{"id":487746,"date":"2025-10-10T11:55:11","date_gmt":"2025-10-10T11:55:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/487746\/"},"modified":"2025-10-10T11:55:11","modified_gmt":"2025-10-10T11:55:11","slug":"ueberdrehter-meta-film-ein-fiebertraum-ohne-erzaehlerischen-ballast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/487746\/","title":{"rendered":"\u00dcberdrehter Meta-Film: Ein Fiebertraum ohne erz\u00e4hlerischen Ballast"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Der alt gewordene Geheimagent John Diman d\u00e4mmert in einem verlassenen Luxushotel an der C\u00f4te d\u2019Azur dem Ende entgegen und erinnert sich an sein Leben. Als eine neue Zimmernachbarin einzieht, die kurz darauf verschwindet, w\u00e4hnt John Gefahr und f\u00fcrchtet die Rache seiner fr\u00fcheren Feinde. Realit\u00e4t und Fantasie verschwimmen, wie man so sagt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das ist im Groben dann auch schon der Plot von \u201eReflection in a Dead Diamond\u201c. Aber diese Kargheit ist kein Mangel, sondern filmische Methode. Der Film will nichts erz\u00e4hlen, sondern wirkt wie aus Splittern zusammengesetzt: Erinnerungen, Angstvorstellungen, fiebertraumartige Visionen. Das Geschehen entfaltet sich nicht linear, sondern in einer Abfolge von assoziativen, visuell \u00fcberladenen Sequenzen.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Der Film wirkt wie aus Splittern zusammengesetzt: Erinnerungen, Angst-vorstellungen, fiebertraumartige Visionen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Nahezu alles, was das italienische Exploitation-Kino der sechziger- und siebziger Jahre an \u00e4sthetischer \u00dcberdrehung und Manierismen aufgefahren hat, findet sich hier wieder: psychedelische Farbspiele, Freeze Frames, Splitscreens, Comic-Sequenzen, betont kunstvoll wie sadistisch inszenierte Gewaltszenen, Farbfilter, Nahaufnahmen von Augen und Wunden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Das Regieduo H\u00e9l\u00e8ne Cattet und Bruno Forzani entkleidet die Filme von allem erz\u00e4hlerischen Ballast. John Dimans j\u00fcngeres Ich hat es bei seinen Auftr\u00e4gen im Wesentlichen mit so bedrohlichen wie fetischisierten Frauen zu tun. Allen voran die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nachruf-auf-Schauspieler-Terence-Stamp\/!6107393\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Modesty-Blaise-artige<\/a> Killerin Serpentik, die den Mythos der Frau als Schlange schon im Namen tr\u00e4gt und zugleich eine Anspielung auf eine der Hauptreferenzen von \u201eReflection in a Dead Diamond\u201c ist, Mario Bavas farbenfrohen B-Movie-Agentenfilmklassiker \u201eDiabolik\u201c, erschienen 1968.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\"><strong>\u201eReflection in a Dead Diamond\u201c.<\/strong> Regie: H\u00e9l\u00e8ne Cattet, Bruno Forzani. Mit Fabio Testi, Maria de Medeiros u. a. Belgien\/Luxemburg\/Italien\/Frankreich 2025, 87 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">\n        <strong>Exzessive Gewaltfantasien<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Serpentik tr\u00e4gt viele Masken und hantiert mit Klingen, die den M\u00e4nnern phallisch ins Fleisch schneiden. Zugleich ist ihr K\u00f6rper, wie der K\u00f6rper der meisten Frauenfiguren in \u201eReflection in a Dead Diamond\u201c, Objekt von exzessiver Gewalt. Schnell wird deutlich, dass Cattets und Forzanis filmischer Assoziationsstrom sich \u2013 wie schon in ihrem Deb\u00fct \u201eAmer\u201c \u2013 um Gewaltfantasien dreht, die sich an zuvor fetischisierten Frauenk\u00f6rpern ausagieren. Und um den m\u00e4nnlichen Blick auf das fantasierte Objekt, der eine Bedingung dieser Fantasien ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Schon die Filme, auf die sich hier bezogen wird, wirkten in ihrer Exzessivit\u00e4t und Ungefiltertheit \u00fcberdreht und manchmal fiebertraumartig. Man musste die auf traurige Weise mit Gewalt amalgamierte Sexualit\u00e4t, die in der \u00e4sthetischen Gewalt der Filme von zum Beispiel <a href=\"https:\/\/taz.de\/Regisseur-Gaspar-Noes-Film-Vortex\/!5847342\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dario Argento<\/a> oder <a href=\"https:\/\/taz.de\/Historiker-ueber-italienische-Thriller\/!5725629\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Lucio Fulci<\/a> ihre Bilder fand, nicht gro\u00df herausinterpretieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Alles liegt offen da. Die \u00c4sthetisierung der Gewalt geht mit einer Fetischisierung der Frauenk\u00f6rper und K\u00f6rperdetails einher. Bei Fulci waren es vor allem die Augen, die auch in \u201eReflection in a Dead Diamond\u201c eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Der Geheimagent John Diman ist als ein weiteres James-Bond-Surrogat ein Inbegriff von Souver\u00e4nit\u00e4t und Kontrollverm\u00f6gen. Der Designeranzug h\u00e4lt die Form, und was der K\u00f6rper allein nicht kann, schaffen technische Gadgets als Erweiterung problemlos.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">John Diman tr\u00e4gt zum Beispiel einen Ring, mit dem er durch W\u00e4nde, Frauenkleider und die R\u00fcckseiten von Pokerkarten hindurchschauen kann. Im Alter verliert der Agent mehr und mehr die Kontrolle \u00fcber seine Fantasiet\u00e4tigkeit und versinkt in einem fiebertraumartigen Delir, in dem Gewaltfantasien, Misogynie und Popmythen immer w\u00fcster durcheinanderrauschen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">\n        <strong>Tod auf der Leinwand<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">H\u00e9l\u00e8ne Cattet und Bruno Forzani m\u00f6gen ihre Bilder offensichtlich gern r\u00e4tselhaft und \u00fcberdeutlich zugleich. St\u00e4ndig wird die m\u00e4nnliche Heldenfigur dazu gezwungen, sich selbst anzuschauen. Vor allem in dem Bild, das die Spiegelpailletten des Kleides seiner Partnerin auf ihn zur\u00fcckwerfen (die wenig sp\u00e4ter ermordet wird, w\u00e4hrend sie Sex auf einer Gem\u00e4ldeleinwand hat und so noch im Sterben buchst\u00e4blich ein sch\u00f6nes Bild abgibt).<\/p>\n<p class=\"typo-teaser-text mgt-xsmall\">\nWir w\u00fcrden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,<br \/>\nob Sie dieses Element auch sehen wollen:\n<\/p>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"13\">Man hat \u00fcber weite Strecken Probleme, sich in diesem Film zurechtzufinden, was auch mit seiner von Anfang bis Ende durchgezogenen Reiz\u00fcberflutung zu tun hat. Alle Regler sind auf zw\u00f6lf. Das Sch\u00f6ne an ihm ist, dass er ausschlie\u00dflich als Meta-Kino funktioniert, sich aber trotzdem nie ins Ironische oder betont Schlaue rettet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Seine Eitelkeit artikuliert sich nicht, indem er sich \u00fcber die Filmgeschichte stellt, sondern darin, dass er zeigen will, wie souver\u00e4n er die Stilmittel reproduzieren, beherrschen und erweitern kann. Das Dauerfeuer von Ornamenten und Manierismen wird immer wieder durchbrochen von Bildern, die wie klare Ansagen funktionieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"15\">Unter einer der vielen Masken, die John Diman seiner als Schlange und Femme Fatale konstruierten Erzfeindin vom Gesicht rei\u00dft, findet er sein eigenes. Der \u201etote Diamant\u201c, in dem sich alles hier spiegeln soll, ist das Genrekino einer vergangenen \u00c4ra. Dessen Fantasien, Neurosen und Blickkonstellationen sind nach wie vor pr\u00e4sent und laut \u201eReflection in a Dead Diamond\u201c wohl auch zerst\u00f6rungsw\u00fcrdig.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"16\">Eine symbolische Destruktion allerdings, die ambivalent und damit produktiv bleibt. Einfach, weil die Bilder und ihre Montage nicht von oben herab gedacht sind, sondern die Filme, die sie auf die Analytiker-Couch zwingen und ins Assoziieren bringen, im selben Zuge feiern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der alt gewordene Geheimagent John Diman d\u00e4mmert in einem verlassenen Luxushotel an der C\u00f4te d\u2019Azur dem Ende entgegen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":487747,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-487746","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115349744827714115","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=487746"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487746\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/487747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=487746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=487746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=487746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}