{"id":489155,"date":"2025-10-11T01:01:13","date_gmt":"2025-10-11T01:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489155\/"},"modified":"2025-10-11T01:01:13","modified_gmt":"2025-10-11T01:01:13","slug":"kohle-erde-mensch-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489155\/","title":{"rendered":"Kohle, Erde, Mensch \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbWer hier aufw\u00e4chst, muss wissen, was ein Eimerkettenbagger ist\u00ab, sagt sie, die studierte Bergbautechnologin. Sie hat im Tagebau Espenhain gearbeitet und ist nun dabei beim Ehemaligentreffen im heutigen Bergbau-Technik-Park. Der liegt zwischen St\u00f6rmthaler und Markkleeberger See \u2013 deren Existenz sich dem Gro\u00dftagebau verdankt. Das Ehemaligentreffen findet j\u00e4hrlich statt, diesmal sind etwa f\u00fcnfzig Leute gekommen, die hier mal gearbeitet haben. Es riecht nach Kaffee in der Halle auf dem Parkgel\u00e4nde, es gibt Kuchen und Bier, drau\u00dfen schmei\u00dft nat\u00fcrlich einer den Grill an. An einer Wand h\u00e4ngt ein Bild, das fr\u00fcher im Kultursaal des VEB Kombinat Espenhain hing, so ist von der Bergbauingenieurin zu erfahren, die \u00fcbrigens nicht namentlich \u00bbin der Zeitung\u00ab stehen m\u00f6chte. Das Bild zeigt stilisiert das Prinzip Braunkohletagebau: Ein Riesenger\u00e4t steht in der Grube. An einer Seite der Grube befindet sich mit rauchenden Schloten das Werk, das die gef\u00f6rderte Braunkohle veredelt und zu Elektroenergie sowie carbochemischen Produkten verarbeitet. An der anderen Seite arbeitet sich die Schaufel vor, auf dem Bild steht dort eine Wohnsiedlung auf der Tagebaukante. Dar\u00fcber prangt \u00bbGl\u00fcck auf\u00ab, der Gru\u00df der Bergleute, zusammen mit Schl\u00e4gel und Eisen.<\/p>\n<p>\u00bbGl\u00fcck auf!\u00ab erklingt nat\u00fcrlich auch zu Beginn des Ehemaligentreffens \u2013 das Steigerlied wird gesungen, im Stehen nat\u00fcrlich. F\u00fcnf Strophen liegen ausgedruckt auf den Tischen in der Halle, nicht alle Anwesenden m\u00fcssen w\u00e4hrend des Gesangs nach dem Text schauen. Der Tagebau Espenhain wurde 1937 aufgeschlossen, 1996 fuhr der letzte Kohlezug aus der Grube, im Sommer 1997 wurde die Abraumf\u00f6rderbr\u00fccke gesprengt. In diesem Zeitraum wurden hier 1,7 Milliarden Tonnen Abraum bewegt und 566 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gef\u00f6rdert. Seit ungef\u00e4hr 2006 gibt es die Ehemaligentreffen, erz\u00e4hlt Gerald Riedel, Vorsitzender des Vereins hinter dem heutigen Bergbau-Technik-Park. Anf\u00e4nglich seien 200 bis 300 Bergleute zusammengekommen. Riedel war im Tagebau Espenhain als Bergmann und Elektromonteur t\u00e4tig, k\u00fcmmerte sich zun\u00e4chst um die Anlagen im Tagebau, etwa Beleuchtung und Elektrik, dann um die Gro\u00dfger\u00e4te, darunter Schaufelradbagger und Absetzer, die heute im Bergbau-Technik-Park stehen und schon von Weitem Eindruck und Werbung f\u00fcr den Park machen. Und auch von Nahem: Die Raupen des Fahrwerks, mit dem der 24 Tonnen schwere Bandabsetzer 1115 durchs Gel\u00e4nde fahren kann, sind h\u00f6her als ein Mensch.<\/p>\n<p>Riedel hat sich zusammen mit Peter Kr\u00fcmmel seit Beginn des Jahrtausends um den Aufbau des Parks bem\u00fcht, der 2012 er\u00f6ffnet wurde. Kr\u00fcmmel hat nicht im Tagebau gearbeitet. Er ist Historiker und Geograf, was vielleicht sein Interesse an der Bergbaugeschichte des Leipziger S\u00fcdraums erkl\u00e4rt und sein Interesse daran, dass dieses St\u00fcck Industriegeschichte erz\u00e4hlt wird. Uwe Sachse war ebenfalls nicht im Tagebau Espenhain t\u00e4tig, sondern \u00bbin Zwengge.\u00ab Im Tagebau Zwenkau war er auf der F\u00f6rderbr\u00fccke, nach der Schlie\u00dfung arbeitete er bis 2018 im Tagebau Vereinigtes Schleenhain. \u00bb48 Jahre Arbeit\u00ab, fasst Sachse zusammen. Er w\u00fcnscht sich, dass k\u00fcnftig auch andere Zwenkauer zu den Treffen kommen: \u00bbSie werden hier vermisst.\u00ab<\/p>\n<p>So ein Tagebau ist eine komplexe Angelegenheit, die eine Vielzahl unterschiedlicher Gewerke ben\u00f6tigt. Das l\u00e4sst sich beim Rundgang durch die Ausstellung im Bergbau-Technik-Park erfahren; dort sind auch O-T\u00f6ne von Arbeiterinnen und Arbeitern zu h\u00f6ren, die von ihrem Alltag im Tagebau und im Werk erz\u00e4hlen. Beim Ehemaligentreffen sitzt einige Signalwerker \u2013 Signal- und Sicherungstechniker \u2013 an einem Tisch zusammen. Sie haben in derselben Werkstatt gearbeitet: \u00bbWir haben den ganzen Grubenfahrbetrieb betreut und entst\u00f6rt \u2013 Signalbau, Weichen, \u00fcber zehn Stellwerke\u00ab, sagt Peter H\u00f6nemann. Nachdem Espenhain 2007 endg\u00fcltig geschlossen war, wechselte er in den Tagebau Zwenkau und dann nach Profen: \u00bbDrei Tagebaue habe ich mit zugemacht, dann ging\u2019s in Rente.\u00ab Andere aus der Werkstatt waren nach der Zeit in Espenhain auf der Deponie nebenan. \u00bbWir haben hier in Espenhain gelernt und sind hier geblieben, weil es uns gefallen hat\u00ab, sagt H\u00f6nemann. Der Tagebau war ein besserer Arbeitsplatz als das Werk, das ist bei diesem Treffen \u00f6fter zu h\u00f6ren. Im Werk habe es gequalmt und gestunken, Tagebau hie\u00df dagegen \u00bbfrische\u00ab Luft und \u00bbnur\u00ab Kohlendreck \u2013 die Anf\u00fchrungsstriche werden hier meist mitgesprochen.<\/p>\n<p>Die frische Luft war auch f\u00fcr Horst Dressler ausschlaggebend f\u00fcr seinen Wunsch, im Tagebau zu arbeiten und nicht im Werk. Und er wollte E-Lok fahren. Bis zu seiner Rente 1998 war er im Fahrbetrieb, hat sich \u00fcber die Jahrzehnte zum Oberlokfahrer hochgearbeitet. Die Jahreszeiten h\u00e4tten ihre Besonderheiten mit sich gebracht: Schlamm im Herbst, strenger Frost im Winter, Hitze und Staub im Sommer. \u00bbDen Fahrstil mussten wir der Witterung anpassen, dazu geh\u00f6rte viel Gef\u00fchl\u00ab, sagt Dressler. Er sei ein flotter Fahrer gewesen \u2013 und havariefrei, wie er nicht ohne Stolz anf\u00fcgt. Nachdenklich stimmt ihn die ver\u00e4nderte Landschaft nach der Tagebauschlie\u00dfung: \u00bbDie ist nat\u00fcrlich nicht wiederzuerkennen.\u00ab Es werde jedoch \u00bbviel Schindluder\u00ab getrieben und die Landschaft zugebaut.<\/p>\n<p>35 Leute seien die Signalwerker gewesen, Fluktuation h\u00e4tten sie nicht gehabt, was auch ihrem Chef Klaus-Peter Br\u00fcckel zu verdanken gewesen sei. Wie aufs Stichwort kommt der dazu und erz\u00e4hlt von den Aufgaben in Projektierung und Planung, die sie hatten, und von seinen Neuerervorschl\u00e4gen \u2013 17 Patente habe er als Einzelperson und \u00bbzusammen mit meinen M\u00e4nnern\u00ab gemacht: \u00bbWir haben die tollsten Sachen gebaut. Zum Beispiel hatten wir das erste automatische Stellwerk in der Kohle.\u00ab Ihre Automatisierungen konnten viele Prozesse vereinfachen oder abk\u00fcrzen, bei Neidern hie\u00dfen sie die \u00bbAristokraten vom Tagebau\u00ab.<\/p>\n<p>Wie der Tagebau jenseits solcher Befindlichkeiten funktionierte, macht der Bergbau-Technik-Park anschaulich, ebenso, wie im Raum Leipzig Braunkohle gef\u00f6rdert wurde. Er schildert unter anderem, wie umfangreich die Vorbereitungen sind, bevor Bergleute an die Kohlefl\u00f6ze gehen k\u00f6nnen, und warum die Braunkohle so wichtig war. Der \u00fcberwiegende Teil des Parks befindet sich in Freiluft und ist um die erw\u00e4hnten Gro\u00dfger\u00e4te herum angelegt. Dazwischen gibt es viele weitere technische Zeugen der Tagebau-\u00c4ra und gut gestaltete Erkl\u00e4rtafeln, jeweils mit einem eigens f\u00fcr Kinder geschriebenen Abschnitt. <\/p>\n<p>Ein F\u00f6rderzyklus beginnt mit Untersuchungen und der Umsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner von Ortschaften, die im Weg liegen. Entsprechend thematisiert der Park neben der Logistik von B\u00e4ndern, Gleisen, Strom und Entw\u00e4sserung sowie der dahinter stehenden Technik mit ihren Entwicklungen auch den Heimatverlust, der beim Tagebau Espenhain zwanzig G\u00f6sel- und Plei\u00dfed\u00f6rfer oder Teile von ihnen sowie mehr als 8.000 Menschen betraf. Landschaften und Gew\u00e4sser gingen unwiederbringlich verloren, neue Landschaften und Biotope sind zwischenzeitlich entstanden. Das Bewegen der Erdmassen brachte au\u00dferdem geologische Erkenntnisse, arch\u00e4ologische Artefakte und weitere Objekte aus der Erdgeschichte an den Tag, darunter die 38 Millionen Jahre alten Z\u00e4hne des Riesenhais. Als Spielger\u00e4t ist der Riesenhai auf dem Kinderspielplatz des Gel\u00e4ndes zu finden.<\/p>\n<p>Mit dem letzten Kohlezug ist der F\u00f6rderzyklus noch lange nicht zu Ende, auch nicht mit dem Fluten der Restl\u00f6cher oder der Renaturierung beziehungsweise Wiederurbarmachung des Gel\u00e4ndes. Der Abraum zum Beispiel, den der Absetzer verkippt hat, kommt auf eine Deponie. Und die ist nicht einfach nur ein gro\u00dfer Haufen in der Gegend. F\u00fcr sie ist viel Vorbereitung, Betreuung und Nachsorge n\u00f6tig. Derzeit l\u00e4uft \u00fcbrigens ein Antrag f\u00fcr Mittel, um den Absetzer f\u00fcr die Besucherinnen und Besucher begehbar zu machen.\u00a0<\/p>\n<p>&gt; Bergbau-Technik-Park: 15.3.\u201315.11., Mi\u2013So\/Feiert. 10\u201316 Uhr (Juli\/August Di\u2013So\/Feiert. 10\u201317 Uhr), Am Westufer 2, 04463 Gro\u00dfp\u00f6sna, <a href=\"http:\/\/www.bergbau-technik-park.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.bergbau-technik-park.de<\/a><\/p>\n<p>&gt; F\u00fchrungen: Sa\/So\/Feiert. 11 Uhr, Gruppenf\u00fchrungen und F\u00fchrungen f\u00fcr Schulklassen nach Anmeldung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbWer hier aufw\u00e4chst, muss wissen, was ein Eimerkettenbagger ist\u00ab, sagt sie, die studierte Bergbautechnologin. 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