{"id":488606,"date":"2025-10-10T19:48:26","date_gmt":"2025-10-10T19:48:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/488606\/"},"modified":"2025-10-10T19:48:26","modified_gmt":"2025-10-10T19:48:26","slug":"wie-berlin-an-sich-selbst-scheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/488606\/","title":{"rendered":"Wie Berlin an sich selbst scheitert"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mitten in <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/pankow\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Pankow<\/a> liegt ein vergessenes St\u00fcck Stadt \u2013 der ehemalige Rangierbahnhof: \u00fcberwuchert von Gestr\u00fcpp, \u00fcberzogen von Rost, durchzogen von Schienen, die ins Nichts f\u00fchren. Ein Ort zwischen Vergangenheit und M\u00f6glichkeit, stillgelegt und verwildert, als warte er nur darauf, endlich ein neues Kapitel aufzuschlagen.<\/p>\n<p>Hier, am Pankower Tor, auf 27 Hektar mitten im Berliner Norden, sollte l\u00e4ngst ein neues Stadtquartier entstehen: 2000 bis 2500 Wohnungen, B\u00fcros, Kitas, Gr\u00fcnfl\u00e4chen, eine Bibliothek, eine Galerie \u2013 geplant vom Berliner Unternehmer <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/kurt-krieger\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kurt Krieger<\/a>. Ein urbanes Versprechen. Geblieben ist: Stillstand. Seit fast zwei Jahrzehnten verschiebt sich der Baubeginn \u2013 das Projekt ist l\u00e4ngst zum Symbol geworden f\u00fcr die Unf\u00e4higkeit dieser Stadt, endlich voranzukommen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Und nun verz\u00f6gert auch noch eine Kr\u00f6te den Start. Oder ist es vielleicht der heimliche Wunsch mancher Berufspolitiker, sich endlich einmal als Unternehmer zu versuchen und die Fl\u00e4chen in Eigenregie zu entwickeln \u2013 wobei Nabu und Kr\u00f6te nur einen willkommenen Anlass, nicht aber die eigentliche Ursache des Desasters liefern?<\/p>\n<p><strong>Der M\u00f6belmann Krieger und seine Mission<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Kurt Krieger, 77, ist Unternehmer, Selfmademan, Eigent\u00fcmer eines M\u00f6belimperiums. Vom Angstellten zum Konzernchef, vom Einzelgesch\u00e4ft zur Marke: H\u00f6ffner, Sconto, M\u00f6bel Kraft. Einer der wenigen, die in Berlin noch investieren.<\/p>\n<p>Am Pankower Tor wollte Krieger beweisen, dass Stadtentwicklung auch anders geht \u2013 schneller, pragmatischer, ohne endlose Runden in Aussch\u00fcssen und \u00c4mtern. Das brachliegende Gel\u00e4nde schien ideal: gro\u00df genug f\u00fcr ein neues Stadtquartier, zentral gelegen und so heruntergekommen, dass kaum jemand Einw\u00e4nde hatte, wenn dort endlich etwas geschehen sollte. Der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/berliner-senat\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Senat<\/a> h\u00e4tte das Areal damals selbst kaufen k\u00f6nnen \u2013 tat es aber nicht.<\/p>\n<p>Krieger, der es letztendlich kaufte, irrte. Was als Musterbeispiel privat-\u00f6ffentlicher Kooperation begann, endet seit Jahren in einem Dickicht aus Formularen, Fristen und Fachverfahren.\u00a0Seit 2009 k\u00e4mpft sich der Mann mit dem Berliner Dialekt durch die B\u00fcrokratie, im Bezirksamt Pankow ist er Stammgast. Mitarbeiter dort beschreiben ihn gegen\u00fcber der Berliner Zeitung schmunzelnd, aber auch anerkennend als \u201ez\u00e4hen Knochen, der nicht aufgibt\u201c.<\/p>\n<p>Die Kreuzkr\u00f6te \u2013 streng gesch\u00fctzt, laut, widerspenstig<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Doch sein gr\u00f6\u00dfter Gegner ist inzwischen ein Tier, kaum handgro\u00df. Die Kreuzkr\u00f6te \u2013 streng gesch\u00fctzt, laut, widerspenstig. Eine, die es sich am Pankower Tor gem\u00fctlich gemacht hat, auf f\u00fcnf Hektar, ausgerechnet dort, wo eigentlich das M\u00f6belhaus entstehen sollte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Investoren Pl\u00e4ne zeichnen und Gutachter Gutachten schreiben, hat sie l\u00e4ngst Fakten geschaffen: sich ein Zuhause erobert, das ihr eigentlich gar nicht geh\u00f6rt. Einige in Pankow munkeln, der Unternehmer habe die Kr\u00f6te selbst eingeschleppt. Unfreiwillig und unwissend, mit dem Kies aus <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/suedbrandenburg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">S\u00fcdbrandenburg<\/a>, den er einst auf das Gel\u00e4nde bringen lie\u00df. Andere unken, Projektgegner h\u00e4tten das artengesch\u00fctzte Tierchen extra dort ausgesetzt, um das Vorhaben zu bremsen. Beweise? Keine. Entscheidend ist: Die Kr\u00f6te ist da und mit ihr die Blockade.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Hoffnung und B\u00fcrokratie <\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Vor zwei Wochen steht Krieger wieder auf seiner Brache. Cordhose, Wollpullover, Blick nach vorn. \u201eWir k\u00f6nnen Ende 2026 anfangen, wenn die Stadt sich M\u00fche gibt\u201c, sagt er optimistisch. Neben ihm nickt Pankows Baustadtrat Cornelius Bechtler (<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/buendnis-90-die-gruenen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gr\u00fcne<\/a>) pflichtbewusst. \u201eWir haben das Ziel, den Bebauungsplan 2026 festzusetzen, damit wir hier zeitnah anfangen k\u00f6nnen zu bauen.\u201c Dann das leise, unvermeidliche Aber. \u201eWir haben noch viel zu tun und viele Probleme zu bew\u00e4ltigen. Aber ich bin zuversichtlich.\u201c<\/p>\n<p>Zuversicht: In der Hauptstadt eine bedrohte Spezies. Denn zwei Risiken schweben \u00fcber allem: neue Klagen und \u00fcberlastete Beh\u00f6rden. Das eine juristisch, das andere systemisch. Zusammen t\u00f6dlich f\u00fcr jedes Gro\u00dfprojekt.<\/p>\n<p>Manuela Anders-Granitzki (CDU), zust\u00e4ndige Stadtr\u00e4tin, gibt bei dem Termin offen zu: \u201eDas Umwelt- und Naturschutzamt hat das Projekt zwar priorisiert, doch die Personalausstattung reicht nicht aus.\u201c Sie f\u00fcgt hinzu: \u201eDas ist mit Bordmitteln nur schwierig zu stemmen.\u201c \u00dcbersetzt: Alles kann passieren \u2013 oder auch nichts. Berlin, Hauptstadt des Konjunktivs.<\/p>\n<p>Dann der R\u00fcckzieher nach der Nabu-Klage<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zum Ortstermin hatte Krieger auch Rainer Altenkamp eingeladen, den Berliner <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/nabu\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nabu<\/a>-Chef. Der kam nicht. Vielleicht, weil er ahnte, was folgen w\u00fcrde. Denn ein paar Tage sp\u00e4ter zieht der Senat einen bereits genehmigten Bescheid f\u00fcr das Areal am Pankower Tor zur\u00fcck \u2013 aus Angst vor juristischen Konsequenzen. Es ging um einen Regenwasserkanal, Voraussetzung f\u00fcr den Baustart. Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) hatte den Berliner Wasserbetrieben erlaubt, Kreuzkr\u00f6ten und andere Arten umzusetzen. Doch der Nabu klagte \u2013 und der Senat knickte prompt ein. Damit steht wieder alles still. Ein Milliardenprojekt, erneut gestoppt. Dieses Mal von einer Klageschrift. Berlin, Hauptstadt der R\u00fcckzieher.<\/p>\n<p><img alt=\"Zum Ortstermin am Pankower Tor hatte Kurt Krieger (r.) auch Rainer Altenkamp eingeladen, den Berliner Nabu-Chef. Er kam aber nicht. Daf\u00fcr sp\u00e4ter eine Klage.\" loading=\"lazy\" width=\"1800\" height=\"1200\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/8e37c67a-2963-41d3-b704-c08b1234756e.png\"\/><\/p>\n<p>Zum Ortstermin am Pankower Tor hatte Kurt Krieger (r.) auch Rainer Altenkamp eingeladen, den Berliner Nabu-Chef. Er kam aber nicht. Daf\u00fcr sp\u00e4ter eine Klage.Fotoillustration: Uro\u0161 Pajovi\u0107\/Berliner Zeitung am Wochenende. Fotos: Imago (3), Pankower Tor<\/p>\n<p><strong>Die W\u00e4chter des Gesetzes: Die Nabu und ihre Klagen<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In dieser Geschichte steht der Naturschutzbund, kurz Nabu, f\u00fcr ein Prinzip: <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/artenschutz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">artengesch\u00fctzte Tiere<\/a> haben Vorrang, vor allem.<\/p>\n<p>Zwischen 2019 und 2025 blockierten die Natursch\u00fctzer gleich vier Bauprojekte, indem sie juristisch gegen Ausnahmegenehmigungen vorgingen: gegen das Freiheits- und Einheitsdenkmal (Flederm\u00e4use), den Landschaftsfriedhof Gatow (Zauneidechsen) und gegen das Pankower Tor, jetzt sowie bereits 2021. \u201eDie Hemmnisse f\u00fcr Bauvorhaben durch den Artenschutz werden ma\u00dflos \u00fcbertrieben\u201c, sagt Imke Wardenburg vom Nabu Berlin.<\/p>\n<p>Von j\u00e4hrlich mehreren tausend Projekten w\u00fcrden nur wenige beklagt. \u201eEs ist eine Frage der Qualit\u00e4t der Planung.\u201c Und doch dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf: Ein Verband, ein Eilantrag \u2013 und ein Milliardenprojekt liegt auf Eis. \u201eEin Trauerspiel\u201c, nennt es Einzelhandelsverbandschef <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/nils-busch-petersen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nils Busch-Petersen<\/a> seit Jahren, wenn er auf das Pankower Tor angesprochen wird. Ein Trauerspiel mit unz\u00e4hligen Akten \u2013 und einem System, das sich selbst in die Knie zwingt.<\/p>\n<p><img alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"1800\" height=\"1200\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/ff8cb09d-2b83-4694-bbc6-b8f0cdd6aa03.png\"\/><\/p>\n<p>Illustrationen: Sofija Pajovi\u0107 f\u00fcr Berliner Zeitung am Wochenende<\/p>\n<p>Kr\u00f6ten am Pankower Tor: <strong>Symbol einer Selbstblockade <\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">F\u00fcr Krieger ist die Kreuzkr\u00f6te l\u00e4ngst kein Tier mehr, sondern ein Sinnbild daf\u00fcr, wie die Stadt mal wieder an sich selbst scheitert. Um endlich bauen zu d\u00fcrfen, kaufte er sogar eine Kleingartenanlage, lie\u00df sie zu einem Biotop umgestalten, 5,3 Hektar gro\u00df. Weitere Ausgleichsfl\u00e4chen erwarb er bei den Karower Teichen und in Waltersdorf. Doch all das reicht nicht. Das Naturschutzrecht kennt keine Pragmatik, es kennt nur Paragrafen. Es folgt einer Logik, die keinen Ermessensspielraum vorsieht: sch\u00fctzen, sichern, vermeiden.<\/p>\n<p>Die EU-Habitatrichtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten, streng gesch\u00fctzte Arten zu bewahren \u2013 nicht nur ihre Tiere, auch ihre Lebensr\u00e4ume. Deutschland hat diese Vorgabe in das <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/berlin-naturschuetzer-gegen-geplantes-gesetz-schneller-bauen-auf-dem-letzten-stadtgruen-ist-keine-loesung-li.2205086\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bundesnaturschutzgesetz<\/a> gegossen, das in \u00a744 die T\u00f6tung, St\u00f6rung oder Zerst\u00f6rung von Fortpflanzungsst\u00e4tten verbietet.<\/p>\n<p>Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen einer Kr\u00f6te in ihrem nat\u00fcrlichen Lebensraum und einer in der Hauptstadt. Der Schutz gilt absolut. Nur in Ausnahmef\u00e4llen \u2013 geregelt in \u00a745 Absatz 7 \u2013 darf davon abgewichen werden: wenn ein \u201ezwingender Grund des \u00fcberwiegenden \u00f6ffentlichen Interesses\u201c vorliegt und \u201ekeine zumutbare Alternative\u201c besteht. Selbst dann muss der Verlust des Lebensraums ausgeglichen werden, durch Ersatzfl\u00e4chen, Umsiedlungen, Biotope. Ein kompliziertes System von Gutachten, Nachweisen und Kompensationen, das manchmal Jahre dauert.<\/p>\n<p>Selbst nach einer Ausnahmegenehmigung ist l\u00e4ngst nicht Schluss<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Krieger hat all das versucht. Und scheiterte bisher trotzdem. Denn selbst nach einer solchen Ausnahmegenehmigung ist noch l\u00e4ngst nicht Schluss. Umweltverb\u00e4nde haben das Recht, zu klagen \u2013 auf Grundlage des Umweltrechtsbehelfsgesetzes, das ihnen weitreichende Mitspracherechte sichert. Eine einzige Klageschrift gen\u00fcgt, um ein ganzes Bauvorhaben anzuhalten. Solange das Gericht pr\u00fcft, darf nichts passieren. Keine Baggerschaufel, kein Fundament, kein Baustart. Und auch das kann wieder dauern. Die Gerichte in Berlin sind dauerhaft \u00fcberlastet.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">So wird aus dem Vorsorgeprinzip, einst gedacht als Schutzinstrument, ein Mechanismus der L\u00e4hmung. Beh\u00f6rden f\u00fcrchten Fehlentscheidungen, Politiker f\u00fcrchten Klagen, Investoren f\u00fcrchten Kosten. Niemand will entscheiden. Niemand will Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Was Rechtssicherheit schaffen soll, erzeugt in der Praxis Stillstand. In Berlin ist daraus l\u00e4ngst Routine geworden \u2013 ein Verwaltungshandeln im Modus der Selbstabsicherung. Die Stadt sch\u00fctzt sich nicht nur vor Fehlern, sondern vor jeder Bewegung.<\/p>\n<p><strong>Politik im Kr\u00f6tenkrieg: Eine Frage der Interessen<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zugegeben, es ist nicht die erste H\u00fcrde, die Kurt Krieger nehmen muss. Schon der Anfang kommt einem Hindernislauf gleich. Als er vor 16 Jahren das Gel\u00e4nde am Pankower Tor kaufte, begann ein Marathon aus Sitzungen, Anh\u00f6rungen und Zust\u00e4ndigkeitsfragen. Sechs Jahre lang verhandelte er mit Senat und Bezirk. Am Ende stand eine Grundsatzvereinbarung: Wohnungen sollten entstehen, eine Schule, ein M\u00f6belmarkt, ein Einkaufszentrum \u2013 ein Quartier, das Wohnen, Bildung und Handel verbindet.<\/p>\n<p>Politisch umstritten: Die Gr\u00fcnen lehnten das geplante Einkaufszentrum ab, sahen darin ein Relikt aus der Konsumlogik der Nullerjahre. Sie wollten mehr Wohnen, weniger Kommerz, weniger Verkehr. Die SPD wiederum war gespalten: Die einen sahen in Kriegers Vorhaben eine private Entlastung der \u00fcberforderten Stadt, die anderen eine unliebsame Kapitulation vor Investoreninteressen.<\/p>\n<p>Andreas Geisel gab dem Projekt am Pankower Tor gr\u00fcnes Licht<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Am Ende war es der damalige Stadtentwicklungssenator <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/andreas-geisel\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Andreas Geisel<\/a> (SPD), der den gordischen Knoten durchschlug. Er gab dem Projekt gr\u00fcnes Licht \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dass Berlin sich den Luxus der Verweigerung nicht leisten k\u00f6nne. Der politische Widerstand blieb, aber er schw\u00e4chte sich ab.<\/p>\n<p>Heute, mehr als ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, hat sich der Ton ver\u00e4ndert. Bezirksb\u00fcrgermeisterin <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/pankow-mit-fluechtlingen-ueberfordert-bezirksbuergermeisterin-cordelia-koch-schreibt-brandbrief-li.2161702\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Cordelia Koch<\/a> (Gr\u00fcne) nennt das Vorhaben \u201eeine sehr gute Nutzung f\u00fcr Pankow\u201c. Die Fronten sind weicher geworden, die Ideologie hat Patina angesetzt. Selbst im Bezirk wei\u00df man inzwischen, dass Stillstand keine L\u00f6sung ist.\u00a0Nur das M\u00f6belhaus bleibt ein Reizwort \u2013 ein Symbol f\u00fcr das, was manche in der Partei noch immer als unvereinbar empfinden: Wirtschaft und Stadtentwicklung.\u00a0Doch man hat gelernt, Kr\u00f6ten zu schlucken \u2013 nicht nur auf dem Baugel\u00e4nde, sondern auch in der Politik.<\/p>\n<p><strong>Das teure Warten: Zweistelligen Millionenbetrag investiert<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">W\u00e4hrend Politik und Verb\u00e4nde um Zust\u00e4ndigkeiten und Gutachten ringen, l\u00e4uft im Hintergrund eine andere Uhr \u2013 die der Finanzierung. Auf ihr ticken Zinsen, Planungskosten, Gutachterhonorare. F\u00fcr das Projekt Pankower Tor hat Kurt Krieger nach eigenen Angaben bereits einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert \u2013 allein in Vorplanungen, Gutachten, Analysen. Ein Aufwand, der \u00fcber Jahre gewachsen ist, ohne dass auch nur ein Fundament gegossen wurde.<\/p>\n<p>Jede neue Verz\u00f6gerung kostet weiter. Branchenkenner sprechen von monatlichen Mehrbelastungen, die sich auf bis zu einer Million Euro summieren k\u00f6nnen. Die Kalkulation eines Bauprojekts, ohnehin riskant, wird so zur Wette auf unbestimmte Zeit.<\/p>\n<p>Ein Investor: \u201eLohnt sich das \u00fcberhaupt noch?\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eMan kalkuliert inzwischen grunds\u00e4tzlich mit Klagen\u201c, sagt ein Investor zur Berliner Zeitung, der ungenannt bleiben will. Zwei, drei Jahre Verz\u00f6gerung seien heute kein Ausnahmefall mehr, sondern Teil des Gesch\u00e4ftsmodells. \u201eDie Frage ist nur noch: Lohnt sich das \u00fcberhaupt noch \u2013 oder warten wir besser auf einfachere Standorte?\u201c<\/p>\n<p>Das Pankower Tor steht damit exemplarisch f\u00fcr eine Entwicklung, die l\u00e4ngst bundesweit zu sp\u00fcren ist. Deutschlandweit wurden 2024 so wenig Neubauten genehmigt wie seit 15 Jahren nicht mehr \u2013 in Berlin sogar fast ein Drittel weniger als im Vorjahr. Statt der angestrebten 20.000 Wohnungen kamen nicht einmal 8000 durch die Genehmigungsverfahren. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig: steigende Baukosten, hohe Zinsen, Fachkr\u00e4ftemangel \u2013 und eine Verwaltung, die selbst einfache Verfahren zu b\u00fcrokratischen H\u00fcrdenl\u00e4ufen macht.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Folgen reichen weit \u00fcber das einzelne Projekt hinaus. Investoren ziehen sich zur\u00fcck, weil Planungssicherheit fehlt. Banken vergeben Kredite nur noch mit Risikoaufschlag. Mittelst\u00e4ndische Bautr\u00e4ger geben auf, weil sie das Durchhalten nicht mehr finanzieren k\u00f6nnen. Der Markt trocknet aus \u2013 in einer Stadt, die jedes Jahr um zehntausende Menschen w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Wer in Berlin plant, muss Geduld aufbringen<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">So wird die Zeit selbst zum gr\u00f6\u00dften Gegner des Bauens. Wer in Berlin plant, muss Geduld aufbringen, die sonst nur im Denkmalschutz gefragt ist. Projekte altern, bevor sie entstehen. Und w\u00e4hrend Aktenordner dicker werden, bleibt der Himmel \u00fcber Pankow leer \u2013 keine Kr\u00e4ne, keine Ger\u00fcste, keine Bewegung.<\/p>\n<p>Eine Stadt, die wachsen will, verliert ihr Tempo \u2013 und mit ihm ihre Glaubw\u00fcrdigkeit. Was einst als Gro\u00dfprojekt gegen die Wohnungsnot gedacht war, steht nun f\u00fcr eine Hauptstadt, die in der Verwaltung ihrer eigenen Blockaden versinkt. Der Soziologe Werner Bruns spricht in seinem Buch \u201eZeitbombe B\u00fcrokratie\u201c vom Ende des b\u00fcrokratischen Jahrhunderts und warnt davor, dass \u00fcberkomplexe Verwaltungsstrukturen zu Stillstand f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jeder Pr\u00fcfschritt zieht sich, jede Beh\u00f6rde sichert sich ab<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es ist nicht nur die Kr\u00f6te, die bremst. Jeder Pr\u00fcfschritt zieht sich, jede Beh\u00f6rde sichert sich ab, jede Zust\u00e4ndigkeit wandert weiter.\u00a0\u201eWir leben in einem System<strong>,<\/strong> in dem niemand Verantwortung \u00fcbernehmen will\u201c, sagt ein Stadtentwickler zur Berliner Zeitung. \u201eJeder wartet auf die n\u00e4chste Stellungnahme. Am Ende bleibt der Investor allein zur\u00fcck \u2013 mit Millionenverlusten.\u201c<\/p>\n<p>Das Pankower Tor ist kein Einzelfall: In <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/ameisennest-stoppt-bau-von-2500-wohnungen-in-lichterfelde-li.2357000\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Neulichterfelde, im S\u00fcdwesten der Stadt, liegt ein weiteres Bauvorhaben auf Eis: ein neues Stadtquartier f\u00fcr rund 6000 Menschen<\/a>, komplett geplant, genehmigt und finanziert. Doch gebaut wird nicht. Der Grund: eine Population streng gesch\u00fctzter Waldameisen. Die Tiere haben ihre H\u00fcgel genau dort errichtet, wo k\u00fcnftig Stra\u00dfen und Fundamente verlaufen sollen \u2013 und nach deutschem Naturschutzrecht sind sie unantastbar. Bevor der erste Bagger rollen darf, m\u00fcssen die Insekten umgesiedelt werden.<\/p>\n<p>Neulichterfelde: die behutsame Verlagerung der Ameisenh\u00fcgel<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Doch Umsiedeln hei\u00dft in diesem Fall nicht einfach umsiedeln. Es bedeutet: Kartierung jedes einzelnen Nestes, Begutachtung durch Fach\u00f6kologen, Auswahl eines Ersatzhabitats, Genehmigung durch die Untere Naturschutzbeh\u00f6rde \u2013 und erst dann, ganz am Ende, die behutsame Verlagerung der Ameisenh\u00fcgel per Hand, Tier f\u00fcr Tier, unter Aufsicht eines Biologen. Ein Prozess, der Monate dauern kann.<\/p>\n<p>Was in einer Kleinstadt vielleicht als skurrile Randnotiz durchginge, ist in der Hauptstadt l\u00e4ngst Routine. Provinzposse? Nein. In Berlin gilt: kein Baufortschritt ohne Artenschutzprotokoll, kein Fundament ohne Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit steht ein Gesetzeswerk, das selbst aus gutem Willen Stillstand produziert.<\/p>\n<p>Das Quartier in Neulichterfelde ist inzwischen zu einem Mahnmal dieser Paradoxie geworden: eine perfekt geplante, aber unbewohnte Zukunft. Bauz\u00e4une, Schilder, Brachfl\u00e4chen \u2013 alles vorbereitet, alles genehmigt, und doch unantastbar, weil ein paar tausend Ameisen noch nicht umgezogen sind.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Auch im <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/cleantech-business-park-ein-zoo-fuer-berlin-marzahn-li.2278237\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">CleanTech Business Park Marzahn<\/a> verz\u00f6gern streng gesch\u00fctzte Wechselkr\u00f6ten ein Batterie-Testzentrum. 140 Tiere wurden 2024 gez\u00e4hlt, trotz Z\u00e4unen und Ersatzfl\u00e4chen. Das Unternehmen zog sich zur\u00fcck. Auch hier: Stillstand, diesmal im Namen der Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Berlin, gefangen im b\u00fcrokratischen Perpetuum mobile \u2013 ein System, das sich selbst legitimiert, indem es sich selbst kontrolliert.<\/p>\n<p>Stadtenwicklungssenator Gaebler in der Klemme<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Stadtentwicklungssenator <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/christian-gaebler\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christian Gaebler<\/a> (SPD) ringt mit dem Dilemma. Er darf EU-Recht nicht beugen, der Naturschutzbund (Nabu) darf klagen, und Gerichte entscheiden. \u201eWir wollen und k\u00f6nnen gar nicht hinter Bundes- und EU-Recht zur\u00fcckfallen\u201c, sagte er einst im Abgeordnetenhaus, dann aber r\u00e4umte er ebenfalls ein: \u201eWir haben zunehmend die Erfahrung, dass der Artenschutz an vielen Stellen missbraucht wird.\u201c<\/p>\n<p>Gaebler, der das Projekt am Pankower Tor unterst\u00fctzt, strebt einen Paradigmenwechsel im Genehmigungswesen an: Er will Verfahren beschleunigen \u2013 durch verbindliche Fristen, zentrale Genehmigungen und fiktive Zustimmungen. In Berlin liegt l\u00e4ngst ein Gesetz vor, das genau in diese Richtung zielt: das sogenannte <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/berliner-jurist-zum-schneller-bauen-gesetz-es-bremst-eher-statt-zu-beschleunigen-li.2350277\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schneller-bauen-Gesetz<\/a>.<\/p>\n<p>Das Ziel ist klar formuliert: Bau- und Genehmigungsverfahren sollen gestrafft, Zust\u00e4ndigkeiten klarer geregelt und Bearbeitungszeiten verbindlich festgelegt werden \u2013 mit dem Versprechen, Planung und Bauen endlich zu beschleunigen.<\/p>\n<p>Die Kreuzkr\u00f6te wird zum Sinnbild einer Stadt, die sich selbst l\u00e4hmt<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Doch sobald ein Eilantrag l\u00e4uft, steht alles wieder still. Das Ergebnis: ein Investitionsstau, der \u00fcber Pankow hinausreicht. Kapital flie\u00dft ab, Vertrauen schwindet. Das Prinzip Vorsicht wird zum Prinzip Verhinderung. Und das Prinzip Verhinderung zur politischen Routine.<\/p>\n<p>So wird die Kreuzkr\u00f6te zum Sinnbild einer Stadt, die sich selbst l\u00e4hmt. Kleine Tiere, gro\u00dfe Wirkung: Kreuzkr\u00f6ten in Pankow, Ameisen in <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/lichterfelde\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Lichterfelde<\/a>, Eidechsen in Marzahn. Sie kennen keine Baupl\u00e4ne und keine Paragrafen. Sie folgen nur ihrem Instinkt und zwingen eine Millionenstadt zum Stillstand.<\/p>\n<p>Wie also Natur sch\u00fctzen, ohne dass Planung zum Risiko wird? Wie verhindern, dass jedes Habitat zum Tabu-Raum, jeder Formfehler zum Baustopp f\u00fchrt? Berlin ist l\u00e4ngst ein Labor der europ\u00e4ischen Ambivalenz zwischen Fortschritt und Bewahrung, Wachstum und Schutz. Es ist die alte deutsche Paradoxie: Alles soll m\u00f6glich sein \u2013 doch nichts darf scheitern.<\/p>\n<p>Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mitten in Pankow liegt ein vergessenes St\u00fcck Stadt \u2013 der ehemalige Rangierbahnhof: \u00fcberwuchert von Gestr\u00fcpp, \u00fcberzogen von Rost,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":488607,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-488606","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115351605097630888","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/488606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=488606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/488606\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/488607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=488606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=488606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=488606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}