{"id":494495,"date":"2025-10-13T04:15:15","date_gmt":"2025-10-13T04:15:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/494495\/"},"modified":"2025-10-13T04:15:15","modified_gmt":"2025-10-13T04:15:15","slug":"roman-e-von-der-sprachlosigkeit-zur-kraftvollen-stimme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/494495\/","title":{"rendered":"Roman &#8222;\u00eb&#8220;: Von der Sprachlosigkeit zur kraftvollen Stimme"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/coverkicaj-100.webp\" alt=\"Cover Jehona Kicaj: &quot;\u00eb&quot;\" title=\"Cover Jehona Kicaj: &quot;\u00eb&quot; | Wallstein Verlag\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>\n            Stand: 13.10.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Jehona Kicaj wurde 1991 im Kosovo geboren. Mit ihrem Romandeb\u00fct &#8222;\u00eb&#8220; steht sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Darin formt die Autorin aus Schmerz und Sprachlosigkeit faszinierende Bilder voller Tiefe und Gef\u00fchl.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von Martina Kothe<\/p>\n<blockquote><p>\n        Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund. Er f\u00fchlt sich an wie ein kleiner Kieselstein. Ich spucke ihn ins Waschbecken und sehe: es ist ein kleines St\u00fcck Zahn.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">So beginnt Jehona Kicajs Roman &#8222;\u00eb&#8220;. Die Erz\u00e4hlerin der Geschichte ist eine junge Frau, die die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Zahnarzt ist alarmiert:<\/p>\n<blockquote><p>\n        &#8222;Im allerschlimmsten Fall k\u00f6nnen Sie in zehn Jahren nicht mehr kauen und sprechen, ohne dass sie dabei Schmerzen haben, weil die Knorpelscheibe im Lauf der Zeit komplett zerst\u00f6rt ist. (\u2026) Ich sehe hoch zur kahlen Decke und frage mich, ob ich Angst oder Erleichterung empfinden soll, wenn ich mir vorstelle, nicht mehr sprechen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Die Last der fehlenden Worte<\/p>\n<p class=\"\">Das Gef\u00fchl keine Stimme zu haben, nicht geh\u00f6rt oder, falsch verstanden zu werden und nicht die Kraft zu haben, die Dinge gerade zu r\u00fccken, begleitet die Erz\u00e4hlerin seit Jahren. Frisch in der deutschen Schule singt die Klasse ein Lied, das den Refrain &#8222;Guten Tag, auf Wiedersehen&#8220; hat. Die neue Freundin Leyla spricht die Worte auf T\u00fcrkisch, dann wendet sich die Lehrerin an die Erz\u00e4hlerin:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Die n\u00e4chste Sprache sei Jugoslawisch, sagte sie, und wir h\u00e4tten hier doch jemanden, der sie spricht. Sie sah mich an, und erst als die anderen ihrem Blick gefolgt waren, verstand ich, dass sie mich meinte. Ich err\u00f6tete und sah auf das Blatt. Unter den Noten, die ich nicht lesen konnte, stand eine Buchstabenfolge, die ich zuvor noch nie gelesen hatte: Dober dan, dovidenja. Das sei meine Sprache, sagte sie. Ich las die Zeilen nochmal, verstand nicht, wie sie darauf kam. Ich \u00f6ffnete den Mund, aber mir fehlten die Worte, um zu erkl\u00e4ren, dass es nicht stimmte.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">Albanisch ist eine Sprache, die nicht mit den anderen Sprachen des fr\u00fcheren Jugoslawiens verwandt ist. Sie wird nicht nur in Albanien, sondern auch im Kosovo gesprochen. Bis heute sind die Wurzeln der Sprache r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/jehonakicaj-100.webp\" alt=\"Schriftstellerin Jehona Kicaj im Portr\u00e4t\" title=\"Schriftstellerin Jehona Kicaj im Portr\u00e4t | picture alliance\/dpa | Marcus Brandt\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Mit der G\u00f6ttingerin Jehona Kicaj steht eine norddeutsche Autorin mit &#8222;\u00eb&#8220; auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.<\/p>\n<p>    Wie aus Trauma und Erinnerung eine neue Stimme w\u00e4chst<\/p>\n<p class=\"\">Jehona Kicaj formt im Buch aus der Sprachlosigkeit wundersch\u00f6ne Bilder:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Du sprichst wie mein Gro\u00dfvater, sagen sie mit ein wenig Hohn in der Stimme oder korrigieren mich, indem sie ein moderneres Wort w\u00e4hlen, das ich nicht oder nicht gut genug kenne, um es zu verwenden. Ich spreche eine Sprache, die in Deutschland konserviert wurde; ein eingefrorenes Albanisch, das ich in meinem Mund warm halte.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">Die Heldin von &#8222;\u00eb&#8220; bleibt namenlos. Aus dem &#8222;im Mund warm gehaltenen&#8220; Albanisch wird ganz leise und dann immer fester ihre Stimme, die Stimme einer Frau, die sich mit den Traumata in der eigenen Familiengeschichte, den Traumata des Kosovo-Krieges, auseinandersetzt und dadurch w\u00e4chst.<\/p>\n<p class=\"\">Jehona Kicaj findet Worte f\u00fcr die Sprachlosigkeit angesichts der Gr\u00e4uel eines weithin kaum beachteten Krieges, sie findet Kl\u00e4nge f\u00fcr Erinnerungen, die nicht die eigenen sind, und entfaltet Bilder f\u00fcr das Ausgesetztsein in dieser Welt.<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 13.10.2025 06:00 Uhr Jehona Kicaj wurde 1991 im Kosovo geboren. 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