{"id":487740,"date":"2025-10-10T11:52:09","date_gmt":"2025-10-10T11:52:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/487740\/"},"modified":"2025-10-10T11:52:09","modified_gmt":"2025-10-10T11:52:09","slug":"jehona-kicajs-debuetroman-e-entkommen-aus-der-sprachlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/487740\/","title":{"rendered":"Jehona Kicajs Deb\u00fctroman \u201e\u00eb\u201c: Entkommen aus der Sprachlosigkeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Der Titel des Deb\u00fcts ist so ungew\u00f6hnlich wie mit Bedacht gew\u00e4hlt: \u201e\u00eb\u201c lautet er, und dies ist ein im Albanischen wichtiger Buchstabe, obwohl er nicht ausgesprochen wird. Er ver\u00e4ndert aber die Betonung des Wortes, an das er angeh\u00e4ngt wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das Unausgesprochene hat also eine Wirkung. Und von den Folgen und Wirkungen dessen, was unausgesprochen bleibt, wor\u00fcber Schweigen herrscht, erz\u00e4hlt die 1991 im Kosovo geborene und in Deutschland aufgewachsene Autorin Jehona Kicaj.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Kicaj umkreist in ihrem Roman, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Shortlist-zum-Deutschen-Buchpreis\/!6114006\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht,<\/a> die Geschehnisse des Kosovokriegs 1998\/99, das Schweigen dar\u00fcber und den Schmerz derer, die den Krieg selbst erlebten, und jener, die ihn aus der Diaspora wahrnahmen. Sie erz\u00e4hlt aus der Perspektive ihrer namenlosen Ich-Erz\u00e4hlerin, die bereits Anfang der 90er Jahre als kleines Kind mit ihrer albanischen Familie aus dem Kosovo nach Deutschland floh. In der Erz\u00e4hlgegenwart hat sie k\u00fcrzlich ihr Lehramtsstudium beendet.<\/p>\n<p>      Anspannung der Kiefer<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Der Roman setzt mit einer Szene beim Zahnarzt ein, die Erz\u00e4hlerin leidet an Bruxismus, einer extremen Anspannung der Kiefer, der Arzt prognostiziert eine m\u00f6gliche Unf\u00e4higkeit zu sprechen. An diesem Morgen \u201ehabe ich einen Splitter im Mund. [\u2026] Ich spucke ihn ins Waschbecken und sehe: Es ist ein kleines St\u00fcck Zahn. [\u2026] Jeden Morgen wache ich mit Schmerzen in den Kiefergelenken und im Nacken auf; kann meinen Mund nicht \u00f6ffnen, ohne dass es laut kracht. Es h\u00f6rt sich an, als w\u00fcrden Knochen brechen.\u201c<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Jehona Kicaj:<\/strong> \u201e\u00eb\u201c. Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2025, 176 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Wie klug gew\u00e4hlt dieser Einstieg ist, wie zentrale Themen und Motive sich hier schon andeuten, offenbart sich im Verlauf der Lekt\u00fcre. Die drohende k\u00f6rperlich bedingte Sprachlosigkeit korrespondiert mit jener, die aufgrund von Traumata und Verdr\u00e4ngung erw\u00e4chst.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Kicaj umkreist viele Varianten von Sprachlosigkeit und Schweigen, und es ist wiederum der K\u00f6rper, der spricht, wenn die verbale Sprache ausbleibt. Wir werden erfahren, wie Knochen sprechen. Und nat\u00fcrlich ist die ungeheure Anspannung der Erz\u00e4hlerin Ausdruck von etwas, das sie umtreibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">In R\u00fcckblenden, Erinnerungen, die nicht chronologisch erz\u00e4hlt, sondern assoziativ miteinander verbunden sind und denen etwas Fragmentarisches eigen ist, entfaltet Kicaj Kindheit, Jugend und Gegenwart ihrer Erz\u00e4hlerin. Das Kind, das sich das rollende \u201eR\u201c abtrainiert, um blo\u00df nicht aufzufallen; das lange schweigt: \u201eIch habe mir gew\u00fcnscht, mein Schweigen k\u00f6nnte mich unsichtbar machen\u201c, auch weil das deutsche Umfeld oft unsensibel reagiert, eine Lehrerin sie etwa auffordert, von den Kriegserfahrungen der Verwandten im Kosovo zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>      Mit dem Schweigen vertraut<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Das M\u00e4dchen, dem das Schweigen vertraut ist, denn an der serbischen Grenze war die albanische Sprache gef\u00e4hrlich. Das Weinen der Mutter w\u00e4hrend der Telefonate mit Angeh\u00f6rigen im Kosovo und ihr Schweigen danach, ihr seltenes Sprechen. Das Schweigen der Familie nach dem Krieg \u00fcber den verschwundenen Gro\u00dfvater, welches es sp\u00fcrt, doch nicht zu fragen wagt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">M\u00fchelos verkn\u00fcpft die Autorin die verschiedenen Zeitebenen miteinander. In der Erz\u00e4hlgegenwart besucht die Erz\u00e4hlerin die Vortr\u00e4ge einer Forensikerin, Dr. Korner, die im Kosovo <a href=\"https:\/\/taz.de\/Es-geht-um-das-Schicksal-der-Vermissten\/!1223490\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leichen der Verschwundenen<\/a> aus Massengr\u00e4bern barg, anhand der Skelette deren Identit\u00e4t und Todesumst\u00e4nde rekonstruierte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Das Schweigen der Toten ist endg\u00fcltig, doch \u201eIm Grunde sind wir \u00dcbersetzer der Sprache des Skeletts\u201c, erz\u00e4hlt diese Dr. Korner von ihrer Arbeit. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Buch-ueber-Forensik-in-Srebrenica\/!6095411\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Knochen spr\u00e4chen,<\/a> ja sie schrien einen an. Sie verweist auf die besondere Aussagekraft des Gebisses, da es einzigartig wie ein Fingerabdruck sei.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Es sind Passagen von gro\u00dfer Intensit\u00e4t. Das Leid der Einzelnen wird sichtbar. Ihnen W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben, den Angeh\u00f6rigen die M\u00f6glichkeit zur Trauer zu er\u00f6ffnen, diese Anliegen werden greifbar. Hinter all dem aber auch das Ziel, die M\u00f6rder nicht davonkommen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Fein verbindet Kicaj hier die Metaebene mit der Familiengeschichte der Erz\u00e4hlerin \u00fcber das Motiv der Murmeln: die Dr. Korner bei einem toten Jungen findet, die \u00fcberleiten zu den Murmeln des \u00fcberlebenden Cousins und von dort wieder ins gro\u00dfe Geschehen des Kriegs f\u00fchren. Es ist ein Beispiel f\u00fcr die dichte, kluge Webart des Textes, daf\u00fcr, wie Motive sich bespiegeln, in verschiedenen Kontexten aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>      Empfindungen in klaren S\u00e4tzen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">Der gesamte Text verkn\u00fcpft auf beeindruckende Weise das Pers\u00f6nliche mit dem \u00dcberindividuellen des Kriegs, vermittelt dabei auch Wissen. Kicaj bindet es geschickt in den Erz\u00e4hlfluss ein: die Verbrechen, die serbische Einheiten an der albanischen Zivilbev\u00f6lkerung begingen, deren Brutalit\u00e4t; die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse schon vor Ausbruch der Kriegshandlungen, jene nach dem Krieg; der Nato-Einsatz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Der Ton der Erz\u00e4hlerin ist meist fast sachlich. Doch scheinen ihre Empfindungen in einzelnen, klaren S\u00e4tzen auf: \u201eIch komme von einem Ort, der verw\u00fcstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich h\u00f6rte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdr\u00fcckt wurde. [\u2026] Ich komme aus der Sprachlosigkeit.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Jehona Kicajs eindrucksvolles Deb\u00fct findet Wege aus dieser Sprachlosigkeit und stellt sich dem Vergessen entgegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Titel des Deb\u00fcts ist so ungew\u00f6hnlich wie mit Bedacht gew\u00e4hlt: \u201e\u00eb\u201c lautet er, und dies ist ein&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":487741,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-487740","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115349733039700697","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487740","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=487740"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487740\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/487741"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=487740"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=487740"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=487740"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}