{"id":489730,"date":"2025-10-11T06:21:16","date_gmt":"2025-10-11T06:21:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489730\/"},"modified":"2025-10-11T06:21:16","modified_gmt":"2025-10-11T06:21:16","slug":"kunsthalle-bremen-figuren-wie-felsen-aus-gneis-und-granit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489730\/","title":{"rendered":"Kunsthalle Bremen: Figuren wie Felsen aus Gneis und Granit"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Unabl\u00e4ssig knetete und zerfurchte er das Material, raute es auf, gl\u00e4ttete es und bearbeitete es erneut: Der Bildhauer Alberto Giacometti (1901\u20131966) rang mit blo\u00dfen H\u00e4nden um eine Form, die seine subjektive Wahrnehmung der Welt k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken w\u00fcrde. Nicht immer war er zufrieden mit dem, was er aus Ton, Gips oder Plastilin gestaltet hatte, oft verwarf er das Ergebnis. \u201eIn meinem Atelier sieht es aus wie nach einem Bergsturz\u201c, schrieb der Schweizer K\u00fcnstler 1947 an seine Mutter, \u201e\u00fcberall Gips und fast muss ich mir mit einer Schaufel den Weg bahnen\u201c.<\/p>\n<p>Hundert Leihgaben aus Paris<\/p>\n<p>Vergleiche mit der Bergwelt im Kanton Graub\u00fcnden, wo er aufgewachsen war und wohin er in jedem Sommer zur\u00fcckkehrte, stellte Giacometti h\u00e4ufig an. Nicht zuf\u00e4llig erinnert die Oberfl\u00e4che seiner Plastiken an zerkl\u00fcftete Gebirgsformationen, gemahnen seine hoch aufragenden Skulpturen an schlanke Bergtannen. Wie eng das Verh\u00e4ltnis des Bildhauers zur heimatlichen Natur war und wie stark sie sein Schaffen pr\u00e4gte, wird jetzt in der Retrospektive \u201eAlberto Giacometti. Das Ma\u00df der Welt\u201c deutlich, die von heute an in der Kunsthalle Bremen zu sehen ist. Das Museum kooperiert f\u00fcr das Projekt mit der Fondation Giacometti in Paris, die den Nachlass des K\u00fcnstlers verwaltet und aus deren Sammlung rund hundert Leihgaben stammen. Erg\u00e4nzend sind Papierarbeiten aus dem eigenen Kupferstichkabinett zu sehen.<\/p>\n<p>Das Ma\u00df der Menschen, Steine und B\u00e4ume, die ihn umgaben, definierte Giacometti f\u00fcr sich immer wieder neu: \u201eDistanz und Gr\u00f6\u00dfe sind wichtige Elemente in seinem Werk\u201c, sagt Hugo Daniel von der Fondation. Von ihm stammt das Konzept der Ausstellung, die er in Bremen zusammen mit der Giacometti-Expertin Eva Fischer-Hausdorf kuratiert hat. Alberto Giacometti hat der Bildhauerei nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidende Impulse gegeben. Eigene Anregungen erhielt er einerseits von der V\u00e4tergeneration: Sein Vater, der postimpressionistische Landschaftsmaler Giovanni Giacometti (1868 \u2013 1933), und dessen K\u00fcnstlerfreunde Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler sowie Cuno Amiet, der Albertos Taufpate war, z\u00e4hlten zu den wichtigsten K\u00fcnstlern der Schweiz.<\/p>\n<p>\u201eSeine Messlatte war die gesamte Geschichte der Menschheit\u201c<\/p>\n<p>Andererseits lie\u00df sich Giacometti, der viel las und sich mittels der Familienbibliothek fr\u00fch ein kunsthistorisch-literarisches Bildungsfundament aneignete, in seinem Naturverst\u00e4ndnis vom Gedankengut der deutschen Romantik beeinflussen. So \u00fcbernahm er die Vorstellung einer erhabenen, unermesslichen Landschaft, wie er sie in der Alpenwelt der T\u00e4ler Bergell und Engadin stets vor Augen hatte. Dabei hinterfragte er zugleich das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur sowie der Rolle des Menschen im gro\u00dfen Ganzen. \u201eSeine Messlatte war nicht nur das 20. Jahrhundert, sondern die gesamte Geschichte der Menschheit\u201c, sagt Daniel.<\/p>\n<p>Die thematisch gegliederte Schau stellt eingangs fr\u00fche Aquarelle und Zeichnungen des jungen K\u00fcnstlers vor, die zwischen 1914 und 1923 rund um die Familien-Wohnorte Stampa und Maloja entstanden: \u201eEr ging mit seinem Vater zum Zeichnen in die Natur hinaus\u201c, so Fischer-Hausdorf. In seine Bilder nahm er die besondere Lichtstimmung der alpinen Region auf. So malte er etwa im abendlichen Sonnenschein gl\u00fchende Gipfel oder fing Lichtreflexe auf Bergseen ein. Seine Arbeiten zeigen die teils malerische, teils monumentale Gestalt der Berge, die er als Pers\u00f6nlichkeiten wahrnahm und so erste Bez\u00fcge zwischen seinen Menschendarstellungen und der Gebirgswelt herstellte: Wie sich Lebenserfahrungen im menschlichen Gesicht widerspiegeln, erscheint der Berg in seiner spezifischen Form als Ergebnis eines geologischen Prozesses.<\/p>\n<p>Der Surrealismus \u2013 eine kurze Phase<\/p>\n<p>Im Jahr 1922 zog Giacometti nach Paris, um Bildhauerei zu studieren. Hier entstand eine Gruppe flacher Plastiken, darunter etwa die \u201eKauernde Figur\u201c, die ihre Knie mit den Armen umschlossen hat: Wie der K\u00fcnstler in seinem Text \u201eGestern, Flugsand\u201c erz\u00e4hlt, spielte er in seiner Kindheit oft bei einem gro\u00dfen Stein, in dessen Spalten und H\u00f6hlen er sich kauernd verbarg und geborgen f\u00fchlte. Durch das sehr viel abstraktere, die Gesichtsz\u00fcge nur andeutende Relief \u201eBlickender Kopf\u201c erregte Giacometti in Paris die Aufmerksamkeit der Surrealisten, deren Bewegung er 1930 beitrat. <\/p>\n<p>Nur wenige Jahre sp\u00e4ter kam es jedoch zum Bruch mit der Gruppe, denn der Bildhauer sagte sich von der fantasiebeeinflussten, realit\u00e4tsfernen Form los und strebte fortan danach, den menschlichen Kopf naturgetreu abzubilden. Sein Bruder Diego, das Modell Rita Gueyfier und sp\u00e4ter auch seine Ehefrau Annette sa\u00dfen ihm t\u00e4glich Modell und Giacometti erforschte, wie sich das Gesehene in ein Portr\u00e4twerk \u00fcbertragen lie\u00df \u2013 obgleich dessen Wirkung doch so stark von der Perspektive und dem Standort des Betrachtenden abh\u00e4ngt. So sind seine Oberfl\u00e4chen aus der N\u00e4he schroff und uneben wie Felsw\u00e4nde aus Granit und Gneis, aus der Ferne betrachtet kristallisieren sich schlanke K\u00f6rperformen aus dem Material heraus.<\/p>\n<p>Extrem gedehnte Gestalten sind wirklich<\/p>\n<p>Weil Giacometti die Gestalt des Menschen in Abh\u00e4ngigkeit zu ihrer Umgebung wahrnahm, begannen seine Skulpturen zu schrumpfen und Miniaturformat anzunehmen: \u201eIch reduzierte die Gr\u00f6\u00dfe der Skulptur, um die tats\u00e4chliche Entfernung, aus der ich die Figur beobachte, widerzuspiegeln\u201c, schrieb der Bildhauer, der die Kriegsjahre zur\u00fcckgezogen in der Schweiz verbrachte. Die Kleinheit des Menschen vor der erhabenen, unermesslich gro\u00dfen Umwelt wird hier ebenfalls verdeutlicht.<\/p>\n<p>Nach 1945, zur\u00fcck in Paris, wandte sich Giacometti weiteren Experimenten zu entwickelte jene hoch aufragenden, sehr d\u00fcnnen weiblichen Figuren, durch die er ber\u00fchmt geworden ist. Nur in dieser extrem gedehnten Gestalt, so stellte der Bildhauer zu seiner eigenen Verbl\u00fcffung fest, erschienen ihm die Figuren nun wirklichkeits\u00e4hnlich \u2013 in Analogie zu den hohen Nadelb\u00e4umen der Alpenregion. In der Vermenschlichung der Landschaft griff Giacometti wieder auf die Vorstellungen der Romantik zur\u00fcck: \u201eIn den Werken Caspar David Friedrichs kann ein einsam stehender Baum eine empfindungsf\u00e4hige, fast menschliche Pr\u00e4senz erlangen\u201c, erkl\u00e4rt die Kuratorin.<\/p>\n<p>\u201eDrei schreitende M\u00e4nner\u201c \u2013 zusammen ein Wald<\/p>\n<p>Die Schau zeigt zum Beispiel die Figurenkomposition \u201eDie Lichtung\u201c, die aus neun unterschiedlich gro\u00dfen, extrem hageren Gestalten besteht. Ausdr\u00fccklich bezog sich Giacometti mit diesem Werk auf eine bestimmte Alpenlichtung, die gro\u00dfen Eindruck auf ihn gemacht hatte, eine \u201eetwas verwilderte Wiese mit B\u00e4umen und B\u00fcschen am Waldrand\u201c. Auch in der Plastik \u201eDrei schreitende M\u00e4nner\u201c wirkt jeder Einzelne isoliert und doch der Gruppe zugeh\u00f6rig \u2013 wie einzelne B\u00e4ume, die zusammen einen Wald bilden.<\/p>\n<p>Giacometti zog eine Parallele zwischen der Natur und der Gro\u00dfstadtlandschaft, in der jeder Passant Teil der Menge wird, mit der er allerdings nicht interagiert. Die Zeichnungen und Lithografien des Schweizers zeigen Eindr\u00fccke aus der Metropole Paris. Skizzierend eignete er sich die umgebende Wirklichkeit an, verma\u00df nun auch Bauwerke mit seinem Zeichenstift.<\/p>\n<p>Bis 15. Februar, Kunsthalle Bremen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Unabl\u00e4ssig knetete und zerfurchte er das Material, raute es auf, gl\u00e4ttete es und bearbeitete es erneut: Der Bildhauer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":489731,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[123149,2420,3364,29,30,123148,34898,123147],"class_list":{"0":"post-489730","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-alberto","9":"tag-bremen","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-giacometti","14":"tag-parkraum-inbox","15":"tag-surrealismus-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115354093753993518","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=489730"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489730\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/489731"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=489730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=489730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=489730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}