{"id":492590,"date":"2025-10-12T09:57:16","date_gmt":"2025-10-12T09:57:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/492590\/"},"modified":"2025-10-12T09:57:16","modified_gmt":"2025-10-12T09:57:16","slug":"alina-bronsky-legt-mit-essen-eine-geschmackschronik-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/492590\/","title":{"rendered":"Alina Bronsky legt mit \u00bbEssen\u00ab eine Geschmackschronik vor"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbEssen ist ein Thema, zu dem so ziemlich jeder etwas zu sagen hat.\u00ab So trivial dieser Satz klingen mag, so treffend ist er. Alina Bronsky beginnt damit ihr neuestes Buch Essen und unterstreicht gleichzeitig ihre eigene Aussage: Essen ist nicht nur \u00dcberlebensstrategie, sondern zeigt das menschliche Verhalten in seiner elementaren Ausdrucksform. Essen ist Hunger und S\u00e4ttigung zugleich, Essen ist Liebe und Trennung, Essen ist Identit\u00e4t, Essen ist Vergangenheit, die nur noch sp\u00e4rlich rekonstruierbar ist, oder wie Bronsky schreibt, ein \u00bbvereinzelter Geschmacksmoment (\u2026), bevor er wieder verblasst und nur ein Hauch des fr\u00fcheren Gl\u00fccks zur\u00fcckbleibt\u00ab.<\/p>\n<p>So hat sich die deutsch-russische Schriftstellerin zur Aufgabe gemacht, einen Teil der Geschmacksmomente, die f\u00fcr die Biografie der Autorin stehen, literarisch einzufangen. Sie mischt die Ingredienzen ihrer Erinnerung zu wunderbaren Episoden, in Kurztexte verpackt, nie zu salzig, nie zu s\u00fc\u00df, sondern stets passend zu ihrem eigenen Empfinden. (\u00bbIch esse f\u00fcr mein Leben gern mild schmeckende Dinge.\u00ab)<\/p>\n<p>Zur\u00fcckkatapultiert in ein fr\u00fcheres Ich<\/p>\n<p>Das Resultat ist ein Text, der wie das von ihr beschriebene Kaffeegelee auf der Zunge schmilzt und mit dem sich Bron\u00adsky in ein fr\u00fcheres Ich zur\u00fcckkatapultiert, w\u00e4hrend \u00bbGl\u00fccksgef\u00fchle ob der Sch\u00f6nheit der Welt sie \u00fcberfluteten\u00ab. Alina Bronsky kreiert damit f\u00fcr ihr Publikum eine kulinarische Welt, die sie zwischen Russland und Deutschland erlebt hat. Vor allem aber gibt sie ein Urteil ab, das mitunter so scharf ausf\u00e4llt, als h\u00e4tte man aus Versehen eine Chilischote verschluckt.<\/p>\n<p>Der Verfasserin mehrerer B\u00fccher, unter anderem Der Zopf meiner Gro\u00dfmutter (2019) und Pi mal Daumen (2024,) gelingt es, und das zeichnet die Autorin aus, den Leser oder die Leserin nicht in sentimentalem Kitsch zu ertr\u00e4nken. Sie verrennt sich ebenso wenig in der Vergangenheit und deren bitterer S\u00fc\u00dfe, die mal klebrig wie Zuckerguss, mal fettig wie Brat\u00f6l von Frikadellen ist, wie sie auch osteurop\u00e4ische Speisen nicht zu kulinarischer Allgemeing\u00fcltigkeit verkl\u00e4rt. <\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Alina Bronsky kreiert f\u00fcr ihr Publikum eine kulinarische Welt, die sie zwischen Russland und Deutschland erlebt hat.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nein, Bron\u00adsky bereitet den Borschtsch, der sie zu einer erwachsenen Frau gemacht hat (\u00bbBei der kulinarischen Reifepr\u00fcfung denke ich an etwas Gro\u00dfes und M\u00e4chtiges\u00ab) fast ohne Leidenschaft zu \u2013 und gesteht, sie habe das Kochen einzig der Erkenntnis zu verdanken, dass Kinder essen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dennoch nimmt die Autorin ihr Lesepublikum liebevoll an die Hand. Sie belegt Brote mit K\u00e4se und Kochschinken und gibt dabei literarische Schreib(werkstatt-)tipps, die sie anhand der Napoleon-Torte durchdekliniert und deren Bl\u00e4tterteig sie mit den unz\u00e4hligen Abgr\u00fcnden des Menschen um die Wette schichtet. Bronsky setzt ihre Worte so gezielt ein wie die Messerspitze Salz, die auch in ihrem Kaffee (sic!) nicht fehlen darf.<\/p>\n<p>Essen kann auch schmerzen, nerven, ratlos zur\u00fccklassen<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann Essen auch schmerzen, nerven, ratlos zur\u00fccklassen, weil man sich an einem neuen Ort (wie Alina Bronsky als Teenager einst in Deutschland) auch erst kulinarisch zurechtfinden muss. Gr\u00fcn is \u00fcbrigens die Farbe der So\u00dfe, f\u00fcr die Bronsky Hessen so dankbar ist \u2013 dem Bundesland, in dem sie aufwuchs. Dieses Buch ist also auch ein Medikament. N\u00e4mlich f\u00fcr all jene Momente, wenn Essen nicht zwingend Nahrungszufuhr darstellt, sondern Teil einer alten Identit\u00e4t ausmacht, um eine neue zu finden.<\/p>\n<p>Wer Stunden damit verbringt, auf Ins\u00adtagram Kochvideos selbst ernannter Profi-K\u00f6chinnen und -K\u00f6che aus aller Welt zu schauen, und wer diese inszenierte Selbstbeweihr\u00e4ucherung nicht mehr ertr\u00e4gt (es gibt kaum ein Video, das nicht mit dem Kosten des Selbstgekochten und einem anschlie\u00dfenden \u00bbHmm!\u00ab endet), dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.<\/p>\n<p>Alina Bron\u00adsky bringt mit Essen etwas zustande, was keinem einzigen M\u00f6chtegernkoch auf Social Media gelingt: Sie kocht nicht nur Rezepte von fr\u00fcher nach, sondern fl\u00f6\u00dft dem Publikum Geschmack von Alltag und Leben ein, mal ironisch, mal herzhaft lachend \u2013 aber immer schonungslos ehrlich. Bon App\u00e9tit!<\/p>\n<p>Alina Bronsky: \u00bbEssen\u00ab.  Hanser, Berlin 2025, 112 S., 2o \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbEssen ist ein Thema, zu dem so ziemlich jeder etwas zu sagen hat.\u00ab So trivial dieser Satz klingen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":492591,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[573,574,3364,29,3688,30,411,570,576,572,80,14,1209,16,575,571],"class_list":{"0":"post-492590","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-berichte","9":"tag-blogs","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-essen","13":"tag-germany","14":"tag-israel","15":"tag-juedische-allgemeine","16":"tag-juedisches-leben","17":"tag-kommentare","18":"tag-kultur","19":"tag-nachrichten","20":"tag-nordrhein-westfalen","21":"tag-politik","22":"tag-religion","23":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115360605573483342","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=492590"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492590\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/492591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=492590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=492590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=492590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}