratierung tut ein \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Im zentralen Raum der Schau strahlen Fotos und Videos von Ereignissen, die vor Jahrzehnten stattfanden und eher d\u00fcrftig dokumentiert wurden, in gro\u00dfen Formaten und einem famosen Ineinander. Viele Werke stammen aus der Zeit von 1976 bis 1988, in der Abramovi\u0107 mit ihrem Partner Ulay zeitlose Bilder f\u00fcr den Zwiespalt des Zwischenmenschlichen schuf: Das Paar saugte sich bei einem Kuss die Luft ab, schrie sich bis zur Ersch\u00f6pfung an, verknotete sich buchst\u00e4blich an den Haaren.<\/p>\n<p>Man fragt sich, wie diese Schau an ihrem urspr\u00fcnglich geplanten Ort, dem mittlerweile geschlossenen Bank Austria Kunstforum, ausgesehen h\u00e4tte: Die R\u00e4ume dort h\u00e4tten es n\u00f6tig gemacht, eine Raumfolge entlang und wieder zur\u00fcck zu gehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Abramovi\u0107 gab es nach der Trennung von Ulay 1988 aber kein Zur\u00fcck. Der Rundgang, den die S\u00e4le der Albertina Modern erlauben, f\u00fchrt nun auf eine neue Stufe der Transformation \u2013 und geht ins spirituelle Metier.<\/p>\n<p>Abramovi\u0107\u2019 in der Schau ausgebreitete Hinwendung zu energiespendenden Kristallen, wesensver\u00e4ndernden Liege- und Sitzvorrichtungen (\u201eTransitory Objects\u201c) und Meditationen an symboltr\u00e4chtigen Orten wie dem asiatischen Banyan-Baum ist, gelinde gesagt, zwiesp\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Mit zwei riesigen Kreuzen und einem von durchleuchteten Kristallen ges\u00e4umten \u201ePortal\u201c, durch das Besucher zu treten aufgefordert sind (\u201ePer aspera ad astra\u201c!) tr\u00e4gt die Schau gegen Ende jedenfalls etwas gar dick auf. Dennoch: Man wird diese Jahrhundertfigur der Performancekunst nicht so bald derart gut und ausgiebig pr\u00e4sentiert bekommen wie hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist eine jener Ausstellungen, an die man sich lange erinnern wird: Eine spektakul\u00e4re, brillant inszenierte Pr\u00e4sentation, die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":485974,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-485973","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115345895362974146","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/485973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=485973"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/485973\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/485974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=485973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=485973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=485973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}