{"id":489771,"date":"2025-10-11T06:43:20","date_gmt":"2025-10-11T06:43:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489771\/"},"modified":"2025-10-11T06:43:20","modified_gmt":"2025-10-11T06:43:20","slug":"gebt-den-ostdeutschen-den-friedensnobelpreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489771\/","title":{"rendered":"\u201eGebt den Ostdeutschen den Friedensnobelpreis!\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Im Kino Babylon am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz traf sich am Freitagabend eine besondere Gruppe, um \u00fcber \u201eKrieg und Frieden\u201c zu diskutieren: Auf dem Podium in einem restlos ausverkauften Saal sa\u00dfen Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, Kay-Achim Sch\u00f6nbach, Vizeadmiral a. D. der Deutschen Marine der Bundeswehr, sowie\u00a0Michael von der Schulenburg und Martin Sonneborn, beide Mitglieder des Europ\u00e4ischen Parlaments. Den Austausch moderierte Florian Warweg, Journalist f\u00fcr die NachDenkSeiten in der Bundespressekonferenz, der mit einem fiktionalen Gedankenspiel den Abend er\u00f6ffnete. Er bat die Diskutanten, sich vorzustellen, sie w\u00fcrden in einer besseren Welt Ministerposten in einer deutschen Bundesregierung \u00fcbernehmen. Was w\u00fcrden sie tun?<\/p>\n<p>Michael von der Schulenburg bekam die Rolle des Au\u00dfenministers zugeteilt. Der ehemalige UN-Diplomat erz\u00e4hlte, dass er sofort Verhandlungen mit Russland aufnehmen w\u00fcrde, um alles daf\u00fcr zu tun, um das T\u00f6ten in der Ukraine zu stoppen. Kay-Achim Sch\u00f6nbach sollte sich in die Rolle des Verteidigungsministers hineinversetzen. Er erz\u00e4hlte, dass er die Steuerverschwendung in der Bundeswehr beenden und mit knapperen Mitteln eine einsatzf\u00e4higere Truppe formieren w\u00fcrde. Holger Friedrich, am linken Rand der B\u00fchne sitzend, bekam die Rolle eines Ministers f\u00fcr Agitprop zugeteilt. Der Verleger sagte, er w\u00fcrde alle staatlichen Zuwendungen f\u00fcr Medien streichen, diese Mittel in Bildung investieren und anschlie\u00dfend sein Ministerium wieder aufl\u00f6sen. Das Publikum quittierte die Idee mit zustimmendem Applaus. Martin Sonneborn bekam die Rolle des Bundeskanzlers \u00fcberantwortet. Der EU-Parlamentarier verriet, er w\u00fcrde als Erstes den Verteidigungsminister rausschmei\u00dfen und dann ein altes Wahlversprechen seiner Satirepartei endlich wahr machen \u2013 die Berliner Mauer wieder hochziehen. \u201eIch glaube, meine Idee stie\u00dfe heute in beiden Teilen Deutschlands auf viel Unterst\u00fctzung\u201c, scherzte Sonneborn.<\/p>\n<p><img alt=\"Nicht alle wollten mitdiskutieren: Vor dem Babylon wurde ein Protest gegen die Veranstaltung organisiert.\" loading=\"lazy\" width=\"6000\" height=\"4000\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cd7c4e33-c294-4b96-bb58-fe97d47c188b.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Nicht alle wollten mitdiskutieren: Vor dem Babylon wurde ein Protest gegen die Veranstaltung organisiert.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p>Risiken einer Remilitarisierung<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der Abend sollte aber nicht so humorvoll weiterverlaufen. Im n\u00e4chsten Teil wurden ernsthafte, ja geradezu zivilisatorische Themen diskutiert: die Sinnhaftigkeit der europ\u00e4ischen Aufr\u00fcstung, die aktuelle Kriegsgefahr, der eskalierende Konflikt in der Ukraine. Moderator Warweg wollte wissen, wie die viel diskutierten Drohnensichtungen in D\u00e4nemark und Deutschland zu bewerten seien. Der Moderator erinnerte daran, dass in einigen F\u00e4llen erst behauptet wurde, dass russische Drohnen den Flugverkehr an Europas Flugh\u00e4fen lahmgelegt h\u00e4tten. Dann habe sich dies zum Teil als Fehleinsch\u00e4tzung herausgestellt. Wurde die Kommunikation mit Absicht falsch lanciert? Kay-Achim Sch\u00f6nbach sagte, man m\u00fcsse klar feststellen, dass es politische Interessen g\u00e4be, Zwischenf\u00e4lle mit Drohnen als Aggression von Drittstaaten darzustellen, um der Bev\u00f6lkerung Angst zu machen. \u201eDa stecken politische Interessen dahinter\u201c, sagte Sch\u00f6nbach. Michael von der Schulenburg best\u00e4tigte, dass sich der ganze europ\u00e4ische Kontinent auf Kriegskurs befindet und dass auch die EU die Vorbereitung auf eine kriegerische Auseinandersetzung \u2013 vor allem mit Russland \u2013 als oberste Priorit\u00e4t ansieht. \u201eDas EU-Parlament hat sich thematisch verselbstst\u00e4ndigt\u201c, sagte er. Sonneborn best\u00e4tigte dies. Nur ein kleiner Teil der EU-Parlamentarier w\u00fcrde \u00fcber diplomatische Strategien nachdenken. Die gro\u00dfe Mehrheit im Parlament sehe eine milit\u00e4rische Konfrontation mit Russland als geradezu alternativlos an. \u201eEs herrscht dort eine unangenehme Stimmung\u201c, f\u00fcgte Sonneborn hinzu.<\/p>\n<p>Der Verleger der Berliner Zeitung bedauerte diesen Zustand. Holger Friedrich erinnerte an 1989 und an 1999, an eine \u00c4ra in Deutschland also, die er mit dem Fall der Mauer und einer friedlichen Love Parade in Berlin emotional verbinde. \u201eIch h\u00e4tte mir nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass wir uns im Jahr 2025 wieder \u00fcber Aufr\u00fcstung oder die Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht unterhalten.\u201c Friedrich dr\u00fcckte sein Bedauern dar\u00fcber aus, dass so wenig dar\u00fcber diskutiert wird, mit welchen Risiken eine Remilitarisierung der Gesellschaft und eine Ausweitung des Konflikts mit Russland einhergehen w\u00fcrde. \u201eVielleicht w\u00fcrden wir einen Krieg mit Russland gewinnen. Aber wir w\u00fcrden dabei eine Zivilisation verlieren.\u201c Es sei die erste Pflicht eines Staates, mit anderen L\u00e4ndern in Frieden zu leben. Das sei seine Erwartung an die Politik. Holger Friedrich hoffte darauf, dass sich Staaten in naher Zukunft daf\u00fcr bereit zeigten, ihr Gewaltmonopol an eine neutrale Instanz abzugeben. \u201eDas Mittel der Gewalt kann kein akzeptiertes Mittel der Auseinandersetzung sein.\u201c<\/p>\n<p><img alt=\"Das Babylon war am Freitagabend ausverkauft.\" loading=\"lazy\" width=\"6000\" height=\"4000\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/568cedb1-99c8-47dd-8e38-8f6994990617.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Das Babylon war am Freitagabend ausverkauft.Markus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p>Das Risiko einer Aufr\u00fcstungsspirale<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Michael von der Schulenburg verwies auf die UN-Charta. Deren Inhalt spiele in der medialen \u00d6ffentlichkeit kaum noch eine Rolle, dabei sei sie ein nach dem Zweiten Weltkrieg kongenial verfasstes und von allen Mitgliedsstaaten der UN ratifiziertes Dokument. \u201eDeutschland hat es unterzeichnet, die USA haben es unterzeichnet, auch Russland hat es unterzeichnet\u201c, so Schulenburg. Das oberste Gebot dieser Charta sei die Einhaltung des Weltfriedens. Alles staatliche Handeln sei diesem Gebot unterzuordnen. Dieses Prinzip, zu dem sich alle UN-Staaten verpflichtet h\u00e4tten, sei in Vergessenheit geraten. Kay-Achim Sch\u00f6nbach, Vizeadmiral a. D. der Deutschen Marine der Bundeswehr, bedankte sich f\u00fcr den Hinweis, sagte aber zugleich, dass die Realit\u00e4t nun mal eine andere sei. Staaten w\u00fcrden ihre Interessen mit aller Gewalt durchsetzen, das sei heute mehr denn je der Fall. Darauf m\u00fcssten sich auch Demokratien vorbereiten. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr das Igel-Prinzip: Staaten m\u00fcssten sich in einen wehrf\u00e4higen Zustand versetzen, um sich im Ernstfall verteidigen zu k\u00f6nnen. Zur UN-Charta best\u00fcnde hier kein Widerspruch. Sch\u00f6nbach zitierte eine lateinische Weisheit: \u201eWer den Frieden will, sollte sich auf den Krieg vorbereiten.\u201c<\/p>\n<p>Schulenburg lie\u00df diesen Einwand nicht gelten. Diese Art von Argumentation w\u00fcrde eine Aufr\u00fcstungsspirale nach sich ziehen und schlimmstenfalls im Dritten Weltkrieg m\u00fcnden. Kay-Achim Sch\u00f6nbach widersprach und zitierte ein Beispiel: \u201eW\u00e4re die Ukraine 2022 so aufger\u00fcstet gewesen, wie sie es heute ist \u2013 der Krieg h\u00e4tte vermutlich nie stattgefunden.\u201c Der EU-Parlamentarier zollte dem ehemaligen General seinen Respekt, warf aber ein, dass er die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Eskalation im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine anders bewerte: Der Westen habe eine Mitschuld an der russischen Aggression, weil er sich vor 2022 an diplomatischen Initiativen nicht ernst genug beteiligt h\u00e4tte. Wenige Tage nach dem Beginn der russischen Vollinvasion, als der ukrainische Pr\u00e4sident Selenskyj noch selbst an ein rasches Kriegsende geglaubt h\u00e4tte, habe der Westen eine Verst\u00e4ndigung mit Russland torpediert und diplomatischen Spielraum verstreichen lassen. Schulenburg verwies auf die gescheiterten Istanbul-Verhandlungen. Boris Johnson trage hier eine besondere Verantwortung.<\/p>\n<p><img alt=\"Verleger Holger Friedrich und Kay-Achim Sch\u00f6nbach, Vizeadmiral a.D., im Gespr\u00e4ch\" loading=\"lazy\" width=\"6000\" height=\"4000\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/a91d384e-3e0c-4c6d-a321-5e1e11ec68ad.jpeg\"\/><\/p>\n<p>Verleger Holger Friedrich und Kay-Achim Sch\u00f6nbach, Vizeadmiral a.D., im Gespr\u00e4chMarkus W\u00e4chter\/Berliner Zeitung<\/p>\n<p>Die falschen Politiker<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Im letzten Teil des Abends wurde konstatiert, dass in Deutschland viel zu wenig \u00fcber ein friedliches Europa nachgedacht werde. Es fehle an Vorbildern. Holger Friedrich verwies auf die transformatorische Leistung der Ostdeutschen. Sie h\u00e4tten gezeigt, wie man ein dysfunktionales System ohne Blutvergie\u00dfen aufgibt und sich in einer neuen Realit\u00e4t gewaltfrei wiederfindet und einrichtet. Der Westen w\u00fcrde heute ebenso eine Transformationserfahrung durchmachen: Erstmals sei sein Monopol von den Brics-Staaten und der wachsenden chinesischen Macht bedroht. Wird der n\u00e4chste Schritt der globalen Transformation friedlich verlaufen? Die Diskutanten auf der B\u00fchne w\u00fcnschten es sich. Zumal die Ostdeutschen es bewiesen h\u00e4tten, dass es geht. Diese einmalige zivilisatorische Leistung sei nie genug gew\u00fcrdigt worden, so Friedrich. Daher pl\u00e4dierte er f\u00fcr einen mutigen Schritt: Nicht Donald Trump m\u00fcsste einen Friedensnobelpreis bekommen, sondern zu zun\u00e4chst einmal die Ostdeutschen.<\/p>\n<p>Martin Sonneborn widersprach nicht. Er verwies am Ende des Abends auf ein Repr\u00e4sentations- und Demokratieproblem: Immer mehr europ\u00e4ische Regierungschefs wie Macron und Starmer w\u00fcrden nicht mehr den Willen ihrer V\u00f6lker repr\u00e4sentieren. Auch Friedrich Merz sei auf dem besten Weg, so unbeliebt zu werden wie Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz, so Sonneborn. Die Anwesenden auf der B\u00fchne \u2013 und dem Applaus nach zu urteilen: auch viele Menschen im Saal \u2013 waren sich darin einig, dass eine Mehrheit der Europ\u00e4er Frieden will \u2013 nur dass die falschen Politiker an der Macht sind, um diesen Frieden zu wahren.\u00a0<\/p>\n<p>Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Kino Babylon am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz traf sich am Freitagabend eine besondere Gruppe, um \u00fcber \u201eKrieg und Frieden\u201c&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":489772,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-489771","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115354180673837835","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=489771"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489771\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/489772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=489771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=489771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=489771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}