{"id":489926,"date":"2025-10-11T08:08:44","date_gmt":"2025-10-11T08:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489926\/"},"modified":"2025-10-11T08:08:44","modified_gmt":"2025-10-11T08:08:44","slug":"do-ho-suh-es-geht-nicht-um-das-festhalten-sondern-um-das-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/489926\/","title":{"rendered":"Do Ho Suh: Es geht nicht um das Festhalten, sondern um das Erinnern"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2025\/43\/do-ho-suh-kuenstler-zuhause-heimweh-installation\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen    <\/a><\/p>\n<p>            Inhalt        <\/p>\n<ol class=\"article-toc__list\">\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2025\/43\/do-ho-suh-kuenstler-zuhause-heimweh-installation\" data-ct-label=\"1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                    Seite 1Daheim im Flow<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\">\n<p>Seite 2Es geht nicht um das Festhalten, sondern um das Erinnern<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"paragraph article__item\">F\u00fcr ihn ist es das hanok seiner Kindheit in Seoul. &#8222;Dieses Haus hat mich immer verfolgt&#8220;, sagt er. Das wohl verr\u00fcckteste Resultat dieses Wahns ist sein Werk Rubbing\/Loving: Seoul Home \u2013 eine ma\u00dfstabsgetreue Papierkopie des Hauses, die ebenfalls in der Tate Modern zu betrachten ist.\n<\/p>\n<p>                    Sein Elternhaus in Seoul pauste Suh auf Papier ab.<br \/>\n                \u00a9\u00a0Do Ho Suh<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Als S\u00fcdkoreaner, der die Spannungen zwischen dem Norden und S\u00fcden in den Neunzigerjahren mitverfolgte, war f\u00fcr Suh die Bedrohung eines Krieges und der m\u00f6glichen Zerst\u00f6rung seines Elternhauses immer pr\u00e4sent. Als Student kam er auf die Idee, das hanok komplett mit Papier zu bedecken, mit Graphit durchzureiben und so einen Abdruck davon zu schaffen \u2013 eine Technik namens Frottage, die man normalerweise eher mit M\u00fcnzen oder Bl\u00e4ttern praktiziert. Damals hatte Suh weder das Geld noch das Team f\u00fcr solch ein aufwendiges Projekt. Und seine Eltern lebten noch beide auf dem Grundst\u00fcck, nutzten auch dieses Haus; sein Vater wanderte gern stundenlang durch den Garten und sammelte Piniennadeln (&#8222;Sein obsessives Ding&#8220;, sagt Suh). Suh f\u00fcrchtete, er k\u00f6nne das Haus mit einem Fluch besetzen, wenn er es in wei\u00dfes Papier einpackte. In S\u00fcdkorea ist Wei\u00df die Farbe des Todes. Er setzte die Idee dann in seiner damaligen Wohnung in New York um, zun\u00e4chst nur an kleineren Oberfl\u00e4chen wie Herdplatten und Badarmaturen. Als er 2016 sein langj\u00e4hriges Apartment in New York aufgab, erlaubten ihm die Besitzer, das gesamte zweist\u00f6ckige Haus in Papier zu verpacken und durchzureiben \u2013 ein monatelanger Prozess, der sich, wie Suh sagt, &#8222;wie das Streicheln der W\u00e4nde&#8220; angef\u00fchlt habe.\n<\/p>\n<p>                    Seine T\u00f6chter basteln lieber mit Eisstielen.<br \/>\n                \u00a9\u00a0Clara Nebeling f\u00fcr ZEITmagazin<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ab 2013 verwirklichte er das Projekt dann auch an seinem Zuhause in Seoul. Als Material verwendete er Maulbeerpapier. Allein das Verpacken des Hauses, sagt Suh, habe \u00fcber einen Monat gedauert. Das Papier musste mit etwas Wasser vorsichtig an jede noch so kleine Erhebung angedr\u00fcckt werden, um das \u00dcbertragen jedes Fassaden- und Dachelements zu erm\u00f6glichen. Eines Morgens sah Suh das hanok ganz in Wei\u00df im d\u00e4mmrigen Nebel leuchten. Und er stellte fest, wie viel er von den jetzt verborgenen Details dieses Hauses, in dem er doch so viel Zeit verbracht hatte, schon nicht mehr erinnerte. Als er anfing, die W\u00e4nde durchzureiben und Details wie Ornamentgiebel, Fensterverschl\u00fcsse, die Maserung der T\u00fcrrahmen wieder sichtbar wurden, sei eine Welle der Erleichterung \u00fcber ihn gekommen. Ihm sei aber auch klar geworden, wie fragil Erinnerungen sind \u2013 wie schnell man sie verlieren kann.  Suh arbeitete mit Unterbrechungen acht Monate an dem Abdruck, ein Vorgang, den er mit dem Ber\u00fchren des K\u00f6rpers einer Geliebten vergleicht: &#8222;Man darf nicht zu fest aufdr\u00fccken und nicht zu wenig.&#8220; Zwischendurch stand das verpackte Haus unber\u00fchrt herum, das Papier hielt trotz Regen. In der Ausstellung ist das Haus in seiner Originalgr\u00f6\u00dfe zu betrachten, zusammengef\u00fcgt aus den durchgeriebenen und entsprechend geformten Papierb\u00f6gen, stabilisiert durch ein Drahtger\u00fcst. Der Anblick ist atemberaubend, nicht nur, weil das scheinbar nur aus Papier bestehende Geb\u00e4ude tats\u00e4chlich h\u00e4lt, sondern auch, weil man anhand der detailreichen Graphitschraffierungen die unglaubliche Arbeit sieht, die darin steckt. Und das alles, um ein Haus festzuhalten \u2013 in einer Zeit, in der es man auch einfach gestochen scharf h\u00e4tte fotografieren k\u00f6nnen.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Aber Suh geht es nicht um das Festhalten, sondern um das Erinnern. Und das beginnt ja erst, wenn man etwas hinter sich l\u00e4sst. Zuhause ist f\u00fcr ihn eine Reihe von Erinnerungen, die einen \u00fcberall hinbegleiten. Und wie Gef\u00fchle sind Erinnerungen eben nicht scharf, sondern eher biegsam, durchscheinend \u2013 wie Stoff oder Papier.\n<\/p>\n<blockquote class=\"quote__text\"><p>Als er sein Apartment in New York aufgab, erlaubten ihm die Besitzer, das ganze Haus in Papier zu verpacken und durchzureiben\u00a0\u2013 was sich laut Suh &#8218;wie das Streicheln der W\u00e4nde&#8216; anf\u00fchlte.<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"paragraph article__item\">In diesen Tagen besch\u00e4ftigt sich Suh mit einer anderen Art von Zuhause. Seine T\u00f6chter, 11 und 14 Jahre alt, haben das Alter hinter sich gelassen, in dem sie an der Hand ihres Vaters gehen wollen, und Suh macht das ein bisschen traurig. Also hat er begonnen, aus Fimo Abdr\u00fccke von dieser Geste mit seinen T\u00f6chtern herzustellen. &#8222;Sie nehmen Knete in einer Farbe, ich nehme welche in einer anderen Farbe, und dann pressen wir unsere H\u00e4nde mit den Knetst\u00fccken dazwischen aneinander&#8220;, erkl\u00e4rt er. Die Abdr\u00fccke h\u00e4ngen in Klarsichtt\u00fcten an seiner Pinnwand; er \u00fcberlegt noch, was er damit anstellen soll. Auch die riesigen Fimo-Skulpturen in seinem Atelier sind kollaborative Projekte mit seinen T\u00f6chtern, die als kleine Kinder anfingen, Fabelwelten aus der Knete zu gestalten. Und das Gestell aus Eisstielen in der Mitte seines Ateliers war urspr\u00fcnglich mal der Versuch einer der T\u00f6chter, ein Kletterger\u00fcst zu bauen.\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                                        Newsletter<br \/>\n                                        Beziehungsweise<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">Jeden Mittwoch sp\u00fcren wir in unserem Beziehungsnewsletter den wohl aufregendsten zwischenmenschlichen Verbindungen nach. 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Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Sp\u00e4ter an diesem Tag sitzt Suh inmitten des Gestells auf dem Fu\u00dfboden in der Sonne und sinniert \u00fcber \u00dcbernat\u00fcrliches. &#8222;In allen Wohnungen, in denen ich als Erwachsener gelebt habe, habe ich immer die Gespenster der Vorbewohner gesp\u00fcrt&#8220;, sagt er.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Hat er schon mal ein Gespenst gesehen?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8222;In meiner New Yorker Wohnung habe ich irgendeine Pr\u00e4senz wahrgenommen, als ich dort die W\u00e4nde durchgerieben habe&#8220;, sagt Suh. Dann erz\u00e4hlt er von einer Begegnung mit einem taoistischen Meister, der \u2013 angeblich ohne jegliches Wissen \u00fcber Suhs k\u00fcnstlerische Arbeit \u2013 gesagt habe, dass der in seinem vorherigen Leben ein tibetischer M\u00f6nch gewesen sei, der im Himalaya Felsw\u00e4nde auf Papier durchgerieben habe. Weiterhin habe der Taoist erl\u00e4utert: &#8222;Wenn man ein Gespenst sieht, sieht man nicht wirklich das Gespenst \u2013 man nimmt eher die Energie einer Person wahr.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Do Ho Suh ist einer, der Energien folgt. Wo er etwas sp\u00fcrt, tastet er sich weiter vor. Ende der Neunzigerjahre, Suh war damals Ende 30, lebte er arbeitslos und arm in New York, war kurz davor, die Kunst aufzugeben. Ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit, sagt er, habe er pl\u00f6tzlich eine Art Vision gehabt: &#8222;Es war ganz seltsam. Mir wurde auf einmal klar: Ich bin K\u00fcnstler. Das ist mein Schicksal.&#8220;\n<\/p>\n<p>Z+<\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/43\/beto-o-rourke-demokraten-donald-trump-usa-linke-joe-biden\" data-ct-label=\"Beto O&#039;Rourke: &quot;Wir haben uns ein tiefes Loch gegraben&quot;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Beto O&#8217;Rourke:<br \/>\n                        &#8222;Wir haben uns ein tiefes Loch gegraben&#8220;<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/43\/hundesohn-ozan-zakariya-keskinkilic-homosexualitaet-glaube\" data-ct-label=\"&quot;Hundesohn&quot; von Ozan Zakariya Keskink\u0131l\u0131\u00e7: Nie lagen Beten und Ejakulieren so nah beieinander \" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    &#8222;Hundesohn&#8220; von Ozan Zakariya Keskink\u0131l\u0131\u00e7:<br \/>\n                        Nie lagen Beten und Ejakulieren so nah beieinander <\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2025-10\/russische-oelwirtschaft-raffinerien-angriff-ukraine-gxe\" data-ct-label=\"Russische \u00d6lwirtschaft: Jetzt kommt die Vergeltung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Russische \u00d6lwirtschaft:<br \/>\n                        Jetzt kommt die Vergeltung<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Suh ist ein Sp\u00e4tz\u00fcnder. Er wurde mit 49 erstmals Vater, und echte Ber\u00fchmtheit hat er mit seiner Kunst erst in den vergangenen zehn Jahren erlangt. Suh wirkt wie einer, der sich im Fluss des Lebens eher treiben l\u00e4sst und schaut, was er dabei entdeckt, anstatt nach etwas zu eifern und zu greifen. &#8222;Man kann eh nichts auf der Welt festhalten&#8220;, sagt er. Seine Arbeit sei, im Gegenteil, eher der Versuch, etwas loszulassen. In der Psychotherapie redet man wieder und wieder \u00fcber belastende Erlebnisse, um sie damit letztlich aufzul\u00f6sen. &#8222;Meine Kunst ist f\u00fcr mich \u00e4hnlich&#8220;, sagt Suh. &#8222;Sie ist das Resultat dieses Prozesses, etwas loszulassen.&#8220; Inzwischen sieht er es so, dass man, wenn man sein Ur-Zuhause einmal verlassen hat, nie wieder richtig nach Hause findet. Aber das ist in Ordnung. Man hat ja immer das Gespenst seines Zuhauses bei sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1Daheim im Flow Seite 2Es geht nicht um das Festhalten, sondern&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":489927,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,28031,29,214,30,2075,1794,14117,4036,6575,613,215],"class_list":{"0":"post-489926","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-biennale","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-kunst","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-kunstwerk","16":"tag-london","17":"tag-seoul","18":"tag-suedkorea","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115354514487250857","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=489926"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/489926\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/489927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=489926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=489926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=489926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}