{"id":494777,"date":"2025-10-13T06:57:16","date_gmt":"2025-10-13T06:57:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/494777\/"},"modified":"2025-10-13T06:57:16","modified_gmt":"2025-10-13T06:57:16","slug":"fiona-sironics-nominiertes-romandebuet-es-gibt-ein-leben-nach-dem-aussterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/494777\/","title":{"rendered":"Fiona Sironics nominiertes Romandeb\u00fct: Es gibt ein Leben nach dem Aussterben"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\u201eAm Samstag gehen die M\u00e4dchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft\u201c \u2013 ein Satz zum Verlieben, so lakonisch klingt er. Die Autorin Fiona Sironic wiederholt ihn immer mal wieder im Verlauf ihres vielversprechenden Deb\u00fcts, das <a href=\"https:\/\/taz.de\/Literatur-Festival-zum-Klimawandel\/!5815658\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Climate Fiction<\/a> und Coming-of-Age-Roman zugleich ist, als w\u00e4re ihre Erz\u00e4hlerin ihm selbst ein bisschen verfallen. Obendrein hat sie ihn zum Titel gek\u00fcrt: ein bisschen kokett in seiner epischen Breite und durchaus verhei\u00dfungsvoll im Kontrast von Niedlichkeit und Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Tats\u00e4chlich schildert der Satz einen konkreten Vorgang, den die 16-j\u00e4hrige Ich-Erz\u00e4hlerin Era analog im Wald beobachtet statt wie sonst nur digital im Stream. Denn die gleichaltrige Maja und ihre kleine Schwester Merle zeigen ihr bizarres Z\u00fcndel-Hobby, das einst mit dem Aufsch\u00e4umen von Cola und Mentos begann, auf ihrem eigenen \u201eKanal\u201c. Da sind sie ganz T\u00f6chter ihrer Eltern, der Promis Alice&amp;Elisa, die als \u201eMumfluencerinnen\u201c ihren und den Alltag ihrer Kinder von klein auf dokumentiert haben und damit reich geworden sind. Ein Missbrauch, findet jetzt die \u00e4ltere Maja: Was liegt da n\u00e4her, als die Backup-Festplatten der M\u00fctter zu verbrennen?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Auch Era, der Maja schon in der Schule aufgefallen ist, w\u00e4chst nur bei Frauen auf. Mutter und Tante leben prek\u00e4r oder in alternativen Strukturen: W\u00e4hrend die Tante in einem Gew\u00e4chshaus-Wohnprojekt \u201eBienendienst\u201c leistet aka Pflanzen best\u00e4ubt, wertet die Mutter Influencerstreams wie die von Alice&amp;Elise im Rahmen eines Forschungsprojekts zum \u201eEarly Internet\u201c wissenschaftlich aus. Die digitale Arbeit hat bereits ihre Wirbels\u00e4ule, Aufmerksamkeitsspanne und M\u00fctterlichkeit in Mitleidenschaft gezogen. Era wiederum leistet auf Rat eines Therapeuten Trauerarbeit, indem sie Steckbriefe gerade <a href=\"https:\/\/taz.de\/Performance-ueber-Beobachtung\/!6115149\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ausgestorbener Vogelarten erstellt<\/a>, vom neuseel\u00e4ndischen Kakapo bis zur europ\u00e4ischen Elster, oder \u00fcber gefiederte Dinosaurier und Pok\u00e9mons philosophiert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Denn Fiona Sironics Roman spielt in einer nicht allzu fernen und leider nicht ganz unplausiblen Zukunft, mutma\u00dflich in den 2050er Jahren. Die Erderw\u00e4rmung ist bereits fortgeschritten, das sechste Massenaussterben in vollem Gang, die Datenmassen fressen jede Menge Energie. Apropos, die nicht so Reichen ern\u00e4hren sich nur noch von in hei\u00dfes Wasser ger\u00fchrtem Pulver. Die Familien von Era und Maja verk\u00f6rpern in dieser Welt der st\u00e4ndigen Verluste zwei kontr\u00e4re Pole: W\u00e4hrend die eine zu retten versucht, was zu retten ist, ihre Erinnerungen in feuerfeste Safes verschlie\u00dft und bescheiden wirtschaftet, z\u00e4hlt im privilegierten Lifestyle der Influencerinnen nur die Gegenwart \u2013 selbst bei ihren rebellischen Kindern. Trotzdem erleben\u2008Era und Maja ihren ersten richtigen Crush miteinander, in aller Awkwardness und Gl\u00fcckseligkeit.<\/p>\n<p>Nominiert f\u00fcr den Deutschen Buchpreis 2025<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Fiona Sironic:<\/strong> \u201eAm Samstag gehen die M\u00e4dchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft\u201c. Ecco Verlag, Hamburg 2025, 208 Seiten, 23 Euro.<\/p>\n<p>      Herrndorfs \u201eTschick\u201c kommt einem in dem Sinn<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Die Stimme, die die 1995 geborene Fiona Sironic f\u00fcr Era erfindet, kn\u00fcpft nahtlos an den Titel an \u2013 die sensible Era erz\u00e4hlt genauso nerdig, cool und mutig, auch wenn sie letztlich auf der Seite der Bewahrerinnen steht. Wolfgang Herrndorfs \u201eTschick\u201c kommt einem in den Sinn, wenn die M\u00e4dchen die jeweilige Enge ihrer Elternh\u00e4user hinter sich lassen, weil sie von den Erwachsenen nichts mehr erwarten. Doch statt im Roadmovie \u00fcbers Land cruisen Maja und Era doch meistens \u00fcber die Datenautobahn, denn wenn sie es ins Freie schaffen, schl\u00e4gt die Hitze zu \u201ewie eine Wand\u201c. Es bleibt aber auch Wei\u00dfraum in Sironics Dystopie: Politik und Staatlichkeit kommen nur am Rande vor, etwa wenn die Schule nur noch online stattfindet oder Era der \u201epor\u00f6sen Staatsgewalt\u201c misstraut. Doch anders als <a href=\"https:\/\/taz.de\/Tschick-von-Fatih-Akin\/!5334943\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eTschick\u201c<\/a> l\u00e4sst sich das Buch mit dem langen Titel nicht ganz locker weglesen. Alles ist strikt aus Eras unmittelbarer, mitunter sprunghafter Perspektive erz\u00e4hlt, weshalb sich Welt und Plot f\u00fcr die Leserin erst nach und nach zusammenpuzzeln.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Dem widerspricht in gewisser Weise, dass die Ich-Erz\u00e4hlerin nach drei Vierteln des Textes behauptet, ihr Schreiben sei \u201eder Versuch, aus all dem eins zu machen, mit einem Faden\u201c. Auch Era muss sich auf vieles erst einen Reim machen. Etwa, wenn sie Maja zu Hause besucht und die Kulisse der Influencerinnen-Villa registriert, die Nat\u00fcrlichkeit und Privatheit vorgibt. Wenn sie zwischen die Fronten von Maja, Merle und ihren M\u00fcttern ger\u00e4t. Oder als der Wald brennt und mit ihm das Tiny House und Maja pl\u00f6tzlich verschwindet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Sironic, die in Hildesheim und Wien Kreatives Schreiben und Sprachkunst studiert hat, begann 2020 mit der Arbeit an ihrem Roman. Damals war gerade Andreas Malms Manifest \u201eWie man eine Pipeline in die Luft jagt\u201c erschienen, in dem der schwedische Human\u00f6kologe recht unverhohlen zur materiellen Zerst\u00f6rung der Dinge aufrief, \u201edie unseren Planeten ruinieren\u201c. \u201eAm Samstag gehen die M\u00e4dchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft\u201c geht noch einen Schritt weiter. \u201eIch glaube, man muss sich einfach auf den Moment konzentrieren\u201c, sagt Maja, deren Netzwerk l\u00e4ngst Mega-Datenfarmen ins Visier nimmt, und Era \u00fcbersetzt: \u201eWas sie damit meint, ist nat\u00fcrlich die komplette Ausl\u00f6schung der Vergangenheit.\u201c Dass damit aber auch die Hoffnung sterben w\u00fcrde, beweisen ausgerechnet die Dinos: Dank ihnen wissen wir schlie\u00dflich, dass es ein Leben nach dem Aussterben gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eAm Samstag gehen die M\u00e4dchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft\u201c \u2013 ein Satz zum&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":494778,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-494777","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115365559904979727","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/494777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=494777"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/494777\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/494778"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=494777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=494777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=494777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}