{"id":488900,"date":"2025-10-10T22:35:27","date_gmt":"2025-10-10T22:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/488900\/"},"modified":"2025-10-10T22:35:27","modified_gmt":"2025-10-10T22:35:27","slug":"berlin-schriftsteller-daniel-donskoy-ueber-kriege-und-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/488900\/","title":{"rendered":"Berlin: Schriftsteller Daniel Donskoy \u00fcber Kriege und Heimat"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 10.10.2025 17:38 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Als Kind einer ukrainisch-russisch-j\u00fcdischen Familie wuchs Daniel Donskoy in verschiedenen L\u00e4ndern und Kulturen auf. Als Schauspieler, Musiker und Schriftsteller setzt er sich mit den Konflikten unserer Zeit auseinander, die auch seine Kunst pr\u00e4gen.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>    rbb: Herr Donskoy, in Ihrem ersten Roman setzen Sie sich unter anderem mit Ihrer russischen Identit\u00e4t auseinander und verarbeiten Ihre Erfahrungen w\u00e4hrend eines Drehs in Russland 2022. Was war das f\u00fcr ein Erlebnis?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Daniel Donskoy: Die ersten zwei Tagen waren faszinierend, sehr positiv aufgeladen. Dann habe ich zwei Wochen sp\u00e4ter gesehen, wie die Panzer an meinem Drehort vorbei Richtung Ukraine fahren, dem Land, wo meine Mutter geboren wurde. Das hat alle Faszination in Angst, Unsicherheit, und Verwirrung umgewandelt.<\/p>\n<p>    Auch der 7. Oktober und die darauffolgende Eskalation im Nahen Osten ereigneten sich w\u00e4hrend Ihres Schreibprozesses. Wie blicken Sie auf die vergangenen zwei Jahre zur\u00fcck?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich habe angefangen zu schreiben, nachdem ich die Panzer in die Ukraine einrollen sah. Ich stand am 7. Oktober als W\u0142adys\u0142aw Szpilman in &#8222;Der Pianist&#8220; auf der B\u00fchne, w\u00e4hrend ich mir nachts per Livestream die Gr\u00e4ueltaten angeschaut habe. Ich habe dann in einer Zeit weitergeschrieben, in der die Gesellschaft gesamtgesellschaftlich verh\u00e4rtet ist, in der Antisemitismus leider wieder salonf\u00e4hig geworden ist. Aber eigentlich geht es in dem Buch um die Liebe zum Leben. Deswegen waren die letzten zwei Jahre ein Balanceakt f\u00fcr mich: Meine Gef\u00fchle wahrzunehmen, auch beunruhigt die Gesellschaft und Israel zu beobachten &#8211; und in all dem aber nicht zu vergessen, dass ich dieses Buch schreibe.<\/p>\n<p>    Manchmal entsteht das Gef\u00fchl, es g\u00e4be einen Bekenntniszwang zu gewissen Themen. Sp\u00fcren Sie so einen Druck?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich versp\u00fcre keinen Druck, mich zu positionieren. Man hat das gro\u00dfe Gl\u00fcck im Leben, dass man die Macht der Entscheidung hat. Menschen entscheiden sich, sich zu positionieren. Keiner zwingt dich. Ich positioniere mich schon so, dass ich sage, das Leid von Menschen ist unertr\u00e4glich. Das gilt universell. Ich kann sagen, dass der 7. Oktober der t\u00f6dlichste Tag f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden seit dem Holocaust war. Ich kann genauso sagen, dass Zehntausende Menschen in Gaza ihr Leben verloren haben wegen dieses Krieges. Und das gr\u00f6\u00dfte Problem der heutigen Zeit ist, dass beides nicht mehr geht. Das tut mir weh, dass man die Gleichzeitigkeit, die Ambivalenz nicht mehr aush\u00e4lt.<\/p>\n<p>    Russland und die Ukraine, Israel und Gaza. Bei Ihnen laufen viele F\u00e4den zusammen. Empfinden Sie manchmal eine Art von Zerrissenheit?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nein, ich f\u00fchle mich \u00fcberhaupt nicht zerrissen, weil ich meinen Heimatpunkt nicht mehr geografisch ansetze. Ich bin multikulturell aufgewachsen. Das hei\u00dft, diese Sachen in ihren Einzelteilen f\u00fcgen mich zusammen. Manchmal w\u00fcnsche ich mir, dass die geopolitischen Konflikte dieser Zeit nicht komplett durch meine Adern gehen w\u00fcrden. Auf der anderen Seite hatte ich in meinem Leben die M\u00f6glichkeit, so viele Perspektiven zu erleben und sie auf sehr authentische Art und Weise teils nachf\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Das macht mich zu einem Menschen, der sehr gerne beobachtet und anderen Perspektiven er\u00f6ffnet. Ich darf als Kunstschaffender das alles in meine Kunst einflie\u00dfen lassen, das ist ein riesiges Geschenk.<\/p>\n<p>    Wie viel Daniel Donskoy steckt in Ihrem Buch?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich habe mich an meinem Leben bedient, musste aber relativ schnell feststellen, dass ich da in eine Eitelkeit verfallen w\u00fcrde. Man will sich selbst nicht schlecht dastehen lassen, aber dein Protagonist muss die M\u00f6glichkeit haben, Sachen zu tun, die du nicht machen w\u00fcrdest. Deswegen war die Distanz im Schreiben schnell klar. Mein Protagonist ist auf jeden Fall verwirrt. Er k\u00e4mpft darum, was ich schon durchgemacht habe. Ich gehe nicht morgens aus dem Haus und denke: &#8222;Oh Gott, wer bin ich denn heute?&#8220; Ich f\u00fchle mich total wohl in meinem K\u00f6rper und wo ich bin. Er hat es noch nicht geschafft, sein Fundament zu bauen, aber er ist gewillt zu lernen, multiperspektivisch zu denken, nicht alles an einem Ort erleben zu wollen.<\/p>\n<p>    Multiperspektivisch trifft auch auf Sie zu. Sie machen Musik, sind Schauspieler, Talkshow-Host und nun auch Schriftsteller. Sie sind schwer zu greifen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich ziehe mir ungern einen Schuh an. Ich habe irgendwann gesagt, ich bin K\u00fcnstler, was auch immer das bedeuten mag. Ich bin Geschichtenerz\u00e4hler.<\/p>\n<p>    Sie leben in London, sind aber in Berlin aufgewachsen. Wie verbunden f\u00fchlen Sie sich eigentlich noch mit der Stadt?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich bin in Berlin sozialisiert worden, ich bin Berliner. Mit der Stadt verbinde ich meine Kindheit, einen Teil der Schule, sp\u00e4ter auch mein erstes Studium. Hier habe ich mich auch entschieden, nach London zu gehen. Aber vieles hier hat sich ver\u00e4ndert \u2013 und zwar nicht zum Guten. Und trotzdem liebe ich die Stadt. Meine Gro\u00dfeltern leben hier. Ich verbinde mit dieser Stadt sehr viel und werde es auch f\u00fcr immer tun.<\/p>\n<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/rbb-lior-steiner-gedenkstaette-gleis-17-100.jpg\" alt=\"Lior Steiner im Mai 2025 an der Gedenkst\u00e4tte Gleis 17 in Berlin-Grunewald. (Quelle: rbb)\" title=\"Video: rbb24 | 12.05.2025 | Christina Rubarth | rbb\"\/><\/p>\n<p>&#8222;Jetzt muss man erst recht was machen&#8220;<\/p>\n<p>            Der j\u00fcdische Student Lior Steiner engagiert sich seit Jahren gegen Antisemitismus. F\u00fcr seine politischen Aktionen erntet der geb\u00fcrtige Berliner neben Anerkennung auch viel Hass. Trotzdem macht er weiter &#8211; und hofft auf ein friedliches Zusammenleben.<a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/thema\/wiegehtesuns\/lior-steiner-juedischer-student-berlin-antisemitismus-israel-deutschland.html\" title=\"mehr\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">mehr<\/a><\/p>\n<p>    Warum haben Sie Ihren Roman &#8222;Brennen&#8220; genannt?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Erstens ist Feuer mein Lieblingselement. Es ist etwas, was man nicht fassen oder vorhersehen kann und doch kann es alles zerst\u00f6ren. Alles, was verbrennt, wird zu Asche. Diesen Kreislauf finde ich faszinierend. Au\u00dferdem waren die letzten Jahre durchzogen von tats\u00e4chlichen Feuern in meinem Leben: ein Studio, in dem ich gedreht habe, meine Wohnung hier in Berlin, dann die zwei Kriege. Deswegen fand ich &#8222;Brennen&#8220; einfach einen passenden Titel.<\/p>\n<p>    Ist Ihr Buch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Ambivalenz und Gleichzeitigkeit?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ich glaube, das Konkrete steckt in den letzten S\u00e4tzen des Buches. &#8222;Eine Geschichte muss nie abgeschlossen sein. Eine Geschichte braucht kein Ende.&#8220; Und wenn man gewillt ist, die Liebe, die man im Leben mitbekommen hat, mitzuziehen, reicht das als Anker f\u00fcr alles. Das ist der Grundsatz des Buches.<br \/>\u00a0<br \/>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<br \/>\u00a0<br \/>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Max Burk f\u00fcr rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte und gek\u00fcrzte Fassung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sendung: rbbKultur, 11.10.2025, 18:30 Uhr<\/p>\n<p>                                        <a class=\"backlink__link\" href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/kultur\/beitrag\/2025\/10\/interview-daniel-donskoy-schriftsteller-ukraine-russland-juedisch.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>                                                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.tagesschau.de\/image\/898f19c3-6760-4be2-a33f-1fa765216ec2\/AAABlap_olM\/AAABmKJi16M\/original\/lra-rbb-logo-100.svg\" alt=\"Rundfunk Berlin-Brandenburg\"\/><\/p>\n<p>                                        <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 10.10.2025 17:38 Uhr Als Kind einer ukrainisch-russisch-j\u00fcdischen Familie wuchs Daniel Donskoy in verschiedenen L\u00e4ndern und Kulturen auf.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":488901,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30,2239],"class_list":{"0":"post-488900","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-rbb"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115352261491520800","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/488900","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=488900"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/488900\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/488901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=488900"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=488900"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=488900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}